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Entwicklungslinien der Seelsorge

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Seelsorge hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark spezialisiert; insbesondere die Bewegungen der 70er Jahre haben in unserer Landeskirche nachhaltig Spuren hinterlassen. Die Auseinandersetzung mit den Humanwissenschaften und den sich verfeinernden Methoden der Psychologie und der Beratungsarbeit hat zu einer Aufgliederung der Seelsorge in neue Handlungsfelder geführt. Die Seelsorge ist damit im Sinne eines Qualitätsmanagements der kirchlichen Handlungsfelder sehr weit vorangeschritten und verweist auf eine Geschichte von mehr als 30 Jahren.

Auftragsgemäß orientiert sich die Seelsorge an der Ausdifferenzierung der Lebenswelten. An welchen Orten und in welchen Zusammenhängen suchen und brauchen Menschen die Seelsorge? Unter welchen Rahmenbedingungen kann sie qualifiziert geschehen? Es haben sich auch die Orte, an denen sie geschieht, weiter ausdifferenziert, etwa in der Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge. Neue Felder der Seelsorge sind in jüngerer Zeit hinzugekommen und tragen wichtige Impulse in Gemeinden vor Ort, etwa in der Notfallseelsorge oder insbesondere in den zahlreichen Hospizgruppen durch ihre Auseinandersetzung mit den Grenzen des Lebens. Seelsorge vollzieht sich oftmals als „Kirche am anderen Ort“ – und so ist sie im Blick auf die klassische parochiale Gemeindestruktur auch befruchtend für die Gemeinde vor Ort.

In den vergangenen Jahren ist mit der Ausbildung der Grundstandards in den Kirchenkreisen und einem Qualitätsmanagement für Kirchengemeinden ein Bündelungs- und Besinnungsprozess auf die kirchlichen Kernaufgaben in Gang gekommen; damit verbunden ist die Frage nach der Gemeindeseelsorge. Sie steht in der Selbsteinschätzung der Hauptberuflichen oftmals unter dem Diktat zu knapper zeitlicher Ressourcen angesichts des Stellenabbaus und einer wachsenden Belastung durch Verwaltung und Koordination. Das bildet den Hintergrund für die Schaffung eines Zentrums für Seelsorge in der Landeskirche Hannovers:

Aufgaben des Zentrums für Seelsorge

Das Zentrum steht vor der Aufgabe, Gemeindeseelsorge und Spezialseelsorge sinnvoll miteinander zu verbinden.
Hauptberufliche, die in einem spezialseelsorglichen Feld arbeiten, brauchen eine grundständige und fortlaufende Qualifizierung für ihr Arbeitsfeld. Gerade die Tatsache, dass sie sich in der Regel in einer säkularen und von außerkirchlichen Koordinaten bestimmten gesellschaftlichen Mitwelt bewegen, erfordert ein hohes und auch von außen anerkanntes Maß an Professionalität und Kontextkompetenz. Um auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen reagieren zu können, braucht es Fortbildungsangebote, die Feld- und Fachkompetenz vermitteln. Allerdings darf die Spezialseelsorge sich nicht verselbständigen, indem sie zwar milieuöffnend agiert und Seelsorge anforderungsgerecht weiterentwickelt, gleichzeitig aber Gefahr läuft, den Kontakt zu den gemeindeseelsorglichen Aufgabenbereichen zu verlieren.

Vor dem Hintergrund dieser Gefahr ist eine intensive Hinwendung zur klassischen Gemeindeseelsorge erforderlich: Sie kann sich nicht lediglich in einer grundständigen pastoralpsychologischen Ausbildung im Vikariat erschöpfen, sondern bedarf einer kontinuierlichen Weiterentwicklung im beruflichen Leben, insbesondere für die Aufgaben der Kasualpraxis und der Seelsorge an biografischen Schwellen und Übergängen. Pastorinnen und Pastoren müssen bereit und in der Lage sein, sich Spezialaufgaben insoweit zu öffnen, als diese im gemeindlichen Feld vorkommen: Krankenhäuser, Psychiatrie, Altenzentren, etc.

Wechselseitige Anregung von Spezialseelsorge und Gemeindeseelsorge

Angebote in der Seelsorge platzieren sich in diesem Spannungsfeld. Das Ziel ist die wechselseitige Anregung von Spezialseelsorge und klassischer Gemeindeseelsorge: Indem die Seelsorgefelder kreativ aufeinander bezogen werden, entstehen neue Sichtweisen der jeweils eigenen Professionalität. Die Landeskirche nutzt den überkommenen Reichtum an Erkenntnissen und Professionalisierungen in der Spezialseelsorge und greift die Bedeutung der Gemeindeseelsorge in ihren Qualifizierungsangeboten auf – für diese wichtigen Aufgaben wurde das Zentrum für Seelsorge eingerichtet.

Die Seelsorge in der Kirchengemeinde ist das Gütezeichen kirchlicher Arbeit. Sie geschieht in den pfarramtlichen Aufgaben der Kasualien, der Besuche bei Jubiläen und anderen Anlässen und ist eng verknüpft mit dem Auftrag zu Verkündigung und Unterricht. Die Seelsorge ist nicht nur mit dem Verkündigungsauftrag verbunden. Sie ist im evangelischen Sinne des Priestertums aller Gläubigen ein Auftrag der ganzen Gemeinde. So geschieht die Seelsorge auch im ehrenamtlichen Engagement, in den Besuchsdiensten, Glaubenskursen, Hospizdiensten, der Notfallseelsorge und vielen Initiativgruppen vor Ort. All das sind anspruchsvolle und erfüllende Aufgaben in einer aktiven Kirchengemeinde. Nicht zuletzt führt die Wahrnehmung der Seelsorge als einer gemeinsamen Aufgabe zu manchen Bereicherungen und Entlastungen. So werden etwa Menschen im Alter in ihrem Haus besucht, und dieses persönliche Gespräch ist von einer Gruppe viel eher leistbar als von einzelnen Hauptamtlichen. Weiterhin wachsen die ehrenamtlich organisierten Hospizgruppen in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen. Gerade zum Ende des Lebens als einer besonderen Lebenszeit ist die persönliche Begleitung ein hohes Gut und hilfreich für Familie und Angehörige. Auch die Notfallseelsorge wird an vielen Stellen ehrenamtlich sichergestellt. Sie setzt eine begleitende Ausbildung voraus und bedeutet eine verlässliche Selbstverpflichtung zur Fortbildung.

Die Seelsorge ist Beziehungsarbeit. Sie eröffnet den Zugang zu dem, was die Menschen bewegt. In der persönlichen Begegnung wächst das Vertrauen, sich für die tiefer liegenden Fragen zu öffnen, hin zu dem, was das Leben trägt und hält, zu dem Zweifel und zur Suche nach Sinn. Ohne die Pflege der Seelsorge bleibt das Leben in der Kirchengemeinde reduziert und verliert an Glaubwürdigkeit. Viele Haupt- und Ehrenamtliche begründen ihre innere Motivation für ihr Engagement in der Kirche mit ihrem Interesse an der Seelsorge. Für sie ist die Seelsorge die Mitte der vielfältigen Aufgaben christlicher Gemeinde. In ihr verbindet sich der Grundauftrag, das Evangelium zu verkünden, mit einer gelebten Form der sozialdiakonischen Zuwendung zu den Menschen in der nahen Umgebung.

Die Bildung in der Seelsorge ist eine kontinuierliche Aufgabe, die sich nicht auf die Grundausbildung im Vikariat beschränken darf. Sie ist auch kein Spezialbereich in anderen gesellschaftlichen Institutionen wie Krankenhaus, Gefängnis oder Altenheim. Vielmehr ist es heute die Aufgabe, die Seelsorge als eine beständige und gemeinsame Entwicklungsaufgabe in Kirchengemeinden wie auch in Einrichtungen, in Gemeindediakonie und Einrichtungsdiakonie neu zu erkennen und als solche auch zu beschreiben. In diesem Zusammenhang ist zu beobachten, dass die Einrichtungsdiakonie zunehmend wieder in die Gemeinde einwandert.

Die Aufgabe der Seelsorge ist demnach nicht delegierbar. Vielmehr gilt es, die unterschiedlichen Systeme der Zuständigkeiten aufeinander zu beziehen. Dabei ist in den vergangenen Jahren viel an gewachsener Kontinuität verlorengegangen, etwa in den informellen Bezügen der umliegenden Krankenhäuser zu den Kirchengemeinden. Hier ist etwas zurückzugewinnen und durch wechselseitige Wertschätzung neu zu entdecken. Die Verbindung von Spezialseelsorge und Gemeindeseelsorge ist dafür ein entscheidendes Bindeglied, doch müssen dafür Voraussetzungen geschaffen werden.

Gemeindeseelsorge in der Ausbildung

Im Zentrum für Seelsorge wird die Gemeindeseelsorge verstärkt in den Blick genommen. Es gibt in nahezu allen Spezialformen der Seelsorge Angebote für Haupt- und Ehrenamtliche, zum Teil auch für beide Gruppen gemeinsam. Manche Bereiche haben einen starken Fokus auf die Begleitung Ehrenamtlicher in den Gemeinden und Einrichtungen. Beispiele dafür sind die Hospizseelsorge, der Ehrenamtliche Dienst im Krankenhaus (ESDK), Teile der Klinischen Seelsorgeausbildung (KSA), Telefonseelsorge, Notfallseelsorge und Altenseelsorge.

Die Kurse finden zum Teil zentral, zum Teil dezentral in den Sprengeln der Landeskirche statt. Es wird angestrebt, die dezentralen Angebote auszubauen; außerdem ist es möglich, das ZfS für eine Fortbildung vor Ort anzusprechen. Die Angebote sollen möglichst nah an den Zeiterfordernissen der jeweiligen Zielgruppen ausgerichtet werden.

„Gemeinde am gegebenen Ort“ und Ortsgemeinde sind keine wesentlich unterschiedenen Größen. Heute laufen die Entwicklungslinien zur Entstehung von gemeindlichen Bezügen über die Wohnortlage hinaus. Sie hängen in vielen Fällen von anderen elementaren Bezügen ab, etwa im Krankenhaus, in der Schule oder am Flughafen. Ferner finden sich Bildungen von „Gemeinden auf Zeit“, die sich um ein Anliegen oder um eine besondere Aufgabe scharen, wie es beispielsweise in den Hospizdiensten zu beobachten ist. Der Begriff der „Gemeinde“ ist also keiner parochial definierten Struktur vorbehalten. Vielmehr gilt es, die Verheißung Jesu „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt. 18, 20) mit Leben zu erfüllen – in den Zusammenhängen, die sich dafür aufbauen lassen, und die die Menschen im Geist Jesu zusammenführen.

Das hat Konsequenzen für die Ausbildung in der Seelsorge. Sie muss ein Grundverständnis beschreiben, das im Kontext der Seelsorgetradition bleibt und diese weiterführt. Darauf aufbauend braucht sie spezielle Formen der Ausbildung, die die differenzierten Herausforderungen in heutiger Zeit aufnimmt.