2012_02_21

aus Originalbild: be.bra-verlag 

Erinnern heißt Zukunft gestalten

Tagesthema 20. Februar 2012

Ein „Nazi im Werden“ - Historiker veröffentlichen kommentierte Autobiografie von Horst Wessel

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Horst Wessel wurde weder Geistlicher noch Gelehrter, sondern glühender Nationalsozialist. Mehr noch: Durch seinen frühen Tod mit 22 Jahren stilisierten ihn die Nazis zum Mythos und Helden der Bewegung. Bild: akg-images

Er war Pfarrersohn, humanistisch gebildet, schrieb Gedichte und studierte Jura. Doch Horst Wessel (1907-1930) wurde weder Geistlicher noch Gelehrter, sondern glühender Nationalsozialist. Durch seinen frühen Tod mit 22 Jahren stilisierten ihn die Nazis zum Mythos. Sein Lied „Die Fahne hoch“, heute verboten, wurde zur inoffiziellen Nationalhymne im NS-Staat. In Wirklichkeit war der SA-Sturmführer Horst Wessel allerdings nicht mehr als ein „politisches Nachwuchstalent der NSDAP“, meinen die Historiker Manfred Gailus und Daniel Siemens.

Sie haben eine kommentierte und mit Anmerkungen versehene Ausgabe seiner bisher unveröffentlichten politischen Autobiografie herausgeben („Hass und Begeisterung bilden Spalier“). „Politika“ („Von den politischen Dingen“) hatte Wessel in großen altgriechischen Buchstaben auf das Titelblatt geschrieben. 38 Blätter mit grünem Einband, beidseitig per Hand beschrieben, dazu 82 Fotos. Darin erzählte er 1929 seinen Weg zur NSDAP.

Das Werk sei ein authentisches und historisch hoch bedeutsames Dokument, urteilt Mitherausgeber Gailus, der als Geschichtsprofessor an der Technischen Universität Berlin lehrt: „Es ist mit einer gewissen Frische behaftet, weil die Nazis damals noch nicht an der Macht waren.“ Es zeige einen „Nazi im Werden“.

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Originalseite aus dem Buch "Hass und Begeisterung bilden Spalier", einer kommentierten und mit Anmerkungen der Historiker Manfred Gailus und Daniel Siemens versehene Ausgabe einer bisher unveröffentlichten politischen Autobiografie von Horst Wessel (1907-1930). Bild: be.bra-Verlag

Wessel schließt sich 1922 in Berlin zunächst dem „Bismarckbund“ an, der Jugendorganisation der nationalkonservativen DNVP, und radikalisiert sich dann allmählich. Als ihm die „Bismärcker“ mit ihren Vereinsabenden und Stiftungsfesten zu lasch erscheinen, wird er im paramilitärischen „Bund Wiking“ aktiv und lässt sich von Waffen und Schießübungen faszinieren. 1926 schließlich kommt er zur NSDAP, damals noch eine Splitterpartei. Doch sie bietet Wessel eine politische Orientierung.

Der junge Mann, von der Statur her eher schmächtig, tritt als emsiger Parteiredner und Leiter von SA-Trupps auf. Sein Idol: Joseph Goebbels. An der Universität ist er längst nur noch pro forma eingeschrieben. „Diese jungen Leute sind radikal“, sagt Gailus über Wessel und seine jungen Mitstreiter. „Sie wollen nicht mit 60-jährigen Honoratioren diskutieren, sondern zuschlagen und marschieren.“

Eine Schlüsselfigur für den Werdegang Horst Wessels sieht der Historiker in seinem Vater, dem evangelischen Pfarrer Ludwig Wessel. Er stammte wie seine Frau aus der Nähe von Hameln in Niedersachsen, kam 1913 nach Berlin und zog schon ein Jahr später als Militärgeistlicher in den Ersten Weltkrieg. „Dort brennen bei diesem Pfarrer alle Sicherungen durch“, betont Gailus. Von nationalen Gefühlen beseelt jubelt Ludwig Wessel: „Ein Volk, ein Gott, ein Glaube!“

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Horst Wessel (li.) als SA-Zugführer an der Spitze seines Sturmes auf dem 4. Parteitag der NSDAP am 1. August 1929 in Nürnberg. Bild: akg-images

Der Pfarrer lässt sich berauschen von einer deutsch-völkischen Religion, die das Christliche überlagert - wie so viele in dieser Generation, analysiert Gailus. „Das ist ein Dammbruch, schon beim Vater. Und dieses Gift träufelt in die Kinderseelen.“

Allerdings habe die Generation der Väter in den Augen der Jüngeren als Kriegsverlierer dagestanden. Der Traum von einem großgermanischen Reich sei zerplatzt, sagt der Historiker. „Der Sohn tritt in die Fußstapfen des Vaters, will es aber besser machen.“

Horst Wessel wird im Januar 1930 in einem Streit von einer Gruppe von Kommunisten überfallen und lebensgefährlich verletzt. Am 23. Februar stirbt er. Goebbels wittert die Dramatik der Geschichte: „Er hat sofort gemerkt: Das ist der Stoff, aus dem die Mythen sind“, sagt Gailus.

Zielstrebig versuchte Goebbels nun, den Nachwuchsmann Wessel zum Märtyrer und Helden zu stilisieren - und scheut dabei auch nicht vor religiösen Anleihen zurück: Für das Vaterland habe Horst Wessel „den Kelch der Schmerzen bis zur Neige ausgetrunken. Sehet, welch ein Mensch!“

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Horst Wessel (1907-1930; Foto undatiert) war Pfarrerssohn, humanistisch gebildet, schrieb Gedichte und studierte Jura. Bild: akg-images

Schon Wessels Beerdigung wird zur politischen Kundgebung. Bücher und Zeitungsartikel erheben ihn zur Ikone. Später tragen Straßen, Plätze und Schulen seinen Namen, ein Schiff und ein Luftgeschwader. Wessel wird von den Nazis gar in eine Reihe mit Luther, Goethe und Schiller gerückt. Gailus: „Goebbels macht aus einem Jungen von 22 Jahren einen großen Deutschen - das ist grotesk und verzerrend.“ Allerdings lässt der NS-Minister Wessels „Politika“ nicht veröffentlichen - vielleicht weil sie sich dem Mythos nicht fügte.

Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg kehrt Wessels Mutter Margarete als Pfarrwitwe zurück in die Nähe von Hameln und bezieht Unterstützung von der hannoverschen und der rheinischen Landeskirche. Seine Schwester Ingeborg leitet zeitweise ein Kinderheim auf Norderney. Vom einstigen Ruhm ihres toten Sohnes und Bruders wollen beide nichts mehr wissen. Der Historiker Gailus urteilt: „Er war eine Projektionsfläche, auf der sich die Extreme jener Zeit eingeschrieben haben.“

Von Michael Grau (epd)

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