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Rückblick

Wachsende Attraktivität

vergangen

Glaubenskurse haben in den vergangenen Jahren in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers stark an Bedeutung gewonnen. Die Palette der Kurse wurde bunter, die Anzahl der durchgeführten Kurse haben sich mehr als verdoppelt. Verschiedene Faktoren spielten dabei eine Rolle.

Glaubenskurse reagieren auf eine veränderte kulturell-religiöse Großwetterlage. Wir befinden uns in einem Übergang von primär kulturgestützten Formen des Christentums zu personalgestützten Formen. Mit soziologischen Begriffen ausgedrückt: Das reiche kulturelle Kapital des christlichen Glaubens muss in Bildungsprozessen immer wieder neu erschlossen werden, damit der christliche Glaube auch sein soziales Kapital entfalten kann. Ein Traditionsaufbruch mit neuen Formen und Formaten ist angesagt, der Glauben und die unterschiedlichen Lebenswelten der Menschen miteinander ins Gespräch bringt, damit sich Menschen die Lebenskraft des Evangeliums erschließen kann. Wo Zugänge und Vertiefung im Glauben über persönliche Aneignung laufen, ist religiöse Bildung gefragt – gerade bei Erwachsenen. Hier sind Glaubenskurse eine hervorragende Möglichkeit, sich Kernthemen und Lebensformen des christlichen Glaubens und Lebens in einer Gruppe zu erschließen. Daher haben sich Glaubenskurse auch für die Taufvorbereitung Erwachsener bewährt.

Derzeit stellt sich innerkirchlich wieder vermehrt die Frage nach den zentralen Inhalten. Was ist der Auftrag der Kirche, dem ihre Gestaltungsformen zu dienen haben? Wie kann ich mich mit meinen Erfahrungen, Anregungen und Fragen in diesen Auftrag einzeichnen? Es entsteht bei Haupt- und Ehrenamtlichen eine neue Sehnsucht nach tragenden und vergewissernden Erfahrungen hinsichtlich der Grundinhalte und –vollzüge des Glaubens. Glaubenskurse bieten eine Möglichkeit, sich jenseits der etablierten gottesdienstlichen Verkündigung auf Augenhöhe über die Lebensrelevanz des Glaubens zu verständigen und damit Motive des eigenen Engagements zu klären und geistliche Quellen (wieder) zu entdecken.

EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit"

Das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ verstand die evangelische Bildungsarbeit als Zeugnisdienst an der Welt, die auf Beheimatung in den Überlieferungen des Glaubens und Dialogfähigkeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen zielt (Leuchtfeuer 7). Drei Jahre später rief der Rat der EKD das Reformprojekt „Erwachsen glauben“ ins Leben und installierte die Kampagne „Kurse zum Glauben“. Langfristiges Ziel des Projektes ist es, dass Glaubenskurse zu einem verlässlichen Regelangebot innerhalb der Landeskirchen werden. Ein Projektbüro koordinierte die Arbeit der einzelnen landeskirchlichen Steuerungsgruppen, versandte EKD-weit an alle Pfarrämter ein Handbuch zur Arbeit mit Glaubenskursen und bot mit Internetplattformen und zentralen Werbemitteln den zahlreichen örtlichen Kursangeboten ein einheitliches Werbekonzept.

Unterschiedliche Zielgruppen

Glaubenskurse sind für unterschiedliche Zielgruppen geeignet. Die Studie „Wie finden Erwachsene zum Glauben“ unterscheidet drei Typen bei den Glaubenswegen Erwachsener.

Da gibt es den Typ „Vergewisserung“, der - kirchlich hochverbunden - über einen Glaubenskurs noch einmal vertiefte Zugänge erlebt. Der Typ „Entdeckung“ repräsentiert die nahen Kirchenfernen, denen die Alltagsrelevanz des Glaubens ganz neu einleuchtet. Die typische Indifferenz wird durchbrochen. Wer jenseits kirchlicher Sozialisation seinen Weg ins Christsein ganz neu findet, wird dem Typ „Lebenswende“ zugeordnet.

Glaubenskurse stellen ein wichtiges Veranstaltungsformat für die jeweilige Glaubensbiografie bei allen drei Typen dar. Erfahrungsgemäß lassen sich bei erstmaliger Durchführung eines Kursangebotes vor allem die „Vergewisserungsytypen“ ansprechen. Vertreter der anderen beiden Typen nehmen in dem Maß zu, in dem ein Kursangebot regelmäßig angeboten wird und sich die Qualität des Kurses über die Kontaktnetze der Teilnehmenden herumspricht. Denn der Besuch eines Glaubenskurses setzt in der Regel bestehende Kontakte voraus.

Mit Glaubenskursen sind „Risiken und Nebenwirkungen“ für die Gemeindearbeit verbunden. Die Kurse werden von Haupt- und Ehrenamtlichen durchgeführt, oft auch im Team. Das Team fördert die Zusammenarbeit der beiden Gruppen und stärkt die theologische Kompetenz der Beteiligten. Die Einladungspraxis und die Beteiligung zeigen, wie eine Gemeinde mit ihrem Kontaktnetz im sozialen Raum verortet ist. Die Kurse fördern eine Kultur der Gastfreundschaft und haben sich bei wiederholter Durchführung als ein Motor für Gemeindeentwicklung erwiesen. Sie stoßen die Arbeit mit kleinen Gruppen und Hauskreisen an und bieten Impulse für eine breitere Gottesdienstpalette.

Werden sie in regelmäßigem Rhythmus durchgeführt, gelingt es in der Regel auch, mehr Menschen über die bekannten Gesichter aus Gottesdienstgemeinde, Gruppen und Kreisen hinaus anzusprechen. Sie bieten bei regionaler Kooperation die Möglichkeit, jenseits von Strukturfragen mit einem inhaltlichen Akzent nach Außen zu wirken und dabei zusammenzuwachsen.

Auf diese Weise stoßen Glaubenskurse langfristig einen Perspektivenwechsel über die Binnensicht hinaus an: Das Evangelium will mit allen Menschen geteilt werden – nicht nur mit bislang Engagierten. Denn „wo der Glaube ganz unter die Bank gesteckt worden ist, erkennt niemand Christus als Herrn ..." (Martin Luther).

Zur Arbeit mit Glaubenskursen in der Landeskirche

Zur Implementierung des EKD-Projektes „Erwachsen glauben“ hat die Landeskirche im Januar 2010 eine Steuerungsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Leitungsebenen, Fachstellen (u.a. aus Ev. Erwachsenenbildung, Diakon. Werk, Religionspäd. Institut, Frauenwerk, Miss. Dienste) sowie Kursverantwortlichen eingesetzt.

Als ergänzendes Projekt stellte eine Arbeitsgruppe unter dem Fokus der Kindertheologie eine good-practice Sammlung aus den Bereichen Kindergottesdienstarbeit, Kindertagesstätten und Ev. Familienbildungsstätten zusammen. Dabei wurden niedrigschwellige Arbeitsformen vorgestellt, in denen Erwachsene und Kinder gemeinsam in religiösen Erlebnisräumen Glauben entdecken können (Philipp Elhaus u. a., Wenn Anna Papa von Gott erzählt, Kinder und Erwachsene auf dem Weg des Glaubens, Hannover ² 2011).

Studientag "Mission und Bildung"

Die für die Beteiligten ungewöhnliche und erstmalige Kooperation wurde von einem theologischen Diskurs begleitet, der bei einem Studientag zum Thema „Mission und Bildung“ im November 2010 auch für eine breite Öffentlichkeit geöffnet wurde. Die Zusammenarbeit in wechselseitig wachsender Wertschätzung führte zu einer Kultur des Vertrauens, in der mit Differenzen konstruktiv umgegangen und die Arbeit als gemeinsamer Lernweg erlebt wurde.

Das gemeinsame Auftreten bei öffentlichen Veranstaltungen und Studientagen in den nächsten beiden Jahren trug wesentlich dazu bei, dass sich Glaubenskurse als seriöses Format in der Mitte der Kirche etablierte, ohne gleich mit einer Frömmigkeitsnische bzw. einem theologischen Stallgeruch verbunden zu werden. Diesen Effekt unterstützte auch die breite Kurspalette, in der sich unterschiedliche theologische Ansätze und didaktische Zugänge widerspiegeln.

Mit zentralen Versandaktionen und Einladungen zur Eröffnungsaktion, Informationen zum Versand der Handbücher und den regionalen Studientagen sowie dem Aufbau einer eigenen Homepage in Anlehnung an und Verlinkung mit den EKD-Domains gerieten das Projekt und die Kampagne „Kurse zum Glauben“ in das Bewusstsein der Hauptamtlichen auf allen Leitungsebenen. An der Auftaktveranstaltungen und den Studientagen in den Sprengeln nahmen über 1.100 Menschen teil. Über die Studientage, zu denen Pfarrämter und Kirchenvorstände regional durch die jeweiligen Landessuperintendenturen eingeladen wurden, gelang der Brückenschlag zu den Ehrenamtlichen. Schon hier wurde das Interesse an den Kursen seitens der Ehrenamtlichen sichtbar, das für unsere Überlegung zur zukünftigen Kursleitungsqualifikation eine zunehmende Rolle spielen sollte.

Kursdurchführung

Im Zusammenspiel von top down und bottom up initiierte die Steuerungsgruppe verschiedene Maßnahmen, um die Kursdurchführung in Gemeinden, Regionen und anderen Orten anzustoßen und zu unterstützen. Sie reichen von finanzieller Unterstützung – vor allem Kurse in regionaler Verantwortung werden gefördert – über Beratung, Begleitung und Kursdurchführung bis hin zur Kursleiterqualifikation.
Außerdem konnte die Kurspalette über die im EKD-Handbuch vorgestellten Kurse – zwei davon stammen aus der Landeskirche – noch um einen Bonhoeffer-Kurs sowie ein Kursangebot aus dem Frauenwerk erweitert werden. Der im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) entwickelte Kurs „Sieben Säulen des Glaubens“ wird ebenso gefördert wie das Format „Exerzitien im Alltag“, das über geistliche Übungswege Zugänge zum Glauben eröffnet.

Der Rücklauf eines durch die Landessuperintendenten verschickten Befragungsbogens im Sommer 2012 gab Aufschluss über die Resonanz der Kampagne auf Gemeinde- und regionaler Ebene. Von September 2011 bis zum Sommer 2012 wurden 90 Kurse durchgeführt; im Herbst kamen noch 50 weitere dazu. An der Durchführung der 140 Kurse waren 181 Gemeinden beteiligt. 15 Kurse fanden in regionaler Trägerschaft mit insgesamt 55 beteiligten Gemeinden statt.

Besonderes mediales Interesse auch jenseits kirchlicher Medien fand die Pilotregion Osnabrück mit dem großen Spur-8-Kurs in St. Marien im September 2011, an dem zehn Stadtkirchengemeinden beteiligt waren. Der ZDF-Fernsehgottesdienst steigerte den Aufmerksamkeitswert noch. Aber auch regionale Modelle im ländlichen Raum haben sich bewährt und waren dort wichtige Momente im Rahmen von regionalen Entwicklungsprozessen.
Für das Jahr 2013 wurden 100 Kurse avisiert.

Kursverteilung 2011 – 2012

Die Zahl der Kursteilnehmenden wurde nicht abgefragt. Realistische Schätzungen liegen bei insgesamt 4.500 Teilnehmenden im Zeitraum Herbst 2011 bis Ende 2012.
Im Zuge dieser hervorragenden Resonanz, die die Zielvorgaben der Steuerungsgruppe im Blick auf die Kursanzahl um mehr als 50% übertroffen hat, hat die Landeskirche beschlossen, die Nachhaltigkeit von „Erwachsen glauben“ durch eine Ausbildungsinitiative zu fördern. Ziel ist die Qualifizierung von 80 neuen haupt- und ehrenamtlich Kursleitenden für unterschiedliche Kursmodelle in 2013 und 2014, deren Begleitung und Vernetzung über ein Konzept, das bestehende Multiplikationsseminare durch weitere Module ergänzt und in ein Gesamtsystem einbindet. (Siehe Kasten "Zahlen und Fakten")

Schulungen 2013 - 2014

In den Jahren 2013 und 2014 wurden über 140 Personen auf Orientientierungstagen in der Arbeit mit Glaubenskursen geschult und haben sich in einzelnen  Vertiefungsseminaren für die Durchführung eines Kursmodells qualifiziert. Erfreulich ist die wachsende Zahl von Ehrenamtlichen und die Teilnahme von Teams.

Erstaunlich vital ist auch der Bereich der Kursentwicklung. Ein Männerkurs wurde gemeinsam von der Männerarbeit und den Missionarischen  Diensten erarbeitet, erprorbt und mit deutschlandweiter Ausstrahlung multipliziert. In der ersten Jahreshälfte 2015 wird eine entsprechende Arbeitshilfe im HkD erscheinen. Für Mitarbeitende eines Kirchenamtes wurde ein Pilotkurs entwickelt und durchgeführt. Ein online-Kurs wird im Rahmen eines vom Innovationsfond Pilotprojektes entwickelt und erprobt. Gemeinsam mit der EEB entsteht ein kleiner Glaubenskurs zum Reformationsjubiläum, der Lebensweltthemen mit reformatorischen Traditionen verbindet.

Im Februar 2015 wird eine neue landeskirchenweite, digital gestützte Befragung zu den Kursen durchgeführt.
 (http://sag-zu.e-msz.de/content/fragebogen-zu-glaubenskursen-2014-123)