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Bild: Wiebke Dockhorn

Der Glanz des Himmels

Tagesthema 19. Dezember 2011

Norddeutsche Manufaktur fertigt Blasinstrumente für den großen Auftritt zum Fest

Blasinstrumente im Wert eines Kleinwagens, die gibt es in der Bremer Manufaktur Lätzsch Brass. Hier entstehen Posaunen, die traditionsreiche Handwerkskunst und innovative Technik verbinden. In der Bleiküche fängt alles an.

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 Bild: Dieter Sell

Dunkle Schwaden liegen in der Luft. In der Bleiküche von Hans-Hermann Nienaber raucht, zischt und blubbert es. Kaum zu glauben, dass hier unter den Händen des Meisters Einzelteile von Blasinstrumenten entstehen, die später prächtig glänzen. Die Manufaktur des Bremers gehört zu den ersten Adressen für Berufsmusiker nicht nur in Deutschland. Nienaber fertigt aus feinstem Goldmessing Posaunen und Trompeten, die jetzt zu Weihnachten ihren ganz großen Auftritt haben.

„Macht hoch die Tür“ oder „Stille Nacht“ und „Alle Jahre wieder“ - was wären die Weihnachtsklassiker ohne das „Flächengold“, wie Bläser ihre Instrumente liebevoll nennen. Gerade in der Adventszeit und zum Fest sorgt das „Blech“ für prächtige Atmosphäre in Kirchen und Konzertsälen. Der Klang der Posaunen bringe etwas „vom besonderen Glanz des Himmels auf die Erde“, formuliert es Pastor Bernhard Silaschi, Leitender Obmann im Evangelischen Posaunendienst Deutschland.

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 Bild: Dieter Sell

Damit das gelingt, ist bei Hans-Hermann Nienaber traditionelle Handwerkskunst genauso gefragt wie moderne Technologie. 1949 eröffnete Herbert Lätzsch in Bremen einen Laden, aus dem mit der Zeit eine Manufaktur wurde, die insbesondere unter Profimusikern einen guten Klang hat. 1967 kam Nienaber als Lehrling dazu. Nun ist er 59 und findiger Kopf eines kleinen Unternehmens, das sich gegen die mächtige Konkurrenz aus Asien behauptet. Nach seinem Gründer heißt es noch immer „Lätzsch Brass“ und ist in der Bremer Schmidtstraße angesiedelt, im Szeneviertel nahe der Innenstadt.

„Viele Posaunen werden in China exakt nachgebaut und klingen mittlerweile auch gut“, räumt Nienaber ein. Deshalb setzt der Instrumentenbauer in Blaumann und Birkenstock-Sandalen auf Service, Individualität und Innovation. Egal, ob es Big-Band-Sound oder getragener Choral sein soll: „Die Musiker erzählen uns ihre Vorstellungen, wir versuchen, das technisch umzusetzen“. Der Aufwand variiert von Instrument zu Instrument: Eine Altposaune ohne Ventil besteht aus einer Handvoll Teilen, bei einem komplizierten Modell können es weit mehr als hundert sein.

Außer den vorderen Schallbechern wird fast alles in der eigenen Werkstatt hergestellt. So wie die Rohrstücke, die zuerst erhitzt, mit Blei gefüllt und erst dann gebogen werden, damit das dünne Metall nicht knickt. „Außen dehnt sich das Material, innen staucht es sich. Dadurch entstehen Falten, die wir anschließend mit einem Hammer glätten“, erklärt Nienaber. An einem komplizierten Instrument arbeitet er bis zu zwei Wochen.

Das alles passiert im geordneten Chaos einer Werkstatt, aus der Drehbank und Schraubstöcke wie kleine Leuchttürme hervorragen. Bis zur „Hochzeit“, dem Zusammenbau aller Einzelteile, wird gefeilt, geschliffen, gezogen, gepresst, gelötet und am Ende lackiert. Nur den letzten Schritt erledigt ein Spezialist, mit dem Nienaber eng zusammenarbeitet. So entstehen Posaunen und Trompeten, die eine Anschaffung für das Leben sind und manchmal so viel kosten wie ein Kleinwagen. Die Preise bewegen sich zwischen 2.700 und 12.000 Euro.

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Bild: Dieter Sell

Dafür ist jedes Instrument ein Unikat. Besonders stolz ist Nienaber auf ein kugelgelagertes Ventil aus Karbon, das den Luftstrom steuert und das die Bremer selbst erfunden haben. Es macht das Spiel leichter und ergänzt mit modernster Technik ein altehrwürdiges Instrument.

Die Posaune wird schon in der Bibel beschrieben. So ist im Alten Testament die Rede von den sieben Posaunen, mit deren Schall die Stadtmauern von Jericho zum Einsturz gebracht wurden.

Mit der christlichen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts wurde die Posaune zur „mobilen Freiluftorgel“ bei Missionsgottesdiensten und zum verbindenden Instrument einer Massenbewegung. Heute gibt es etwa 7.000 Posaunenchöre mit rund 120.000 aktiven Mitgliedern, die unter dem Dach des Evangelischen Posaunendienstes Deutschland organisiert sind. Eine stattliche Zahl von Bläserinnen und Bläsern, die eine unüberhörbare Rolle spielen wollen, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland 2012 ihr „Jahr der Kirchenmusik“ feiert.

Rüdiger Hille, Landesposaunenwart in Bremen, spricht von einer generationenübergreifenden Arbeit. „In den Posaunenchören gibt es Bläserinnen und Bläser im Alter von acht bis 80.“ Häufig prägten ganze Familien die Szene. „Kinder, die ein Blechblasinstrument lernen, motivieren ihre Eltern zum Mitmachen und lassen eigene Erfahrungen der Älteren wieder aufleben.“ Eine Erfolgsgeschichte, die für Bundesobmann Silaschi viel mit der Posaune selbst zu tun hat: „Ihr Klang öffnet die Herzen und vermittelt Lebensfreude.“ Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
 

Dieter Sell (epd)

Posaunenchöre gehören zur evangelischen Kirche wie das sprichwörtliche „Amen in der Kirche“. Die EKD hat für das Jahr 2012 das Themenjahr der Reformationsdekade unter den Schwerpunkt „Reformation und Musik“ gestellt - da dürfen die Posaunenchöre nicht fehlen. In den evangelischen Kirchen Hannovers und in Westfalen steht das Jahr der Kirchenmusik unter dem Motto „Gottesklang“. Egal, ob vielstimmig gesungen, mit Instrumenten musiziert oder gejazzt. Was auch immer kirchenmusikalisch aufgeführt wird, geschieht einzig zum Lobe Gottes: „soli deo gloria“.

Die Internetseite zum Jahr der Kirchenmusik