kopf

Ausblick

Langzeitfolgen

zukunft

Das Reaktorunglück von Tschernobyl unterscheidet sich von anderen Umweltkatastrophen dadurch, dass die Langzeitfolgen erst nach und nach sichtbar werden und in mancher Hinsicht noch gar nicht abzuschätzen sind.

Der langjährige Vorsitzende der Stiftung des Landes Niedersachsen – Kinder von Tschernobyl und jetzige stellvertretende Vorsitzende, Prof. Dr. Heyo Eckel, Facharzt für Radiologie und Ehrenpräsident der Ärztekammer Niedersachsen, prognostiziert insbesondere einen erheblichen Anstieg von Organ- und Skelettkrebserkrankungen in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren.

Aktuell ist wieder ein Anstieg der Schilddrüsenerkrankungen zu verzeichnen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer gesundheitlicher Probleme. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit hat stark zugenommen, viele Kinder leiden unter Magen-Darm-Erkrankungen, Bronchial- oder Bluterkrankungen, Erkrankungen des Herzens sowie Diabetes Typ 1.

Die Ärztinnen und Ärzte stellen bereits seit Jahren eine deutliche Schwächung des Immunsystems bei Kindern fest und berichten über einen signifikanten Anstieg angeborener Missbildungen. Leukämien und andere Krebserkrankungen treten verstärkt und in sehr aggressiver Form auf.

"Stille Katastrophe"

Prof. Dr. Eckel hat das Wort von der „stillen Katastrophe“ geprägt, weil die gesundheitlichen Folgen der Verstrahlung anhalten, aber öffentlich immer weniger war genommen werden. Diese Erfahrung machen wir auch. Die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat daran nur kurzzeitig etwas geändert.

So konstatieren wir auf der einen Seite die anhaltenden gesundheitlichen Folgen der Katastrophe und die weitere Notwendigkeit auch internationaler Hilfe, um diese Folgen zu mindern. Die Menschen in den verstrahlten Regionen Weißrusslands werden noch in Jahrzehnten Opfer dieser Katastrophe sein.

Auf der anderen Seite erleben wir, dass international und genauso in Deutschland die Zahl der Menschen zurückgeht, die sich an dieser Stelle engagieren. Für unsere landeskirchliche Tschernobyl-Aktion stellen wir fest, dass die Einbindung der Gesamtaktion in bestehende kirchliche Strukturen hilfreich ist und die Hilfstätigkeit stützt.

Selbstverständlich hat sich in zwanzig Jahren Ferienaktion eine Menge in beiden Ländern verändert und auch die Menschen haben sich verändert.

Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kommen andere Kinder aus Weißrussland nach Deutschland. Sie sind selbstbewusster, informierter und haben eine andere Erwartungshaltung als in den ersten Jahren.

Auch auf deutscher Seite haben sich die Dinge verändert. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gerät in Vergessenheit. Wir stehen aber auch vor einem Umbruch bei den Gasteltern, der durch die ökonomische Situation der jüngeren Familien für uns sehr schwierig zu bewältigen ist. Waren früher Gasteltern meist Menschen um die fünfzig, deren eigene Kinder das Haus verlassen hatten und deren finanzielle Situation meist zufriedenstellend war, haben wir es heute mit jungen Familien zu tun, bei denen beide Elternteile arbeiten (müssen) und die schon ihren eigenen Familienalltag nur mühsam organisieren können. Da sind zwei Gastkinder für vier Wochen oft zuviel.

Die Kirchenkreise reagieren mit verkürzten Aufenthaltszeiten (z. B. durch vorgeschaltete Gemeinschaftsunterbringung) oder Teilung der vier Wochen in jeweils zwei Wochen pro Familie.

Insgesamt gibt es noch immer in den mitwirkenden Kirchenkreisen und Kirchengemeinden eine deutliche Bereitschaft, sich an der Ferienaktion auch weiterhin zu beteiligen, und innerhalb der Landeskirche gibt es den erklärten Willen, die Aktion solange fortzusetzen, wie sie mit Blick auf die Menschen in Weißrussland notwendig ist und innerhalb der Kirchenkreise die Bereitschaft besteht, weiterhin Kinder aufzunehmen.

Ausgehend von der beschriebenen Situation sind wir zurzeit dabei, in einer Reihe von Workshops mit Blick auf den 30. Jahrestag der Reaktorkatastrophe am 26.4.2016 zu überlegen, auf welche Weise wir diese Arbeit stärken kön- nen, welcher Rahmenbedingungen und Impulse es bedarf, diese Hilfstätigkeit auch über den Jahrestag hinaus weiterzuführen.