Seelsorge hat ihren Ort, ihre Zeit und ihre ganz konkrete Gestalt

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„Der postmoderne Mensch wünscht, wenn er (…) etwas von Kirche erwartet, Seelsorge“, so formulierte es vor einiger Zeit der Journalist Gernot Facius. Was er beschreibt, deckt sich mit den Ergebnissen von Mitgliederbefragungen und Erfahrungen in der täglichen Arbeit der Kirche. An vielen Stellen erleben wir zurzeit ein wachsendes Bedürfnis nach Seelsorge. Es lässt sich an dem Zuspruch ablesen, den das Angebot der Notfallseelsorge erfährt oder auch daran, dass Seelsorge zu einem festen Bestandteil in der Palliativversorgung geworden ist. Unabhängig davon, wie Menschen sonst zur Kirche stehen: Auf diesem Gebiet trauen sie ihr nach wie vor viel zu.

Seelsorge ist ein Wesensmerkmal und eine unverzichtbare Lebensäußerung der Kirche, eine „konkrete Art und Weise, wie das Evangelium unter uns Gestalt gewinnt“, wie der Leipziger Theologe Jürgen Ziemer es ausdrückt. Es gehört zum ureigenen Auftrag der Kirche, Menschen bei ihrer Suche nach Sinn und Lebensgewissheit zu begleiten. Seelsorge orientiert sich an den Lebensfragen von Menschen und an ihren Lebenswelten. Sie ist sensibel für gesellschaftliche Entwicklungen und begibt sich bewusst an Orte, wo sich ein Bedarf an Seelsorge zeigt. Darum hat sich in den vergangenen Jahren eine Vielfalt an neuen Seelsorgefeldern herausgebildet, und die Kirche ist mit ihrer Seelsorge an vielen Stellen der Gesellschaft präsent: mit eigenen Einrichtungen und Netzwerken wie der Notfallseelsorge, der Telefonseelsorge, den kirchlichen Ehe- und Lebensberatungsstellen und mit Angeboten in säkularen Institutionen.

Mit der gesellschaftlichen Wertschätzung von Seelsorge ist aber nicht automatisch ein dezidiertes Interesse an Kirche verbunden. Im Gegenteil: Zeitgleich gibt es gegenläufige Entwicklungen, etwa im Sozial- und Gesundheitswesen und in der Rechtsprechung, die die Rolle der christlichen Kirchen in unserer Gesellschaft und ihr Recht, in öffentlichen Einrichtungen seelsorglich tätig zu werden, hinterfragen. Diese Haltung ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Pluralisierung und Individualisierung, zu der eben auch gehört, das Christentum als eine Religion oder Weltanschauung unter anderen zu verstehen. Zu dieser Entwicklung gehört, dass der Begriff Seelsorge – losgelöst von seinem christlichen Kontext – zunehmend auch in anderen religiösen und in säkularen Lebenswelten verwendet wird. Insgesamt ist kirchliche Seelsorge inzwischen längst nicht mehr das einzige Beratungsangebot, das Rat Suchende in Anspruch nehmen können.

Für die Kirche ergibt sich in dieser Situation einerseits die Aufgabe, ihre Seelsorge als christliches Angebot und als Ausdrucksform kirchlicher Kompetenz und Glaubwürdigkeit in Lebensfragen bewusst zu profilieren und sichtbar zu machen; andererseits muss sie an ihrer Offenheit und Kompetenz im Umgang mit anderen religiösen Kulturen und Weltanschauungen arbeiten.

Seelsorge geschieht konkret. Sie hat ihren Ort und ihre Zeit. Wir geben im Folgenden einen Einblick in die konkrete Seelsorgearbeit der Hannoverschen Landeskirche – und zwar unter drei Aspekten:

Wo Seelsorge angeboten wird: Arbeitsfelder der Seelsorge

Zum landeskirchlichen Handlungsfeld Seelsorge gehört eine Vielzahl von Arbeitsfeldern. Die Basis bildet das Arbeitsfeld Gemeindeseelsorge in den rund 1.400 Kirchengemeinden der Landeskirche.

Darüber hinaus wird der Auftrag zur Seelsorge durch spezialseelsorgliche Fachdienste im Gesundheitssystem (z.B. Krankenhaus, Altenheim), in diakonischen Arbeitsfeldern (z.B. Hospiz- und Palliativarbeit), in staatlichen Institutionen (z.B. Gefängnis, Bundeswehr, Schule), in Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen (z.B. Menschen mit HIV und Aids) und in medialen Kontexten (z.B. Telefonseelsorge, Chatseelsorge) wahrgenommen.

Seelsorge braucht Qualifikation: Aus-, Fort- und Weiterbildung in Seelsorge und Beratung

Der Auftrag zur seelsorglichen Zuwendung zu den Mitmenschen ist prinzipiell jeder Christin und jedem Christen gegeben. Hauptamtliche oder Ehrenamtliche, die im Auftrag der Kirche einen speziellen Dienst der Seelsorge etwa im Krankenhaus oder in der Telefonseelsorge übernehmen, brauchen dazu aber eine fachliche Qualifikation, um auf existenzielle Fragen und komplexe Problemlagen angemessen eingehen zu können.

Unsere Landeskirche bietet Haupt- und Ehrenamtlichen Grundausbildungen in Seelsorge und Beratung nach unterschiedlichen methodischen Ansätzen an. Diese orientieren sich schwerpunktmäßig an den fachlichen Ausbildungsstandards der in der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP) zusammengeschlossenen Seelsorgeschulen und an den Ausbildungsrichtlinien des Evangelischen Zentralinstituts für Ehe- und Lebensberatung (EZI).

Seelsorge ist eine gesamtkirchliche Aufgabe: das Zentrum für Seelsorge

Seelsorge ist eine gesamtkirchliche Aufgabe. Es braucht deshalb auch einen gesamtkirchlichen Ansprechpartner in Fragen von Seelsorge und Beratung und eine Stelle, die die gewachsene Vielfalt von Arbeitsfeldern der Seelsorge und Angeboten der Aus-, Fort- und Weiterbildung bündelt, aufeinander bezieht und eine gezielte konzeptionelle Weiterentwicklung verantwortet. Diese Aufgabe übernimmt das Zentrum für Seelsorge in Hannover.

Oberkirchenrätin Susanne Kruse-Joost, Referat Sonderseelsorge der Landeskirche Hannovers