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Zur Einleitung

Kirchliches Leben im Überblick

Springer
Präsidentin Dr. Stephanie Springer

Mein Amtsantritt im September 2013 liegt zeitlich nach dem Ende des Berichtszeitraums. Allerdings sind viele Entwicklungen erst in den vergangenen sechs Monaten zu einem Abschluss gekommen. Insbesondere die abschließende XIII. Tagung der 24. Landessynode im November fasst einige der wichtigsten Arbeiten der 24. Synode wie in einer Nussschale zusammen, die Aufträge für die Zukunft beinhalten. Dies betrifft vor allem drei Änderungen von Verfassungsrang.

Unsere Landeskirche hat eine Änderung der Kirchenverfassung zum Verhältnis von Christen und Juden beschlossen. Sie ist damit dem Beispiel etlicher Landeskirchen gefolgt und hat 75 Jahre nach der Reichspogromnacht an prominentester Stelle in der Verfassung klargestellt, dass die Wurzeln des christlichen Glaubens im Judentum liegen. Zu dieser ausdrücklichen theologischen Verhältnisbestimmung verpflichtet uns auch die historische Verantwortung vor dem Hintergrund unserer Schuld gegenüber Juden und Judentum und diese beginnt nicht erst im 20. Jahrhundert. Im ersten Artikel wurde der Satz „Zeugnis, Mission und Dienst erfolgen in Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen und im Zeichen der Treue Gottes zum jüdischen Volk“ angefügt. Und Artikel 4 wurde um den folgenden Absatz ergänzt: „Die Landeskirche ist durch Gottes Wort und Verheißung mit dem jüdischen Volk verbunden. Sie achtet seine bleibende Erwählung zum Volk und Zeugen Gottes. Im Wissen um die Schuld unserer Kirche gegenüber Juden und Judentum sucht die Landeskirche nach Versöhnung. Sie fördert die Begegnung mit Juden und Judentum.“ Aus diesem Passus folgen wichtige Einsichten und Aufträge für die Zukunft. Er beinhaltet nicht nur die Verpflichtung, sich auf allen Ebenen mit dem Thema auseinanderzusetzen und die Begegnung mit Juden und Judentum zu suchen. Vielmehr folgen aus der Anerkennung der bleibenden Erwählung auch die Absage an jede Form der so genannten Judenmission und der Auftrag, aktiv gegen jede Form des Antisemitismus und Antijudaismus in unserer Gesellschaft vorzugehen.

Ferner hat die 24. Landessynode die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für den Bau eines neuen Predigerseminars auf dem Gelände des Klosters in Loccum geschaffen, das in Trägerschaft der Landeskirche auch die Vikarinnen und Vikare aus Bremen, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe ausbilden soll. Der Geist des geschichtsträchtigen und traditionell mit der Theologenausbildung verbundenen Klosters kann auf diese Weise auch künftigen Pfarrergenerationen seine Prägekraft verleihen.

Schließlich hat die Synode einem neuen Vertrag über die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen zugestimmt, mit dem die Zusammenarbeit der fünf Kirchen neu geregelt wird. Ziel der Neuregelung ist es, die Aufgaben der Konföderation stärker auf die Wahrnehmung des kirchlichen Öffentlichkeitsauftrages und Selbstbestimmungsrechtes auf der Grundlage des Loccumer Vertrages vom 19. März 1955 zu konzentrieren. Zugleich mit dem Wegfall der konföderierten Gesetzgebung waren das bestehende konföderierte Recht in die Rechtsordnung der Landeskirchen zu überführen bzw. Zuständigkeiten an die EKD zu delegieren. Auch wenn das eigentliche Ziel unserer Landeskirche, eine Evangelische Kirche in Niedersachsen zu bilden, damit nicht erreicht werden konnte, hält der neue Konföderationsvertrag diesen Weg weiterhin offen. Der Vertrag sieht eine Evaluierung nach 10 Jahren vor. Es obliegt daher der 25. Landessynode zusammen mit den übrigen Organen der Landeskirche, den neuen Vertrag mit Leben zu erfüllen und die Voraussetzungen für eine enge und an praktischen Bedürfnissen orientierte Zusammenarbeit aller fünf Kirchen zu schaffen. Nur hierdurch kann das erforderliche Vertrauen zueinander wachsen.

Eine solche enge und fruchtbare Zusammenarbeit von hoher gesamtgesellschaftlicher Bedeutung pflegen die evangelischen Kirchen in Niedersachsen schon seit langer Zeit im Bereich der Schule und der Bildung. Als Landeskirche legen wir großen Wert darauf, die Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. So tragen wir zu Bildungsgerechtigkeit, Integration und Inklusion junger Menschen bei, helfen, ihre Persönlichkeit zu bilden und machen sie nicht zuletzt auch sprachfähig im Glauben. Von der Reformation her engagieren wir uns aktiv im öffentlichen Dialog um eine gute Bildung und begreifen unsere evangelischen Schulen als ein – im Übrigen sehr erfolgreiches – Modell, mit dem wir unsere Bildungsverantwortung übernehmen.

Ebenso vielversprechend sind auch die Entwicklungen bei dem gemeinsamen Predigerseminar in Loccum und der Gründung des Diakonischen Werks in Niedersachsen e.V. zum 1. Januar 2014 durch die Landeskirchen Braunschweig, Hannover und Schaumburg-Lippe sowie die Reformierte Kirche.

Der größte Schatz der Landeskirche sind die Menschen, die sich mit großem Engagement und Zeitaufwand an allen Stellen ehrenamtlich wie hauptamtlich einbringen. Sie gerade auch in Zeiten eines beginnenden Fachkräftemangels in vielen Berufen zu gewinnen, zu fördern und zu halten, ihre Arbeit anzuerkennen, ihnen möglichst gute, familienfreundliche und gesunderhaltende Bedingungen ihrer Tätigkeit zu ermöglichen, sie auszubilden und weiter zu qualifizieren und zu motivieren, die Kirche mit Leben zu füllen, muss unser vorrangiges Anliegen sein.

Ecclesia semper reformanda est: Bereits vor über 10 Jahren hat unsere Landeskirche den demographischen Wandel, die säkularer und multireligiöser werdende Gesellschaft und damit einhergehend den kontinuierlichen Schwund an Kirchengliedern und Finanzkraft als Anlass für tiefgreifende Reformen und Anpassungen erkannt. In der 24. Landessynode hat unsere Landeskirche mit großem Gestaltungswillen weiter an ihren Strukturen und Finanzen gearbeitet. Die konsequente Umsetzung seriöser Einsparvorgaben hat dazu geführt, dass der Haushalt ausgeglichen werden konnte. Die dank der guten Wirtschaftslage erfreulichen Erträge der letzten Jahre gingen zur Schließung der Versorgungslücken in die Kapitalstöcke unserer Versorgungssysteme. Die Neuordnung der Verwaltungsstrukturen hatte den Fokus, mit größeren Kirchenkreisen und zusammengeschlossenen Kirchenkreisämtern eine starke mittlere Ebene zu schaffen, die Synergieeffekte nutzen und ihre Aufgaben hinreichend ortsnah, aber qualifiziert und wirkungsvoll ausüben kann. Auch das Landeskirchenamt hat sich durch die Delegation von Aufgaben auf die Kirchenkreise und Ausgliederung operativer Geschäfte auf unselbständige Einrichtungen verändert und nimmt neben inhaltlichen Grundsatzfragen und strategischen Planungen zunehmend Funktionen der Koordinierung, Beratung und Steuerung wahr.

Mit der Doppik wird zudem sukzessive ein Instrument eingeführt, das nicht nur Geldflüsse darstellen kann, sondern Vermögensveränderungen und Schulden, darunter beispielsweise den Ressourcenverbrauch, Abschreibungen und Rückstellungen, abbilden kann und damit planbar macht.

Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Zudem muss konstatiert werden, dass sich insbesondere die Kirchen(kreis)ämter in einen zum Teil schmerzhaften Zielkonflikt zwischen ihrer Verpflichtung zur Personaleinsparung bei gleichzeitiger Übernahme der neuen Aufgaben und inmitten der strukturellen Umwälzungen und Fusionen befinden. Außerdem sind die erwarteten Wirkungen noch nicht eingetreten. Deshalb muss darüber nachgedacht werden, ob größere Härten durch eine Modifizierung der Einsparvorgaben abgefedert werden können, ohne grundsätzlich vom Kurs der Haushaltsdisziplin abzuweichen. Es zeichnet sich aber ab, dass in vielen Bereichen eine übergreifende Verständigung auf einheitliche Vorgehensweisen, Verfahren und technische Standards hilfreich sein kann, so dass Ressourcen für andere Aufgaben frei werden können.

Stets ist die Landeskirche gefordert, theologische und staatskirchenrechtliche Positionen zu konkreten und aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen zu formulieren. Die Bandbreite reicht auf Landesebene derzeit beispielsweise von humanitärer Hilfe für Flüchtlinge und Einwandernder, der Gewährleistung eines durchgängigen Angebots an christlichem Religionsunterricht durch die Kooperation beider Konfessionen, die Einführung des Reformationstages als gesetzlichen Feiertag bis zu einer die Schöpfung bewahrenden Landwirtschaft.

Ein Schwerpunkt künftiger Überlegungen wird weiterhin dem Bereich der Diakonie und der Erbringung sozialer Dienstleistungen durch die verfasste Kirche gelten. Auch hier müssen wir zum einen deutlicher und selbstbewusster zum Ausdruck bringen, dass die Finanzierung sozialer Dienstleistungen in profiliert-kirchlicher Gestalt keine Gnadengabe des Staates an die Kirchen ist. Vielmehr ist es Ausdruck der für die Werte seiner Bürger offenen Zivilgesellschaft, wenn der Staat soziale Dienstleistungen nicht selbst erbringt. Jeder, der die Verhältnisse in anderen europäischen Staaten kennt, weiß, welchen Schatz wir in Deutschland mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege von Diakonie, Caritas, Jüdischem Wohlfahrtsverband, Arbeiterwohlfahrt, Deutschem Roten Kreuz und Paritätischem Wohlfahrtsverband haben. Die Kirchen gehören selbstverständlich dazu und deshalb versteht es sich von selbst, dass ihre Dienste in gleicher Weise finanziell vom Staat gefördert werden wie die der anderen Wohlfahrtsverbände. Unabhängig davon müssen wir uns fragen, ob wir angesichts des drohenden Kräftemangels weiterhin auf einer grundsätzlichen Zugehörigkeit aller Mitarbeitenden mindestens zu einer der christlichen Kirchen bestehen sollen, oder ob es theologisch – keinesfalls rein wirtschaftlich – vertretbare andere Lösungen einer christlichen Profilierung von Einrichtungen gibt, die die den Schutz durch das kirchliche Selbstbestimmungsrecht rechtfertigen. Schließlich sehen sich Kirche und Diakonie dadurch vor gravierende Schwierigkeiten gestellt, dass soziale Dienstleistungen in Niedersachsen auf einem Markt erbracht werden, dessen Löhne nicht reguliert sind. Dies hat zu einem scharfen Lohnkostenwettbewerb geführt, ohne dass die Gewerkschaften dies haben aufhalten können. Private wie kirchliche und letztlich auch öffentliche Träger geraten dadurch gleichermaßen unter Druck. Deshalb wollen wir kirchliche Tarifverträge schaffen, die die Kirchen als Dienstgeber binden und durch verbindliche Schlichtungsverfahren statt Streik und Aussperrung zu fairen Ergebnissen führen können. Unser Ziel ist es, die kirchlichen Tarifverträge in einen Flächentarifvertrag Soziales aller Wohlfahrtsverbände einzubinden, der Grundlage für die Allgemeinverbindlichkeit aller sozialer Dienstleister in Niedersachsen sein sollte. Dies würde faire Wettbewerbsbedingungen auf Basis vergleichbarer Lohnkosten schaffen. Den Beschäftigten, Diensten und Hilfsbedürftigen in Niedersachsen wäre es von Herzen zu wünschen, dass dieses Unterfangen gelingt.

Die Losung für dieses Jahr steht in Psalm 73, Vers 28 und lautet: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Luther übersetzt dies mit „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“ Der Psalmbeter spricht dies bewusst in einer Situation der Anfeindung und des Zweifels aus und angesichts der Erkenntnis, dass den Frevlern, nicht den Gläubigen alles weltliche „Glück“ zufällt. Auf dieser Grundlage beantwortet er die Frage nach dem wahren „Glück“ mit der Nähe zu Gott. Dies mag uns bei der Arbeit in den kommenden Jahren leiten und Kraft schenken.