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Bild: Wiebke Dockhorn

Singt dem Herrn ein neues Lied

Tagesthema 01. Februar 2012

„Wer singt, betet doppelt“

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Martin Luther
und seine „Frau Musica“

 

„Singet dem Herrn ein newes lied / Singet dem Herrn alle welt. Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Son, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit ernst gleubet, der kann’s nicht lassen, er muss frölich und mit Lust dauon singen und sagen / das es andere auch hören und herzukommen.“

 

So schreibt Martin Luther über die Musik – ein größeres Lob ist kaum vorstellbar, meint Jochen Arnold,
Direktor des Evangelischen Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik im Michaeliskloster Hildesheim.

„Herrin und Regiererin des menschlichen Hertzen“

Musik scheint von allen Künsten die zu sein, die uns am unmittelbarsten berührt, und auch die, die am leichtesten Lust und Ekstase hervorruft. Schon der Reformator Martin Luther hielt sie für eine „Herrin und Regiererin des menschlichen Hertzen“. Damit ist das emotionale Potenzial benannt, das in der Musik steckt. Dies ist für viele Menschen – gleich welcher Herkunft, Religion und Kultur – ihre zentrale Eigenschaft. Musik rührt die Tiefenschichten der Seele an, sie verleiht Höhen- und Glücksgefühle, kann aber auch Trauer und Angst ausdrücken und verarbeiten, ja unmittelbar trösten.

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Bild: dapd

Um die Musik wahrzunehmen, braucht es eine elementare sinnliche Fähigkeit. Musik gehört gehört. Musik kommt im Ohr zur Welt. Hat sie damit schon eine Nähe zur Religion? Für Luther war das keine Frage. Er schreibt: „Ich wünschte gewiss von Herzen, dass jeder die göttliche und vortreffliche Gabe der Musik lobte und priese. Ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften so überschüttet, dass ich weder Anfang, Ende noch Maß meiner Rede finden kann.“ Musik ist für ihn also eine Gottesgabe, eine „fröhliche Kreatur“.

Zuweilen hat er sich die Musica gar als Person vorgestellt, die einem Engel gleich Menschen an die Hand nimmt und in die Natur führt, um dort die Schönheit der Schöpfung und den lieblichen Gesang der Vögel zu entdecken. Ein Beispiel dafür ist ein Gedicht, in dem er Frau Musica selbst singen lässt. Ausschnitte daraus finden sich im Evangelischen Gesangbuch (319): „Die beste Zeit im Jahr ist mein, da singen alle Vögelein, Himmel und Erden ist der voll, viel gut Gesang, der lautet wohl ...“

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Bild: dapd

Frau Musica vermittelt uns also in erster Linie gute Erfahrungen. Sie „macht alles fröhlich überall“, sie vertreibt die Sorgen und erleichtert das Leben. Singend erleben wir uns selbst als klingende Wesen, bekommen Kontakt mit der eigenen Stimme. Das stärkt die eigene Identität, zumal dabei – wie die Neurologen wissen – besondere Glückshormone freigesetzt werden. Das geschieht auch beim gemeinsamen Musizieren oder Singen.

Zuweilen hat sich Luther die Musica als Person vorgestellt, die Menschen an die Hand nimmt und in die Natur führt, um dort die Schönheit der Schöpfung und den lieblichen Gesang der Vögel zu entdecken.

Freilich ist die Musik nicht nur Gottesgabe, sondern auch Menschenkunst. Um sie so auszuüben, dass sie andere Menschen anspricht und berührt, bedarf es der sorgfältigen Ausbildung. Martin Luther schreibt: „Wo aber die natürliche Musica durch die Kunst geschärft und poliert wird, da sieht und erkennt man […] mit großer Verwunderung die große und vollkommene Weisheit Gottes in seinem wunderbaren Werk der Musica…“.

Das Evangelium ist ein klingendes Wort und hat daher eine hohe Affinität zur Musik. In seiner Vorrede zum Septembertestament (1522) schreibt Luther: „Evangelion ist ein kriechisch Wort, und heyst auf deutsch gute botschaft, gute mehr, gute neuzeytung, gutt geschrey, davon man singet, saget und fröhlich ist.“ Die neutestamentliche Kernstelle sind die vielzitierten „Einsetzungsworte der Kirchenmusik“ (Kolosser 3,16), die Luther so übersetzt hat: „Lasset das wort Christi vnter euch reichlich wonen / Inn aller weisheit / leret vnd vermanet euch selbs / mit Psalmen und lobsengen und geistlichen lieblichen (das ist trostlichen / holdseligen / gnadenreichen) liedern und singet dem Herrn inn ewrem Herzen.“

Die Kirchenmusik, die allen Christen aufgetragen ist, hat einen prominenten Anteil an der Verkündigung der Kirche. Sie redet nicht nur über Christus, Christus selbst teilt sich durch die Musik der Gemeinde in Zuspruch und Anspruch mit. Treffend bemerkte der Reformator daher auch in einer seiner Tischreden: „So predigt Gott das Evangelium auch durch die Musik.“ Das ist die eine Dimension der Kirchenmusik, dazu gehört aber immer auch die andere: „Gott loben, das ist unser Amt“ oder noch schöner: „Wer singt, betet doppelt“ (Augustin). Auch diese Dimension war Luther wichtig, Gott bitten und ihn loben, ja sogar klagen dürfen wir mit Musik.

Was motiviert uns zum Singen und Musizieren? Es ist der offene Himmel, die frohe Botschaft von Ostern, dass Christus den Tod besiegt hat – Martin Luther hat es gewusst.

Wo die Welt mit ihren Lebewesen als klingende Schöpfung wahrgenommen wird, ist der Bezug zu Gott unmittelbar hergestellt. Sein Erfindungsreichtum, seine unendliche Weisheit werden in der Musik erfahrbar. Was liegt näher, als ihm mit demselben Medium dafür zu danken? Luther schließt das Gedicht daher mit folgenden Worten: „…den ehrt und lobt auch mein Gesang und sagt ihm ein ewigen Dank.“

Jochen Arnold in der „Evangelischen Zeitung“

So kam Musik in die Kirche

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Bild: dapd

Die wunderbare Wirkung von Musik in der Verkündigung von Wort und Sakrament einerseits und in Gebet und Lobgesang andererseits ist vielfach beschrieben worden.

Üblicherweise kann man das Sonntag für Sonntag im Gottesdienst miterleben: Durch Musik werden Worte geadelt, zuweilen sogar geheiligt, aber in erster Linie fühlbar und mit den Sinnen greifbar. Leider gibt es natürlich auch den anderen Fall: Da kann mangelhafte Ausführung der Musik vom Inhalt der Worte sogar ablenken und wird hier und da tapfer ertragen. Immerhin scheint das oft noch besser, als ganz auf Musik zu verzichten: Was wäre ein Gottesdienst ohne Musik?

Vielleicht haben die frühen Christen in ihren Versammlungen spontan einstimmig gesungen, etwa in Anknüpfung an die Psalmengesänge der Juden. Mündliche Überlieferung und vielfache Variation führten später zur großen Blüte der sogenannten gregorianischen Choral-Melodien – also vom Chor ausgeführter kunstvoller Gesänge, deren schriftliche Überlieferung und systematische Sammlung unter Papst Gregor dem Großen (590 - 604) ihren Anfang nahm. Die intensive Pflege dieser Gesangspraxis in Verbindung mit großartiger Forschungsarbeit haben dazu geführt, dass der gregorianische Gesang heute als Wurzel und Ursprung unserer abendländischen Musikkultur anerkannt und nicht etwa als deren weniger entwickelte Vorform verkannt ist.

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Bild: dapd

Allerdings: Wer außer den Klerikern konnte im Mittelalter schon lesen und schreiben oder gar Latein? So sind diese komplizierten Melodien nie volkstümlich geworden. Heute ist diese eigene Gesangstradition der römischen Kirche auch an herausgehobenen Stätten, wo es gelang, den einstimmigen Choralgesang zur Gewohnheit in der sonntäglichen Messe zu machen, nur mit viel Mühe und besonderer Begeisterung lebendig zu halten.

Martin Luther fand die weitgehend schweigende, entmündigte Gemeinde vor. Es ist eines der großen Verdienste der Reformatoren, der Gemeinde den Gesang gegeben, vielleicht wiedergegeben zu haben: Einführung der deutschen Sprache in den Gottesdienst und Beteiligung der Gemeinde durch Lieder machten den Gottesdienst wieder zu einem gemeinschaftlichen Ereignis. Mit den zahlreichen Gemeindeliedern – oft fälschlich „Choräle“ genannt – wurde zudem eine eigene kirchenmusikalische Gattung begründet: die Choralbearbeitung.

Sicher kennt jeder Beispiele solcher Kompositionen, in denen durch die Musik eine besonders intensive Textausdeutung geschieht – eben gleichsam „doppelt gebetet“ wird, man denke nur an „Jesu bleibet meine Freude“ von J. S. Bach. In den großen christlichen Kirchen wuchs ein unermesslicher Schatz an Literatur für die Orgel, die als majestätisches Musikinstrument etwa ab dem 2. Jahrtausend Einzug in die Kirchen gefunden hatte.

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Bild: Wiebke Dockhorn

In der reformierten Kirche (Zwingli und Calvin) ging man einen besonderen Weg: Das römische Ideal der vornehmlich vokal ausgeführten Kirchenmusik wurde aufgenommen und in Form von Psalmliedern der Gemeinde (bis hin zu vierstimmigen Sätzen im Gesangbuch) besonders gepflegt. Bei allem selbstauferlegten Verzicht auf schmückendes Beiwerk wurde aber schließlich die Orgel als das „vokalste“ unter den Musikinstrumenten auch hier akzeptiert.

Die anglikanische Kirche kennt ebenfalls mehrstimmige Gemeindegesänge (die üblicherweise stehend gesungen werden!) und verfügt über eine ausgeprägte Kultur des Chorgesangs. Häufig gelingt es, durch die Verbindung von kunstvollen und volkstümlichen Ausdruckselementen die Musik in der Kirche besonders „mehrheitsfähig“ zu machen.

Die römische Kirche hat eine eigene Kirchenlied-Tradition entwickelt, die die vorhandene, überaus vielschichtige musikalische Ausformung liturgischer Stücke der Messe wunderbar ergänzt und den Menschen nahe kommt.

In den großen christlichen Kirchen wuchs eine Fülle von vokaler, instrumentaler und oratorischer Kirchenmusik. Deren Ausdruckskraft und „Anschaulichkeit“ sind ein nicht wegzudenkender, unerschöpflicher und immer wieder neu blühender Zweig der Verkündigung und des umfassenden Glaubensbekenntnisses – und ein substanzieller Bestandteil des kulturellen Lebens überhaupt.

Der Wunsch, die eigene Erlebniswelt in der Kirche wiederzufinden, individuelle Betroffenheiten zum Ausdruck zu bringen und die Erhabenheit von Kirche zu überbrücken, löste wohl – quer durch die Konfessionen – die Entstehung der sogenannten Neuen geistlichen Lieder und die bereitwillige Adaption z. B. von Gospels und Elementen aus der Pop-Musik aus. Die „klassische“ oder traditionelle Kirchenmusik erfährt durch diese populären Ausdrucksformen einige belebende Konkurrenz, gerät aber nicht in Gefahr – wie manche befürchten.

Unabhängig von Konfession und musikalischer Tradition – „Kirche klingt“ (so der Titel einer Broschüre der EKD von 2008), und zwar nicht nur innen sondern durch die offenen Türen auch nach außen. Und solange dies so ist – ist sie lebendig.

Cornelius Schneider-Pungs (Professor für Orgel an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover)

„366 + 1“ - Konzertreihe durch Deutschland

Ein unsichtbares musikalisches Band verbindet in diesem Jahr die Kirchengemeinden in ganz Deutschland. Die EKD hat auf dem Weg zum Reformations-Jubiläumsjahr 2017 dieses Jahr zum Jahr der Kirchenmusik ernannt. Dazu gehört ein bundesweites Konzertprogramm „366 + 1: Kirche klingt 2012“, das am 1. Januar in Augsburg begann und am 31. Dezember in Zittau endet. 366 deutet auf das Schaltjahr hin, das „+1“-Konzert ist in der Osternacht in der Fraumünsterkirche zu Fritzlar geplant. Unsere Grafik zeigt die 138 Spielorte im Verbreitungsgebiet der Evangelischen Zeitung, die auf verschlungenen Wegen musikalisch verbunden sind. 

138 Mal „Kirche klingt“ in Deutschlands Norden

Den Auftakt der norddeutschen Konzerte im Rahmen des „366+1“-Projekts macht am 6. Mai die Stadtkirche in Bückeburg. Die Konzertreihe endet am 21. September in Neubrandenburg.

Alle Termine auf einen Blick

Gottesklang 2012

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Bild: Wiebke Dockhorn

Musik fasziniert, berührt und bewegt. Zu allen Zeiten. Musik war der Herzschlag der Reformation, denn Martin Luther setzte als Erster theologische Erkenntnisse in Choräle um, die alle Menschen singen konnten. Der Gemeindegesang und die Kirchenmusik sind bis heute unverzichtbare Elemente des evangelischen Lebens.

Diese Tradition wird 2012 bundesweit mit dem Themenjahr Reformation und Musik gefeiert – eine Wegmarke der Lutherdekade, die zum Reformationsjubiläum 2017 hinführt. In den evangelischen Kirchen Hannovers, in Westfalen und Lippe steht das kommende Jahr unter dem Motto Gottesklang. „Es wird eine wunderbare große geistliche Symphonie durch unsere Landeskirchen klingen“, kündigten Landesbischof Ralf Meister, Präses Alfred Buß und Landessuperintendent Martin Dutzmann voller Vorfreude an.

Altes und Neues, Liebgewordenes und Überraschendes wird 2012 zu hören sein. Kirchenmusik wird nicht nur an ihren angestammten Orten, sondern auch in Arenen, Einkaufszentren oder vor Bahnhöfen erklingen. Als A-cappella-Gesang, im Vielklang der Bläser, klassisch-ernst oder im Sound der Gegenwart swingend. Gleich, in welches Gewand die Kirchenmusik sich kleidet: Es geschieht einzig zum Lobe Gottes, soli deo gloria.

Zur Internetseite „Gottesklang“
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Bild: Wiebke Dockhorn