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Die Bedeutung der Seelsorge

Seelsorge als Kernaufgabe unserer Kirche

grundtext

Die Seelsorge ist eine Kernaufgabe unserer Kirche. Sie ist die intimste Sprachform des Glaubens. Seelsorge geschieht häufig unter vier Augen und wirkt in der Stille und im Verborgenen. Als liebende Zuwendung bietet sie Trost und Begleitung in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Mit dem Menschen, der Sorge um seine Seele trägt, ringt sie nach dem Wort, das tröstet und befreit, das heilt und erneuert und neue Zugänge zu Gott, zum Mitmensch und zu sich selbst erschließt (Nikolaus Schneider).
 
Seelsorge geschieht in Beziehung: Sie sieht den Mitmenschen als ein um seiner selbst willen geliebtes Kind Gottes. Die Bedeutung der Seele wird im Alten Testament leiblich gedeutet, als „näfäsch“, die Kehle. Die Bedeutung des Leibraumes, des ganzen Menschen, ist für das Verständnis der Seele und der Seelsorge konstitutiv. Die Zuwendung zum Mitmenschen hat ihren Grund in der liebenden Zuwendung Gottes durch Jesus Christus: In ihm hat sich Gott radikal auf den Menschen eingelassen; er will ihm liebend nahe sein. Seelsorge, die in diesem Glauben gründet, ringt immer wieder darum, sich auf dieses radikale Menschsein einzulassen – einschließlich seiner Begrenztheiten. Die jeweiligen Lebenskontexte sind dafür wichtig.

Die liebende Zuwendung und das Wort, das tröstet und befreit, kommen dann an, wenn die Sprache des jeweiligen Kontextes gesprochen wird. Was ist der Zusammenhang, in dem ich mich bewege? Seelsorge beschränkt sich nicht auf tiefgehende Gespräche in Problemsituationen oder im Leid, wie es oft gängiges Bild ist.

Bei aller Notwendigkeit christlichen Beistandes in Krisen, Krankheit, Tod und Trauer zeigt sich Seelsorge auch als liebende Zuwendung im Teilen von Freude und glücklichen Stunden, im Teilen von Alltag und seinen Lebenssituationen, bis hin zu den raschen Momenten der kurzen, scheinbar flüchtigen Begegnung zwischen Tür und Angel. Solche Begegnungen haben den Charakter der Gegenseitigkeit und gelten für alle Christenmenschen. Martin Luther hat es klassisch formuliert: per mutuum colloquium et consolatione fratrum (et sororum) – im wechselseitigen Gespräch und Trostzuspruch von Brüdern (und Schwestern).

Seelsorge ist Aufgabe von Haupt- und Ehrenamtlichen

Seelsorge als Ausübung eines kirchlichen Amtes ist Aufgabe von Haupt- und Ehrenamtlichen. In beiden Begriffen ist das „Amt“ enthalten, also eine besondere Weise der Berufung. Sie geht über das, was wir als christliche Grundhaltung beschrieben haben, hinaus. Sie bedarf des Lernens, der Auseinandersetzung mit der eigenen Person, der Wahrnehmung und Schulung, um sich in unterschiedlichen Lebenswelten bewegen zu können. Sie arbeitet an der „Sprachfähigkeit des Glaubens“ – die Seelsorge braucht daher eine angemessene Qualifizierung und Beauftragung. Zu unterscheiden sind die Formen der Beauftragung für Haupt- und Ehrenamtliche.

Wer Seelsorge lernen will, kann dies nicht allein mit der Aneignung von Wissen tun – es geht immer um einen lebendigen Prozess, in dem das Lernen an der eigenen Person, die Theorie, die eigene Seelsorgepraxis wie auch das kirchliche Amt eine zentrale Rolle spielen. Wer sich damit auseinandersetzt weiß, dass die Person des Seelsorgenden mit ihrer Lebensgeschichte, ihrem Alter, ihrem Geschlecht und all ihren Emotionen die seelsorgliche Situation mitgestaltet. Das Lernen für die Seelsorge ist immer auch im Blick auf die eigene Person zu sehen, mit ihren Eigenheiten und Ängsten, ihren Vorstellungen von Glauben oder mit ihren Zielen für ein Gespräch. All das prägt die Beziehung mit. Die Herausforderungen sind zahlreich: Enttraditionalisierung und Seelsorge in säkularer Mitwelt, die demografische Entwicklung, die hohe Mobilität der Menschen, die Individualisierung der Lebensverhältnisse und damit die Erosion verlässlicher Bezugsgrößen.

Seelsorge gilt allen Menschen in ihrer eigenen Würde vor Gott, unabhängig von ihrer Religions- und Konfessionszugehörigkeit, von ihrem Selbstverständnis, ihrem Alter, ihrem Geschlecht. Sie ist nicht nur auf das binnenkirchliche Feld gerichtet, sondern geht weit darüber hinaus. Sie vertritt über weite Strecken die Kirche in der Gesellschaft.