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Rückblick

Religiöse Vielfalt nimmt zu

vergangen

Während der Säkularisierungstrend in unserer Gesellschaft anhält, nimmt gleichzeitig die religiöse Vielfalt zu. In wissenschaftlichen Publikationen ist von einem „Trend des Bedeutungsrückgangs des Religiösen“ die Rede.

So lässt sich zwar eine „gewisse Hinwendung zu neuen Formen der Spiritualität bzw. Patchwork-Religiosität’ ausmachen“. Aber „der Relevanzverlust der Religion in ihrer ‚traditionellen’ Form wird dadurch jedoch bei weitem nicht kompensiert.“ („Religionsmonitor“ der Bertelsmann Stiftung 2013).

Buddhisten

Partiell gibt es ein Wachstum zu verzeichnen. Beispielsweise nimmt durch Migration, aber auch durch Konversion die Zahl der Buddhisten in Deutschland stetig zu. Ansonsten ist im Laufe der letzten Jahre die Zahl neuer religiöser Anbieter und Gemeinschaften gewachsen, so dass das Gesamtbild bei Religionen und Weltanschauungen erheblich vielfältiger geworden ist. Parallel dazu haben sich auch Art und Umfang der Anfragen und Themen in der Weltanschauungsarbeit verändert.

Esoterik

Ein Bereich, in dem ein besonders Wachstum zu beobachten ist, ist das Gebiet der esoterischen Angebote. Auf der Grenzlinie von Religion, Heilung und Wellness entwickelt sich ein Markt, in dem immer mehr umgesetzt wird. Seriöse Schätzungen sprechen von bis zu 35 Milliarden Euro Umsatz im Jahr in diesem Bereich in den nächsten Jahren in Deutschland. Im Jahr 2000 lag der Umsatz noch bei 9 Milliarden Euro im Jahr.

Bei der Esoterik muss eine große Unterscheidung zwischen der so genannten Systemesoterik einerseits und der so genannten Geberauchsesoterik andererseits gemacht werden. So finden sich neben den großen etablierten Anbietern wie der Anthroposophie, den Rosenkreuzergruppen und anderen, die eine eigenständige Weltanschauung entwickelt haben, eine wachsende Zahl von Anbietern, die auf Versatzstücke aus verschiedenen Weltanschauungen zurückgreifen und von Engeln über Reiki und Edelsteine alles Mögliche im Angebot haben.

Die Esoterik hat vielfach ein religiöses Gepräge und übernimmt dabei religiöse Konzepte aus vielen Traditionen. Damit befördert sie die religiöse Vielfalt und hat eine Scharnier- oder Brückenfunktion hin zu anderen Religionen. So hat sie z.B. viel dazu beigetragen, dass der Gedanke der Reinkarnation, der Seelenwanderung, aus den östlichen Religionen auch Eingang gefunden hat in westliche Gesellschaften bis hin zu kirchlichen Kreisen. Karma ist kein fremder Ausdruck mehr und auch Chakren sind vielen Menschen ein Begriff. So wirkt die Esoterik stark auf die christlichen Kirchen und ihre Mitglieder ein.

Der christliche Bereich

Im engeren christlichen Bereich haben vor allem evangelikal ausgerichtete, manchmal pfingstlerisch, bzw. charismatisch geprägte Gemeinden oder Kreise gewisse Erfolge erreicht. Allerdings ist die Entwicklung in Deutschland nicht mit den Verhältnissen im südamerikanischen, afrikanischen oder asiatischen Raum zu vergleichen. In diesen Kreisen ist ein fundamentalistisches Bibelverständnis zu beobachten, das bei Themen wie Schöpfung (Kreationismus), Homosexualität oder Familie zu Problemen führen kann. In charismatischen oder pfingstlerischen Gemeinden kommen Phänomene wie Zungenreden oder Heilungen hinzu.

Die Kritik in den Medien an Gemeinden oder Gruppen mit derartiger Ausrichtung fiel in den letzten Jahren z.T. recht heftig aus. Manchmal wurden die Volkskirchen gleich mit in diese Angriffe einbezogen. Hier ist mangelnder Differenzierung, aber auch Überzeichnungen und Einseitigkeiten entgegen zu treten. Außerdem ist deutlich zu machen, dass diese Kritik die Theologie und die Praxis der Landeskirche, ihrer Gemeinden und Vertreter(innen) nicht trifft.

Atheistische Positionen

Gleichzeitig wächst der Anteil derjenigen, die mit Religion nichts mehr anfangen können. An sie wenden sich Gruppen und Bewegungen, die eine dezidiert atheistische Position vertreten. Sie treten zunehmend werbend und offen kirchenkritisch auf, ohne allerdings eine größere Zahl von Menschen zu erreichen. Die Programmatik geht in zwei verschiedene Richtungen. Ein Teil nimmt die Rechte einer Weltanschauungsgemeinschaft, wie sie im Grundgesetz vorgesehen sind, in Anspruch und fordert eine Gleichbehandlung mit den Religionsgemeinschaften. Ein anderer Teil tritt mit streng laizistischen Zielen an und will die Religion aus der Öffentlichkeit verbannen. Beide Lager haben trotz großer Resonanz in den Medien und in der Öffentlichkeit bislang wenig Erfolg zu verzeichnen.

Hinduismus

Insgesamt ist die Arbeit durch die zunehmende Vielfalt der Phänomene auch vielfältiger geworden. Besonders hat sich der Anteil, den klassische Religionen wie Hinduismus und Buddhismus in der Arbeit einnehmen, verstärkt. Es geht dabei nicht mehr um die Behandlung der Herkunft bestimmter Gruppen aus diesen Religionen, wie es früher beispielsweise bei Gruppen wie der Transzendentalen Meditation (TM), der Hare-Krishna-Bewegung (ISKCON) oder Soka Gakkai der Fall war. Sondern auch mit diesen Weltreligionen und ihren Vertreterinnen und Vertretern selbst findet verstärkt eine Beschäftigung statt.

Recherche

Durch die beschriebenen Veränderungsprozesse hat sich auch der Umfang der Recherchetätigkeit erhöht. Gerade die vielfältigen Möglichkeiten des Internets wollen ausgeschöpft werden. Da sich auch Ratsuchende dieser Mittel bedienen, wird es immer wichtiger, über die bloße Information hinaus eine kompetente Einordnung und Beurteilung der verschiedenen Phänomene vornehmen zu können.

Bei einigen Gemeinschaften, mit denen die Weltanschauungsarbeit sich beschäftigt, hat sich im Laufe der letzten Jahre der rechtliche Status geändert oder es wurden im Bereich der Theologie Änderungen vollzogen. Konkrete Veränderungen - rechtlich oder theologisch - gab es z. B. bei der Baha’i-Religion, bei den Zeugen Jehovas und der neuapostolischen Kirche (NAK).

Baha’i-Religion

Die Anhänger der Baha’i-Religion haben bei der Anerkennung als Körper- schaft des öffentlichen Rechts einen Erfolg erzielt. Trotz ihrer relativ geringen Mitgliederzahl sind sie nach einer Entscheidung des Bundes- verwaltungsgerichts aus dem Jahr 2012 in Hessen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Die Religionsgemeinschaft könnte damit unter anderem Kirchensteuern erheben und Beamte einstellen. Jedenfalls ändert sich durch diese Entscheidung die Stellung der Gemeinschaft in Deutschland insgesamt.

Zeugen Jehovas

Ähnliches gilt auch für die Zeugen Jehovas in Deutschland. Schon 2006 mussten ihnen nach einem Gerichtsentscheid im Land Berlin die Körper- schaftsrechte verliehen werden. Mittlerweile haben fast alle Bundesländer nachgezogen. Nur in Baden-Württemberg, Bremen und Nordrhein-Westfalen stehen die Entscheidungen noch aus.

Neuapostolische Kirche

Die Neuapostolische Kirche (NAK) hat die Körperschaftsrechte schon in der Zeit der Weimarer Republik verliehen bekommen. Aber von der Theologie und der Praxis her präsentierte sich die NAK bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein sehr sektenhaft. Das hat sich im Laufe der letzten Jahre sehr verändert. Ein neuer Katechismus, der Ende 2012 veröffentlicht wurde, gibt eine neue Grundlage für theologische Gespräche und Begegnungen. Ob daraus einmal eine Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) auf Bundes- oder Landesebene folgen wird, ist noch offen.

Problematische Gruppen wie die Zeugen Jehovas oder Scientology bleiben weiterhin aktiv. Sie werden darum selbstverständlich beobachtet. Es existiert auch nach wie vor ein großer Informations- und Beratungsbedarf in diesem Bereich.

In Zusammenarbeit mit dem Arbeitsfeld Friedensarbeit wurde die Gründung einer „Initiative ‚Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus’ in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers“ (IKDR) Ende 2010 in Bad Nenndorf betrieben. Die Arbeit dieser Initiative wird seitdem intensiv begleitet.