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Rückblick

Profile ausbilden

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Profilgemeinden sind kein neues Phänomen. Schon immer haben Gemeinden aufgrund von besonders prägenden Personen und wirkungsgeschichtlich relevanten Traditionen entsprechende Profile ausgebildet. Man denke an die Gemeinden, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nachhaltig durch die Hermannsburger Mission geprägt wurden. Was damals grundgelegt wurde, prägt Gemeinden bis heute und kann sich in hoher kirchlicher Verbundenheit ausdrücken, wenn es gelungen ist, die Tradition durch innovative Initiativen und Formen zu verlebendigen.

Neben unterschiedlichen Frömmigkeitsfaktoren hat auch das soziale Umfeld eine Rolle bei der Herausbildung von besonderen Profilen gespielt. Wo eine Kirchengemeinde sich sensibel auf ihren soziokulturellen Raum einlässt, wird sich dies auch im Profil ihrer Arbeit zeigen. So legt ein sozialer Brennpunkt die Herausbildung eines diakonischen Profils, die Citylage ein kulturelles und ein Urlaubsort ein entsprechend auf Touristen bezogenes kirchliches Profil nahe.

Gospelkirche - Expowal - Jugendkirche

Ein prägnantes Beispiel für eine Profil- und zugleich Netzwerkgemeinde ist die Gospelkirche in Hannover-Linden. In regelmäßigen Abständen finden in der Erlöserkirche Gospelgottesdienste statt, die eine überregionale Gospelgemeinde anziehen. Rund um die Gottesdienste bilden sich weitere Aktivitäten, bei denen die Musik wichtige Ausdrucksform des Glaubens und verbindendes soziales Element ist. Das Modell wird an anderen Orten erfolgreich kopiert.

Im Expo-Wal hat sich seit knapp 10 Jahren ein missionarisch ausgerichteter Gottesdienst etabliert, der vom Landesverein für Innere Mission verantwortet wird. Obgleich die „unglaubliche Kirche“ keinen offiziellen Gemeindestatus hat, bilden sich hier eigene gemeindliche Formen heraus. Hier finden Menschen, die laut eigener Aussage keinen Zugang zur Ortsgemeinde haben, zum Glauben und wachsen in ihm. Ein Team von Haupt- und Ehrenamtlichen, das selbst Merkmale einer Gemeinde aufweist, trägt die Arbeit.

Als klassische Profilgemeinden gelten Jugendkirchen oder Citykirchen mit einem besonderen Schwerpunkt auf Kirchenpädagogik und bzw. oder Kirchenmusik.
Sowohl im Blick auf prägende Traditionen als auch die entsprechende Ausrichtung auf ein soziales Umfeld haben Schlüsselpersonen eine herausragende Bedeutung. Wo die Leidenschaft und das Engagement von beruflich Tätigen und Ehrenamtlichen ein profiliertes Wir herausbilden, kann ein entsprechendes Profil entstehen, das auch den nächsten Pfarrstellenwechsel überdauert.

Andere Formen

Eine ganz andere Form von Profil- und Netzwerkgemeinde bildet sich im Rahmen kirchlicher Urlauberarbeit auf Campingplätzen und in Urlaubsorten an der Küste und auf Inseln heraus. So werden Gemeindebriefe von Inselgemeinden z.T. deutschlandweit verschickt. Dauergäste, die oft wiederkommen, erleben diese Arbeit als „ihre“ Gemeinde und finden hier erstmalig - oder auch wieder - intensive Zugänge zum kirchlichen Leben. Andere Netzwerkgemeinden bilden sich z.B. an geistlichen Zentren und finden dort ihre kirchliche Heimat – z.B. im Kloster Bursfelde oder der Woltersburger Mühle bei Uelzen.

Umpfarrungen

Profile polarisieren, sie ziehen an und stoßen ab. Wo Menschen ihre Kirchenmitgliedschaft in eigener Regie gestalten und sich nicht primär durch die parochiale bzw. geografische Zugehörigkeit vorgeben lassen, kommt es zu Umpfarrungen. Dies ist aufgrund der räumlichen Nähe in der Stadt verbreiteter, findet aber auch im ländlichen Raum statt. In der bewusst gewählten Gemeindezugehörigkeit drückt sich die kirchliche Beheimatung in dem entsprechenden Profil aus, das diese Gemeinde repräsentiert. Dann gewinnt auch eine Ortsgemeinde im Blick auf einen Teil ihrer Mitglieder und ehrenamtlich Mitarbeitende den Charakter einer Netzwerkgemeinde.

"Gemeinde am gegebenen Ort"

Für die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Profil- und Netzwerkgemeinden haben sowohl das Aktenstück 98 der 23. Landessynode als auch das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ gesorgt. In seiner Einleitung stellt der Bericht des Perspektivausschusses der Synode der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers vom Mai 2005 fest, dass sich die Veränderung der örtlichen Lebenswelten auch in der Gestaltung von Kirche niederschlagen wird. „In einer zunehmend komplexer und differenzierter werdenden Welt, die immer mehr durch Mobilität und Flexibilität gekennzeichnet sein wird, tritt die örtliche Bindung des Einzelnen - zumindest in bestimmten Lebensabschnitten (z.B. Ausbildungsphase oder aktive berufliche Phase) - zurück. Die Lebensvollzüge spielen sich eher regional oder überregional, am Arbeits- und Freizeitleben orientiert ab. Dies verändert die Aufgaben und Möglichkeiten der Ortsgemeinde und erfordert auch Teilnahme- und Partizipationsangebote auf regionaler und überregionaler Ebene. Die konkrete Gestalt von Kirche und kirchliches Handeln sind auch von daher immer wieder kritisch zu überprüfen und neu zu bestimmen“. 1

Um diese soziologisch geschuldete Offenheit des Verständnisses von Gemeinde auch sprachlich auszudrücken, prägt das Papier den Begriff der „Gemeinde am gegebenen Ort“ und stellt fest, dass Gemeinde nicht nur in der Parochie vor Ort gegeben ist. Gemeinde ist vielmehr überall dort, wo das Evangelium verkündigt, wo Gottesdienst gefeiert und christliche Gemeinschaft gelebt wird. Sie ist „’Gemeinde am gegebenen Ort’ als Parochialgemeinde, Profilgemeinde (Schulgemeinde, Krankenhausgemeinde, Kasualgemeinde etc.), Schwerpunktkirche oder ‚christliches Nachbarschaftszentrum’. Diese vielfältigen Orte von Gemeinde kommen dem Wunsch von Menschen entgegen, die ihnen mögliche und entsprechende Form von Gemeinschaft zu finden“.2

Das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahr 2006 formuliert als Ziel für das Jahr 2030, dass an die Seite von Ortsgemeinden je 25% Profilgemeinden (z.B. City-, Jugend- und Kulturkirchen) und 25 % netzwerkorientierte Gemeinden treten – mit entsprechender Konsequenz für die Verteilung der Ressourcen.3 Die konkreten Prozentzahlen sind nach der sehr breiten und differenzierten Rezeption des Papiers längst nicht mehr im Gespräch. Aber die begrifflichen Unterscheidungen und Begründungen bleiben relevant. Das Papier unterscheidet zwischen lokalen Beteiligungsformen, die sich auf Ortsgemeinden, Anstaltsgemeinden sowie Profilgemeinden beziehen sowie situativ und lokal unabhängige Beteiligungsformen, die als Passantengemeinden in Citykirchen- und Urlauberarbeit oder in netzwerkartigen Gemeinden (z.B. über das Internet) Gestalt gewinnen. Als Sonderform werden Kommunitäten und klosterähnliche Gemeinschaften benannt. Die Pluralisierung der Formen wird hier ebenso soziologisch wie theologisch begründet: „Damit möglichst viele Menschen erfahren und erleben können, dass das Evangelium eine Hilfe zum Leben ist, sind Gemeindeformen zu stärken, die Räume der Begegnung über die vorherrschenden gemeindlichen Milieus hinaus eröffnen“. 4

Auf diesem Hintergrund liest sich das Plädoyer für enge und wachsende Zusammenarbeit zwischen ortsgemeindlichen und funktionalen Arbeitsformen und für die Ergänzung der Parochie als bleibende Grundform von Gemeinde durch andere Formen nicht nur als Reduktionsprogramm, das aus der Not der schwindenden Finanzen über kirchliche Managementprozesse von oben eine Tugend machen möchte. Das Bekenntnis zur wachsenden Vielfalt der Formen verdankt sich vielmehr der Vision einer Kirche, die mit dem Evangelium unter den Menschen präsent sein und bleiben möchte. Mitgliederorientierung und missionarische Wendung nach außen sind die Motive für die Pluralisierung des Gemeindebegriffs.

1. Bericht der Perspektivausschusses, Aktenstück 98, 23. Landessynode, S. 3
2. Ebd., 5
3. Kirche der Freiheit. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006, 56.
4. Ebd., 54