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 Bild: open_shutter / photocase.com

Burgdorf - Johannesburg

Tagesthema 28. Januar 2012

Beeindruckender Glaube und tiefe Frömmigkeit

Delegation aus Burgdorf bei Partner-Kirchenkreis in Südafrika

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Die Begeisterung wirkt ansteckend. Im gemeinsamen Chorgesang wurden die unterschiedlichen Temperamente der Besucher aus Deutschland und der Südafrikaner deutlich. Bild: Stefan Heinze

Eine Kirche, die neue Gemeinden gründet – das kann man sich in Deutschland kaum vorstellen. Doch in Südafrika im Kirchenkreis Johannesburg-West gibt es das.

Dessen rund 4000 Christen der Evangelisch-lutherischen Kirche im südlichen Afrika (ELCSA) verbindet seit nunmehr 30 Jahren eine Partnerschaft mit dem Kirchenkreis Burgdorf in der Region Hannover. Kürzlich hat eine 21–köpfige deutsche Reisegruppe die Partner auf einer musikalisch geprägten Reise besucht. Neben lebendigen Gottesdiensten, tiefer Frömmigkeit und hohem ehrenamtlichen Engagement erlebte die Gruppe auch eine Kirche mit wachsendem Selbstbewusstsein.

Bevor diese Dinge den Gästen so richtig bewusst werden konnten, mussten insbesondere diejenigen, die erstmalig dabei waren, den Anblick der krassen Unterschiede von Arm und Reich in diesem Land verkraften. Viele der Schwarzen, Coloureds, Indians und Asians der „Rainbow-Nation“ leben weiterhin in meist außerhalb der Städte gelegenen Townships in bescheidenen Häusern oder gar einfachen Holz- und Wellblechhütten, wie in dem für seine Kriminalität berüchtigten Johannesburger Stadtteil Diepsloot.

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Gladys Mlangeni, Poppie Kubheka und Eva Mkabinde erwirtschaften mit Handarbeiten Geld für das Aids-Projekt des Kirchenkreises Johannesburg-West. Der Kirchenkreis Burgdorf unterstützt das Projekt finanziell. Bild: Stefan Heinze

Für die vom Burgdorfer Superintendenten Ralph Charbonnier und dem Partnerschaftsbeauftragten Hans-Dieter Pauli geleitete Gruppe haben sich diese Bilder tief eingeprägt. Die Bettdecke mit dem Gastgeber teilen, umherlaufende Ratten vor dem Quartier oder gar durch die Dunkelheit hallende Schüsse in Alexandra, einem der ärmsten Viertel Johnnesburgs, brachten manche an ihre Grenzen.

Andere wohnten zur gleichen Zeit bei einem schwarzen Gastgeber im Nobelquartier mit eigenem Koch, das jedoch hinter Elektrozaun und mit Wachpersonal. Es gibt eben inzwischen auch reiche Menschen dunkler Hautfarbe in Südafrika. „Während früher die Grenzen zwischen Schwarzen und Weißen verliefen, werden jetzt die Zäune zwischen den Armen und den Reichen hochgezogen“, beschrieb Charbonnier seine Eindrücke vor Ort.
Die Strukturen der Apartheid wirken aber rund 18 Jahre nach ihrer endgültigen politischen Abschaffung und 100 Jahre nach Gründung des Afrikanischen Nationalkongresses fort. Wer im Township wohnt, dessen Kinder gehen auch dort zur Schule. Dass in diesen Klassen keine Kinder der gerade einmal rund zehn Prozent weißen Südafrikaner auftauchen, verwundert nicht.

Auch bei den lutherischen Kirchen ist die Trennung noch spürbar. Neben der ELCSA besteht die ursprünglich weiße Evangelical Lutheran Church in South Africa (Natal-Transvaal) fort. Die hat heute zwar auch nicht-weiße Mitglieder. Initiativen zur Fusion sind aber gescheitert.

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Die gut organisierte Prayer Women’s League ist eine wesentliche Stütze des Ehrenamtes im südafrikanischen Partnerkirchenkreis. Bild: Stefan Heinze

Keine Überraschung war für die Reisenden, dass Aids besonders in den Armenvierteln grassiert. Dabei zu sein, als Pastor Johannes Motlhatlhedi aus Randfontein in einem Gesundheitszentrum in Wedela eine Aidskranke segnete, regte die Gäste zu einer spontanen Spendenaktion für das Zentrum an.

Einige Besonderheiten der Gottesdienste in der Partnerkirche werden am Vergleich klar. Man stelle sich vor, in der Burgdorfer St.-Pankratius-Kirche stimmten Gemeindemitglieder ohne Absprache mit dem Pastor oder Kantor Lieder an, übernähmen auch gleich die Rolle des Vorsängers, die Gemeinde geriete bei rhythmischem Gesang in Bewegung und die Gebete würden frei gesprochen.

„Das ist ein sehr eigenständiger Glaube aus einer persönlichen Gottesbeziehung heraus“, erklärte Charbonnier, den besonders die Ursprünglichkeit der Gottesdienste in den Townships faszinierte. Seiner Ansicht nach, ließen sich Elemente davon auch daheim aufnehmen, zum Beispiel, dass Laien ihre Ideen mehr in den Gottesdienst einbringen.

„Je wohlhabender die Mitglieder werden, desto mehr nähern sich die Formen unseren Formen an“, hat der Superintendent aber in Gemeinden wie Coronationville oder in Midrand beobachtet. In dem zwischen Johannesburg und Pretoria gelegenen Midrand entsteht derzeit eine neue Gemeinde. Was dort in noch angemieteten, vornehmen Räumen geschieht, geht aber auch einfacher. Im Township Cosmo City betet Missions-Pastor Richard Munzhelele mit den Christen noch in seiner Garage. Im Slum Diepsloot dient ein sehr bescheidenes Wohnhaus als Gottesdienstraum.

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ELCSA-Bischof Ndanganeni Phaswana, Superintendent Desmond Lesjane und Superintendent Ralph Charbonnier gestalten gemeinsam die Wiedereinweihung der Kirche der St.-Stephens-Gemeinde.

Die Kirchenkreispartnerschaft wird auch im 30. Jahr ihres Bestehens auf beiden Seiten weiter wichtig genommen. Sie „gibt uns die Möglichkeit, neu auf uns selbst zu schauen“, sagte Pastor Richard Agullhas von der Johannesburger St.-Thomas-Gemeinde. „Die Partnerschaft erweitert extrem meinen Horizont“, hieß es auf deutscher Seite von Heige Kienle, Abgesandte der Gemeinde Ilten-Bilm-Höver.
Während dieser Reise der Gruppe aus dem Kirchenkreis Burgdorf waren solche Erweiterungen nicht nur durch die Teilnahme an Gottesdiensten, bei Projektbesichtigungen oder in Gesprächen möglich. Zur Vorbereitung auf die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen der Partnerschaft stand auch ein gemeinsames Musikseminar auf dem Programm. Dass Kirchenkreiskantor Martin Burzeya mit den Reisenden sogar südafrikanische Lieder singen konnte, quittierten die Partner mit Jubel.
 

Von Stefan Heinze / Evangelische Zeitung

Das Selbstbewusstsein ist gewachsen - Die Südafrikaner wollen mehr geben

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Kirchenkreiskantor Martin Burzeya (unten, links) und der Kirchenmusiker Lawrence Matlokwe tauschen sich über die Interpretation eines Chorwerkes aus. Bild: Stefan Heinze

Sei es die Förderung von Schülern und Studenten, eines Aids-Projektes oder von Bauvorhaben – bei der diakonischen Unterstützung seiner südafrikanischen Partner war es dem Kirchenkreis Burgdorf stets wichtig, Entscheidungen gemeinsam zu fällen und so auf Augenhöhe zu handeln. Gleichwohl war für die Delegation aus Deutschland bei der jüngsten Reise ein Wandel spürbar, den Pastor Calvin Vilander aus Coronationville bei einem Treffen von Verantwortlichen für die Partnerschaft so einfach wie bezeichnend zum Ausdruck brachte: „Wir wollen auch etwas geben.“ Das kann aus seiner Sicht schon ein kurzes Gebet für die Partnergemeinde sein. Man müsse nur wissen, was die Gemeinde bewege. Pastor Richard Agullhas von der Johannesburger City-Gemeinde St. Thomas korrigierte bei einer Diskussion der Gäste mit Theologen der Universität (UNISA) in Pretoria einen aus seiner Sicht falschen Eindruck: „Wir sind keine arme Kirche“, brachte Agullhas, der noch bis zur Jahreswende den Entwicklungsdienst seiner Kirche geleitet hat, ein gewachsenes Selbstbewusstsein zum Ausdruck. Die Kirchenkreise haben nun vereinbart, zunächst die eigenen Ziele für die nächsten Jahre auszuloten und dann zu schauen, wo und wie die Gemeinden im Osten Hannovers von den Südafrikanern lernen können. Finanzielle Projektförderung in der Gegenrichtung soll es aber weiterhin geben.

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 Bild: dergestalter / photocase.com

Gelebte Partnerschaften

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Partnerschaften ins südliche Afrika bestehen in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers einige - viele davon sind historisch über lange Zeit gewachsen. Für die Fragen kirchlicher Partnerschaften ist im Landskirchenamt Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer zuständig.