2012_02_05

Bild: Mella / photocase.com

Lust am Frost

Tagesthema 04. Februar 2012

Experten raten: Zieht euch warm an und genießt den Winter

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epd-bild / J.W.Alker

Klirrende Kälte, glatte Straßen und obdachlose Menschen, die auf der Straße erfrieren: Die Wetter-Schlagzeilen warnen in diesen Tagen vor dem Winter, der Deutschland im eisigen Griff hat. Doch es gibt auch eine andere Seite der Minustemperaturen, eine Lust an Väterchen Frost, sagt der Berliner Biopsychologe Peter Walschburger. „Wer nicht gerade krank ist, sollte jetzt raus gehen“, rät der Wissenschaftler. „Die Kälte und die Sonne, das ist herrlich und stärkt Körper und Seele.“

Zwar kommen die eisigen Luftmassen aus Sibirien, aber von
sibirischer Kälte zwischen Nordsee und Alpen mag Walschburger nicht reden. Tageswerte bis zu zehn Grad minus sind für ihn eine „milde Kältebelastung“, auch wenn Wind und Luftfeuchtigkeit die gefühlte Temperatur frostiger erscheinen lassen. „Für den Körper fängt der Kältestress bei minus 30 Grad Celsius an.“ Mediziner wie der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Niedersachsen, Heinz Jarmatz, unterstützen den Wissenschaftler: „Dieses herrliche Wetter ist bei der richtigen Kleidung kein Problem. Erkältungsträchtig ist nasses Wetter um den Gefrierpunkt.“

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Wintereinbruch im Harz., epd-bild / Steffen Schellhorn

Sportlern rät Jarmatz bei den gegenwärtigen Minusgraden
allerdings, es ruhiger angehen zu lassen. „Joggen sollten jetzt nur noch durchtrainierte Leute, die sich an die Kälte gewöhnt haben.“ Wichtig sei warme Kleidung, besonders bei kleinen Kindern und alten Menschen. Da gilt das Prinzip Zwiebel: Viele Kleidungsstücke übereinander, die in wärmeren Räumen je nach Bedarf schichtweise ausgezogen werden können.

Die richtige Kleidung fängt bei den Schuhen mit warmer Sohle an und geht bis zur Mütze. „40 Prozent der Körperwärme werden über den Kopf abgegeben“, warnt Ulrike Fieback, Sprecherin der Technikerkrankenkasse in Hannover. Ansonsten kann der Kontrast zwischen warmen Räumen und frostiger Kälte draußen durchaus gut tun, betont Walschburger, Professor der Freien Universität Berlin. Wer sich nur drinnen aufhalte, könne seine Anpassungsfähigkeit verlieren. „Sauna und Spaziergänge in der Kälte trainieren die Thermoregulation des Körpers“, schwärmt der Biopsychologe, der selbst begeisterter Wintersportler ist.

„Der Wechsel vom Warmen ins Kalte regt den Stoffwechsel an“,
ergänzt Krankenkassen-Expertin Fieback. „Außerdem stärken die
Sonnenstrahlen mit ihrem UV-Licht das Immunsystem.“ Und nicht nur das, weiß Walschburger, der in einem Spaziergang auch ein Mittel gegen die Winterdepression sieht: „Durch mehr Sonnenlicht wird in unserem Körper mehr vom Glückshormon Serotonin produziert, das unsere Lebensgeister weckt.“

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epd-bild / rnu

Also raus ins Licht zum Eislaufen, zu Langlauf oder Rodelpartie. Walschburger rät, die langsam länger werdenden Tage zu nutzen. „Oft entfernen wir uns von der Natur“, bedauert der Experte. „Wir machen die Nacht zum Tag, halten uns mehr in geschlossenen Räumen auf, arbeiten im Schichtdienst, schlucken Hormone.“ Besser sei es, sich dem Rhythmus der Natur anzupassen, um Schlafproblemen, Depressionen oder Herz- und Kreislaufstörungen vorzubeugen.

Wer echte sibirische Temperaturen kennengelernt hat, ist ohnehin über die aufgeregte Frostdebatte in deutschen Medien erstaunt. So wie die 41-jährige evangelische Theologin Stefanie Fendler, die bis vor einem Jahr als Auslandspastorin noch durch das verschneite Sibirien fuhr. „Die Menschen in Russland hadern weniger mit dem Wetter und nehmen es so hin, wie es ist.“

Diese Einstellung hat die Pastorin mit nach Deutschland in die Lüneburger Heide genommen, wo sie jetzt arbeitet. „Ich freue mich über die Kälte, die Sonne und den blauen Himmel“, sagt sie. In Sibirien hatte Fendler immer ein Teelicht und eine Streichholzschachtel in ihrer Handtasche dabei. „Wenn das Auto liegenbleibt, hält die Kerze den Innenraum noch eine Weile warm.“ In Deutschland braucht sie die Utensilien nicht mehr. Hier sind die Pannendienste im Notfall schneller.

Von Dieter Sell und Jörg Nielsen (epd)

Schneeschippen vor dem Haus Gottes

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Rudolf Schäfer überprüft vor der Frauenkapelle den Ölstand und alle Funktionen an seinem motorisierten Schneeräumer Der 61-Jährige vertritt als Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Küsterbundes die Interessen von rund 5.800 Küstern im gesamten Bundesgebiet. Bild: Björn Schlüter

Bei seinem motorisierten Schneeräumbesen hat Rudolf Schäfer schon vor Wochen Ölstand, Reifendruck und Benzinkanister überprüft - trotz Plusgraden. Jetzt kommen im Gepäck von Hoch „Helga“ und Tief „Cooper“ Frostgrade und stärkerer Schneefall erstmals bis ins Flachland. Mehr als 25 Jahre Erfahrung haben den 61-Jährigen Küster der Riddagshäuser Klosterkirche in Braunschweig gelehrt: „Wenn Schnee und Eis plötzlich da sind, muss sofort alles parat sein, damit man dagegen angehen kann.“ Wie zur Bestätigung klopft er gegen den vollen Kasten Streugranulat direkt neben der Kirche.

Schäfer ist Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Küsterbundes. Dem Zusammenschluss gehören bundesweit zwölf regionale Verbände mit etwa 5.800 Kirchendienern an. Die Küster oder Messner - mancherorts auch Kirchenvogt oder Kirchner genannt - sorgen für den reibungslosen Ablauf von Gottesdiensten. Zudem kümmern sie sich um Pflege und Erhaltung von Gebäuden und Anlagen. „Wir sind aber weit mehr als nur Hausmeister“, betont Schäfer.

Wie seine Kollegen ist er dafür verantwortlich, dass Menschen das Gemeindezentrum auch bei Eis und Schnee sicher erreichen können, und dass rund um die Kirche im tiefsten Winter niemand zu Fall kommt. Im Oberharz oder in Alpennähe geht dabei oft ohne schwere Schneefräse und Streuwagen gar nichts. Dagegen kommt manche Kirche in der Heide oder an der Küste mit einem einfachen Reisigbesen und Sandeimer aus.

„Verkehrs- und unfallsichere Herrichtung und Erhaltung der Gottesdiensträume sowie ihrer Zu- und Abwege“, lautet der Dienstauftrag im Beamtendeutsch. „Natürlich gibt es Ehrenamtliche, die in Gemeinden fleißig mithelfen“, sagt Schäfer: „Aber solche Pflichten kann und sollte man nicht auf sie abschieben.“ Auch den wachsenden Trend, externe Firmen mit dem Schneeräumen zu beauftragen, sieht er mit Sorge. „Da werden unsere Stellen gestrichen und der finanzielle Aufwand für Gemeinden erhöht sich schlimmstenfalls.“

Wie jeder Haus- und Grundbesitzer seien auch Kirchengemeinden in der gesetzlichen Pflicht, Gehwege von Schnee, Eis oder Laub frei zu halten. „Wenn die Arbeit aber nur nach einem losen Arbeitsplan halbherzig gemacht wird, kann es erst schmerzhaft für einen Menschen und dann teuer für die Gemeinde werden“, mahnt Schäfer. Schneefall sei eben nicht planbar, schon gar nicht in diesem bisher sehr milden Winter. Daher müsse die damit einhergehende Arbeit verbindlich von seinem Berufsstand sichergestellt werden.

Das unterstreicht auch der Vorsitzende der Küstervereinigung in der hannoverschen Landeskirche, Rüdiger Busch. Er habe in seiner Gemeinde in Hannover einen professionellen Räumdienst, „aber die Räumen ab morgens vier Uhr. Wenn danach noch Schnee fällt, muss ich mit Schneeschieber und Besen ran.“

Besonders bitter sei diese Zeit für die Kolleginnen und Kollegen, die nur mit wenigen Stunden beschäftigt sind, sagt Busch, der auch Vorsitzender der Mitarbeitervertretung der Küster ist. „Die normale Arbeit geht ja weiter.“ Die Gottesdienstbesucher schleppten Schneematsch und Splitt mit in die Kirche. „Das muss natürlich auch alles wieder saubergemacht werden.“

Etliche Kollegen seien wie im vergangenen Winter vier bis fünf Wochen lang täglich im Einsatz gewesen. Da kämen auch wegen der vielen Konzerte und Gottesdienste in der Weihnachtszeit extrem viele Überstunden zusammen. „Aber wenn wir Küster dann im Januar auch mal drei Tage am Stück freihaben wollen, wird oft von den Pastoren gemurrt.“ Da wünsche er sich mehr Wertschätzung und Anerkennung. „Die Mehrstunden sollten ohne große Diskussion fair bezahlt werden.“

Rudolf Schäfer in Braunschweig hat auch in seinen langen Dienstjahren schon manches Wochenende erlebt, an dem er statt am Gottesdienst teilzunehmen draußen vor der Kirche im Schneeanzug mit dem Räumgerät seine Bahnen gezogen hat. „Allein der Weg einmal um die Riddagshäuser Kirche herum ist gute 300 Meter lang. Wenn ich da rum bin, kann ich bei richtigem Schneefall gleich wieder von vorne anfangen“, sagt Schäfer.

Er nimmt wechselhafte Wetterlagen im Winter als nur eine von vielen Herausforderungen. Viel größere Sorge bereitet ihm, dass immer weniger Mittel für seinen Berufsstand in den Gemeinden zur Verfügung stehen und damit Arbeitskraft und Wissen verloren gehen. „Ein Küster arbeitet im Haus Gottes“, sagt Schäfer. „Er kennt es wie sein Wohnzimmer, hält es sauber, richtet es her und macht es stets gut erreichbar. Das ist mehr als bloß ein Job.“
 

Von Björn Schlüter und Jörg Nielsen (epd)

Klirrender Frost bedroht Obdachlose - Diakonie: Hinschauen ist Hilfe

diakonielogo

Der strenge Frost und die eisigen Nächte bedrohen nach Angaben der Diakonie in Niedersachsen obdachlose Menschen. „Das ist extrem gefährlich“, warnte der Leiter der diakonischen Notunterkunft Jakobushaus in Bremen, Axel Brase-Wenzell. Straßensozialarbeiter bemühten sich, die Menschen von der Straße in die Notunterkunft zu bringen. In dem Haus stünden 70 Plätze zur Verfügung. „Wir haben noch Platz. Niemand muss im Freien schlafen.“

Die Kälte schwäche die Widerstandskräfte der Menschen auf der Straße, sagte Brase-Wenzell. Er rief dazu auf, auf die Obdachlosen acht zu geben. Wenn Alkohol im Spiel sei, merkten viele gar nicht, wie ihr Körper auskühle und der Kältetod näher komme: „Wenn Sie jemanden sehen, der bei diesen Temperaturen neben seinem Schlafsack schläft, sprechen Sie ihn an oder rufen sie per Notruf 110 die Polizei.“

In den vergangenen 20 Jahren sind nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Deutschland mehr als 270 Menschen erfroren. Nach Schätzungen sind bundesweit mehr als 248.000 Menschen wohnungslos. Rund 22.000 von ihnen leben auf der Straße.

Peter Szynka, verantwortlich für die diakonische Wohnungslosenhilfe in Niedersachsen, sagte, nur wenige Menschen müssten tatsächlich draußen übernachten. „Aber wenn es auch nur 20 sind, sind es 20 zu viel“. Es gebe zwar genügend Notunterkünfte, aber zu wenig günstige Wohnungen, um die Obdachlosigkeit effektiv zu senken.

Etliche Obdachlose wollten partout nicht in einer Gemeinschaftsunterkunft übernachten, sagte Szynka. Sie suchten Schutz und Wärme in U-Bahn-Stationen und Bahnhöfen. Mit der Deutschen Bahn sei vereinbart, Obdachlose bei Minustemperaturen nicht mehr zu vertreiben.

In Braunschweig besuchen trotz der Kälte nicht mehr Menschen die Tagesaufenthalte. „Armut ist nicht temperaturabhängig“, sagte der Geschäftsführer der Diakonischen Stiftung Wohnen und Beraten, Maik Gildner. Die Leute blieben allerdings jetzt länger in den geheizten Räumen. Auch die Fälle derer, die ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen könnten, häuften sich.

Diese Beobachtung teilt auch der Leiter der Zentralen Belegungsstelle der Diakonie in Hannover, Gottfried Schöne. Für Bedürftige werde täglich ein ökumenischer Mittagstisch angeboten. „Die Zahlen steigen. Am vergangenen Freitag hatten wir mehr als 200 Besucher, soviel wie nie zuvor.“

Die Verelendung der ärmsten Menschen nehme zu, sagte Schöne. Offenbar werde es für sie immer schwieriger, sich gegen die kalten Temperaturen auszurüsten. Alle Tagesaufenthalte verfügten über eine Kleiderkammer oder ein Magazin mit warmer Kleidung, Iso-Matten und Schlafsäcken. Doch seien die Vorräte bei extremen Minusgraden schnell aufgebraucht: „Wir sind für Sachspenden immer dankbar.“

epd