2011_12_10

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Advent - Zeit der Lieder

Tagesthema 09. Dezember 2011

Hausmusik gehört zur Adventszeit: Gemeinsames Singen und Musizieren. Aber nicht nur zu Hause, sondern zu jeder Gelegenheit wird miteinander gesungen: konzertant das Weihnachtsoratorium, poppig und voller guter Laune auf den Weihnachtsmärkten, in vielen Gemeinden beim offenen Adventssingen: Und dort gehört dieses Lied auf jeden Fall dazu:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Die Nummer eins im Evangelischen Gesangbuch ist auch die Nummer eins unter den Adventsliedern, jedenfalls, wenn es um vorweihnachtliche kindliche Gänsehaut geht. Das Lied wird für mich immer Ausdruck fiebernder Vorfreude sein. Und das liegt daran, wie Melodie und Text ineinandergreifen. Gott soll mit sperrangelweit geöffneten Türen willkommen geheißen werden. Georg Weissel hat da in seinem Liedtext in der ihm eigenen Klarheit gedichtet. Die Sprachbilder sind voller Energie.

Doch wer war Georg Weissel? Ein 1590 in Domburg geborener Ostpreuße, dessen literarisches Herz im Dunstkreis eines Königsberger Dichter- und Musikerkreises schlug. Ausgebildet an der dortigen theologischen Fakultät sollte er in dieser Stadt als Pfarrer Wurzeln schlagen. Er verstarb früh. Sein berühmtes Adventslied ging erst sieben Jahre nach seinem Tod 1642 in den Druck. Erstmals vertonte es sein Freund Johann Stobäus, Kantor am Königsberger Dom. Die Komposition war strikt als Chorgesang gedacht. So war das Lied in seinen Anfängen eine Art sakrales Kunstlied, das die Gemeinde gar nicht singen sollte. Zum protestantischen Gassenhauer wurde es erst um einiges später. Das war anno 1704. Denn da wurde es im Freylinghausenschen Gesangbuch zu Halle eben mit jener Melodie abgedruckt, die es so populär werden lassen sollte.

Faszinierend ist die Kinderliedmelodik der schönen Art, die aber niemals trivial wird. Das ist mit Händen in der 5. und 6. Zeile jeder Strophe zu greifen, wo eine Art kirchliches „Backe, backe, Kuchen“ in tönende Kunst hinein realisiert wird. Das ist das Eine.

AltrossgaerterKirche
Die – nicht mehr erhaltene – Altrossgärtner Kirche in Königsberg, zu deren Einweihung 1623 Georg Weissel den Liedertext „Macht hoch die Tür“ verfasste.

Das Andere ist:

Das Lied ist raffiniert gedichtet und nach einer damals neu konzipierten Strophenform aufgebaut. Jede Strophe hat acht Zeilen, wovon sechs jeweils acht und die beiden letzten Zeilen auf Verknappung setzend nur noch sechs Silben haben. Das sorgt für Zug und Dynamik. Dieses Versmaß ist übrigens singulär im Evangelischen Gesangbuch. So etwas gibt es nur bei der Nummer eins.

Auch in der Sache fehlt es nicht an Raffinement. Psalm 24 und das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem sind geschickt miteinander verknüpft. Der Refrain der Strophen 1 bis 4 nehmen den Schluss der Perikope jubelnd auf: „Gelobet sei mein Gott“ (vergleiche Benedictus, Lukas 1). Und schließlich lässt Sacharja 9,9 als zentrale atmosphärische Vorlage für das Lied grüßen: „Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem jauchze! Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ Entsprechend festlich ist die Stimmung. Nie war so viel König, Königreich und Königskrone in einem evangelischen Kirchenlied beieinander. Dieses Stelldichein von königlichen Türöffnungsresonanzen in den biblischen Texten trifft genau, wie Christen Psalm 24 gedeutet haben. Die Tore, die in Psalm 24 geöffnet werden, sind die, die Jesus in Jerusalem in Empfang nehmen. Es sind zugleich die Tore, durch die Gott selbst in die Welt einzieht und Mensch wird.

Das wird nun so vor Augen geführt, dass in Strophe 1 Gott als König mit seinen trinitarisch verfassten Wesenszügen aufgerufen wird, als Heiland, als Lebensbringer und Schöpfer. Strophe 2 bindet andere Gotteseigenschaften ein: Gerechtigkeit, Sanftmut, Heiligkeit und Barmherzigkeit werden als Königsinsignien vor Augen geführt. Mit ihnen im Gepäck erklingt die Verheißung: Gott macht aller menschlichen Not ein Ende.

Strophe 3 formuliert einsetzend mit der Formel „O wohl“ eine Art Seligpreisung für Adventsorte, und zwar vom Ort der Nation, über den Ort der Kommune bis zum Raum des individuellen Herzens. Die vierte Strophe nimmt das auf und entwickelt, wie sich das Herz als Tempel Gottes adventlich vorbereiten kann. Das ist ‑ dies muss kritisch angemerkt werden ‑ nur beinahe richtig formuliert, insofern ernsthafte Andachtshaltung und Gottseligkeit als Bedingung ausgelobt werden, damit „der König auch zu euch“ kommt. Dass Gott selbst in jedem Fall die Toren und Türen eines Menschen öffnen will und wird – ohne fromme Präparation gerade auch dann, wenn diesem Mensch trostlos zumute ist, das wäre sehr viel eher die Meinung eines Apostels Paulus gewesen. Die Gottseligkeit kommt eben mit Gottes Kommen selbst und kann nicht vorher schon einmal in religiöser Sorgfalt vom Menschen angelegt werden. Diese feinen aber wichtigen Unterschiede liegen nicht im Horizont der fünften Strophe. Die setzt voraus, dass die Singenden bereits „Andacht“ und „Lust“ am Advent Gottes gepackt haben. Hier wechselt auch die Perspektive. Nun spricht sich das Singende Ich selber aus. Jetzt ist Schluss mit den euphorischen Aufforderungen derer, die den Einzug Gottes ansagen. Jetzt ist das Herz der Singenden selbst gefragt. Ihnen wird Gottessehnsucht in den singenden Mund gelegt. Und das soll sie, hingerissen durch den hymnischen Kehrvers der Strophen 1 bis 4 der ersten vier Strophen, zu einem letzten Lobpreis ermutigen: „Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr“.

Stephan Schaede (Direktor der Evangelischen Akademie Loccum)
Dieser Text stammt aus ggg 19, das in der Woche nach dem 3. Advent erscheinen wird.

Gottesklang - das Jahr der Kirchenmusik 2012

Gemeindegesang und Kirchenmusik sind seit der Reformation ein Kennzeichen der reformatorischen Kirchen. Deshalb hat die EKD für das Jahr 2012 das Themenjahr der Reformationsdekade unter den Schwerpunkt „Reformation und Musik“ gestellt. In den evangelischen Kirchen Hannovers und in Westfalen steht es unter dem Motto „Gottesklang“. Egal, ob vielstimmig gesungen, mit Instrumenten musiziert oder gejazzt. Was auch immer kirchenmusikalisch aufgeführt wird, geschieht einzig zum Lobe Gottes: „soli deo gloria“.

Gesammelte Informationen zum Jahr der Kirchenmusik

366 + 1 - das klingende Band

Vom 1. Januar bis 31. Dezember 2012 greift das Musikprojekt „366+1, Kirche klingt 2012“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) das Themenjahr der Lutherdekade auf. Im Jahr „Reformation und Musik“ finden insgesamt 367 Konzerte und Musikgottesdienste ihren Lauf durch Deutschland. Eine Besonderheit der Konzertreihe im Rahmen des Schaltjahres 2012 ist das Konzert „+1“, das in der Osternacht erklingt und die christliche Osterbotschaft in die Welt trägt. Am Ostersonntag, dem 8. April 2012, finden deshalb zwei Veranstaltungen des Projektes statt, ansonsten an jedem Tag des Jahres eine.

Informationen zum Klingenden Band

Begleitbuch zum Klingenden Band: ggg 19

Ein klingendes Band schickt die EKD im Jahr der Kirchenmusik durch Deutsch- land: An 366 Tagen und in der Osternacht finden an verschiedenen Orten unter- schiedlichste Konzerte unter der Überschrift "366+1" statt. Das Buch zu den Liedern erscheint Mitte Dezember in der Reihe "gemeinsam gottesdienst gestalten" ggg im Lutherischen Verlagshaus.

Zur Vorankündigung und Bestellung