"... und wickelte ihn in Windeln."

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing in der Christvesper am 24.12.2017 in der St. Johanniskirche, Lüneburg

Kleine Geschenke, liebe Gemeinde, das wissen Sie, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

Ein kleines Geschenk haben ja wir alle heute schon erhalten. Es war, es ist Sonntag. Und dieser Sonntag hat uns beschenkt damit, dass wir frei davon waren, noch Einkaufsrestlisten abzuarbeiten. Mancher wird erstaunt feststellen, wie es auch ohne sein Last-minute-shopping doch tatsächlich Weihnachten geworden ist. Und wer seit 2006 die letzten zehn Jahre zu Heiligabend arbeitsverpflichtet war, wird es dankbar angenommen haben, heute einmal nicht so gehetzt gewesen zu sein vom Dienstschluss über die Küche bis in die Kirche.

Schön, dass es diesen in einen Sonntag hineinverpackten Heiligen Abend alle Jahre wieder einmal gibt. Schön, wenn menschenfreundliche Vernunft und einsichtige Wirtschaft uns dieses kalendarische kleine Geschenk bewahren. Vielleicht gelingt es, davon etwas in die kommenden, ganz unweihnachtlichen Sonntage des nächsten Jahres mit hineinzunehmen. Jeder siebente Tag der Woche hat ja etwas von einem kleinen Geschenk. Es will nicht Verkaufsumsätze fördern, sondern Freundschaft erhalten. Ein von all unserem Wuseln und Wirtschaften freier Sonntag stärkt Freundschaften, festigt Beziehungen unter uns und lässt Familien familiär sein. Mögen Sie davon viel erleben und viel Erfüllung darin finden, heute und in den Tagen die kommen.

Kleine Geschenke, liebe Gemeinde, erhalten die Freundschaft, ja. Aber sie stellen auch vor Probleme, vor allem zu Weihnachten. Denn: Weihnachtgeschenke wollen verpackt sein. Damit habe ich ein Problem. Denn ich lebe mit dem Unvermögen, ein Geschenk auch nur einigermaßen ordentlich zu umhüllen. Manchmal mache ich es mir einfach und lasse alles im Laden einpacken. Das fällt meist auf, und es wird die fehlende individuelle Note bemängelt. Bei eigenen Verpackungsversuchen ist diese „individuelle Note“ dann allerdings sehr ausgeprägt. Auf Symmetrie verzichte ich mittlerweile ganz. Gerade Kanten mit der Schere zu schneiden ist nicht mein Ding. Und so quetscht sich dann links eine dicke Papierkante unter einigen Metern Klebeband, während rechts schon wieder ein Stück Geschenk herausguckt. Von vornherein verzichte ich darauf, Schleifen um ein Geschenk zu binden …

So lebte ich im ästhetischen Ranking unterm Weihnachtsbaum bislang mit einem gewissen Gefühl der Unterlegenheit. Das ist aber jetzt geheilt. Denn ich habe von einem Professor der amerikanischen Yale Universität gelesen. Dieser Professor Nathan Novemsky hat sich höchst wissenschaftlich mit Geschenkverpackungen beschäftigt. Und hat herausgefunden: Besonders hübsche Verpackungen führen zu einer besonders hohen Erwartungshaltung des Beschenkten. Diese wird nach dem Auspacken unter Umständen enttäuscht. Verschiedene Versuchspersonen bekamen dasselbe Geschenk, jedoch unterschiedlich eingewickelt. Das Ergebnis: Durch ein kunstvolles Einpacken erhöhte sich die Erwartung an den Inhalt, das Geschenk gefiel den Beschenkten dann aber weniger gut.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Meine Geschenke tragen ein sehr geringes Enttäuschungspotenzial in sich. Ganz egal, was drin ist, meine Lieben freuen sich nach dem Auspacken, dass es viel schöner ist, als es eingewickelt aussah.

In dieser Richtung, so lese ich es aus der Weihnachtsgeschichte heraus, muss auch Gott gedacht haben: Mein Gottesgeschenk an die Menschen, ich gebe es ihnen erst mal in dürftiger Verpackung – „… und wickelte ihn in Windeln“. Das war nun ganz bestimmt kein Unvermögen wie bei mir. Ich bin sicher, Gott hätte auch anders gekonnt – ästhetisch, kunstvoll und mit geraden Kanten. Aber er wollte es anders: Jesus, der Christus, der Gottessohn in Windeln gewickelt. Das weckt erst mal keine großen Erwartungen. Windeln haben keine geraden Kanten. Ein Schafstall ist alles andere als eine ästhetische Offenbarung. Um Krippen herum gibt es keine Schleifen. Auch Maria wohl nicht in maßgeschneiderter Haute Couture sondern kleidungsmäßig eher „von der Stange“. Und die Hirten kamen eben vom Felde …

Alles an der Geburt Jesu - und Jesus selbst - ist so eingepackt: mit geringem Enttäuschungspotential. Da erwartet man erst mal nicht viel. Nur ein Kind, kein Supermann. Nicht im Scheinwerferlicht, sondern in kalter Nacht. Aus keinem alten Adelsgeschlecht, sondern Kind einer jungen unverheirateten Frau.

Für ein Gottesgeschenk alles also in ziemlich dürftiger Verpackung. Das ist so wie „links eine dicke Papierkante unter einigen Metern Klebeband, während rechts … Sie wissen schon. Das aber, liebe Gemeinde, kann es einem ja auch leicht machen, ein solches Geschenk zu empfangen. Du kannst sagen: Verpackung, na ja, aber mal sehen. Ohne große Erwartung, aber „mal sehen“ – mehr als diese Haltung braucht es zu Weihnachten nicht. Auch hier heute Abend in St. Johannis: Mal sehen. Ich habe groß keine religiöse Erfahrung, aber mal sehen. Ich bringe keine feste Glaubensüberzeugung mit – mal sehen. Mal sehen, was du aus Bethlehem zu hören bekommst.

Vor dem Sehen steht ja bei Geschenken überhaupt immer das Hören. Da kann die Verpackung noch so ästhetisch und kunstvoll sein oder aber erwartungsschwach dürftig. Jeder möchte doch, du möchtest doch auch, dass die Beschenkten hören, was du ihnen mit deinem Geschenk sagen willst. Und da sprechen fast alle Geschenke dieselbe Sprache: Mach bitte weiter mit mir. Mir ist an dir gelegen. Lass uns gut bleiben. Freundschaft erhalten. Den Faden zwischen uns weiterspinnen. Vergessenes wieder aufnehmen. Das was kommt, gemeinsam bestehen. Wenn du es auch überhaupt nicht glaubst, ich bin für dich da.

Viel Weihnachtsglück hängt daran, ob wir hören, was uns ein Geschenk sagen will.

Ob die wohl hören, was ich ihnen damit sagen will? Das genau ist Gottes Frage zu Weihnachten. Ob du, Mensch, wohl hörst, was Gott dir mit dem Geschenk seiner Geburt in dieser Welt sagen will? Hörst du Gott in diesem Geburtsgeschenk sprechen? Mensch, mach bitte weiter mit mir. Mir ist an dir gelegen. Mensch, lass uns gut bleiben. Den Faden zwischen mir und dir weiterspinnen. Du kannst Vergessenes wieder aufnehmen. Mensch, wenn du es auch überhaupt nicht glaubst, ich bin für dich da.

Viel Glaubensglück hängt daran, ob wir hören, was Jesu Geburt uns sagen will.

Und jetzt bleib bloß nicht an der dürftigen Verpackung hängen: Kind, Windeln, Krippe, Hirtenstall. Und sag bei diesem Geschenk jetzt bloß nicht „Schöne Bescherung! Da hätten wir aber etwas Anderes dringender gebraucht“. Das sagst du doch daheim bei eurer Bescherung auch nicht. Hoffentlich das nicht „Da hätten wir aber etwas Anderes dringender gebraucht“.

Du siehst doch, Gott steckt in deiner Haut. Was willst du mehr? Dürftige Verpackung, von mir aus. Aber nur weil Gott in deiner Haut, nur weil Gott im Menschen steckt, weiß er doch um alles Menschliche, versteht er all euer allzu Menschliches. Weil Gott im Menschen steckt, kennt er sich mit dem Menschen aus.

In kalter Nacht geboren. Deshalb hat er ein großes Verstehen dafür, wie sehr uns Menschen Dunkel und Aussichtslosigkeit verfolgen können.

Kind einer unverheirateten Mutter. Deshalb kennt er die Unvollkommenheiten unserer Familien, wo wir das Beste wollen, und uns vieles trotzdem nicht gelingt.

Im Stall der Hirten. Damit ist ein für alle Mal klar: Auch über der Arbeit, auch über dem Leben, das erst mal weit weg ist von allem Frommsein und aller Religion, steht sein guter Stern.

Liebe Gemeinde, wir brauchen nichts Anderes als einen Gott, der sich mit den Menschen auskennt. Wir brauchen nichts Dringender als einen Gott der in dürftiger Haut steckt. Denn wir wissen, wie es aussieht, wenn anderes geglaubt wird.

Wenn geglaubt wird, Gott verkörpere sich in einem Land, einer Nation: Dann marschieren sie im Namen Gottes, um noch mehr Land ihr Eigen zu nennen.

Wenn geglaubt wird, Gott zeige sich in Reichtum: Dann muss der Fromme viel besitzen, sonst ist er Gott nicht gefällig.

Wenn geglaubt wird, Gott stecke in den Buchstaben eines Gesetzes: Dann müssen Menschen, die außerhalb dieses Gesetzes sind, gejagt werden.

Nein, das bitte nicht. Das alles bitte nicht glauben. Stattdessen so viel lieber das andere:

In der Dürftigkeit von Bethlehems Geburt steckt Gottes ganze Größe.

In jedem Menschenkind schaut dich das Auge des Schöpfers an.

Unter aller Menschenhaut atmet etwas von seinem Geist.

Und über dem Haupt eines jeden von uns ruht ein Lichtschimmer der Ewigkeit. Amen.