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Allgemein

Das Bekenntnis

grundtext

In der der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland, Artikel 15 heißt es:

(1) Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Gliedkirchen sind gerufen, Christi Liebe in Wort und Tat zu verkündigen. Diese Liebe verpflichtet alle Glieder der Kirche zum Dienst und gewinnt in besonderer Weise Gestalt im Diakonat der Kirche; demgemäß sind die diakonisch-missionarischen Werke Wesens- und Lebensäußerung der Kirche.

(2) Die Evangelische Kirche in Deutschland fördert die in ihrem Gesamtbereich arbeitenden Werke der Inneren Mission, ungeachtet deren Rechtsform. Ihre Verbindung mit der Kirche und den Gemeinden sowie die freie Gestaltung ihrer Arbeit werden in Vereinbarungen und entsprechenden Richtlinien gesichert.

Muss man betonen, dass Diakonie eine Ausdrucksform der evangelischen Kirche ist? Anscheinend ja, und nahezu beschwörend klingen die Sätze, die eine Wechselseitigkeit von Kirche und Diakonie ansprechen – z.B. im Leitbild des ehemaligen Diakonischen Werkes der EKD:1

  • Diakonie erfahren heißt erkennen: Die Kirche lebt!
  • Diakonie ist Christsein in der Öffentlichkeit.
  • Sie ist Wesens- und Lebensäußerung der evangelischen Kirchen.
  • Diakonie geht aus vom Gottesdienst der Gemeinde.
  • Sie ist gelebter Glaube, präsente Liebe, wirksame Hoffnung.
  • Diakonie macht sich stark für andere.

Diakonie ist und war der Kirche nie so selbstverständlich wie z.B. der Gottesdienst. Deshalb wird ihre notwendige Beziehung zur Kirche immer wieder hervorgehoben. Deshalb gilt sie als Lebens- und Wesensäußerung der Kirche, auch wenn niemand bestreiten würde, dass dies gerade auch von Gottesdiensten gesagt werden muss.

Diakonie – eine „fremde“ Wesens- und Lebensäußerung der Kirche

Die Einheit von Kirche und Diakonie ist nicht selbstverständlich. Was die Bekenntnisse beteuern, wird immer von neuem von einer Wirklichkeit angefragt, die hinter dem Anspruch zurück bleibt.

Wenn Diakonie und diakonisches Handeln schon aus sich heraus nicht selbstverständlich sind, ist es naheliegend, dass auch Diakonie immer wieder um ihr Selbstverständnis ringen muss. Dies hat mehrere Ursachen:

  • Diakonie ist nie „Liebe auf den ersten Blick“. Sie nimmt den Menschen in seiner Entstellung, in seiner Bedürftigkeit, den Menschen mit seinen Brüchen und Ängsten, den in seiner Würde angezweifelten, den seiner Würde nahezu Beraubten in den Blick und versucht ihn zu unterstützen und ihm aufzuhelfen.

    Diakonie hat es grundsätzlich mit den Schattenseiten des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens zu tun. Aber selbst Christen als die „Kinder des Lichts“ (Eph 4) setzen sich nicht spontan und wie selbstverständlich dem Schatten aus. Das ist menschlich verständlich.

    Da gibt es tief verwurzelte Berührungsängste. Umso wichtiger ist es sich immer wieder die Frage vorzulegen, wer eigentlich des Menschen Nächster ist. Jesus hat diese Frage mit der Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter beantwortet. Diakonie, der Dienst am Nächsten ist offenbar auf Verkündigung angewiesen.
  • Anthropologisch gewendet folgt aus dieser Einsicht, dass Diakonie stets neu eingeübt werden muss. Diakonie ist Handeln des zum Dienen erlösten Menschen, nicht unbedingt Handeln des „natürlichen“ Menschen (Römer 12,2).
  • Dennoch ist die Verkündigung der Diakonie nicht vor- oder übergeordnet. Diakonie ist Konkretion der Menschenfreundlichkeit Gottes ohne Ansehen der Person – selbst dann noch, wenn den Handelnden selbst nicht bewusst ist, dass sie im Auftrag und in Vertretung Christi handeln (Mt 25).

    Diakonisches Handeln ist als solches nicht eindeutig identifizierbar. Es wendet sich dem Hilfebedürftigen um seiner selbst willen zu und verfolgt darüber hinaus keine weiteren Zwecke.
  • Dennoch ist diakonisches Handeln als „Gottesdienst im Alltag der Welt“ (Ernst Käsemann) theologisch zu verantworten. Diakonie muss sich Anfragen von Seiten der Gesellschaft wie der Kirche nach der Motivation und Ausrichtung ihres Handelns stellen und plausibel machen.

Kriterium diakonischen Handelns ist das Menschenbild, das Christus gelebt und bewahrheitet hat. Jeder Mensch ist unabhängig von seinem Verhalten und seinem Geschick würdig und wert, am Leben teilzunehmen und teilzuhaben. Dies zu ermöglichen, ist Aufgabe und Pflicht jedes Menschen – so formuliert in der Goldenen Regel wie im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.

Auf der Grundlage dieses Menschenbildes ergeben sich diakonische Handlungen, wie sie z.B. in Matthäus 25 als Werke der Barmherzigkeit beschrieben sind. Im Umgang mit dem Nächsten zeigt sich, was Christen von den Menschen und der Welt denken und was sie dafür bereit sind einzusetzen.

Diakonie in den Kirchengemeinden und Kirchenkreisen - Diakonie als Querschnittsaufgabe

Diakonie ist kein spezielles Arbeitsfeld unter anderen im christlichen Leben. Vielmehr ist Diakonie als Haltung aus Glauben ein Merkmal kirchlichen Handelns, das sich vielfältig und über verschiedene Aktivitätenfächer hinweg als Querschnittsaufgabe identifizieren lässt.

Jede Gemeindearbeit lässt sich – bei einem weiten Diakoniebegriff – diakonisch qualifizieren: Die Taufgespräche sind ebenso wie Eltern-Kindgruppen oder die Arbeit der Kindertagesstätten Begleitung und Unterstützung von jungen Familien in Alltagsfragen, -sorgen und –problemen; Konfirmandenunterricht ist nicht nur Einübung in christliche und damit auch diakonische Überzeugungen, sondern zugleich seelsorglich aufgenommene Pubertäts- und Adoleszenzhilfe; ja selbst der Bastelkreis kann diakonisch als Hilfe zu sinnvoller Beschäftigung für Einsame und als Fundraising-Aktion zugunsten ökumenischer Diakonie (Brot für die Welt) bestimmt werden. Wo Menschen unterstützt werden und ihr Leben als sinnvoll erleben, kann man Diakonie am Werk sehen.

Diakonie in den Kirchengemeinden und Kirchenkreisen - Diakoniekollekte

Zugleich muss Diakonie aber stets auch explizit zur Sprache gebracht werden. Das geschieht in jedem Gottesdienst in Gestalt der Diakoniekollekte.

Seit apostolischen Zeiten ist der Gottesdienst, selbst wenn er in Verkündigung und Abendmahl die Nähe Gottes festlich und feierlich und fröhlich begeht, Ort der Fürbitte und der Sammlung für diejenigen, die Bedarf haben – getreu der jesuanischen Sentenz „Arme habt ihr allezeit unter euch“. Diakonie ist immer auch Erinnerungsarbeit, die praktische Solidarität einfordert.

Dem entsprechend gibt es in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen Menschen, die sich dieser Erinnerungsarbeit in besonderer Weise verpflichtet wissen.

Diakonie in den Kirchengemeinden und Kirchenkreisen - Diakoniebeauftragte und Diakonieausschüsse

In vielen Kirchengemeinden der Landeskirche werden mittlerweile Diakonieausschüsse der Kirchenvorstände gebildet oder Diakoniebeauftragte bestellt, die die gemeindliche diakonische Arbeit begleiten, steuern und voranbringen. Auch auf Kirchenkreisebene werden Kirchenkreisbeauftragte berufen und Kirchenkreisdiakonieausschüsse gebildet.

Die Diakonieausschüsse begleiten die diakonische Arbeit der Gemeinden, vernetzen sich mit den diakonischen Einrichtungen in den Kirchenkreisen, dem Diakonischen Werk im Kirchenkreis und initiieren Veranstaltungen zu diakonischen Themen.

In den Pfarr- bzw. Kirchenkreiskonferenzen sollen Diakoniebeauftragte für den Kirchenkreis berufen werden. Diese sind in der Regel Pastoren oder Pastorinnen. Sie geben Anregungen für diakonische Aktivitäten auf der Ebene des Kirchenkreises und für die Arbeit in den Kirchengemeinden. Sie sind theologische Partner der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Diakonischen Werken der Kirchenkreise und sorgen dafür, dass der diakonische Gedanke auch in der Pfarrkonferenz präsent bleibt.

Die Beauftragten werben im Rahmen der „Woche der Diakonie“ für den Diakoniesonntag in den Gemeinden. Dieser wird jeweils am 2. Sonntag im September unter einem besonderen diakonischen Thema in vielen Gemeinden unserer Landeskirche gefeiert.

Die Diakoniebeauftragten werden einmal jährlich zu einem Fachtreffen in das Diakonische Werk der Landeskirche eingeladen. Neben einem Schwerpunktthema gibt der Diakoniedirektor einen Bericht zur Lage, und es erfolgt ein wechselseitiger Austausch über Herausforderungen auf gemeindlicher, wie auf landeskirchlicher Ebene.

Weiterhin findet alle zwei Jahre eine zweitägige Tagung der Diakoniebeauftragten der Kirchenkreise statt. Um die Arbeit der Diakoniebeauftragten und der Kirchenkreissozialarbeiter stärker miteinander zu vernetzen, werden seit 2006 gemeinsame Jahrestagungen angeboten.

Dadurch nehmen sich die Berufsgruppen gegenseitig stärker wahr und vernetzen ihre Anliegen und ihre Arbeit. Unterschiedliche Referentinnen und Referenten des Diakonischen Werkes der Landeskirche begleiten die Tagungen, setzen Impulse und nehmen Anregungen und Informationen für die Weiterarbeit auf. Themen in 2010 und 2012 waren „Gemeinwesendiakonie“ und „Das Alter ist unsere Zukunft?!“.

Gemeinwesendiakonie

Unter dem Stichwort Gemeinwesendiakonie hat sich die Diakonie der Landeskirche Hannovers intensiv an einem bundesweiten Prozess beteiligt, der seit etwa 2007 in der evangelischen und katholischen Kirche entstanden ist.

Gemeinwesendiakonie beschreibt „eine Gestalt kirchlich-diakonischer Arbeit, die von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen, von diakonischen Diensten und Einrichtungen gemeinsam getragen wird und in der mit weiteren Akteuren kooperiert wird. Sie nimmt den Stadtteil in den Blick, orientiert sich an den Lebenslagen der Stadtteilbewohner und öffnet sich so zum Gemeinwesen hin. Gemeinsames Handeln von verfasster Kirche und organisierter Diakonie setzt eine strategische Zusammenarbeit voraus, um Klienten-, Mitglieder und Gemeinwesenorientierung in Balance zu bringen“.2

In diesem Zusammenhang haben sich Kirchengemeinden an dem bundesweiten ökumenischen Kooperationsprojekt „Kirche findet Stadt“ beteiligt. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Nationalen Stadtentwicklungspolitik und unterstützt damit die Ziele der Leipzig Charta von 2007 zur integrierten Stadtentwicklung.

Die Paulus-Kirchengemeinde Burgdorf wurde als innovative Gemeinde zu einem von zwölf bundesweiten Regionalknoten ausgewählt. Die Regionalknoten sind regionale Anlaufstellen, übernehmen eine fachlich-inhaltliche bündelnde Funktion und haben Multiplikatoreffekte in die Fläche.

Des Weiteren fand im Februar 2012 ein Impulstag zu diakonischer Gemeindearbeit in Burgdorf statt, und es wurden durch Mitarbeitende des Diakonischen Werkes der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers Workshops zu dem Thema auf dem Ehrenamtlichentag im September 2010, auf dem ökumenischen Kongress „Kirche²“ im Februar 2013 und auf dem Kirchenvorstehertag im September 2013 gegeben.

Siegel diakonische Gemeinde

Zur Förderung und Anerkennung diakonischer Arbeit in Kirchengemeinden wird seit 2012 das Siegel „Diakonische Gemeinde“ auf Antrag einer Kirchengemeinde und mit Befürwortung der Superintendentur nach Prüfung durch das Diakonischen Werkes der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers e.V. verliehen.

Dabei sind wichtige Kriterien:

  • Das diakonische Profil ist im Gemeindekonzept verankert und die Aktivitäten und Initiativen sind in der Gemeinde vernetzt.
  • Die Arbeit geschieht nach den diakonischen Grundsätzen der „Hilfe zur Selbsthilfe“ und unter Beteiligung von Betroffenen.
  • Ehrenamtliche werden für diakonisches Engagement gewonnen, angeleitet und fortgebildet.
  • Die diakonischen Aktivitäten und Initiativen sind so konzipiert, dass Menschen verschiedener Alters- und Bezugsgruppen zusammengeführt werden, sich kennen und verstehen lernen und füreinander eintreten.
  • Diakonische Handlungsfelder sind auf Effektivität und Nachhaltigkeit ausgerichtet und arbeiten zur Erreichung ihrer Ziele mit anderen kirchengemeindlichen oder diakonischen Einrichtungen, Trägern und Verbänden zusammen.

Das Siegel wird für fünf Jahre bzw. für die Dauer des Projektes zugesprochen. Die Kirchengemeinde ist gehalten, bei Wegfall des Verleihungsgrundes das Siegel zurückzugeben bzw. eine neue Begründung für die Beibehaltung des Siegels vorzulegen. Des Weiteren soll im Rahmen der Visitationen der Kirchengemeinde festgestellt werden, ob die Gemeinde die Voraussetzungen erfüllt, als diakonische Gemeinde das Siegel zu führen.

Bislang haben in 2012 zwei Gemeinden das Siegel erhalten. In 2006 und 2007 wurden 68 Siegel an Gemeinden vergeben.

Vikarsausbildung

Seit 2009 ist das Diakonische Werk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers verlässlich in der Vikarsausbildung in allen Kursen mit einem halbwöchigen Seminar zu diakonischen Fragen vertreten.

Die Vikarinnen und Vikare wählen meistens den Schwerpunkt der Gemeindediakonie. Eine Exkursion verdeutlicht exemplarisch die Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen in der praktischen Arbeit und regt zur weiteren theologischen Reflektion an. Darüber hinaus wurden in den letzten Jahren aktuelle Fragen erörtert z.B. zum Arbeitsrecht, zur Anstellung nichtchristlicher Mitarbeitender in der Diakonie oder zum Auftrag und zur Rolle der Diakonie als Wohlfahrtsverband in der Sozialwirtschaft.

1. Siebter Satz des Leitbildes. Inzwischen ist das DW der EKD übergegangen in das Evangelische Werk für Diaonie und Entwicklung. S.u. „12. Diakonisches Werk“.

2. Martin Horstmann/Elke Neuhausen: Mutig mittendrin. Gemeinwesendiakonie in Deutschland. Eine Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Münster 2010, S. 5.

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N. N.