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Ausblick

Ökumene der Sendung

zukunft

Wo Ökumene allein als Pflichtübung zwischen Aktiven der beteiligten Konfessionen gesehen wird, läuft sie Gefahr, von den Beteiligten als überflüssige Zusatzbelastung beklagt und von potentiellen Teilnehmenden als langweilende Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner gemieden zu werden. Wird Ökumene aber als gemeinsame Sendung durch Gott verstanden, trägt das nicht nur dem Rechnung, dass in der derzeitigen öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland die Kirchen als zusammengehörig angesehen werden, dass ein gemeinsames Wirken die Glaubwürdigkeit der Kirche erheblich fördert und dass sie im Blick auf Traditionsabbruch und Statusverlust in einem Boot sitzen, sondern bringt eine dreifache Horizonterweiterung mit sich:

Erweiterung der Wahrnehmung

Eine Ökumene der Sendung kann zu einer Erweiterung der Wahrnehmung führen: Wer mitbekommt, wie Menschen in anderen Kirchen ihre Situation sehen, erlangt einen neuen Blick auf seine eigene Situation, der helfen kann, Dinge zu sehen, die sich davor dem Blick entzogen haben.

Gleichzeitig macht es diese Erweiterung der Wahrnehmung möglich zu verstehen, warum den Christinnen und Christen einer anderen Konfession bestimmte Elemente ihres Glaubenslebens besonders wichtig und schützenswert sind. Aus Abgrenzung und Abwertung kann Wertschätzung werden.

Erweiterung der Handlungs- und Gestaltungsoptionen

Eine Ökumene der Sendung kann zu einer Erweiterung der Handlungs- und Gestaltungsoptionen führen: Wer erfährt, wie Menschen in anderen Kirchen handeln und wie sie ihre Kirche gestalten, eröffnet sich neue Wege. Das Kennenlernen von Frömmigkeitsformen anderer christlicher Konfessionen kann bereichern und infrage stellen und damit neue Reichtümer für das eigene Glaubensleben erschließen. In den seltensten Fällen heißt dies, ein Element aus einer anderen Kirche schlicht zu kopieren; allein schon die Kontexte sind dafür in der Regel zu verschieden. Auf jeden Fall sind diese Begegnungen Quelle der Inspiration, für den eigenen Kontext Neues zu entwickeln.

Die Kirchen können – gerade auch im Blick auf Mission – wechselseitig aus den Ressourcen ihrer Traditionen schöpfen (z.B.: freies Gebet, Glaubenskurse, fresh expressions, Pilgern, orthodoxe Spiritualität).

Erweiterung der Vernetzungs- und Wirkungsmöglichkeiten

Eine Ökumene der Sendung kann zu einer Erweiterung der Vernetzungs- und Wirkungsmöglichkeiten führen: Auch jenseits der Grenzen meiner eigenen Konfession gibt es Geschwister im Glauben, mit denen ich Gottes- dienst feiern, Ideen entwickeln und gemeinsamen handeln kann. Das kann sich in drei verschiedenen Formen konkretisieren:

  • kooperative Ökumene (Wir machen etwas gemeinsam)
  • arbeitsteilige Ökumene (Du machst das Eine, ich das Andere)
  • stellvertretende Ökumene (Du übernimmst etwas ausdrücklich im Namen aller).

Wenn Kirchengemeinden oder Kirchen solche Möglichkeiten, sich zu vernetzen oder aktiv zu werden, nutzen, wird deutlich: Konsequentes ökumenisches Miteinander führt zu Entlastung, Bereicherung und höherer Effektivität.

Mit diesem Vorgehen befindet man sich ganz auf dem Boden der Charta Oecumenica. Die 1. Verpflichtung in der 4. Leitlinie „Gemeinsam handeln“ lautet: „Wir verpflichten uns, auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens ge- meinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder der Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen.“

Anregen und begleiten lässt sich dies zum einen über engagierte Konfes- sionsökumenebeauftragte, zum anderen in den verschiedenen vom Projekt- büro Kirche2 betreuten Aktivitäten.

Lutherisch/römisch-katholischer Dialog

Ohne Präzedenz in der jüngeren Kirchengeschichte trat Papst Benedikt XVI. im Februar 2013 mit Hinweis auf seine Gebrechlichkeit zurück. Der so sehr auf Tradition Bedachte hat mit der Tradition gebrochen und das Amt damit entmythologisiert. Noch ist unklar, wie sich das auf Verständnis und Aus- übung des Papstamtes auswirkt.

Mit Kardinal Jorge Mario Bergolio, dem Erzbischof von Buenos Aires, wurde im März zum ersten Mal ein Nichteuropäer und zum ersten Mal ein Jesuit zum Papst gewählt. Als erster Bischof von Rom wählte er den Papstnamen Franziskus. Er predigt und lebt Bescheidenheit. Er unterstreicht die dienende Funktion der Kirche und will im Vatikan reformieren. Einiges deutet darauf hin, dass er die nationalen Bischofskonferenzen stärken will. Wie er sich in der Ökumene positionieren und welche Akzente er hier setzen wird, bleibt abzuwarten.

Im weltweiten Dialog ist spürbar, dass nach den Fortschritten der ver- gangenen Jahrzehnte ein Vorankommen mühsam geworden ist. Um so wichtiger ist es, erstens die bislang erzielten Fortschritte in der bilateralen Ökumene präsent zu halten, zweitens auf rasche Lösungen für seelsorgerlich schwierige Fälle zu drängen und drittens geduldig das ökumenische Gespräch kompetent und engagiert weiterzuführen.

Das über Jahrzehnte gewachsene ökumenische Standardprogramm mit den römisch-katholischen Bistümern auf Gemeinde-Ebene droht dort, wo nichts unternommen wird, den Umstrukturierungen zum Opfer zu fallen. Notwendig ist es, dass Vertreter aus Landeskirche und Bistum auf ihren jeweiligen Ebenen die gewandelte Situation gemeinsam in den Blick nehmen und die ökumenischen Aktivitäten auf die neue Lage einstellen.

Das wird auch bedeuten, dass Ökumene weniger hauptamtlich getragen werden kann, als es bisher der Fall ist. Gerade uns als Evangelischen steht es gut an, die Würde von Ehrenamtlichen in anderen Konfessionen zu achten. Es ist allerdings darauf zu achten, dass für die Übernahme von Aufgaben von befugter kirchlicher Stelle Beauftragungen ausgesprochen werden und dies der/den anderen Kirche(n) mitgeteilt wird.

Lutherisch / freikirchlicher Dialog

Beim Kongress Kirche2 waren auch Freikirchlicher aktiv vertreten. Es wird auszuloten sein, inwieweit die Kooperation im Rahmen einer Ökumene der Sendung mit freikirchlichen Gemeinden möglich ist.

Evangelisch/orthodoxer Dialog

Das durch die Begegnung zwischen dem Landesbischof und orthodoxen Geistlichen in Niedersachsen gewachsene Vertrauen gilt es auszubauen und die Begegnung regelmäßig im Abstand von rund einem Jahr stattfinden zu lassen. Die Kontakte zu Orthodoxen gestalten sich besser über Beziehungen als über die Arbeit in Gremien. Gleichwohl ist die Orthodoxie in Nieder- sachsen dabei zu unterstützen, die bundesweite Struktur der OBKD auch in Niedersachsen umzusetzen.

Die Orthodoxen Kirchen fühlen sich durch die starke öffentliche Beachtung des Islam von uns als großen einheimischen Kirchen nicht angemessen gewürdigt. Es ist wichtig, die Kontakte zur Orthodoxie nicht langsamer zu entwickeln als die zum organisierten Islam. Das könnte z.B. Unterstützung bei orthodoxem Religionsunterricht und in der Seelsorgeaussbildung für Orthodoxe bedeuten.

Eine Herausforderung, die im Gespräch mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen anzugehen ist, ist das drohende Verschwinden des Christentums im Orient, in seiner Herkunftsregion.

Reformationsjubiläum

Die Aktivitäten unserer Landeskirche zum Reformationsjubiläum sollten mit einer stimmigen Mischung aus evangelischem Selbstbewusstsein und ökumenischer Sensibilität geplant und veranstaltet werden. Wo Koopera- tionen sich anbieten, sollten sie genutzt werden. Die ökumenische Sensi- bilität kann vor Triumphalismus schützen und den Blick auf das Zentrale, was es zu feiern gilt richten: die Wiederentdeckung des Evangeliums. Dies ver- künden wir umso glaubwürdiger und umso attraktiver, je mehr erfahrbar wird, dass wir es gemeinsam oder doch in Abstimmung mit Christen anderer Konfessionen feiern.

Ökumenischer Schöpfungstag/Schöpfungszeit

Ökumenischer Schöpfungstag/Schöpfungszeit ist – gerade in der Verbindung vom Lob des Schöpfers und dem Einsatz für ein umweltschonendes Handeln – eine hervorragende Maßnahme, um mit genuinen Elementen des christ- lichen Glaubens auf aktuelle Themen eingehen zu können und sowohl Moti- vation als auch Maßnahmen in die Gesellschaft zu kommunizieren. Gestei- gert wird die Glaubwürdigkeit noch durch das ökumenische Zusammen- wirken.

Im Rahmen der ACKN planen die Arbeitsfelder Ökumene und Umweltschutz einen „Ökumenischen Schöpfungstag 2015 in Niederachsen“, der das Feiern von Schöpfungstaggottesdiensten und einen Umweltpreis-Wettbewerb ver- binden soll.

Charismatisierung und Pentekostalisierung im Globalen Süden

Die Kirchen im Globalen Süden, die am stärksten wachsen, sind charis- matische oder pentekostale Kirchen. Von der Charismatisierung und Pentekostalisierung sind auch die historischen Kirchen, mit denen wir teilweise im Lutherischen Weltbund verbunden sind, betroffen. Über die Migration bringen Christinnen und Christen aus dem Globalen Süden diese Form des Christentums zu uns, teilweise mit großem missionarischen Eifer. Es wird darauf ankommen, zu diesen Christenmenschen Kontakte aufzu- bauen, ohne ihre Glaubensäußerungen gleich zu verurteilen, und auszu- loten, was an gemeinsamem Handeln möglich ist.