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Rückblick

I. Das Projekt „Brannte nicht unser Herz?“ (2007-2010)

vergangen

Das Projekt „Brannte nicht unser Herz?“ begann mit einer Ausschreibung im Jahr 2007 und endete mit der gleichnamigen Publikation, die in der Reihe gemeinsam gottesdienst gestalten (ggg, LVH Hannover) 2010 erschienen ist (hg. von Arnold/Baltruweit/Brandy/Wöhrle). Die Maßnahme hatte auch den sonntäglichen Normalfall im Blick.

Bedingungen für die Teilnahme waren ein formuliertes Gottesdienstkonzept oder eine Konzeptidee und das Vorhandensein eines Gottesdienstteams aus Haupt- und Ehrenamtlichen. 24 Teams wurden aus den 70 Bewerbungen ausgewählt, sechs arbeiteten am klassischen Gottesdienst, die anderen an neuen (anderen) Formen.
Ein großer Teil der Gemeinden hat sich im Blick auf den alternativen Gottesdienst für sonntags um 17.00 Uhr oder 18.00 Uhr entschieden, einige wenige bevorzugen 11.00 Uhr oder 16.00 Uhr. Zwei Gemeinden gehen auf den Freitagabend.

Eine Gemeinde geht mit ihrem Sommergottesdienst bewusst in eine kleine Kapelle, ein Jugendgottesdienst im Süden Niedersachsens wird zeitweise als Open Air-Gottesdienst gefeiert (z.B. in einer Burgruine - mit dem sprechenden Motto: nach oben offen).

In fast allen Gottesdiensten finden wir neben Musik zu Beginn, Begrüßung, Lied und Eingangsgebet, eine Predigt und manchmal auch ein Credo sowie am Ende die Fürbitte, Vaterunser und Segen. Grundform II des Gottesdienstbuches (Predigtgottesdienst ohne gesungene Liturgie zu Beginn und beim Abendmahl) ist also so flexibel, dass Neuentwicklungen des Zweiten Programms integrierbar sind.

Erstaunlich war, dass gerade die unkonventionellen Jugendgottesdienste, die sich wenig an der klassischen Liturgie orientieren, eine Empfehlung aussprachen, nicht jedes Mal das Rad neu zu erfinden, sich auf Predigt und Gebet zu konzentrieren, wieder erkennbar zu bleiben mit Titel und Uhrzeit.

Einzelheiten des Projekts

Viele Angebote versuchen, das Ankommen durch eine Hinführung zum Thema zu erleichtern und eine atmosphärische Brücke (vielfach durch Musik) zu bauen. Glaubensbekenntnisse werden auch in zeitgenössischen Formulierungen (z.B. von Jugendlichen) oder in popularmusikalischem Gewand, kombiniert mit einem Poptitel, gleichsam als Collage, präsentiert. Nahezu alle Gottesdienste haben einen Akzent beim Fürbittengebet, einige Gebete werden im Verlauf des Gottesdienstes eingesammelt. Dadurch gewinnt der Gottesdienst persönliche Tiefe. In keinem Gottesdienst fehlt der Segen, zuweilen wird er sogar reicher entfaltet.

Fast alle Gemeinden sind offen für populäre Kirchenmusik und beziehen eine Band, einen Gospel- oder Popchor ein. Sie nehmen damit Einsichten der Milieustudien und der in Hildesheim gegebenen Impulse auf. In wenigen Fällen ist auch eine dezidierte Abwehr von Orgelmusik und „Agende I“ festzustellen. Nur selten wird Abendmahl gefeiert.

Das Anspiel oder Theaterstück ist ein Kennzeichen für alternative Gottesdienste. Hier ist das theologische und sprachliche Niveau sehr unterschiedlich. Literarische Bausteine oder Filmausschnitte sind an etlichen Stellen gut integriert. Gedichte und Filmausschnitte dienen dazu, das Thema des Gottesdienstes zu profilieren, bzw. geben den roten Faden für die Dramaturgie vor.

Mitmachaktionen, Tanzeinlage, Stationen in der Kirche, Geschenkaktion, Kollekteninterview können als Alleinstellungsmerkmal einzelner Formen gelten und geben dem jeweiligen Gottesdienst ein besonderes Gepräge. Thematisch orientieren sich nur wenige am Kirchenjahr; alle formulieren für die einzelnen Gottesdienste ein sprechendes Motto. Zu den bevorzugten Themen gehören Liebe und Partnerschaft; Leben/Lebenssinn, Lebensalter und Generationen; Sünde und Verzeihen. Dezidiert politische Themen sind selten. Inhaltlich bewegt sich vieles im Bereich von Lebenssehnsucht und Lebenssinn, bzw. Gebet und Spiritualität.

Problematisch ist, dass manche Formate auf ein originales biblisches Wort ganz verzichten, bzw. dieses nur indirekt innerhalb der Predigt oder der Anspiele „einspielen“. Damit wird ein identitätsstiftender Aspekt des Gottesdienstes ausgeklammert. Auch der weitgehende Verzicht auf das Abendmahl ist nicht ganz unbedenklich. Zielgruppen sind in der Regel die 30 bis 55-Jährigen, zuweilen gilt die Einladung auch Jüngeren, bzw. solchen, die Popmusik oder Gospel mögen. Einzelne Formate kümmern sich um die (jungen) Familien und bieten daher auch eine Spielecke, bzw. eine auf Kinder ausgerichtete Eingangsliturgie an. Die Frage, wie Familien gottesdienstlich angesprochen und integriert werden können, ist eine Schlüsselfrage für die Gemeindeentwicklung. Selten werden die Konfirmanden (und deren Eltern!) als Zielgruppe, bzw. als Mitwirkende eines Gottesdienstes angesprochen und können für eine aktive Mitgestaltung gewonnen werden.

Sehr ernst wird eine liebevolle Gestaltung der Kirchenräume genommen. Vielfach gibt es eine von den Gemeinden rege wahrgenommene Rückmeldekultur - ein signifikanter Unterschied zum „Normalfall“ am Sonntagmorgen.

Das Ergebnis des Projekts bestätigt den Befund neuerer Studien und Publikationen (Wilfried Härle u. a. [Hg.], Wachsen gegen den Trend; Philipp Elhaus / Matthias Wöhrmann (Hg.), Wie Kirchengemeinden Ausstrahlung gewinnen), dass es eine Wechselwirkung von Gottesdienst und Gemeindeentwicklung gibt. So spricht eine Gemeinde von der Wiederentdeckung des Gottesdienstes als dem Zentrum der Gemeinde. Vielfach arbeiten die Gottesdienstteams konzeptionell weiter und entwickeln ein neues Gottesdienst- oder gar Gemeindeleitbild. Andere Gemeinden berichten, dass sie durch die Einbindung von Ehrenamtlichen, z.B. Konfirmandeneltern, neue Zielgruppen erreicht haben. In einer Gemeinde wird nach jedem besonderen Gottesdienst ein elementarer Glaubenskurs angeboten.

II: Das Projekt „Nähme ich Flügel….“ - Junge Gottesdienste von, für und mit Jungen Menschen

2010 begann die Vorbereitung mit einer Konzeption, der Projektplanung und Maßnahmen zur Finanzierung. Konstituiert hat sich eine Steuerungsgruppe, deren Mitglieder vielfache Kompetenzen einbrachten und die den gesamten Prozess mit bedachten und mit beraten haben.
2011 wurde ein Flyer erstellt, das Projekt ausgeschrieben und beworben. Heraus kristallisierten sich 19 (am Ende: 17) Teams aus Gemeinden, Schulen, Kirchenkreisjugenddienst zum Teil mit Kooperationspartnern. Bedingung war, dass die Teams gemischt waren aus Jugendlichen und Erwachsenen, Haupt- und Ehrenamtlichen.

Für die Workshop-Phase wurde eine Einteilung in Untergruppen vorgenommen (Jugendgottesdienst, generationenübergreifender Gottesdienst, Konfigottesdienste). Begleitend erfolgte die Öffentlichkeitsarbeit in Presse und Radio. Während der Projektphase gab es eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit via Website des Michaelisklosters mit Berichten, Materialien, Links; eingerichtet wurde außerdem eine - geschlossene - Facebookgruppe.

2012: Von Februar bis September dauerte die Workshop-Phase :
Die Teams – insgesamt 70 - 100 Personen - trafen sich an drei Wochenenden im Michaeliskloster. Sie erhielten jeweils einen Paten/eine Patin aus der Steuerungsgruppe, die die Teams vor Ort beraten und Gottesdienste besuchen sollten. So fand immer wieder die Rückkoppelung statt.

Im Februar 2012 ging es um den Projektstart, Sichtung und Klärung der Vorhaben der jeweiligen Teams, die Gruppenbildung für Gottesdienstformate und den Einstieg ins Thema: Was können wir von anderen, die mit jungem Publikum zu tun haben, lernen? Wie erleben Konfis/junge Menschen den Gottesdienst? Im Juli stand das Wochenende unter dem Thema „Von Mächten, Medien und Milieus“. Und im September haben wir uns gefragt: „Was ist eigentlich ein Gottesdienst?“

Thematische Vorträge, Gruppen- und Teamsitzungen wechselten sich mit Workshop-Angeboten zum Schwerpunkt der jeweiligen Wochenenden ab.

Erste Ergebnisse und Einschätzungen

Von vielen wurde gesagt: Endlich mal etwas zum Thema Jugendgottesdienste bzw. „Junge Gottesdienste“! Dies gilt im Wesentlichen auch für die Auswertung. Die teilnehmenden Teams wurden unmittelbar nach der Praxisphase im Oktober 2012 online zum Projekt befragt. In der Öffentlichkeit bekam das Projekt eine positive Resonanz: „Arbeit am zeitgemäßen Gottesdienst ist wichtig!“

Ebenfalls unmittelbar im Oktober und November sind auch zwei Filme mit zwei Gottesdienstformaten entstanden. Hierfür konnte ein freier Mitarbeiter des NDR gewonnen werden. Beide sind auf youtube oder auf unserer Website http://www.michaeliskloster.de/agk/naehme-ich-fluegel/september2012.html anzuschauen.

Weiterer Fortbildungsbedarf zum Thema wurde gesehen und artikuliert, u.a. auch für Lehrer/innen, die mit Schülern/innen Gottesdienste an Schulen planen, gestalten und auswerten. Da der Wunsch der Teilnehmenden nach weiteren Treffen artikuliert wurde, ist zu einem ein „Netzwerktag“ für den 15. Juni 2013 eingeladen worden. Er sollte das Projekt offiziell abschließen und den Übergang zu künftigen offenen Netzwerktagen darstellen.

Es ist beabsichtigt, mindestens alle zwei Jahre einen solchen Netzwerktag stattfinden zu lassen.
Der inhaltliche Ertrag des Projekts kann in einer Broschüre des Michaelisklosters und des Landesjugendpfarramts nachstudiert werden: „Gott schmecken“ – ein Rezeptbuch für Junge Gottesdienste.

Leitlinien

Als Fazit wurden Leitlinien für junge Gottesdienste erstellt:

1. Junge Gottesdienste verdeutlichen das Evangelium zeitgemäß – z.B. mit Elementen aus einer Talkshow oder aktueller Popmusik.

2. Junge Gottesdienste sprechen die Lebenswelt der Beteiligten, die popkulturell und medial geprägt ist, an und beziehen sie ein.

3. Junge Gottesdienste beziehen junge Erwachsenen als „scouts“ in Vorbereitung , Gestaltung und Nachbereitung vorbehaltlos ein.

4. Junge Gottesdienste beteiligen die Gottesdienstfeiernden aktiv im Gottesdienst, gerade auch im Verkündigungsteil. Es geht nicht um eine durchinszenierte Show!

5. Junge Gottesdienste stellen den Zusammenhang zwischen Gottesdienst und Leben her – indem wir die Jungen einfach mal machen lassen, sie aber auch begleiten und unterstützen!

Schulgottesdienste

In vielen Kirchenkreisen werden mittlerweile zu verschiedensten Anlässen Schulgottesdienste gefeiert, entweder in kirchlichen oder in schulischen Räumen.
Ihre besondere Chance liegt darin, nachbarschaftliche Beziehungen zwischen Schulen und Kirchengemeinden zu fördern, und Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler zu bestärken, ihren Glauben öffentlich auszudrücken.
Gottesdienste zur Einschulung und Entlassung haben als Zielgruppe neben Schülern und Lehrkräften besonders die Eltern im Blick und werden oft in ökumenischer Kooperation gefeiert.

Schulgottesdienste zu kirchlichen Feiertagen, wie z.B. dem Reformationstag oder dem Buß- und Bettag, bieten hingegen die Möglichkeit, spezifisch evangelische Glaubensinhalte zu thematisieren.
Besonders gut gelingen Schulgottesdienste dann, wenn Schüler und Lehrkräfte aktiv in die Gestaltung einbezogen werden. Gleichzeitig ist hier besonders auf Freiwilligkeit zu achten: Weder dürfen Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme am Schulgottesdienst gezwungen werden, noch dürfen sie daran gehindert werden, einen Gottesdienst zu besuchen.

Oft stellt sich die Frage, wie bei Schulgottesdiensten mit konfessionslosen oder Schülern anderen Glaubens umgegangen werden soll. Kirchen und Schulen haben hier unterschiedliche Wege gefunden: Teilweise haben ungetaufte oder muslimische Jugendliche in den Schulgottesdiensten einen „Gaststatus“, an anderen Orten beteiligen sie sich ganz selbstverständlich an der inhaltlichen Gestaltung der Gottesdienste.

Trauerfeiern aufgrund eines Todesfalls in der Schule stellen eine besondere Form des Schulgottesdienstes dar. Der Tod einer Lehrkraft oder eines Schüler erschüttert die Schulgemeinschaft meist sehr, und seelsorgerliche Begleitung durch einen Pastor oder eine Pastorin ist besonders gefragt. In manchen Fällen ist eine schulische Trauerfeier sinnvoll. Es muss jedoch darauf geachtet werden, dass diese nicht in Konkurrenz zu einer ohnehin geplanten kirchlichen Trauerfeier tritt.

Durch die Tendenz zur Ganztagsschule wird auch die Bedeutung von Schulgottesdiensten weiter zunehmen. Dabei wird auch die Frage, inwiefern die religiös heterogener werdende Schulgemeinschaft einbezogen werden kann, immer wichtiger werden.