Bild: DrGenn / photocase.com

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Organspende wird neu geregelt

Tagesthema 08. Februar 2012

Wer keine Organe spenden will, darf nicht unter Rechtfertigungsdruck geraten

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Die Entscheidung, Organe zu spenden, will gut überlegt und mit Angehörigen abgesprochen sein. Foto: epd-Bild/Annette Zoepf

„Die Entscheidung für eine Organspende muss eine strikt freie sein“, fordert Pastor Michael Coors vom Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum. Er warnt vor einer tendenziösen Diskussion des Themas in der Öffentlichkeit nach dem Motto „Wer zur Organspende bereit ist, ist toll“.

Wer nach seinem Tod keine Organe spenden wolle, dürfe nicht unter Rechtfertigungsdruck geraten, sagt Coors. Die Entscheidung dafür oder dagegen sei komplex, sehr persönlich und berühre unmittelbar die Fragen „Wann bin ich oder ist ein Angehöriger von mir tot, und was istder Tod?“ In der zurzeit teilweise aufgeheizten Diskussion werde meist nicht deutlich, dass nur hirntote Menschen als Organspender infrage kämen, in der Regel Unfallopfer mit schweren Kopfverletzungen.

„Bei Organspendern ist das Hirn tot und die Organe leben“, umreißt Coors die „Spannung, die aus der Gleichzeitigkeit von Tod und Leben im Körper eines Menschen“ resultiere. Zwar gebe es mit dem Erlöschen der Hirntätigkeit eine eindeutige medizinische Todesdiagnose, für Angehörige jedoch könne ein hirntoter Mensch noch sehr lebendig wirken.

Das auch von den Medien verbreitete Schlagwort vom derzeit herrschenden „Mangel an Organspendern“ suggeriere, dass es einen Anspruch darauf gebe, dass dieser Mangel vom Staat oder anderen Institutionen behoben werden müsse. Coors setzt dagegen: „Es gibt keinen Anspruch auf eine Organspende.“ Auffallend sei in diesem Zusammenhang, dass auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums lediglich Argumente für, nicht aber gegen eine Organspende aufgeführt seien.

Krankenkassenberichten zufolge warten derzeit 1092 Menschen in Niedersachsen auf eine Organspende, bundesweit stünden rund 12 000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan, zwei Drittel davon benötigten eine Niere. Durchschnittlich sieben Jahre betrage die Wartezeit auf dieses Organ.
Aktuell sei das Thema durch die im Frühjahr im Bundestag zu beschließende Änderung des Transplantationsgesetzes, die der Anpassung an EU-Richtlinien diene, berichtet Coors. Zurzeit sieht das Gesetz eine sogenannte „erweiterte Zustimmungslösung“ vor, bei der eine Organentnahme durchgeführt werden kann, wenn der Betreffende zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat oder die Angehörigen einen entsprechenden Willen des Toten bekunden.

Die in vielen anderen europäischen Ländern geltende sogenannte Widerspruchslösung sei in Deutschland nicht zu erwarten, erläutert Coors. Sie sieht vor, dass jeder Bürger, der sich nicht ausdrücklich gegen eine Organspende ausgesprochen hat, als potenzieller Spender behandelt wird. Zu erwarten sei, dass die erweiterte Zustimmungslösung um die sogenannte „Informations- und Entscheidungslösung“ ergänzt wird: Dabei sollen alle Bürgerinnen und Bürger regelmäßig zum Thema Organspende informiert und dazu aufgefordert werden, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

In den Kirchen gebe es unterschiedliche Positionen, sagt der Theologe. Die Position der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) betone, dass eine Organspende, ein Akt der Nächstenliebe sein könne, weise jedoch auch darauf hin, dass Organspende keine Pflicht sein dürfe. Weiter gebe es ausgesprochene Befürworter der Organspende, ebenso wie Kirchenvertreter, die die biblisch untrennbare Einheit von Körper und Seele betonten und darauf hinwiesen, dass Tod und Leben nicht nur rein medizinisch bestimmt werden dürften.

Ein deutliches Votum, dass Organspende freiwillig bleiben müsse, komme vom Deutschen Evangelischen Krankenhausverband. Coors, der zurzeit in vielen Gemeinden Vorträge zum Thema „Organspende“ hält, trifft auf „Interesse an dem Thema, aber auch viel Verunsicherung“ und immer wieder die Resonanz aus dem Publikum „Schön, dass das hier keine Werbeveranstaltung für eine Organspende ist“.

Die Frage „Spenden, ja oder nein?“ beantwortet Coors in der Regel mit dem Hinweis darauf, dass ein potenzieller Spender bei seiner Entscheidung immer auch das Gespräch mit seinen Angehörigen suchen sollte, denn „die müssen nachher mit der Entscheidung des Betroffenen leben“.

Von Sabine Dörfel / Evangelische Zeitung

„Eine Entscheidung ist Bürgerpflicht“

In die Bemühungen um mehr Organspenden kommt nach langem Stillstand wieder Bewegung. Das Bundesgesundheitsministerium hat für die erste Jahreshälfte eine gesetzliche Neuregelung angekündigt, nach der jeder Bundesbürger mit so viel Nachdruck wie möglich und wiederholt mit der Frage konfrontiert werden soll, ob er seine Organe spenden will. Die Evangelische Zeitung befragte dazu den Medizinjuristen Hans Lilie von der Martin Luther-Universität Halle und den Medizinethiker Eckhard Nagel vom Universitätsklinikum Essen.

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Aus unterschiedlichen Perspektiven kommen der Medizinethiker Professor Eckhard Nagel und der Medizinjurist Hans Lilie (Bild) zu demselben Ergebnis: Eine persönliche Entscheidung über die Frage, ob man seine Organe nach dem Hirntod anderen Menschen spenden möchte, ist eine Bürgerpflicht. Keinesfalls dürfe diese Frage auf die Angehörigen abgewälzt werden. Bild: privat

Evangelische Zeitung: Herr Professor Dr. Lilie, was war am bisherigen Organspendegesetz schlecht oder falsch, dass ein neues Gesetz nötig wurde

Hans Lilie: Die Regierung war gezwungen, bis zum Sommer dieses Jahres eine EU-Richtlinie zu Qualitäts- und Sicherheitsstandards bei der Organtransplantation umzusetzen. Nicht dass diese Standards in Deutschland schlecht wären, wir haben hier schon hohe Standards. In diesem Zusammenhang wird aber wieder gefragt, wie man den Menschen helfen kann, die auf Organe warten.

Evangelische Zeitung: Herr Professor Dr. Nagel, trotz der jahrelangen positiven Berichterstattung in den Medien, trotz der Unterstützung durch die Kirchen – die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann und Papst Benedikt XVI. sprechen von einem „Akt der Nächstenliebe“ – ist die Zahl der Organspenden konstant. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die geplante Erklärungsregelung die Zahl der Organspenden signifikant erhöht?

Eckhard Nagel: Wir haben ja zurzeit eine gesetzliche Situation, die die Frage nach der Einwilligung zur Organspende an einen Zeitpunkt verortet, der höchst schwierig ist. Die Angehörigen müssen demnach nach der Feststellung des Todes gefragt werden, wie der mutmaßliche Wille des Verstorbenen zu dieser Frage gelautet habe, soweit kein Organspendeausweis vorliegt. Dies ist natürlich für alle Beteiligten eine extrem schwierige und sehr belastende Situation, nicht nur wegen des schmerzlichen Abschieds, des möglichen Zeitdrucs und der unvertrauten Frage, sondern vor allem, weil meist keine Kenntnis darüber besteht, wie der Verstorbene zu diesem Thema gedacht hat. Der Nationale Ethikrat hatte deshalb bereits 2007 darauf hingewiesen, dass diese Problematik gelöst werden muss – aus ethischen, aber aus meiner Sicht auch aus rechtlichen Gründen. Wenn die Organspende eine persönliche Entscheidung bleiben soll, dann bedarf es der Erklärungs- oder wie es der Ethikrat formuliert hat, der Entscheidungslösung. Ob jemand nach seinem Tod Organspender werden will, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Aber sie hat Bedeutung über den Einzelnen hinaus. Dies ist die Begründung für eine Pflicht zur Entscheidung. Die Erhöhung der Zahl der Organspender ist in diesem Zusammenhang noch sekundär.

Hans Lilie: Meine Hoffnung ruht auf den sehr guten Erfahrungen mit der Patientenverfügung. Die neue Gesetzesfassung kann für mehr Aufklärung sorgen. Die Menschen müssen angehalten werden, mehr Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Dass mehr Organspenden nötig sind, zeigt, dass es immer noch Universitätskliniken gibt, die weniger als zehn Organspenden pro Jahr vornehmen.

Evangelische Zeitung:  Herr Lilie, ist es legitim, ein Gesetz einzuführen, das die Erhöhung der Organtransplantationen zum Ziel hat? Wie ist diese Frage in der EU und in anderen europäischen Ländern geregelt?

Hans Lilie: Das ist eine wichtige Interessensabwägung zwischen den Menschen, die händeringend auf eine Organspende warten, und dem, was juristisch über den Tod hinaus als Menschenwürde angesehen wird. Entscheidend ist, dass es für die Wartenden, die Ärzte und die Angehörigen der möglichen Spender Rechtssicherheit gibt. Und in Europa – auch in Ländern mit der Widerspruchsregelung - gilt ohnehin, dass Angehörige immer gefragt werden. Ohne ihre Zustimmung geht es dort genauso wenig wie in Deutschland.

Eckhard Nagel: Bei der Fortschreibung der jetzt diskutierten Änderung zum Transplantationsgesetz ist das primäre Ziel nicht die Erhöhung der Organspende. Das Ziel ist, gesellschaftlich festzuhalten, dass eine persönliche Entscheidung eine Bürgerpflicht darstellt, weil Dritte von dieser Entscheidung zum Teil existenziell betroffen sind. Hier geht es nicht nur um die Existenz des Organempfängers, sondern auch um die psychische Belastung der Angehörigen. Sehr wohl ist es legitim anzunehmen, dass bei einer konstanten Zustimmungsrate von über 75 Prozent zur Organspende dann auch statistisch gesehen die Zahl der Organtransplantationen zunehmen wird.

Evangelische Zeitung: Herr Lilie, halten Sie die Möglichkeit, sich auch vor der Entscheidung drücken zu können, für begrüßenswert? Wäre es nicht wirksamer, in Deutschland eine Widerspruchsregelung statt der geltenden erweiterten Zustimmungsvoraussetzung im Gesetz zu verankern?

Hans Lilie: Die Politiker sagen, eine Widerspruchsregelung sei in Deutschland nicht durchsetzbar. Aber sich vor der Entscheidung zu drücken, ob man im Todesfall seine Organe spenden will, wäre falsch. Deshalb mache ich mich stark dafür, auf allen Ebenen für eine rechtzeitige Entscheidung zu werben, noch viel mehr als bisher. Es muss deutlicher werden, dass bei der gegenwärtigen Rechtslage für die Hinterbliebenen die Frage nach einer Organentnahme nach Feststellung des Hirntods die unmöglichste Frage zum falschen Zeitpunkt ist.

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Aus unterschiedlichen Perspektiven kommen der Medizinethiker Professor Eckhard Nagel (Bild) und der Medizinjurist Hans Lilie zu demselben Ergebnis: Eine persönliche Entscheidung über die Frage, ob man seine Organe nach dem Hirntod anderen Menschen spenden möchte, ist eine Bürgerpflicht. Keinesfalls dürfe diese Frage auf die Angehörigen abgewälzt werden. Bild: epd-Bild

Evangelische Zeitung: Herr Nagel, wie erklären Sie sich, dass viele Menschen die Organspende zwar positiv sehen, selbst aber anscheinend nicht zur Organspende bereit sind? Fürchten sie, was mit ihrem Körper geschehen könnte?

Eckhard Nagel: Wie bereits erwähnt, befürworten mehr als 75 Prozent der Menschen in Deutschland die Organspende im Allgemeinen. Zwei Drittel erklären sich grundsätzlich bereit, selbst Organspender zu sein. Allerdings zeigen diese repräsentativen Umfragen auch, dass die Zahl derer, die einen Organspende-Ausweis bei sich tragen, nicht über zehn Prozent liegt. Dies liegt zum einen daran, dass die Hälfte aller Befragten sich eher schlecht über das Thema Organ- und Gewebespende informiert fühlte. Zum anderen sind Sorgen und Ängste im Hinblick auf den eigenen Tod mit ausschlaggebend für die Nichtbeschäftigung mit diesem Thema. Zwar sind die Krankenkassen heute schon gesetzlich dazu verpflichtet, über den Bereich der Organspende zu unterrichten, aber hier gibt es deutliche Defizite. Insofern braucht es aus meiner Sicht zu allererst mehr Information. Diese sollte Handlungen ermöglichen.

Evangelische Zeitung: Herr Nagel, gäbe es eine Definition vom Hirntod, wenn es keine Transplantationen gäbe?

Eckhard Nagel: Der Hirntod ist definiert als Tod aller Hirnfunktionen eines Menschen. Oftmals wird die Definition des Hirntodes im Zusammenhang mit der Transplantationsmedizin diskutiert, da der Hirntod in Deutschland als Voraussetzung für die Entnahme und Transplantation von Organen gilt. Der Hirntod ist aber auch eine relevante Diagnose, um zum Beispiel die künstliche Beatmung abzustellen, ganz ohne den Hintergrund einer möglichen Organentnahme. Je weiter der technologische Fortschritt in der Medizin einzelne Organe unterstützen kann, desto wichtiger wird diese Todesdefinition.

Hans Lilie: Der Hirntod ist nicht für die Organspende „erfunden“ worden, das ist eines der größten Missverständnisse. Vielmehr stand die immer besser werdende Intensivmedizin irgendwann vor der Frage, was mit den Menschen geschehen muss, deren Organe zwar noch funktionieren, die aber nie wieder leben können. Die Transplantationsmedizin ist daher eine Nebenfolge dieser Entscheidung.

Evangelische Zeitung: Herr Lilie, wie wird das neue Gesetz unsere Sicht auf den Menschen verändern?

Hans Lilie: Hoffentlich gar nicht. Allerdings rechne ich damit, dass die Menschen, besser aufgeklärt, besser auf ihr Lebensende vorbereitet sein werden.

Evangelische Zeitung: Können Sie folgenden Satz unterschreiben: Unter der Prämisse Nächstenliebe müssten eigentlich Christen generell zur Organspende bereit sein? Welche Argumente könnten Christen anführen, um sich dagegen auszusprechen?

Hans Lilie: In den USA gibt es einen Slogan: „Don‘t take your organs to heaven, we need them on earth.“ Für mich wäre es besonders tröstlich, wenn mein Tod anderen Menschen Leben retten oder wesentlich verbessern könnte. Das ist für mich Nächstenliebe auch im Tod.

Eckhard Nagel: Ich habe bereits ausgeführt, dass ich überzeugt bin, dass beim Thema Organspende eine Entscheidungspflicht vorliegt. Der Grund dafür liegt darin, dass diese meine persönliche Entscheidung eine direkte Auswirkung auf meine Nächsten hat. Und im christlichen Lebensverständnis ist die Unterstützung für den Nächsten ein wesentliches Moment der eigenen Lebensverwirklichung. Das Gebot der Nächstenliebe unterstreicht aber ausdrücklich, dass ich so handeln soll, wie ich es mir für mich auch wünschen würde. Jemand, der für sich selbst eine Organtransplantation ablehnt, kann sehr wohl auch in Übereinstimmung mit dem Primat der Nächstenliebe eine Organspende für sich selbst ausschließen. Eine Nichtäußerung ignoriert aber das Gegenüber, und hier geraten dann christliche Lebensvorstellungen ins Wanken. Im christlichen Verständnis kann man die Organspende als einen Akt der Nächstenliebe verstehen, weil jeder Spender noch über seinen Tod hinaus einen Dienst der Nächstenliebe leistet. Dies entspringt der Wahrnehmung, dass der Mensch sein Organ nicht erworben, sondern als Gabe und gleichzeitig als Aufgabe geschenkt bekommen hat.

Das Gespräch führte Michael Eberstein, Chefredakteur der Evangelischen Zeitung für Niedersachsen

Organspende: Geschenktes Leben oder unwürdiger Tod? Zuschauer-Echo bei Tacheles

Mein neues Leben: Ein Betroffener berichtet, wie er mit gespendeten Organen überlebt hat

Marc Bargmann ist unendlich dankbar. Zehn Monate lag er im Krankenhaus, bangte um sein Leben. In dieser Zeit kam sein Sohn zur Welt. Dann erhielt er ein neues Herz und eine Lunge von Organspendern. Damit kann er seine Kinder aufwachsen sehen. Bei Tacheles berichtet er von seinem Leben mit den neuen Organen.

Sollten Christen
Organspender sein?

Landesbischof Friedrich Weber und Renate Greinert kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen - ein Pro und Contra aus der Evangelischen Zeitung und von „Tacheles - Talk am roten Tisch“.

Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?

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Themenvorstellung in der Talkshow Tacheles auf Phoenix

Pro: Das größte Geschenk eines Menschen

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Friedrich Weber ist Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Bild: Tacheles

Ein Leben zu retten, ist wunderschön. Aber der Schritt hin zu einem Organspendeausweis ist nicht einfach. Manche kritisieren, die Organtransplantation mache den Sterbeprozess würdelos. Deswegen müssen Fragen gestellt werden: Wie wird mit den Spendern umgegangen, die in einer unumkehrbaren Situation zwischen Leben und Tod sind? Wie würdevoll ist das Sterben, wenn Menschen nach der Feststellung des Hirntods, aber bei schlagendem Herzen, Organe entnommen werden?
Ja, es wird in den Sterbeprozess eingegriffen. Aber dieser Sterbeprozess ist nicht mehr aufzuhalten. Der betreffende Mensch wird nur noch durch Medizintechnik am Leben gehalten. Entscheidend ist der Umgang mit den Angehörigen. Sie müssen die Gelegenheit bekommen, Abschied zu nehmen. Dieser Punkt ist für mich ganz zentral.
Die Entscheidung für oder gegen einen Organspendeausweis muss jede und jeder für sich selber treffen. Niemand darf zur Organspende gezwungen werden. Es darf auf keinen Fall zu einer Verdinglichung von menschlichem Leben kommen. Aber eine Entscheidung zu treffen, ob ich Organe spenden möchte oder nicht, kann ich von jedem Menschen erwarten.
Für mich geht es um eine Abwägung, bei der das Prinzip der Nächstenliebe und der Solidarität mit dem Anderen eine große Rolle spielt. Dieser Andere würde ohne meine Hilfe nicht weiterleben können. Auch deshalb habe ich für mich beschlossen, Organspender zu sein.
Organspende ermöglicht Leben und trägt dazu bei, krankem, beschädigtem und mühsamem Leben noch eine Chance zu geben. Es ist das größte Geschenk, das ein Mensch dem anderen machen kann, wenn er etwas von dem weiter gibt, was ihm selber von Gott geschenkt wurde. Für mich ist das ein zentraler Gesichtspunkt der christlichen Tradition. Es ist eine Form der Liebe, die nicht bei sich selber endet, sondern bereit ist, sich über das Ende des eigenen Lebens hinaus für andere zu verwenden.

Friedrich Weber, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig

Contra: Jeder soll würdig sterben dürfen

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Renate Greinert ist im Vorstand der Initiative Kritische Aufklärung Organtransplantation. Bild: Tacheles

Am 4. Februar 1985 verunglückte mein Sohn Christian so schwer, dass er schon an der Unfallstelle versuchte zu sterben. Er wurde wiederbelebt und in die nächstgelegene Universitätsklinik geflogen. Schon auf dem Hubschrauberlandeplatz warfen die späteren Explantationsmediziner einen ersten Blick auf ihn.
Christians Verletzungen wurden genau diagnostiziert, wir dachten, alle Untersuchungen gelten ihm, uns war nicht bewusst, dass man seine Daten für die potenziellen Organempfänger brauchte. Man tat alles, um sein Leben zu erhalten, weil sich nur warme, durchblutete Organe zur Transplantation eignen.
Wir Eltern saßen derweil an seinem Bett, beobachteten die Geräte, an die er angeschlossen war, hofften, beteten darum, dass er überleben möge. Plötzlich erklärte uns ein Arzt, Christian sei nun tot. Er würde uns um eine Organspende bitten, Christian sei doch sicher ein sozialer Typ gewesen, und es säßen andere Mütter genauso verzweifelt an den Betten ihrer Kinder, wie wir gerade. Das Leben dieser Kinder könnte gerettet werden, wenn wir nur zustimmen würden.
Unser „Ja“ im tiefen Schock zu einer Organspende wurde ungefragt zu einer Multiorganentnahme ausgeweitet. Nachdem seine Organe aus dem Körper präpariert waren, stellte man das Beatmungsgerät ab. Erst da konnte sich sein Sterben vollenden. Mit welchem Trauma wurde er in den Tod geschickt?
Organspende als Akt der christlichen Nächstenliebe ist eine Einbahnstraße. Das Doppelgebot der Liebe wird zugunsten einer fragwürdigen Rettung eines Menschen aufgegeben. Der Spender wird im Sterben geopfert, weil eine Güterabwägung stattfindet: „Er stirbt doch sowieso“. Der Mensch wird zur Ware, verteilt über Europa. Die Schöpfung Gottes ist zum Recyclinggut degradiert
Es ist ein Unrecht, das tagtäglich immer wieder nach dem gleichen Muster passiert. Christians Sterben bewegt mich heute noch genauso wie vor mehr als 25 Jahren.

Renate Greinert aus dem Vorstand der Initiative Kritische Aufklärung Organstransplantation

Das Thema im TV-Talk „Tacheles“

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Tacheles – Talk am roten Tisch zum Thema „Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?“
Mit Tacheles-Moderator und Fernsehpastor Jan Dieckmann diskutieren Landesbischof Friedrich Weber, Renate Greinert und der Arzt und Organspendekritiker Paolo Bavastro.
Die öffentliche Debatte wird am Dienstag, 14. Februar, um 19 Uhr in der hannoverschen Marktkirche aufgezeichnet. Einlass ist ab 18 Uhr, der Eintritt ist frei.
Phoenix strahlt die Debatte am Sonntag, 19. Februar, um 13 und um 24 Uhr aus. 

Die Internetseite von „Tacheles - Talk am roten Tisch“