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Rückblick

Zahl der Kasualien geht zurück

vergangen

In Bezug auf die Wahrnehmung der Kasualien in der Landeskirche Hannovers ist, was die Zahlen betrifft, bei allen dreien ein Rückgang zu verzeichnen, der sich allerdings – verglichen mit dem Rückgang des letzten Berichtszeitraums – signifikant abgemildert hat.

Dass EKD-weit seit Jahren die evangelische Taufquote bei etwa 26 von 100 Neugeborenen liegt, zeigt an, wohin die Mitgliedschaftsentwicklung mittelfristig geht.

Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil evangelisch ist, werden EKD-weit etwa zu 80 % getauft (in der Landeskirche deutlich höher!), Trauungen liegen bei knapp 60 %, wo beide, und bei etwas mehr als 30 % (Hannover: knapp 40), wo ein Partner evangelisch ist. Bei den Beerdigungen von verstorbenen Kirchengliedern liegen wir – wie bei den Taufen – bei etwas mehr als 80 %, in Hannover mehr als 95 %. (Zu den Zahlen s. den statistischen Anhang) Einen starken Zuwachs gibt es – wofür wir allerdings leider keine belastbaren Zahlen, sondern „nur“ die subjektiven Wahrnehmungen der Pfarrämter haben – bei den Jubelkasualien, also den Jubiläen von Trauungen und Konfirmationen. Vielerorts übersteigt z. B. die Zahl der Goldenen Hochzeiten die der grünen Hochzeiten deutlich.

Interessant ist immerhin, dass nach der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung auch nicht konfessionell gebundene Menschen – auch und gerade junge Menschen – zu mehr als 50 % eine Taufe für ihre (potenziellen) Kinder wünschen. Dies stellt die Frage nach kirchlichem Handeln an Ausgetretenen und anderen Konfessionslosen.

Die Zahlen, die die „grünen“ Kasualien betreffen, sind besorgniserregend, wenngleich sich der Negativtrend erkennbar verlangsamt hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der Kasualien in früheren Jahren wahrgenommen worden sind, ist im Zeichen der Spätmoderne einem Wahlverhalten gewichen.

Die Kasualien erweisen sich als der Arbeitsbereich im kirchlichen Leben, in dem die Tendenzen der Spätmoderne am deutlichsten sichtbar werden.
Die Taufanfragen sind zum Beispiel mit individuellen Terminwünschen verbunden, da Taufen in erster Linie als Familienfeste verstanden werden, an denen möglichst alle teilnehmen sollen. Dabei ist klar, dass die Familie Herrin der Kasualie ist. Wenn bei Gesprächen zum Patenamt davon die Rede ist, dass die Pat/innen zur Kirche gehören müssen -, wird dem nicht selten entgegengehalten: wer Pate wird, bestimme die Familie des Täuflings.

Individualisierung und Traditionsabbruch

Die Magazine für Friedhofskultur und die dort zu sehenden Bestattungsideen sind beeindruckend. Das Verbraucherportal www.aeternitas.de hilft mit Informationen bei der Bestattersuche über die Trauermusik bis hin zur Grabpflege. Das heißt, die Pfarrpersonen treffen anlässlich eines Bestattungsgesprächs immer häufiger gut informierte und selbstbewusste Angehörige mit besonderen Wünschen – bis hin zur Musik.

Mit der Trauung ist es nicht viel anders. Paare nehmen sich nicht selten professionelle Fest-Begleitung, damit der Tag wirklich gelingt. An uns als Kirche wird die Erwartung formuliert, uns dem fest stehenden Plan einzufügen. Das heißt: Auch hier begegnen wir geprägten Erwartungen – vom Inneren und Äußeren der Kirche über den Gottesdienstablauf, die Musik bis hin zur Ansprache.

Der fest geprägten Erwartung oder Vorstellung von der Kasualie entspricht auf der anderen Seite nicht selten Unwissen, gelegentlich auch Desinteresse angesichts deren christlicher Bedeutung.

Das heißt: Zwei der Signaturen der Spätmoderne – Individualisierung und Traditionsabbruch – begegnen immer häufiger im Zusammenhang von Kasualien. Man könnte evtl. auch die Mobilität dazu rechnen (man sucht sich seine Tauf- oder Hochzeitskirche aus, auch wenn sie etwas entfernt liegt).

Hinzu kommt ein Trend zur Partikularisierung, das heißt Gemeindeglieder suchen sich aus dem christlichen Traditionsgut diejenigen Aspekte und Vollzüge heraus, die für sie von Interesse (und Bedeutung) sind.

Auf der anderen Seite haben wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten zu Taufe und Trauung herausgestellt, dass den Paaren und Familien der Segen angesichts der Gefährdung des Lebens und der Beziehungen wichtig ist.

Das Jahr der Taufe 2011

Eine Kasualie sei am Ende des Rückblicks hervorgehoben: diejenige, die auch Sakrament ist: die Taufe.

2011 fand in der Landeskirche im Rahmen der Reformationsdekade ein Jahr der Taufe statt. Hierzu hat der geistliche Vizepräsident auf der Herbstsynode 2011 berichtet:

„In der Mehrzahl aller Gemeindebriefe ist das Jahresthema grafisch und inhaltlich ansprechend aufgegriffen worden. Bereits vor dem offiziellen Beginn in der Osternacht bzw. am Ostersonntag waren an die hundert Tauffeste und Taufgedächtnisgottesdienste angekündigt. Diese Zahlen sind dann in der Durchführung weit übertroffen worden. So sind in allen 62 Kirchenkreisen Gottesdienste und Veranstaltungen zum Jahr der Taufe durchgeführt worden, darunter ca. 400 Taufgedächtnisgottesdienste. Die Anregung, nicht getaufte Kinder mit ihren Familien zu besonderen 'Tauffesten' einzuladen, ist über 160 Mal umgesetzt worden. Insgesamt haben sich mindestens 450 Kirchengemeinden an diesen Tauffesten beteiligt. Insgesamt sind über 3.000 Taufen im Rahmen von Tauffesten gefeiert worden.
Über 150 Mal ist die Taufe in Kindertagestätten und im Rahmen von Kinderbibeltagen Thema gewesen, ca. 80 Elternseminare zur Vorbereitung auf die Taufe sind durchgeführt worden. 30 Ausstellungen (Taufkleider, Taufgeschenke, Taufbräuche) sind entweder in Kirchen oder Zusammenarbeit mit örtlichen Heimatpflegern und Museen gestaltet worden. Nicht genau zu beziffern ist die Zahl der Erwachsenenkreise (vermutlich um 250), in denen das eigene Getauft - Sein Thema war. Ca. 50 Taufkurse für Erwachsene sind durchgeführt worden oder noch geplant, in mehr als 10 Gemeinden sind Predigtreihen über die Taufe gestaltet worden.
Tauffeste, besondere Gottesdienste, Taufausstellungen oder Informationsveranstaltungen zum Thema Taufe haben in der lokalen und regionalen Presse breiten Niederschlag gefunden; 66 Presseartikel aus der jeweils regionalen aber auch aus der überregionalen Presse liegen vor, dazu kommen 34 Artikel in der EZ.“

Dabei ist eines besonders erfreulich: Die Tauffeste sind erkennbar gut von Alleinerziehenden angenommen worden, das sind diejenigen, die üblicherweise eine eher niedrige „Taufquote“ haben.
Auf die absolute Zahl der Taufen hat sich das Jahr der Taufe positiv ausgewirkt: die Zahl von 2010 ist um 800 gesteigert worden.