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Gedanken zur Weihnacht

Tagesthema 23. Dezember 2011

Weihnachtsgruß von Landesbischof Ralf Meister

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Ausschnitt des Flügelaltars in Greve, Bild: Jens Schulze

Der Weg führte entlang der Weser in den kleinen Ort Grave. Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs. In der kleinen Dorfkirche wurde uns ein faszinierendes Altarbild gezeigt. Michael Triegel aus Leipzig hat es vor fünf Jahren gemalt.

Im Hauptbild des dreiflügeligen Altars sieht man Maria, Joseph und umhüllt von einer Gloriole das neugeborene Kind. Drei Menschen in der heiligen Nacht. Die junge Maria, der alte Joseph und das kleine Kind in einem Raum aus Stein und Brettern. Im Mauerdurchbruch weiße Lilien, die Blumen der Maria. Auf dem Boden an der Krippe Brot und Wein, Vorboten des Abendmahls. Über ihnen formen die Dachbalken ein großes Alpha, der erste Buchstabe des griechischen Alphabets. Ein Symbol für den Beginn der neuen Welt. Daneben Joseph mit grauem Haar und eingefallenen Gesichtszügen, der die Flamme der Lebenskerze sorgsam schützt. Von der Jugend bis zum Alter - die ganze Spannbreite des Lebens beugt sich über den neugeborenen Gottessohn.
Was zunächst nach einer traditionellen Krippenszene aussieht, ändert sich beim Blick über den Rand der einfachen Herberge hinaus. Denn der ganze Stall hängt in eigenartiger Weise an langen Seilen. Man erkennt nicht das System, man sieht nur, wie Taue die Bretter umfassen. Blinkende Sterne und kosmische Lichter funkeln im Hintergrund. Diese Geburt hängt mitten im Universum.
Der Ursprung für dieses fast schwebende Bild ist ein rätselhafter Satz bei Hiob im Alten Testament. Dort heißt es: „Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts“. Im leeren Raum entsteht Gott, seine Gegenwart in Christus in dieser Welt ist aufgehängt in der Unendlichkeit des Kosmos. Im leeren Raum, in dem nichts hält, entfaltet Gott seine Kraft, seine Gravitation und Majestät.

Hier schiebt sich ein hell erleuchteter Lebensraum vor die Dunkelheit und bewahrt unseren Blick vor der Verlorenheit im dunklen Universum.
Die Bewohner dieses Stalls haben lange nach einem Raum gesucht. „Und sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ heißt es in der Weihnachtsgeschichte (Lukas 2,7)
Nun finden sie sich schwebend in einem abgegrenzten, schützenden Ort. Es ist eine menschliche Grundgeste einen Raum in dieser Welt zu suchen. Zur Welt kommen heißt immer auch, in einen Raum hinein zu kommen. Und weil diese Geste so grundlegend ist, durchzieht sie unsere ganze Existenz. Die erste Suche der Eltern, nachdem das Neugeborene den umhüllenden Raum des Mutterleibes verlassen hat, ist die Suche nach einer Herberge, ganz egal ob Krippe oder perfekt gestyltes Kinderzimmer. Unser Leib braucht einen Raum, sonst stürzt er ins Nichts. Und so ist die Krippe mehr als nur eine notdürftige Unterkunft. Joseph, Maria und Jesus fanden den einen Raum, in dem sie Wohnung nehmen konnten, mitten in der unbeschreiblichen Dunkelheit um sie herum.
So ist Gottes Ankommen in unserem Leben. Er hat im unendlichen Universum diese Welt als Bethlehem ausgewählt. Hier will er wohnen. Auf dieser Erde will er mit den Menschen leben. Und so schützt er uns vor den Haltlosigkeiten und der Dunkelheit. Mit seinem hellen Schein umhüllt er unsere verletzliche Existenz.

Ich wünsche Ihnen am Heiligen Abend und an den Tagen, die diesem Abend folgen, einen Raum, in dem sie Gottes tröstende und schützende Nähe erleben werden.

Friede sei in Ihren Häusern.
Ihr

Ralf Meister

Die Weihnachtsgeschichte nach dem Lukasevangelium

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen:

Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen:
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen. 

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Lukasevangelium 2,1-20 (Luther 1984)