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Rückblick

Atmosphäre der Nacht

vergangen

Seit Anfang der 1990er Jahre laden in den Großstädten Museen und Theater zur „Langen Nacht“ ein. Eine Bewegung, die ihren Anfang in Berlin nahm, erreichte bald auch Hannover. Der Erfolg in der städtischen Kultur hat verschiedene Gründe.

Es mag an dem sogenannten Event-Charakter und an der besonderen Atmosphäre der Nacht liegen. Das Konzept dieser Veranstaltungen ist es, Kulturstätten der Stadt in besonderer Weise öffentlich zu machen. Dieses Konzept wurde 2003 auch vom Stadtkirchenverband Hannover aufgegriffen und verbreitete sich von dort in der Landeskirche.

Hannover blickt inzwischen auf sechs erfolgreiche Nächte zurück. Andere Städte haben das Konzept aufgegriffen und variiert. Es bewährt sich auch in Kleinstädten, im ländlichen Bereich und sogar in Dörfern bzw. Gemeindeverbänden, die über mehrere Kirchengebäude bzw. Konfessionen am Ort verfügen. Mitunter fanden in der Landeskirche in einem Jahr bis zu 30 unterschiedliche „Lange Nächte“ statt.

Raum der Ruhe, Stille und Konzentration

Für viele Menschen symbolisiert die Nacht die andere, die dunkle Seite des Lebens. In der Nacht erwachen die Zweifel, in der Nacht geschehen Dinge, die uns verborgen bleiben. Eine mysteriöse, unheimliche Zeit. Doch die Nacht ist auch die Zeit der Hoffnung auf den neuen Tag. Und sie ist besonders die Zeit der Begegnung mit Gott.

Denn die Nacht verbreitet etwas, das in unserer technisierten Welt immer seltener zu finden ist – Atmosphäre. Sie ist ein Raum der Ruhe, der Stille, der Konzentration. Die Kirchen können sich diese Atmosphäre zu Nutze machen, ihre Räume wirken lassen, in eine andere Welt einladen, die vielen nicht mehr nahe ist. Spiritualität wird für viele in der Nacht wieder erfahrbar und erlebbar. Ein neuer Zugang zum Glauben wird möglich.

Lebendigkeit der Kirchengemeinden

Die „Lange Nacht der Kirchen“ präsentiert die Lebendigkeit unserer Kirchengemeinden einem möglichst großen Publikum. Besondere liturgische und kulturelle Angebote helfen, Interesse zu wecken, neue Kontakte zu knüpfen und Schwellenängste abzubauen
Das Kommen und Gehen gehört zur Liturgie der Langen Nacht. Die Angebote sind kurzweilig, für Menschen angelegt, die unterwegs sind, immer schon ein weiteres Ziel in der Nacht vor Augen. Aber die Veranstalter rechnen damit, dass sie später einmal wieder kommen und mehr Zeit mitbringen.

Für das Phänomen „Lange Nacht“ im Kulturangebot der vielfältigen Theater- und Museen-Landschaft einer Stadt ist das Zusammenspiel und die Kooperation der jeweiligen Einrichtungen entscheidend. Sonst Konkurrenten um die Gunst der Besucher, sind in der „Langen Nacht“ eine Vielzahl von Angeboten - ca. zwischen 19 Uhr und weit über Mitternacht – der beteiligten Häuser so abgestimmt, dass jeder Besucher als „Konsument“ mehrere Angebote wahrnehmen kann. Auffallend ist, dass keine Veranstaltung den Besucher für den ganzen Abend bzw. zu lange bindet. Ebenso dazu gehören abgesprochene Anfangszeiten des Programms, z.B. zu jeder vollen oder halben Stunde. Damit erhält die Nacht eine eigene, schnell vertraute Liturgie.

Programmheft

Das Programm ist so vielfältig wie das Leben in den beteiligten Gemeinden. Dabei gibt es wiederkehrende Elemente, die die Nacht strukturieren. Die Angebote in dieser Nacht sind zeitlich so abgestimmt, dass immer wieder ein Aufbruch möglich ist, um weitere Kirchen zu besuchen. Nachtcafés sorgen für das leibliche Wohl. Kosten entstehen den Besucherinnen und Besuchern nicht, denn der Eintritt ist überall frei. Ein ausführliches Programmheft wirbt für die Lange Nacht der Kirchen, erleichtert die persönliche Vorbereitung und begleitet mit einem Stadtplan durch die erlebnisreichen Stunden.

Das Programmheft schafft für alle Teilnehmenden nicht nur Orientierung. Viele planen schon im Vorfeld der bevorstehenden Nacht ihr „eigenes Programm“. Am Abend ist dann das Programmheft Ausweis und vor allem auch Erkennungszeichen untereinander. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Bus, in der Gruppe, zu zweit oder allein macht man sich auf den Weg. Nur die wenigsten lassen sich treiben. Aber es kommt auch nicht darauf an, alles gesehen zu haben. Natürlich wird man auch vieles verpassen.

Dialog entsteht

In der „Langen Nacht“ ergeben sich wie von selbst Gespräche unter Zufallsbekanntschaften. Sie entstehen automatisch, in einer Schlange beim Warten, bevor sich für den nächsten Auftritt wieder die Türen öffnen oder unterwegs. In einer solchen Nacht fühle ich mich auch weniger als anonymer Stadtmensch, sondern genieße es, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Unbekannte, die mir mit ihrem Programmheft begegnen oder mit mir auf dem Weg sind, sind mir auf einmal nicht mehr ganz so fremd und ich ihnen scheinbar auch nicht. Ein Blickkontakt, ein Lächeln genügt, ungefragt werden Programm-Tipps gegeben oder bereits Erlebtes mitgeteilt.

„Lange Nächte“ fördern den Dialog zwischen Kirche und Kultur. Wichtig ist eine gute interne Abstimmung der beteiligten Kirchen und Gemeinden und Einrichtungen sowie eine entsprechend breite Öffentlichkeitsarbeit. Eine professionelle Kommunikations- und PR-Kampagne hat sich in Großstädten als notwendig erwiesen. Auf diese Weise wurde ein positiver Imagetransfer erzielt, der neue Bilder von Kirche transportierte.

Bislang sechs "Lange Nächte"

In Hannover haben mittlerweile sechs „Lange Nächte“ stattgefunden. Im Jahr 2012 standen in 63 christlichen Kirchen die Türe offen. Es wurden über 400 Stunden Programm mit klassischen Elementen und modernen Inszenierungen in den Kirchen angeboten. 35.000 Besucherinnen und Besuchern fanden sich in den 420 Veranstaltungen ein. 60% der Besucher kamen nicht aus der eigenen Gemeinde, die durchschnittliche Verweildauer in einer Kirche betrug zwischen ein und zwei Stunden und ein Drittel der Besucher war zwischen 20 und 40 Jahr alt.
In Osnabrück fand im Jahr 2014 die zweite ökumenische Lange Nacht der Kirchen statt.