kopf

Ausblick

Weiterführende Überlegungen im Blick auf eine Gottesdienstkonzeption

zukunft

Bei der Entwicklung einer Gottesdienstkonzeption auf der Basis des im Projekt Erarbeiteten hilft die Vorstellung von einem Dreieck, das Adressaten, Mitarbeitende und theologische Konzeption in den Blick nimmt. An allen drei Ecken soll ein Feuer sein: für die Menschen in unseren Gemeinden (gerade für die, die nicht zum Gottesdienst kommen!), für die Mitarbeitenden und ihre Gaben und natürlich für Gott, bzw. für das Evangelium mit seinem Verheißungspotenzial für den Gottesdienst.
 

  • Adressatenorientierung
    Zunächst geht es um die Adressaten des Gottesdienstes. Dazu fragen wir: Wen wollen wir erreichen? Für welche konkrete Zielgruppe oder Generation brennt unser Herz, z.B. Konfirmanden, junge Erwachsene, Senioren, Singles, Mütter mit Kindern; „erfolgreiche“ Männer, junge Familien, Russlanddeutsche (o.ä.)? Wie können wir die Menschen, die in den Gottesdienst kommen sollen, besser in ihrer Lebenswirklichkeit wahrnehmen? Es geht darum, Empathie und Liebe zu diesen Menschen zu entwickeln, mit ihren Schicksalen und allem, was sie umtreibt. Wenn Gottesdienste relevant sein und berühren sollen, dann ist eine Aufmerksamkeit an dieser Stelle – und dies ist gewiss die Stärke vieler ANDERER Gottesdienste – unerlässlich. An diesem ersten Feuer orientieren wir uns auf die Zielgruppen bzw. die Adressaten unserer Gottesdienste.
  • Gabenorientierung
    Welche personellen und finanziellen Möglichkeiten haben wir? Geben wir den Mitarbeiter/-innen das Gefühl, dass sie wichtig sind, dass sie etwas können und wir sie unterstützen? Wo sind die bisherigen Stärken in unserer Gemeindearbeit? Was leuchtet und wärmt bereits heute in „unserer“ Gemeinde? Gibt es ein missionarisches, diakonisches oder musikalisches Profil, das sich mit der gottesdienstlichen Perspektive verbinden lässt? Welche Gaben haben die Menschen im Gottesdienst-Team, Kindergottesdienst, Kirchenvorstand usw.? Es gilt hier, die vorhandene Glut für den Gottesdienst zu entfachen und die Fähigkeiten der Mitarbeiter/-innen zu wecken und zu stärken. An diesem zweiten Feuer orientieren wir uns an den Gaben der Gemeinde.
  • Verheißungsorientierung
    Zuletzt: Was ist unser Auftrag und unsere Verheißung für den Gottesdienst? Gibt es biblische Texte, die besonders wichtig und aktuell für uns sind, weil sie eine Perspektive für einen gelingenden Gottesdienst oder ein überzeugendes Gemeindemodell zeigen? Hier ist nach biblischen Leitbildern zu fragen, die für den Gottesdienst zu entwickeln sind: Volk Gottes, Leib Christi, Gemeinschaft der Feiernden; Nachfolge der Jüngerinnen und Jünger; gemeinsames Gebet o.ä. Es geht also last but not least um ein Feuer für das Evangelium und das Verheißungspotenzial, das die Bibel für unsere Gottesdienste bereithält.

Was ist für die Planung und Gestaltung „Junger Gottesdienste“ wichtig?

  • Aufmerksamkeit erzeugen und halten – Die Zeit takten – Wohlüberlegtes Platzieren der Themen – Dazugehören und sich wohlfühlen im Gottesdienst gehört vor das Glauben und Für-Wahrhalten
    Mit einer Filmsequenz hat ein neu entstandenes Gottesdienstformat den Impuls eines Radiomachers und Redakteurs aus dem 1. Workshop aufgenommen und umgesetzt: Junger Gottesdienst ist überraschend; ein origineller Einstieg lässt aufhorchen, die Gemeinde wird so aufmerksam für alles, was noch kommt.
    Aufmerksam machen ist das Eine. Das Andere ist die Taktung der Zeit - wie im Radio so auch im Gottesdienst. Aufmerksamkeit muss geweckt und gehalten werden. Übergänge sind deshalb sorgfältig zu gestalten. Zentrale Botschaften müssen gut vorbereitet werden. Man kann nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen (vgl. dazu der Gottesdienst experience in Nienburg, Sept. 2012 mit einem fiktiven Gespräch im Jenseits zwischen Kain und Abel.
    Wichtig sind beim Gottesdienst-Erleben für Jugendliche noch mehr als für Erwachsene: das bewusste Einbeziehen von Körper und Raum, die Interaktion von Personen mit Gesten und Bewegung, eine Reflexion der Atmosphäre. Wenn Jugendliche einen Gottesdienst intensiv erleben und wenig vergessen sollen, geht es vor allem um das Gemeinschafts- und Beziehungserleben, um Stimmung und Gruppensicherheit. Das passt zur verbreiteten Erkenntnis: „Belonging before believing“ - Dazugehören geht dem Glauben voraus.
     
  • Milieuverengung aufbrechen - Gottesdienst und Internet - Junger Gottesdienst, Spiritualität und Atmosphäre - Mediale Prägung und populäre Kultur
    Die am Projekt beteiligten Jugendlichen kann man wohl als Vertreter der 6% Kirchentreuen betrachten, die die einschlägigen Jugendsurveys ausgemacht haben.
    Einige von ihnen haben sich beim 2. Workshop im Juli allerdings auch konkrete Gedanken darüber gemacht, wie ein junger Gottesdienst für andere - nicht kirchlich sozialisierte - Jugendliche aussehen könnte. Dies lässt fragen: Gibt es den einen Jugendgottesdienst? Oder könnte man eine Jugendgottesdienst-Grundform ausmachen mit entsprechenden Ausgestaltungsvarianten – je nach Vorlieben, Geschmack, Atmosphären, (spirituellen)Bedürfnissen der Zielgruppen und den Gegebenheiten vor Ort? Das Thema stellt sich jedenfalls angesichts der Ausdifferenzierung der Jugendmilieus so dar, auch von Jugendgottesdienstzielgruppen zu sprechen.
    Ein weites Feld tut sich mit der Frage nach „jugendgemäßer“ Musik im Gottesdienst auf – wenn man die unterschiedlichen Lebenswelten mit ihren Musikstilen bedenkt. Möglicherweise treffen Lobpreis und Rap auf breitere Zustimmung. Prof. Manfred Pirner aus Erlangen stellte u.a. folgende Thesen auf:
  1. Die Medienkultur übernimmt für viele eine ersatzreligiöse Funktion./Religiöses wird säkular rezipiert.
  2. Der Umgang Jugendlicher mit der Medienkultur und ihren religiösen Dimensionen ist für Kirche von enormem diagnostischen Wert: Hier wird deutlich, was Jugendliche „unbedingt angeht“, welche Teile der Tradition sie ansprechen.
  3. Die Sprache der Medienkultur eignet sich als „lingua franca“ zur Verständigung mit Jugendlichen über Glaubensfragen sowie zur Erschließung der christlichen Tradition.
     
  •  „Sage nicht, ich bin zu jung. Gottesdienst ist, was Du daraus machst….“:
    Was ist ein Gottesdienst? - Konzert und Liturgie - Jugend predigt - Sprache und Gottesdienst
    Junge Leute sind des Öfteren mit einem Erwachsenenurteil zu ihren Gottesdiensten konfrontiert, das pädagogisch nicht nur unklug, sondern auch wenig wertschätzend ist: „Das war doch kein Gottesdienst….“ Der Perspektivwechsel ist auch beim Gottesdienst angesagt. Es geht darum, in den Köpfen, Herzen und Zimmern von Menschen spazieren zu gehen: Von Jugendlichen Gottesdienst feiern lernen, heißt dann vielleicht: göttlich – sinnlich – leicht feiern!
    Gerade deshalb ist aber auch die Frage nicht aufzugeben: Was ist ein Gottesdienst? Was ist sein Wesen? Wie kommt Gott unter uns zu Wort und zum Klingen? Wie können wir ihn anreden?
    Ein Predigtcoaching für Jugendliche bot viel Diskussionsstoff und hat bemerkenswerte Ergebnisse für den Projekt-Abschlussgottesdienst hervorgebracht. Jedoch sollte man diese Übungen zunächst besser nicht für Gottesdienste „verzwecken“, sondern junge Menschen ihre Gedanken, ihre Sprache, ihre Form finden lassen – zweckfrei!
    In diesen Zusammenhang unbedingt hinein gehört die Frage nach einer leichten Sprache in (jungen) Gottesdiensten. Hier gilt es, die Fähigkeiten der ehrenamtlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sehen und zu stärken - und schon ist der Gottesdienst ganz nah an den Menschen dran! Gestattet sei hier auch der Hinweis auf „leichte Sprache“ – eine entsprechende Publikation des Michaelisklosters (LVH, ggg 22) liegt vor!

Fazit

Aus dem Projekt „Nähme ich Flügel – unterwegs zu jungen Gottesdiensten“ resultieren einige Gestaltungsregeln für „junge Gottesdienste“: Sie gelingen, wenn:
 

  • Jugendliche aktiv beteiligt sind
  • Wenn der Aufbau klar (und einfach) ist
  • Wenn sie ein Thema haben
  • Wenn die Sprache verständlich, einfach, lebensweltlich ist
  • Wenn großer Wert auf gute, jugendgemäße Musik gelegt wird
  • Wenn der Wortanteil gering ist
  • Wenn sie eine enge Taktung haben
  • Wenn sie nicht zu lang sind
  • Wenn sie ihre Lebenswelt, die medial geprägt ist, ansprechen und einbeziehen
  • Wenn die Jugendlichen etwas daraus mitnehmen
  • Für Konfirmand/innen: Wenn sie sich leiblich im Raum verorten, wenn mit Personen und vermittels Gesten positive Interaktion stattfindet, kurz: wenn sich Jugendliche in der Gruppe sicher fühlen

All dies kann durchaus auch für den sonntäglichen „Normal-Gottesdienst“ bedacht werden.