kopf

Ausblick

Große Herausforderungen

zukunft

Zwei große Herausforderungen stellen sich der Arbeit der Missionarischen Dienste in den nächsten Jahren: die personale Dimension des Glaubenszeugnisses der Kirchenmitglieder im Alltag der Welt und die ekklesio- logische Dimension einer Kirche, die ihre sozialen und organisatorischen Gestaltungsformen von ihrer Sen- dung her gestaltet.

Zeugnis im Alltag des Lebens – Förderung von Sprach- und Dialogfähigkeit

Was die neuesten Studien als entscheidenden Faktor für die Ausbreitung des christlichen Glaubens in der Zeit der frühen Kirche herausgearbeitet haben – Mikrokommunikation im sozialen Nahraum – hat bis in die Gegenwart hinein nicht an Aktualität verloren. Glaube lebt vom Miterleben.

Die Begegnung mit Christen und Christinnen bildet für zahlreiche Menschen einen entscheidenden Anstoß für eigene Zugangswege und Glaubenserfah- rungen. Familie und Nachbarschaft, persönliche Netzwerke und berufliche Kontakte, Arbeitsplatz und Urlaubsort, Verein und Aktionsgruppe sind unver- zichtbare Orte für die Kommunikation des Evangeliums. Das bedarf der Fähigkeit, an den Alltagsorten von dem zu sprechen, was mir Kraft und Mut gibt, ohne gleich zu traditionellen Begriffskonserven zu greifen.

Von Gott können wir nur sprechen, indem wir etwas öffnen. Also nicht ab- schließend von Gott mit dem Pathos unerschütterlicher Gewissheit reden, sondern Raum lassen für eine Frage, für einen Zweifel, für einen weiter führenden oder tiefer führenden Einwand. In diese Offenheit kann der Ge- sprächspartner mit seiner Lebenswelt eintreten. Die Sprachfähigkeit des Glaubens lebt vom Mut, sich seinen Reim auf Gott und das Leben zu machen – auch wenn er noch nicht immer gleich aufgeht.

Vier Aspekte gilt es bei der Förderung von Sprach- und Auskunftsfähigkeit im Glauben zu berücksichtigen

  • ein elementares Glaubenswissen
  • ein persönliches Verhältnis zu den Grundthemen des Glaubens, das die eigene Lebenspraxis mit einschließt, um so im Referenzrahmen der reichen Tradition christlicher Gottesrede seine eigene Sprache zu finden
  • die Bereitschaft, diesen eigenen Glauben sicht- und hörbar zu leben
  • eine Dialogfähigkeit mit einem konkreten Gegenüber, was Kenntnis seiner Lebenswelt und seines Milieus bedingt und angesichts unserer pluralis- tischen Gesellschaft auch interkulturelle und interreligiöse Kenntnisse umfasst

Diese vier Aspekte bündeln sich im Verständnis einer Glaubensbildung, die die Bedeutung der Taufe für den Lebensvollzug entfaltet. Dazu gehört auch die Einsicht, dass Glaubenswege Erwachsener von Wandlungen geprägt und immer wieder mit Abbrüchen und Neuanfängen verbunden sind.

Ziel der Arbeit der Missionarischen Dienste ist es daher, in Zukunft vermehrt eine missionarische Spiritualität und die Sprach- und Dialogfähigkeit im Glauben zu fördern. Dies wird zum einen in der Wertschätzung der Orte und Arbeitsformen geschehen, in denen dieses bereits traditionell geschieht: klassisch in Gottesdiensten und Kasualien, in der religiösen Elementarpäda- gogik, in der Arbeit mit KonfirmanIinnen und Jugendlichen, im Besuchs- dienst, in der Seelsorge, in kirchlicher Presse und Publizistik, in Rundfunk und Fernsehen und nicht zuletzt in den social media; zum anderen im Ausbau der Maßnahmen, die die Glaubensbildung Erwachsener fördern und begleiten. Hier sind vor allem die verschiedenen Glaubenskurse zu nennen, die mit pluralen theologischen und methodischen Ansätzen verschiedene Zielgruppen ansprechen können. Auch Hauskreise und Kleingruppen stellen eine bewährte Form dar, die durch weitere experimentelle, überschaubare soziale Formen zu ergänzen sind.

Darüber hinaus nimmt die Bedeutung ästhetischer und erfahrungsorientierter Zugänge zum Glauben zu. Biblische Installationen, offene Kirchen, Pilger- wege und geistliche Übungen eröffnen Menschen Glaubenswelten jenseits von Sprachlichkeit und Diskursivität. Wichtig werden Veranstaltungsformate, die Begriffe und Anschauung, Öffentlichkeit und Intimität miteinander ver- binden. Beispielhaft sei hier die Aktion zum Valentinstag „Liebesbrief von Gott“ und das Projekt „Zeit des Meisters“ genannt.

Bei der Valentinstagsaktion verteilen Christinnen und Christen im Innen- stadtbereich an Passanten „Liebesbriefe von Gott“, die zu einem „Rendez- vous“ in einer nahe gelegenen Kirche einladen. Dort warten unterschiedlich gestaltete Stationen zum Betrachten und Mitmachen.

Die „Zeit des Meisters“ kombiniert eine offene Kirche mit der Tradition des Stundengebetes in neuer religiöser Sprache. Eine Projektgruppe ist als „Kloster auf Zeit“ vor Ort präsent und macht das Kirchengebäude zu einer Adresse für spirituell Suchende und traditionelle Kirchgänger, die beide den Kirchenraum auf neue Weise erleben. In den nächsten Jahren werden ver- mehrt Module für die religiöse Bildung beim Pilgern und der kirchlichen Urlauberarbeit entwickelt.

Um die Kontakträume zu öffnen, werden andere Orte und Kooperations- partner für kirchliche Veranstaltungen eine wachsende Rolle spielen. Z.B. in Form eines Gottesdienstes zum Thema „Garten Eden“ im Gartencenter. Oder Gespräche über Gott und die Welt in einer Kneipe. Eine Aktion zum Urlaubs- beginn an der nahegelegenen Autobahnraststätte.

Doch es müssen nicht immer besondere Aktionen an anderen Orten sein, die mit Mehrarbeit verbunden sind. Manchmal reicht es, das bestehende Veran- staltungsprogramm anhand einer Frage zu überprüfen: Wo finden Menschen hier Räume, um den christlichen Glauben zu befragen, zu erkunden und zu feiern?

Die Aufgabe der Missionarischen Dienste wird es sein, diese positiven Erfahrungen gemeinsam mit anderen kirchlichen Fachstellen wahr- zunehmen, zu sichten und im Rahmen von Netzwerkarbeit und Koopera- tionen, Foren, Beratung und Begleitung einer breiten kirchlichen Öffent- lichkeit zur Verfügung zu stellen. Den beiden geistlichen Orten, das Mis- sionarische Zentrum in Hanstedt und dem Geistlichen Zentrum Kloster Bursfelde, kommen dabei als verdichtete Anschauungs- und Erfahrungs- räume gelebten Glaubens weiterhin eine wichtige Bedeutung zu.

Kirche von ihrer Sendung her formatieren – Förderung einer missionarischen Ekklesiologie

Ist Mission Wesensmerkmal der Kirche, wird der Auftrag bzw. die Sendung zum grundlegenden Kriterium des kirchlichen Handelns. Dieser Auftrag trifft auf einen jeweils lokalen und kulturellen Kontext, in dem sich die Kommunikation des Evangeliums immer wieder neu figuriert.

Dabei spielen die kulturell sich wandelnden Rahmenbedingungen gelebter Religiosität, die verschiedenen Lebenswelten und Milieus sowie die regionalen Unterschiede von ländlichen und städtischen Regionen eine wichtige Rolle.

Die Vernetzung im sozialen Raum, eine angemessene Milieusensibilität, eine regionale Entwicklung in missionarischer Verantwortung, die Wertschätzung und Förderung der Vielzahl kirchlicher Orte innerhalb und jenseits der Ortsgemeinde als Netzwerk missionarischer Orte und Experimente mit neuen gemeindlichen Formen sind Zukunftsaufgaben der nächsten Jahre. Die damit verbundenen Herausforderungen für die leitenden Kirchen- bzw. Gemeindebilder sowie für das Pfarrerbild und die Rolle der Ehrenamtlichen sind groß.

Für die Missionarischen Dienste verbinden sich damit folgende Ziele:

  • die Analyse des sozialen Raumes wird zu einem wichtigen Baustein bei der Beratung von Gemeinden;
  • Kenntnisse und Anwendungswissen der Milieuforschung stehen den Referenten und Referentinnen anhand der Micron-Daten zur Verfügung und können im Rahmen von Gemeindeentwicklungsprozessen abgefragt werden.
  • Bei der Begleitung von regionalen Prozessen orientiert sich die Beratungs- arbeit primär an der Klärung der theologischen Identität und des gemeinsamen Auftrages und nicht an der Abarbeitung von Kürzungsaufgaben.
  • Das Konzept von Kirche als Netzwerk unterschiedlicher gemeindlicher und kirchlicher Orte (von Urlauberarbeit, geistlichen Zentren, Netzwerkgruppen bis hin zu Familienzentren, Einrichtungen der Diakonie u.a.) wird zum Leitbild für Konzepte und Kooperationsformen.
  • Die bewährte Form der Ortsgemeinde wird durch neue gemeindliche Formen in kirchenfernen Milieus ergänzt, deren rechtlicher Status zwar nicht immer geklärt ist, bei denen aber Menschen Glaube und Kirche erleben.
  • Gründungsmentalität und Experimentierfreude werden durch entsprechende Fort- und Weiterbildungen und durch Beratungssysteme gefördert und unterstützt.
  • Für missionarische Prozesse im ländlichen und städtischen Bereich entstehen Netzwerke und „learning communities“ für den Wissenstransfer der Beteiligten.
  • Da die Sendung der Kirche ein ökumenisches Identitätsmerkmal ist, wird die ökumenische Zusammenarbeit, z.B. beim Projekt Kirche², weiter verstärkt.

Die Erreichung dieser Ziele wird nur in Ergänzung und Kooperation mit an- deren Einrichtungen und Fachstellen gelingen, was der Tatsache entspricht, dass Mission ein Querschnittsthema geworden ist. Denn Mission geschieht, wenn die Kirche zu ihrer eigentlichen Bestimmung findet. Dies wird in einer veränderten sozio-kulturellen Situation nicht nur vertraute Formen beleben, sondern auch neue, ungeahnte und kreative Gestaltungsformen und neue Weisen der Gottesgegenwart mit sich bringen.

Um Gottes willen gilt es, das Evangelium von seiner heilsamen Nähe in Jesus Christus in die unterschiedlichen Lebenswelten hinein zu tragen und zu leben, so dass sich dort für die Beteiligten „Gott-Türen“ öffnen. Um der Menschen willen gilt es, sich in den entsprechenden Sozialformen nicht in erster Linie am Fortbestand kirchlicher Strukturen, sondern an den Rahmenbedingungen zu orientieren, unter denen Menschen heute leben.