2011_12_19

Bild: Jens Schulze 

„Die Heide blüht lila“

Tagesthema 18. Dezember 2011

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“

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Ein breites Bürgerbündnis hat am vierten Adventswochenende in Eschede bei Celle gegen ein Treffen von Neonazis demonstriert. Bild: Jens Schulze

„Rechtsextremismus ist Gift für unser Land“ steht auf dem Schild, das Wilfried Manneke fest umgreift. Gemeinsam mit rund 400 anderen demonstriert der evangelische Pastor am Sonnabend vor dem Bahnhof im Heideort Eschede gegen Neonazis. Das tun sie regelmäßig. In dem Ort bei Celle hat der Landwirt Joachim Nahtz seinen Hof zu einem Treffpunkt der rechten Szene Norddeutschlands gemacht. Diesmal sind mehr Gegendemonstranten gekommen als sonst - auch aus Solidarität mit Manneke und einem weiteren Organisator der Proteste.

Erst vor wenigen Tagen haben der Pastor aus Unterlüß und Klaus Jordan aus Niederohe bei Faßberg Brandsätze vor ihren Häusern entdeckt. Bei den Anschlägen wird ein rechtsradikaler Hintergrund vermutet, der Staatsschutz ermittelt. „Wir stehen hier heute, um deutlich zu machen, wir lassen uns nicht einschüchtern“, ruft der Pastor in die Menge. Zu der Demonstration hat ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und anderen Institutionen aufgerufen. Fahnen der Antifa wehen neben Schildern der Kirche mit der Aufschrift „Die Heide blüht lila nicht braun“.

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Ein breites Bürgerbündnis hat am vierten Adventswochenenede in Eschede bei Celle gegen ein Treffen von Neonazis demonstriert. Bild: Jens Schulze

Viele hier engagieren sich seit Jahrzehnten. Sie haben mehrfach erfahren, wie es ist, wenn die neuen Nazis in der Region Fuß fassen. Bärbel Dethlefs hat ihr Klapprad dabei, wegen der Arthrose in den Knien, ist sie nicht gut zu Fuß. Die 71-Jährige aus Hermannsburg gehörte zu den ersten, die mit demonstrierten, als in den 1980er und 90er Jahren im Nachbarort Hetendorf ein Zentrum der Rechtsextremen entstand. „Die Antifa hat uns darauf gestoßen“, erinnert sie sich. Der vor zwei Jahren an einem Schlaganfall gestorbene rechtsextreme Anwalt Jürgen Rieger richtete in Hetendorf ein Schulungszentrum ein. Das „Heideheim“ wurde nach vielen Protesten 1998 vom niedersächsischen Innenminister geschlossen.

Auch Wilfried Manneke engagierte sich gegen das Schulungszentrum, nachdem er 1995 in die Heide kam. 13 Jahre lang war er zuvor Pastor in Südafrika, noch unter dem System der Rassentrennung. „Ich habe erlebt, was eine menschenfeindliche Ideologie anrichten kann. Rassismus spaltet die Gesellschaft“, sagt er. Hinzu kam, dass es den Neonazis gelungen war, Jungen aus seiner Gemeinde zu rekrutieren, von denen er einige gerade erst konfirmiert hatte. Gemeinsam mit anderen baute Manneke ein Präventions-Netzwerk auf, um so etwas in Zukunft zu verhindern.

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Ein breites Bürgerbündnis hat am vierten Adventswochenenede in Eschede bei Celle gegen ein Treffen von Neonazis demonstriert. Bild: Jens Schulze

Als der NPD-Funktionär Rieger vor mehr als drei Jahren erneut eine Immobilie im nahe gelegenen Faßberg übernehmen wollte, spornte das den Widerstand an. Rieger hatte versucht, in einer Zwangsversteigerung ein Hotel zu erwerben. Nach juristischem Tauziehen, verhinderte schließlich sein Tod, dass das „Gerhus“ in die Hände von Rechtsextremisten fiel. Klaus Jordan initiierte regelmäßige Mahnwachen vor dem Hotel. Schon damals wurden er und seine Lebensgefährtin von Neonazis bedroht. Auch wenn es in der Region inzwischen vier Initiativen gegen Rechtsextremismus gibt, die untereinander vernetzt sind, geht ihm das Engagement nicht weit genug.

Die Demo in Eschede haben der Deutsche Gewerkschaftsbund und der örtliche „Arbeitskreis für Demokratie und Menschenrechte“ angemeldet. Der Arbeitskreis wurde 2007 gegründet. Spät finden manche. 1999 geriet Eschede unrühmlich in die Schlagzeilen, als zwei Neonazi-Skinheads einen Einwohner bis zum Tod prügelten. Auf dem Hof Nahtz versammeln sich schon seit etwa 20 Jahren Alt- und Neonazis. „Die Mehrheit der Bevölkerung steht dem sehr passiv gegenüber“, sagt Gemeindepastor Christof von Butler. Er engagiert sich im Arbeitskreis. „Manche fragen mich, ob das denn sein muss.“

Auf dem Hof Nahtz trifft sich die Nazi-Szene in der Regel dreimal im Jahr zu „Sonnwendfeiern“ und zum „Erntefest“. Am Sonnabend bleibt es dort jedoch ruhig. Noch bevor die Gegendemonstration mit einer Andacht bei Kerzenschein zu Ende geht, werden dennoch am Bahnhof Pläne für die Sonnenwende im Sommer besprochen. Zwar weiß noch niemand, was dann auf dem Hof Nahtz los sein wird. Feststeht aber: eine Gegendemonstration wird es geben.

 

Karen Miether (epd)

Beschluss der hannoverschen Landessynode

Bei ihrer Tagung im November 2011 hat die Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers beschlossen, dass für Christen und Christinnen der Protest gegen rechts-extreme Gesinnung eine selbstverständliche Verpflichtung ist:

Für Christen und Christinnen ist der Protest gegen Rechtsextremismus – gegen rassistische, antisemitische und antidemokratische Einstellungen – eine unabweisbare Verpflichtung. Sie ergibt sich aus der Überzeugung, dass alle Menschen Gottes geliebte Kinder sind. Christen und Christinnen setzen sich daher für Demokratie und Menschenwürde ein.

Die Landessynode der hannoverschen Landeskirche ermutigt alle Bürger unseres Landes, sich friedlich, aber mit Nachdruck gegen menschenfeindliche und rechtsextreme Ideologien und Aktivitäten zu wenden.