2012_02_06

 Bild: Detlef Heese

Pastorenkneipe

Tagesthema 05. Februar 2012

Kirche in der Kneipe - Experiment in Osnabrück

Pastoren_Kneipe1
Hochschulpastorin Ute Schneider-Smietana (45) und Citypastor Martin Wolter (59), Bild: Detlef Heese 

Die Konkurrenz für die Kirche scheint übermächtig an diesem Abend in der Osnabrücker Studentenkneipe „Balou“. Im großen Schankraum lärmen etwa 100 Fußball-Fans. Auf der Großbildleinwand wird ein Spiel der Champions-League gezeigt. Im kleineren Nebenraum, der sonst für Raucher reserviert ist, versuchen zwei evangelische Pastoren erstmals bei Bier und Apfelschorle über religiöse Fragen ins Gespräch zu kommen.

Doch die 20 Gäste im „seekers chatroom“ lassen sich nicht beirren. Sie diskutieren mit Ute Schneider-Smietana und Martin Wolter über Gott und die Welt. In Aachen ist es ein Buß- und Bettag in Bussen, in Hannover ein Gospel-Flashmob im Einkaufszentrum. Wie viele Pastoren und Gemeinden im Land wagen auch die Osnabrücker ein Experiment. Kirche soll raus, dahin wo Menschen sich treffen. Konkurrenz ist dabei nicht auszuschließen.

Pastoren_Kneipe2
Wie in Osnabrück verlassen immer mehr Pfarrer eingefahrene Wege, um den christlichen Glauben zu verkündigen. Eine Predigt am Buß- und Bettag im Bus oder ein spontaner Auflauf von Kirchenchören zum Flashmob im Einkaufszentrum gehören zu den Ideen, von denen Internetplattformen wie „Kirche im Aufbruch“ und „geistreich“ einen Eindruck geben. Bild: Detlef Heere

„Passt Leistung zum christlichen Glauben?“ - Zur Sicherheit und „um das Eis zu brechen“ haben die beiden einen ersten inhaltlichen Impuls mitgebracht. Wolter erzählt von seiner Lust an der eigenen Leistungsfähigkeit. Auch Gott fordere, dass jeder seine Talente gewinnbringend einsetze. Die Kollegin erinnert an Luthers Rechtfertigungslehre. Danach ist bei Gott jeder als Mensch anerkannt und von ihm geliebt, unabhängig von seiner Leistung.

Dieses Spannungsfeld beschäftigt vor allem die jungen Gäste eine ganze Weile. Studentinnen hadern mit der Leistungsbewertung in Schule und Universität. Ein älteres Ehepaar fragt nach dem Umgang mit Krankheit, Erfolglosigkeit und Scheitern in der Leistungsgesellschaft. Das Gespräch gewinnt schnell an Intensität. Führt Gott uns Menschen wie Marionetten durch unser Leben? Ist sowieso alles vorherbestimmt? Wie kann ich dann einem Gott vertrauen, der Leid und Bosheit zulässt?

Pastoren_Kneipe3
Hochschulpastorin Ute Schneider-Smietana (45) und Citypastor Martin Wolter (59) stehen im Talar in der Osnabrücker Studentenkneipe „Balou“. Sie veranstalten dort unter dem Motto „seekers chatroom“ eine religiöse Gesprächsreihe an ungewöhnlichem Ort.  Bild: Detlef Heese

Auch die beiden Pastoren haben nicht immer eine Antwort parat. „Ich weiß nicht, wie Gott mit den Schurken dieser Welt umgeht“, sagt Schneider-Smietana. Lehrerin Marina (30) ist nachher voll des Lobes. Die Kirche sollte häufiger neue Wege gehen, „weg von den alten, verknöcherten Strukturen“, sagt sie: „Ich finde es gut, wenn man auch mal selbst denken und fragen darf. Es ist schön, wenn Pastoren den Mut aufbringen, sich allen Fragen zu stellen, statt nur vorbereitete Texte abzulesen.“

Um Menschen heute für den Glauben zu begeistern, müsse die Kirche stärker in die Offensive gehen, meint Oberkirchenrat Thorsten Latzel. Er ist bei der EKD zuständig für neue Formen der Verkündigung. Regelmäßige Bibelgesprächskreise sprächen viele nicht mehr an, Predigten nach Art von Univorträgen ebenso wenig. „Gottesdienste in der Sparkasse oder im Gerichtssaal, ein Kreuzverhör nach der Predigt oder große Tauffeste in der freien Natur haben dagegen Konjunktur.“

Für den Experten geht es auch um Inhalte und Leitbilder. Jede Firma habe eine Mission, ihre Botschaft. Ausgerechnet die Kirche jedoch tue sich damit schwer, diese nach außen zu vertreten: „Wir haben eine eigenartige Scheu, über unseren Glauben zu sprechen. Wir haben immer Angst, dem anderen zu nahe zu treten. Die Menschen erwarten aber, dass wir das, was uns so begeistert, auch benennen können.“

Ute Schneider-Smietana und Martin Wolter sind zufrieden mit ihrem Experiment. Nach zwei weiteren Gesprächsrunden im „Balou“ haben sie mittlerweile ihr Konzept an manchen Stellen geändert. Sie wollen künftig im Hauptraum der Kneipe bleiben und die Schar der Diskutanten um einen großen Tisch versammeln. Weitere Termine für Mai und Juli stehen schon fest. „Unsere Chancen liegen draußen vor der Kirchentür“, sagt Schneider-Smietana voller Überzeugung.

epd

Mehr über den Beruf der Pastorin oder des Pastors

Predigt, die Verwaltung der Sakramente Abendmahl und Taufe, organisatorische Arbeit für eine Kirchengemeinde in allen Belangen; pädagogisch tätig sein im Bereich Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber auch bei Kindern; Unterstützung im Glauben bei Erwachsenen, Seelsorge und Begleitung bei unterschiedlichen Anlässen zwischen Geburt und Tod; Repräsentation von Kirche und Gemeinde im gesellschaftlichen Umfeld - das alles und noch einiges mehr gehört dazu, Pastorin oder Pastor zu sein.

Weitere Informationen

Zusammen mit dem Kirchenvorstand

logo_wahl

Gemeinsam mit dem Kirchenvorstand sind Pastorin und Pastor für die Arbeit einer Kirchengemeinde verantwortlich. Der Kirchenvorstand wird in direkter Wahl alle sechs Jahre gewählt: Zum nächsten Mal am 18. März. Täglich wechselnde Informationen zur Kirchenvorstandswahl sind auf diesen Seiten zu finden.

Informationen über die Kirchenvorstandswahl.
epd_quadrat

Der Evangelische Pressedienst (epd) ist eine unabhängig arbeitende Nachrichtenagentur, die von der evangelischen Kirche getragen wird - seit mehr als 100 Jahren. Der epd liefert Texte und Fotos aus den Bereichen Kirche und Religion, Kultur, Medien und Bildung, Gesellschaft, Soziales, Dritte Welt und Entwicklung. Die wichtigsten Kunden sind die Redaktionen von Presse, Funk, Fernsehen und Online-Diensten. Der epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen reicht von dem traditionsreichen Studentenort Göttingen über den Stadtstaat Bremen bis zu den ostfriesischen Inseln. In Hannovers Altstadt gleich neben der Marktkirche hat die Zentrale des Landesdienstes ihren Sitz. Ihr arbeiten die Kolleginnen und Kollegen aus den Regionalredaktionen und Korrespondentenbüros in Braunschweig, Bremen, Göttingen-Hildesheim, Lüneburg, Oldenburg-Ostfriesland und Osnabrück zu.
 

Mehr über den Landesdienst Niedersachsen-Bremen