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Rückblick

Denkschriften und Orientierungshilfen

vergangen

 

Mit mehreren Denkschriften hat die EKD während des Berichtszeitraums einen Beitrag zum gesellschaftlichen und politischen Diskurs geleistet. Hervorzuheben sind insbesondere

  • die Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen“ (Oktober 2007), die sich, ausgehend von der Leitidee des gerechten Friedens, mit friedensethischen und friedenspolitischen Fragen im Kontext der weltpolitischen Veränderungen seit dem Ende des Kalten Krieges beschäftigt,
  • die Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ (Juni 2008), die zum Dialog zwischen evangelischer Kirche und Unter- nehmertum einlädt,
  • die Denkschrift „Umkehr zum Leben“ (Mai 2009), die sich mit den Folgen des Klimawandels für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche ausein- andersetzt, und
  • die Denkschrift „Und unsern kranken Nachbarn auch!" (Oktober 2011), die die aktuellen Herausforderungen in der Gesundheitspolitik aufgreift und dafür plädiert, das Prinzip der Solidarität nicht aufs Spiel zu setzen.

In der Denkschrift „Das rechte Wort zur rechten Zeit“ (Juli 2008) setzte sich die EKD außerdem grundlegend mit den Rahmenbedingungen und der Form kirchlicher Äußerungen zur Wahrnehmung des Öffentlichkeitsauftrags ausein- ander.

Orientierungshilfen erschienen u.a. zu Verständnis und Praxis der Taufe, des Abendmahls und des Gottesdienstes, zu Herausforderungen, Grundsätzen und Perspektiven kirchlichen Bildungshandelns und zu neuen Perspektiven auf das Leben im Alter und das Altern der Gesellschaft.

Für tiefgreifende öffentliche und innerkirchliche Kontroversen sorgte die im Juni 2013 erschienene Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und An- gewiesenheit“. Vor dem Hintergrund der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und der Entstehung neuer Formen familiären Zusammenle- bens geht die Orientierungshilfe von einem erweiterten, vor allem am Kindeswohl orientierten Verständnis von Familie aus. Sie plädiert für das Leitbild einer an Gerechtigkeit orientierten Familie, die in verlässlicher und verbindlicher Partnerschaft verantwortlich gelebt wird.

Die kritischen Stimmen in der Diskussion wandten sich nicht nur gegen die aus ihrer Sicht zu positive Bewertung gleichgeschlechtlicher Lebensgemein- schaften und vermissten klare Aussagen zum Stellenwert der Ehe, sondern mahnten auch eine weitergehende theologische Reflexion der einschlä- gigen Fragen an.

Der Rat der EKD hat diese Kritik mittlerweile aufgegriffen und die Kammer für Theologie gebeten, die in der Diskussion erkennbar gewordenen herme- neutischen Grundsatzfragen zur Bedeutung des Prinzips „sola scriptura“ zu erörtern und einen Text zum evangelischen Verständnis der Ehe zu erar- beiten.

Reformprozess „Kirche im Aufbruch“

Während des Berichtszeitraums wurde auch der Reformprozess „Kirche im Aufbruch“, den die EKD im Jahr 2006 mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ angestoßen hatte, konkretisiert und weiterentwickelt.

Die EKD-Synode im November 2007 nahm dafür mit ihrem Leitthema "Evangelisch Kirche sein" vielfältige Anregungen aus der Diskussion über das Impulspapier auf und bündelte sie. Seit Frühjahr 2008 wird der gemein- same Reformprozess von einer Steuerungsgruppe koordiniert, der Vertreter und Vertreterinnen aus Rat, Kirchenkonferenz und Synode der EKD ange- hören. Für die konzeptionelle Planung und die Vorbereitung und Umsetzung der Reformvorhaben wurde im Kirchenamt der EKD das Projektbüro Reform- prozess eingerichtet. Dessen Mitarbeitende sind jeweils auf Zeit von den Landeskirchen entsandt.

Im September 2009 trafen sich in Kassel bei der "Zukunftswerkstatt Kassel 2009" etwa 1.200 eingeladene Vertreter und Vertreterinnen aus den Glied- kirchen der EKD und kirchlichen Werken. Gemeinsam nahmen sie den Blick darauf, was der Reformprozess der evangelischen Kirche in den letzten Jah- ren an innovativen Ideen für die Praxis gebracht hat.

In einer "Galerie guter Praxis" stellten 100 von den Landeskirchen benannte Gemeinden, Kirchenkreise und Einrichtungen aus ganz Deutschland ihre in- novativen, missionarischen und übertragbaren Praxisprojekte vor. Parallel zur Zukunftswerkstatt nahmen im Oktober 2009 drei Reformzentren für Mission in der Region, für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst und für evangelische Predigtkultur ihre Arbeit auf.

Dabei wurde das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst beim Michaeliskloster in Hildesheim angesiedelt. Im Jahr 2012 kam die Führungs- akademie für Kirche und Diakonie in Berlin als Reformzentrum für Führen und Leiten hinzu.

Die Reformzentren sollen helfen, die Ziele des Reformprozesses in die praktische kirchliche Arbeit zu tragen. Einen weiteren Schwerpunkt des Reformprozesses bildet das Thema „Kirche in der Fläche“.

Es soll angesichts des demographischen Wandels helfen, Alternativen zu den bestehenden Strukturen kirchlicher Arbeit zu entwickeln und die not- wendigen Umgestaltungsprozesse durch die Reflexion darüber zu fundieren, welches Bild von Kirche in diesen Prozessen leitend ist. Nachdem im Juni 2011 eine erste Land-Kirchen-Konferenz in Gotha stattgefunden hatte, kam die zweite Konferenz im Mai 2013 in Northeim zusammen.

Dabei bestand Gelegenheit, neben Vorträgen und Diskussionen exempla- risch die Arbeit des Kirchenkreises Leine-Solling in Augenschein zu nehmen. Die wachsende Bedeutung der mittleren Leitungsebene, in unserer Landes- kirche also der Kirchenkreise, war Anlass für die Planung des Zukunftsforums Mittlere Ebene, das im Mai 2014 im Ruhrgebiet stattfinden wird. Das Forum soll sich insbesondere aus theologischer und soziologischer Sicht mit dem Thema Transformation beschäftigen.

Rechtsvereinheitlichung

Während des Berichtszeitraums begann ein Prozess der Rechtsvereinheit- lichung, in dessen Rahmen die EKD an Stelle der Gliedkirchen und der gliedkirchlichen Zusammenschlüsse wachsende Verantwortung für die kirchliche Gesetzgebung übernahm.

Insbesondere die Vereinheitlichung des Dienstrechts der öffentlich-rechtlich Bediensteten (Pfarrer/innen, Kirchenbeamte/innen) konnte durch ein neues Disziplinargesetz (2009), ein einheitliches Pfarrdienstgesetz (2010) und eine umfassende Novellierung des bereits im Jahr 2005 beschlossenen Kirchen- beamtengesetzes (2011) weitgehend abgeschlossen werden.

Durch das Arbeitsrechtsregelungsgrundsätzegesetz von 2011 und dessen Neufassung von 2013 schuf die EKD außerdem einheitliche Grundlagen für das kollektive Arbeitsrecht der privatrechtlich Beschäftigten. Das Gesetz soll dazu beitragen, in allen Landeskirchen und Diakonischen Werken die Vorgaben umzusetzen, die das Bundesarbeitsgericht in seinem Grundlagen- urteil zum kirchlichen Arbeitsrecht vom November 2012 entwickelt hatte.

Weitere einheitliche Rechtsgrundlagen für das kirchliche Handeln enthalten das Gesetz zum Schutz des Seelsorgegeheimnisses und das Verwaltungsverfahrens und -zustellungsgesetz, die beide im Jahr 2009 beschlossen wurden.

Neben diesen neuen Gesetzen wurden während des Berichtszeitraums auch einige der bisherigen EKD-Gesetze, insbesondere das Datenschutzgesetz (2012) und das Mitarbeitervertretungsgesetz (2013), umfassend novelliert. Im Rahmen einer Novellierung des Kirchengerichtsgesetzes übertrug die Union evangelischer Kirchen (UEK) im Jahr 2010 ihre Verfassungs- und Verwal- tungsgerichtsbarkeit auf die EKD.

Arbeit der VELKD

Die VELKD setzte während des Berichtszeitraums die Arbeit auf ihren spezi-fischen Handlungsfeldern fort. Einen der Schwerpunkte bildete dabei die Weiterarbeit an einzelnen Folgefragen und an den kirchenrechtlichen Kon- sequenzen der Empfehlung „Ordnungsgemäß berufen“, in der die Bischofs- konferenz im Jahr 2006 den Konsens unter den Gliedkirchen der VELKD in Fragen des Amtsverständnisses formuliert hatte.

Im Jahr 2008 verabschiedeten Kirchenleitung und Bischofskonferenz eine Richtlinie zur Beauftragung und zum Dienst der Prädikanten und Prädi- kantinnen und eine Empfehlung zum Dienst der Vikare und Vikarinnen. Im Jahr 2011 sprach sich der Theologische Ausschuss der VELKD dafür aus, die Barmer Theologische Erklärung in ihrer Auslegung durch das lutherische Be- kenntnis als eine sachgemäße Aktualisierung der reformatorischen Bekennt- nistexte und damit als ein weiteres verbindliches Lehrzeugnis der luthe- rischen Kirchen zu rezipieren.

Einen Schwerpunkt der liturgischen Arbeit bildete die neue Agende "Be- rufung – Einführung – Verabschiedung", die gemeinsam mit der UEK vor- bereitet und im November 2011 zeitgleich von der Generalsynode und der Vollkonferenz der UEK beschlossen wurde. Hinzuweisen ist außerdem auf die 2012 erschienene Handreichung zur Feier des Taufgedächtnisses und den im Jahr 2008 gemeinsam mit der UEK begonnenen Prozess einer Revision der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte.

Unter den Publikationen der VELKD sind insbesondere die im Jahr 2010 er- schienene Neuauflage des Evangelischen Erwachsenenkatechismus und die Neuausgabe der lutherischen Bekenntnisschriften hervorzuheben, die im Jahr 2013 unter dem Titel „Unser Glaube“ erschien. Sie soll die Texte der Bekenntnisschriften in zeitgemäßem Deutsch und in einem handlichen For- mat insbesondere für die kirchliche Praxis zugänglich machen.

Verbindungsmodell von EKD und VELKD

Um die gemeinsamen Aufgaben wirksamer wahrnehmen zu können, ihre Kräfte zu bündeln und die Kommunikation zu fördern, hatten die EKD und ihre gliedkirchlichen Zusammenschlüsse VELKD und UEK im August 2005, durch zwei Verträge das sog. Verbindungsmodell geschaffen.

Die Vereinbarungen zur Struktur der Zusammenarbeit wurden während des Berichtszeitraums umgesetzt. Das Lutherische Kirchenamt und die Kirchen- kanzlei der UEK wurden im Jahr 2007 mit dem Kirchenamt der EKD zusammengelegt. Sie bilden seitdem zwei Amtsstellen innerhalb des Kirchenamtes und sind in dessen Dienstgebäude angesiedelt.

Mit Bildung der neuen Synoden im Jahr 2009 wurden außerdem die Ver- einbarungen zur Verbindung der Tagungen und zur Personenidentität zwischen den Mitgliedern der EKD-Synode aus dem Bereich des jeweiligen Zusammenschlusses und den Mitgliedern der Generalsynode der VELKD und der Vollkonferenz der UEK verwirklicht.

Die praktische Umsetzung dieser Strukturentscheidungen, insbesondere die Kultur der Zusammenarbeit, entwickelte sich zunächst zögernd, verbesserte sich aber im Laufe der Jahre deutlich. Erschwert wurde die Zusammenarbeit zunächst dadurch, dass sich EKD und VELKD nicht über die theologischen Grundlagen dieser Zusammenarbeit verständigen konnten.

Aus den Reihen der VELKD war wiederholt zu hören, die EKD sei keine Kirche, da sie kein gemeinsames Bekenntnis habe. Eine Initiative der VELKD, die darauf zielte, die Confessio Augustana als einendes Grundbe- kenntnis der EKD zu definieren, wurde im Jahr 2009 von der Kammer für Theologie der EKD abgelehnt.

Vor dem Hintergrund dieser als unbefriedigend empfundenen Entwicklung des Verbindungsmodells startete die Generalsynode der VELKD während ihrer Tagung im November 2012 eine Initiative zur Fortentwicklung des Verbindungsmodells:

  • Sie plädierte zum einen für eine Evaluation des Verbindungsmodells, die auch eine Überprüfung der Aufgabenverteilung zwischen EKD und VELKD umfassen sollte.
  • Zum anderen beauftragte die Generalsynode die Kirchenleitung, in Abstim- mung mit EKD und UEK Vorschläge zur Fortentwicklung des Verbindungs- modells zu unterbreiten und nach einem Bericht zur Generalsynode 2013 bis zur Generalsynode 2014 verbindliche Entscheidungen vorzubereiten.
  • Gleichzeitig regte die Generalsynode theologische Gespräche mit dem Ziel an, innerhalb des Reformprozesses der EKD bis zum Jahr 2017 eine neue Qualität des Verbindungsmodells zu entwickeln.


Auf Grund dieses Anstoßes entwickelte der Theologische Ausschuss der VELKD eine neue theologische Positionsbestimmung, die bei der Tagung im November 2013 von Generalsynode, Kirchenleitung und Bischofskon- ferenz in einer gemeinsamen Kundgebung übernommen wurde.

Ausgehend von der Leuenberger Konkordie, bestimmt die Kundgebung die ekklesialen Funktionen von EKD und VELKD neu. Die EKD hat danach die Aufgabe, die Einheit der Gliedkirchen und ihrer Zusammenschlüsse gerade unter Achtung und Wahrung ihrer konfessionellen Verschiedenheit zur Gel- tung zu bringen, während die VELKD innerhalb dieser Einheit die lutheri- sche Identität pflegt und profiliert.

Als Konsequenz vertritt die VELKD nunmehr die Auffassung, dass die EKD als communio ihrer Gliedkirchen selbst Kirche ist und dass die Privilegierung eines der reformatorischen Bekenntnisse, insbesondere der Confessio Augus- tana, nicht erforderlich ist. Zugleich plädiert die VELKD dafür, die effiziente Ausgestaltung und Optimierung der Ordnungsstrukturen der VELKD kritisch zu prüfen.