Geduldiges Erinnern

"Kleine Andacht" von Landessuperintendent Dieter Rathing in der Landeszeitung für die Lüneburger Heide am 25. November 2017

Etliche alte Gräber stehen da wie Marmorgebirge. Aufgehäuft, als wollten die Erben jedwelche Rückkehr verhindern. Andere Grabsteine bescheiden und gleichförmig. Wie sie lebten so haben sie auch ihre letzten Dinge geordnet. Manches „Unvergessen“ wird vom ungepflegten Äußeren Lügen gestraft. Einige Gräber sind Schmuckstücke der Landschaftspflege, ganze Baumschulen in klein. Wie auch immer: Viel Anhänglichkeit, viel Dank hat hier Gestalt gefunden. An vielen Gräbern ist zu spüren: Hier wird Zwiesprache zwischen Lebenden und Toten gehalten.

Eine Botschaft haben auch die „ausgeruhten“ Gräber. So bezeichnet man amtlicherseits die Gräber deren Ruhezeit abgelaufen ist. Wenn unser Erinnern die Toten lebendig halten müsste, wären die Toten arm dran. Und die Diesseitigen auch. Die Toten sind in Gottes Hand, wo und wie auch immer das sein mag. Kreuze, Herzen, Bäume, Sonnen bezeugen den Glauben an ein Weiter und Darüberhinaus. Ein Schmetterling: Sterbend werden wir verwandelt. Entschlafen sind die Toten, heimgegangen und entrückt. Von uns brauchen sie keine Zuwendung mehr.

Warum dann doch noch Grabsteine und Schmuck? Wir Zurückgebliebenen brauchen Merkmale dafür, wo’s langgeht. Sie sind uns voraus. Wir werden folgen. Dass wir nicht meinen, ewig zu leben, dafür brauchen wir Gräber und Friedhöfe. Vor dem Grab eines Gleichaltrigen stehen, das rüttelt an mir. Ja, wofür will ich noch Frist? Welche Liebe will ich noch zeigen, welches Werk noch tun?

Ein Platz ist auch da für „Urnen unter dem grünen Rasen“, dazu ein Gedenkstein für die Namenlosen. Immer wieder legen Menschen Blumen gerade dahin, wo sie die Handvoll Asche ihres Verstorbenen vermuten. Ein gutes Zeichen dafür, dass uns schwer aushaltbar ist, Nächste namenlos verschwinden zu sehen. Unwillkürlich schießt einem in die Gedanken, ob man selbst auch so folgenlos, spurenlos, namenlos davon muss. Wir wollen doch unverlierbar sein, irgendeinem, wenigstens Gott.

Einmal im Jahr geduldiges Erinnern auf unseren Friedhöfen, morgen am Ewigkeitssonntag. Viele Gräber sind wieder fein gemacht. Grün wird für den Winter aufgelegt, wohl als wärmende Decke. Ist das Grab eines Geliebten für dich erreichbar, geh hin. Alles Geschehene zwischen euch im wärmeren Licht sehen. Und dann heimkommen, mit der Lust leben zu wollen, solange du noch darfst.