2011_12_28

Bild: Imma Schmidt 

Marionetten für den Glauben

Tagesthema 27. Dezember 2011

„Jede Puppe wird für uns zur Persönlichkeit“

Alle Besucher sitzen schon an ihren Plätzen, eine Lampe beleuchtet nur die Notenblätter des Gitarrenspielers Reiner Tesche. Warmes Kerzenlicht und die lustigen kleinen Bühnenscheinwerfer der Marionettenbühne erhellen den Raum so gerade eben. Doch mehr Licht ist auch nicht gewünscht, alle Zuschauer der Seniorenadventsfeier in Espelkamp-Isenstedt schauen gebannt in die liebevoll ausgestaltete Schusterwerkstatt des armen Schusters Martin.

Tesche ist pensionierter Pastor und gehört mit seiner Frau und fünf weiteren Spielern zur „Kleinen Malche-Bühne“. Er lässt die Geschichte des armen Schusters durch seinen Gesang lebendig werden und wenn der Straßenfeger sein Lied singt, sogar „die Puppen tanzen“. Geleitet wird das Ensemble von der Diakonin Susan Heydecke, sie hat in den vergangenen 20 Jahre weit mehr als 150 Marionetten gebaut.

Praktikantin bei der „Augsburger Puppenkiste“

Sogar einen „Springer“ gibt es im Team, einen früheren Mitspieler, der nur noch gelegentlich bei Auftritten dabei ist. Licht, Ton, Musik – nicht nur die Figuren, die selbst gebaut werden – alles macht die Truppe selbst. Sie verbindet übrigens auch das theologisch-pädagogische Seminar „Malche“ in Porta Westfalica, an der Grenze zu Niedersachsen.

Susan Heydecke ist die Seele und der Kopf des Ensembles, die Ideengeberin für Stücke und die versierteste Marionettenbauerin der Truppe: Die Diakonin lebt für das Marionettentheater. Annegret Tesche, die Frau des Pastors und Führerin des Mädchens und der Marktfrau in diesem Stück, lacht: „Wir anderen arbeiten eigentlich nur zu.“ Susan Heydecke wehrt ab, freut sich aber sichtlich an der Anerkennung und dem Zusammenspiel der Bühnenkollegen.

Wenn sich Fäden verheddern, ist Susan Heydecke gefragt

„Wir spielen immer eigene Stücke und bauen alle Puppen und das Bühnenbild mit allen Requisiten selbst!“, berichtet sie stolz. „Wir müssen uns ja auch nach den Möglichkeiten der Puppen richten.“ Jetzt ist sie etwas entspannter, in der Pause hatte sie die neugierige Journalistin hinter der Bühne gar nicht bemerkt – bei einer Figur hatten sich die Fäden verheddert und dann kann nur sie helfen. Sowieso ist die Truppe während der Aufführung „voll konzentriert“.

Wie fing es an? Ende der 1980er-Jahre wollte sie ihrem Bruder eine Marionette schenken. „Ganz primitiv“ sei die erste Puppe gewesen. Danach hatten Schülerinnen sie „gelöchert“, so hat sie angefangen, Puppen zu bauen, „ganz primitiv!“ sagt sie, aus Pappmaché. „Und obwohl die Puppen nichts taugten, haben wir damit Theater gespielt!“, scheint Susan Heydecke noch heute über ihren Mut zu staunen.

Sie zeigt den Unterschied, hält zwei Puppen in alter und neuer Bauweise nebeneinander. Die Gesichter der neuen Puppen sind feiner gezeichnet und ausdrucksstärker. Heute arbeitet die Bühne mit Holzmodelliermasse. „Damit kann man besser formen, später schnitzen und schmirgeln und vieles korrigieren“, freut sich Heydecke. Und die Puppen sind gewachsen – von 20 auf im Mittel 35 Zentimeter.

Seit den Anfängen dieser Leidenschaft spielt Susan Heydecke. Oftmals tritt sie mit Soloabenden auf, unterhält die Leute zweieinhalb Stunden mit verschiedenen Puppen. „Jede einzelne wird für uns zur Persönlichkeit, wir verwenden auch keine alten Puppen für andere Stücke – Schuster Martin bleibt Schuster Martin.“

In der Adventszeit 1997/98 konnte sie dann „große Bühnenluft“ schnuppern – sie ging als Praktikantin zur Augsburger Puppenkiste. Bei den Vorstellungen schaute sie sich manches ab. Sie arbeitete in der Werkstatt mit, baute Marionetten und Requisiten, die vielfach mit Nessel kaschiert und dann mit Wandfarbe bemalt werden. So wird aus einer großen Konservendose der wärmende Ofen und Schuster Martins Werkstatt. Einen Esel hat sie in Augsburg gebaut. „Tiere sind besonders kompliziert.“ Und sie erinnert sich: „Ich kannte meine Schwächen im Puppenbau. Das Tolle war, dass ich in Augsburg daran arbeiten konnte. Dadurch wurden meine Puppen spielbarer.“

Ungefähr ein Jahr Vorbereitungs- und Probenzeit kostet ein Stück, das immer einen biblischen Hintergrund thematisiert. Die letzten drei Wochen vor der Premiere sind hart. „Da kommt es mir manchmal sogar entgegen, dass ich nur eine halbe Stelle habe“, sinniert Heydecke inmitten des Abbautrubels in Espelkamp. Der große Traum der Truppe: Zu Hause auf dem Hof in Petershagen, wo auch einige von ihnen wohnen, eine „Kulturdiele“ zu gestalten, wo einmal im Monat auch Aufführungen stattfinden. Der Umbau hat bereits begonnen. Vielleicht auch ein Puppenmuseum? Zumindest alle Puppen aus den Stücken sollen zu sehen sein.

Imma Schmidt / Evangelische Zeitung

Der Ursprung liegt im „Bibelhaus Malche“
Ein christliches Missionswerk in Porta Westfalica

Die „Malche“ ist ein christliches Missionswerk innerhalb der Evangelischen Kirche mit Sitz in Porta Westfalica. Sein Ursprung liegt im „Bibelhaus Malche“, das 1898 von Pastor Ernst Lohmann gegründet wurde. In einem theologisch-pädagogischen Seminar bildet die Malche staatlich und kirchlich anerkannt aus. Die Fachschule für Sozialpädagogik qualifiziert zum Erzieher/ zur Erzieherin. Ein theologisches Grundstudium ist Teil dieser Ausbildung. Das Seminar für Gemeindepädagogik schließt daran an und qualifiziert für den hauptamtlichen Dienst in allen Gliedkirchen der EKD, in freien Werken und Gemeinden. Außerdem bietet die Schule Mitarbeiterausbildungen an der „Akademie für Ehrenamtliche“ und einzelne Tagungen an und unterstützt die Vernetzung von Ehemaligen durch den „Malche-Verband“.

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