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Bild: Jens Schulze

Zwischen den Jahren

Tagesthema 28. Dezember 2011

Kehraus und Neustart
Die Redewendung „zwischen den Jahren“ bezeichnet ein ganz besonderes Lebensgefühl

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Stille Zeit  Bild Jens Schulze

„Zwischen den Jahren“ ist nicht nur eine Redewendung für die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar. Sie bezeichnet auch Tage mit einem ganz besonderen Lebensgefühl. „Für mich zählen sie zur schönsten Zeit des Jahres“, schwärmt die Bremerin Sabine Hatscher. „Ich räume auf, was liegengeblieben ist, ganz real und auch im übertragenen Sinn.“ Wie viele andere auch blickt sie auf das alte Jahr zurück und wagt innerlich einen Ausblick auf das, was kommt.

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Stille Zeit  Bild: Jens Schulze

Auch für den leitenden Theologen der Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms, haben die Tage etwas Besonderes. „Irgendwie scheint die Zeit ein wenig stillzustehen“, meint er. „Das Leben geht ein bisschen langsamer - jedenfalls für diejenigen, die dann nicht an der Umtauschkasse stehen.“ Seinen Ursprung hat das geflügelte Wort in einem Streit über den Zeitpunkt der Geburt Christi und den Jahresanfang zu Beginn der neuen Zeitrechnung.

Glückssymbol
Schornsteinfeger als Glücksbote für das neue Jahr. Bild: bilwissedition.com / epd-Bild

„Der Begriff erinnert daran, dass je nach Gegend und Zeit sowohl am 25. Dezember, am 1. Januar als auch am 6. Januar Jahresbeginn gefeiert wurde“, erläutert der Kölner katholische Theologieprofessor Manfred Becker-Huberti. Er hat sich ausführlich mit dem Brauchtum zum Jahreswechsel beschäftigt und weiß, dass sich erst seit dem 17. Jahrhundert der 1. Januar als offizieller Jahresbeginn mit allgemeiner Verbindlichkeit festigte: „Die Zeit zwischen den verschiedenen Jahresanfängen, das war die Zeit zwischen den Jahren.“

Glücksbringer Schwein
Glücksbringer Schwein Bild: Franz Waldhäusl / epd-Bild

Vor Christi Geburt begann das römische Amtsjahr am 1. Januar. Ein Datum, das mit dem am ersten Advent beginnenden christlichen Kirchenjahr in Konflikt geriet. Im Mittelalter wechselte die Kirche den Neujahrsbeginn mehrmals, bis Papst Innozenz XII. im Jahr 1691 den letzten Tag des Jahres endgültig festlegte und nach Papst Silvester I. benannte.

Becker-Huberti erzählt von vielerlei Volksbräuchen zwischen den Jahren. Vom Neujahrstanz, der für Harmonie steht, die das ganze Jahr über anhalten soll. Von Glücksbringern wie Kleeblättern, Hufeisen und Schornsteinfegern. Weit verbreitet sind heute noch Aberglauben und Bräuche, nach denen in dieser Zeit keine Wäsche gewaschen, nicht gesponnen und erst recht nicht genäht werden darf, um ja kein Unheil heraufzubeschwören. Und angeblich gehen alle Träume dieser Nächte im neuen Jahr in Erfüllung.

Papst Silvester
Im Mittelalter wechselte die Kirche den Neujahrsbeginn mehrmals, bis Papst Innozenz XII. im Jahr 1691 den letzten Tag des Jahres endgültig festlegte und nach Papst Silvester I. benannte. Darstellung aus dem Stephansdom in Wien. Bild: Walter G. Allgöwer / epd -Bild

Zu den wiederkehrenden Ritualen gehören zudem Neujahrvorsätze, die allerdings selten durchgehalten werden. Schluss mit Zigaretten und Alkohol, gesünder essen und mehr bewegen für eine schlanke Linie - von Vorsätzen dieser Art hält die Bremerin Sabine Hatscher wenig. „Ich arbeite lieber Dinge nach, die mir beim Aufräumen in die Hände gefallen sind, ich ordne Fotoalben oder rede bei Kerzenschein und Tee mit Freunden.“

Renke Brahms, der auch Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, macht die Zeit Mut, weil sie dazu einlädt, im neuen Jahr aktiv zu werden: „Wir sind nicht Gefangene der manchmal so bedrückenden Gegenwart und keinem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert. Wir dürfen den Blick nach vorne wagen, der mit Hoffnung, erhobenem Haupt und aufrechtem Gang verbunden ist. Das kann Mensch und Welt verändern.“

Zwischen den Jahren ist für Brahms zudem eine treffende Beschreibung christlicher Existenz überhaupt. „Das bedeutet manches Mal, zwischen den Stühlen Platz zu nehmen, wenn wir uns äußern zu Fragen der sozialen Spaltung unserer Gesellschaft, zu ethischen Fragen am Beginn oder am Ende des Lebens oder zu Krieg und Frieden.“ Das sei nicht immer bequem. „Aber es ist ein für unsere Gesellschaft wichtiger Ort.“
 

Dieter Sell / epd

Der epd-landesdienst Niedersachen-Bremen

Der epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen reicht von dem traditionsreichen Studentenort Göttingen über den Stadtstaat Bremen bis zu den ostfriesischen Inseln. In Hannovers Altstadt gleich neben der Marktkirche hat die Zentrale des Landesdienstes ihren Sitz. Ihr arbeiten die Kolleginnen und Kollegen aus den Regionalredaktionen und Korrespondentenbüros in Braunschweig, Bremen, Göttingen-Hildesheim, Lüneburg, Oldenburg-Ostfriesland und Osnabrück zu.
 

Zum Landesdienst - dort auch Informationen über Dieter Sell und Karen Miether, Redakteure beim epd

Der Heilige des letzten Tages

Angeblich hat Papst Silvester I. den kranken römischen Kaiser Konstantin den Großen vom Aussatz geheilt und getauft. Dies dokumentiert die Konstantinische Schenkung. Sie ist allerdings eine gefälschte Urkunde, deren Entstehung man im 6. oder 7. Jahrhundert vermutet. Nach diesem Dokument soll Konstantin zuum Dank für seine Heilung Silvester das sogenannte Patrimonium Petri geschenkt haben - die Grundlage des späteren Kirchenstaates.

Die Behauptungen der Legende halten einer Überprüfung nicht stand: Konstantin hatte bereits 313 im Toleranzedikt von Mailand das Christentum offiziell erlaubt, Silvesters Vorgänger Miltiades das Gelände des heutigen Lateranpalastes übergeben lassen. Silvester war es, der über dem Petrusgrab in Rom, im Gräberfeld des Vatikanischen Hügels, die erste Petruskirche erbauen ließ.

Silvester starb am 31. Dezember 335. Sein Leichnam wurde in der Priscillakatakombe an der Via Salaria Nova in Rom beigesetzt.

 

Alle Jahre wieder gute Vorsätze
Drei Fragen an den Gewissensexperten Klaus Hampe

Der Gewissensexperte Klaus Hampe hat im NDR-Hörfunk schon mehr als 250 knifflige Fragen beantwortet. Seit fünf Jahren berät der Journalist aus Hermannsburg bei Celle für die „Evangelische Kirche im NDR“ regelmäßig Hörer zur Ethik im Alltag. Im epd-Gespräch beantwortet er, warum die Menschen zum neuen Jahr immer wieder gute Vorsätze fassen und sie fast genauso oft schnell wieder brechen.

epd: Ist es sinnvoll, sich ausgerechnet zum Jahreswechsel gute Vorsätze zu machen?

Klaus Hampe: Eigentlich ist es hervorragend, wenn Menschen sich Ziele setzen, um weiterzukommen. Man könnte aber genauso zum 17. April oder irgendeinem anderen Tag Vorsätze fassen. Der Jahreswechsel ist ein gemeinschaftliches Datum. Es wäre also vor allem sinnvoll, sich etwas vorzunehmen, was die Gemeinschaft betrifft. Dazu kann es gehören, mit anderen Menschen besser umgehen zu wollen. Mit dem Rauchen aufzuhören, kann ich mir genauso gut jeden Donnerstag vornehmen.

epd: Dennoch ist der Jahreswechsel ein beliebtes Datum für gute Vorsätze. Warum werden wir dann aber immer wieder schwach?

Klaus Hampe: Weil sich viele vornehmen, anders zu werden und sich dabei überfordern. Man sollte sich eher sagen: Ich versuche, zum Beispiel nicht mehr zu rauchen. Wenn das klappt, belohne ich mich. Wenn es nicht klappt, kann ich mir aber auch verzeihen. Man sollte sich nicht selbst wie ein böser Lehrer gegenüberstehen, der sich bestrafen muss, weil er sich zu hohe Ziele gesetzt hat.

epd: Was können wir tun, damit aus Vorsätzen auch Taten werden?

Klaus Hampe: Wir sollen uns erlauben, zu versagen und noch mal neu anfangen zu dürfen. Dann können wir jedesmal ein kleines bisschen besser werden. Wichtig ist es, gnädiger zu sich selbst zu sein. Außerdem ist es einfacher, sich eine positive Verhaltensweise anzutrainieren, als sich eine schlechte abzugewöhnen. Man sollte sich also nicht einfach nur vornehmen, mit dem Rauchen aufzuhören. Stattdessen könnte man planen, öfter Obst zu essen, statt zur Zigarette zu greifen.

epd-Gespräch: Karen Miether

Die Radiokirche im NDR