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Rückblick

Taufanerkennung und Charta Oecumenica

vergangen

Anstöße erhielt die ökumenische Entwicklung seit Juli 2007 besonders von folgenden Faktoren:

Die wechselseitige Taufanerkennung (April 2007 in Magdeburg) rückte die ökumenische Bedeutung der Taufe stärker in den Blick.

Die vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE; römisch-katholisch) und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) organisierte Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (September 2007 im rumänischen Hermannstadt/Sibiu) bezog sich erstens explizit auf die 2001 in Straßburg unterzeichnete Charta Oecumenica (die im Mai 2007 in Hannover mit ihrer Unterschrift sich auch die ACKN-Kirchen zu eigen gemacht hatten) und empfahl sie auch künftig als „ökumenischen Wegweiser…in Europa“.
Zweitens regte die Versammlung Taufanerkennungen in weiteren Ländern Europas an „in dem Bewusstsein, dass diese Frage eng mit einem Verständ- nis von Eucharistie, Amt und Ekklesiologie … verbunden ist“.
Drittens sprach sich die Versammlung dafür aus, die geistliche Ökumene zu stärken. Viertens nahm sie den orthodoxen Vorschlag eines Schöpfungstages auf. Fünftens trat sie dafür ein, „dass unsere Kirchen anerkennen, dass christliche Zuwanderer … eine volle und aktive Rolle im Leben der Kirche und der Gesellschaft spielen können“ (s. zu Gemeinden anderer Sprache und Herkunft).

Personalkürzungen und Zusammenlegungen kirchlicher Einheiten in evangelischen Landeskirchen und römisch-katholischen Bistümern brachten teilweise das Aus für gut eingespielte ökumenische Aktivitäten mit sich; gleichzeitig schärfte dies das Bewusstsein dafür, vor gemeinsamen Herausforderungen zu stehen.

Das Reformationsjubiläum 2017 mit Reformationsdekade warf die Fragen auf, welche Rolle bei diesen Feierlichkeiten der Ökumene zukomme und ob und wie andere Konfessionen mitwirken würden.

Lutherisch/römisch-katholischer Dialog

In seiner Rede „Ökumene heute und morgen“ (2007) teilte Kardinal Walter Kasper, bis Juli 2010 Präsident des Päpstlichen Einheits-Rates, das Feld der Ökumene in drei Gebiete auf: „Kirchen“ (Altorientale und Orthodoxe), „Gemeinschaften“ (Protestanten aus der Reformation) und „Bewegungen“ (Charismatiker und Pentekostale). Im Blick auf die zweite Gruppe nannte der drei kontroverse Punkte: Ziel der Ökumene, Kirchen- und Amtsverständnis, ethische Fragen.

Den evangelischen Weg der Ökumene als Einheit in versöhnter Verschieden- heit hatte Kasper bereits 2005 als „Verschiedenheit ohne wirkliche Einheit“ und „Nebeneinander unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Kirchenformen“ kritisiert. In die Frage der ökumenischen Zielbestimmung ist keine Bewegung gekommen.

Bewegungsmöglichkeiten zeichneten sich beim Kirchen- und Amtsverständnis ab. Zum einen könnte die Taufanerkennung für die gemeinsame Feier des Abendmahls fruchtbar gemacht werden. Eine solche „ekklesiologische[n] Implikation[en] der Taufe“ erkannte der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Die röm.-kath. Seite allerdings warnte vor einer Überbewertung der Taufanerkennung: Nach katholischem Verständnis „ist die Taufe nur Anfang, Ausgangspunkt und Grundlage aber noch nicht die Fülle (UR 22).“

Zum anderen enthält das 2009 veröffentlichte ökumenische Studien-dokument „Die Apostolizität der Kirche“ Überlegungen, die die starren Position beim Verständnis der „apostolischen Sukzession“ lockern könnten. So wird Apostolizität hier primär inhaltlich bestimmt und die Treue zum Evangelium für beide Kirchen mit Bezug auf das ordinationsgebundene Amt konstatiert.

Im Blick auf ethische Fragen wertete die römisch-katholische Seite das Votum der EKD-Synode 2007 für die Möglichkeit einer einmaligen Ver- schiebung des Stichtages in der Stammzellenforschung als unökumenischen Abfall von einer gemeinsamen Position, ebenso irritierte sie die Diskussion im Vorfeld des Beschlusses des EKD-Rates zur Präimplantationsdiagnostik im Februar 2011, desgleichen die im Juni 2013 veröffentlichte EKD-Orien-tierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. Deutlich wird hier auch die unterschiedliche Funktion kirchlicher Stellungnahmen zu ethischen Themen: Evangelischerseits sollen sie die eigene Urteilsbildung unterstützen, katholischerseits haben sie verbindlichen Charakter.

Um zu klären, ob und inwieweit hinter ethischen Differenzen „tiefreichende anthropologische … Unterschiede“ (Kasper, FAZ, 16.9.2008) bestehen und welche ökumenischen Perspektiven in der Anthropologie zu entwickeln sind, wurde im Herbst 2008 von der Deutschen Bischofskonferenz und der VELKD die „Dritte Bilaterale Arbeitsgruppe“ zum Thema „Gott und die Würde des Menschen“ eingesetzt.

Nach anfänglicher großer römisch-katholischer Skepsis an der Reformationsdekade, die als Feier der Spaltung kritisiert wurde, ebnete der Ökumene-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz Gerhard Feige im Oktober 2012 mit seinen „Katholischen Thesen zum Reformationsgedenken 2017“ den Weg für ein katholisches Mitwirken: „Wenn es also das wichtigste Anliegen des Reformationsgedenkens wäre, uns mit Jesus Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen sowie untereinander tiefer zu verbinden,… also gewissermaßen … ein ‚Christusjubiläum’ würde, könnten sich … Katholiken inzwischen vorstellen, 2017 … ein wenig mitzufeiern, vor allem aber kräftig mitzubeten.“

Im Juni 2013 hat die internationale Lutherisch/Römisch-katholische Kom- mission für die Einheit unter dem Titel „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“ ein Dokument vorgelegt, in dem Lutheraner und Katholiken die Geschichte der lutherischen Reformation erstmals gemeinsam darstellen. Die Studie traf auch auf Kritik: Der evangelische Systematiker Ulrich H.J. Körtner bezeichnete das Dokument als „weichgespülte Lesart protestantischer Theologie“.

Die Zusammenarbeit mit den niedersächsischen Bistümern ist auf gemeindlicher wie landeskirchlicher Ebene gut. Ökumenisch bedeutsam kann „Ökumenisch genutzte Kirchräume. Eine Praxishilfe“ (2008) werden. Das Heft soll die gemeinsamen Nutzung eines Kirchraumes ordnen und anregen. Unter dem Titel „Einfach gemeinsam feiern“ haben die Landeskirche und das Bistum Hildesheim ein Andachtsheft herausgegeben, mit dem Ehrenamtliche eine Andacht gestalten können. Dies soll das gemeinsame Anliegen unterstützen, Kirchen und Kapellen, in denen Hauptamtliche nicht mehr regelmäßig Gottesdienste feiern können, als geistliche Räume zu erhalten.

Besonders in Zusammenarbeit mit dem Bistum Hildesheim hat sich seit 2007 vom gemeinsamen Auftrag und der gemeinsamen Situation her eine „Ökumene der Sendung“ entwickelt. Bei Studienfahrten und Seminaren ließ man sich von den „fresh expressions of church“ in England inspirieren und entwickelte ökumenische Ansätze für den eigenen Kontext. Die erste Großveranstaltung, „Kirche2. Ein ökumenischer Kongress“ verlief sehr erfolgreich (s. Kirche2).

Lutherisch / freikirchlicher Dialog

Unter dem Titel „Voneinander lernen – miteinander glauben“ veröffentlichte 2009 die Bayerische Lutherisch-Baptistischen Arbeitsgruppe ein Konvergendokument. Aufbauend auf einem gemeinsamen Verständnis des Evangeliums stellt die Studie fest, dass die lutherische Seite die „Zueignung des Heils“ und die baptistische stärker „dessen Aneignung“ betont, dass aber beides in der „Vorstellung eines christlichen Initiationsprozesses“ zusammen-kommt. Das Dokument wird derzeit in den entsprechenden Gremien des BEFG und der VELKD beraten.

Wie die Feier des Reformationsjubiläums durch den Dialog mit der römisch-katholischen Kirche an Klarheit und Tiefe gewinnt, so tut sie dies auch durch den Dialog mit den Nachfahren der reformatorischen Täuferbewegung.

Es war ein entscheidender Schritt, dass bei der 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Juli 2010 in Stuttgart die Delegierten in Anwesenheit von Vertretern der Mennonitischen Weltkonferenz eine Vergebungsbitte für das Unrecht während der Reformationszeit ausgesprochen haben. Diese Bitte geht auf einen Verständigungsprozess zurück, der 1980 auf Ebene des Lutherischen Weltbundes begann.

Evangelisch/orthodoxer Dialog

Mit der Gründung der „Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland“ (OBKD) 2010 gaben die kanonischen orthodoxen Bistümer Deutschlands ihrer Einheit ein neues Gesicht. Die OBKD repräsentiert mit ihren Kirchen etwa 1,5 Millionen orthodoxe Christen arabischer, bulgarischer, georgischer, griechischer, polnischer, rumänischer, russischer, serbischer und ukrainischer Herkunft. Sie ist die drittgrößte Konfession in Deutschland.

Seit Dezember 2010 gibt es regelmäßige Arbeitstreffen zwischen dem Rat der EKD und OBKD. Beide Gremien möchten zum Ausdruck bringen, dass Ökumene in Deutschland eine geschwisterliche Begegnung auf Augenhöhe sein soll. Eine im Jahr 2003 erarbeitete Vereinbarung zu „Ehen zwischen evangelischen und orthodoxen Christen und Christinnen“ wurde überarbeitet, bestätigt und 2011 neu unterzeichnet.

Die orthodoxen Priester im Großraum Hannover haben 2013 eine Pfarrkonferenz gebildet. Bei einem Antrittsbesuch hat Landesbischof Ralf Meister sich mit ihnen im Orthodoxen Zentrum Hannover getroffen.

Multilaterale Ökumene

Beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 waren im Vorbe- reitungsgremium auch Orthodoxe, Freikirchen und ACK vertreten. Ein hilf- reiches Rückgrat für multilaterale Ökumene bildet die Charta Oecumenica. Sie ist mittlerweile in mehreren örtlichen niedersächsischen ACKs von ihren Mitgliedern adaptiert und unterzeichnet worden.

2010 ist unter maßgeblicher Mitwirkung der Landeskirche das mehrsprachige ökumenische Buch „Laudate omnes gentes. Was uns eint“ mit Gebeten, Gesängen, ökumenischen Schlüsseltexten und Ordnungen für Andachten erschienen.

Ökumenischer Schöpfungstag/Schöpfungszeit

Die Empfehlung zur Schöpfungszeit von der Versammlung in Sibiu nahm die hannoversche Landeskirche auf. Koordiniert von den Arbeitsfeldern Ökumene und Umweltschutz und in Zusammenarbeit mit dem Bistum Hildesheim, der Serbischen Orthodoxen Diözese für Mitteleuropa und der ACK Hannover feierten 600 Teilnehmende im September 2009 in Hannovers Marktkirche unter dem Titel „Gottes Energie bewegt – Schöfungszeit“ der erste ökumenische Schöpfungstag mit niedersachsenweiter Beteiligung. Der Tag endete mit einem ökumenischen Gottesdienst.

Beim Ökumenischen Kirchentag 2010 rief die ACK den jeweils ersten Freitag im September als Tag aus, an dem an wechselnden Orten in Deutschland ein Schöpfungstaggottesdienst stattfindet. Dieser Gottesdienst fand 2010 in Brühl, 2011 in Berlin, 2012 in Nagold und 2013 in Hamburg statt.