Wir sind ja Gott recht!

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing am 31. Oktober 2017 im Festgottesdienst des Kirchenkreises Lüneburg in der St. Johanniskirche. 

Vor der Predigt hatte die Reformationsbeauftragte Silke Ideker Beispiele von Thesen gegeben, die im Laufe des Reformationssommers in Gemeinden und Einrichtungen des Kirchenkreises gesammelt worden waren. Anschließend gab es ein Thesengespräch mit Gästen aus Stadt und Gesellschaft. Sie waren unter anderem gebeten, diesen Satz zu vervollständigen: "Mehr Gerechtigkeit wäre für mich, wenn..."

Liebe Gemeinde, an diesem 500. Reformationstag und nach dem Gespräch eben mit seiner Schlussrunde (Thesengespräche mit Gästen aus Stadt und Gesellschaft) liegt es mir förmlich auf der Zunge, die Frage aufzunehmen: „Mehr Gerechtigkeit wäre für mich, wenn …“ Wie eigentlich, Herr Prof. Dr. Martin Luther, wie würden Sie diesen Satz fortsetzen? 

Als begabter Kommunikationsmensch, der er ja war, würde Martin Luther heute - gleich manchen Gästen uns bekannter Talk-Shows - möglicherweise erst einmal antworten mit dem, wozu er gar nicht gefragt war. Der Professor Doktor würde, mit einer Begründung, die später folgt, dem Fragesteller und allen Zuhörenden erst einmal das „Du“ anbieten. Danke, Martin, danke!

Aber nun doch zur Frage. „Mehr Gerechtigkeit wäre für mich, wenn …“? Martin – und nun stellt ihn Euch ganz unhistorisch mit dem Hammer in der Hand und in der Haltung von „Hier stehe ich und kann nicht anders“ vor – Martin: „Mehr Gerechtigkeit wäre für mich, wenn … - wenn Du mit Dir selbst gerecht sein könntest.“ 

Du mit dir selbst gerecht? Was sollst du dazu sagen? Du kommst ins Stottern und sagst so etwas wie: „Ich versuche, es recht zu machen. In der Jugend habe ich meine Sache gelernt, bin meinen Eltern gefolgt, habe mir keine – na ja, keine allzu großen – Streiche geleistet. Ich habe eine ordentliche Partnerwahl getroffen, eine Existenz gegründet, wie man so sagt, mein Geld verdient. Ich versuch‘s einfach recht zu machen, in der Familie, im Beruf, in meinem Amt. Und es ist ein gütiges Geschenk, wenn ich vor großen Erschütterungen bewahrt geblieben bin. 

Liebe Gemeinde, dieser Lebensentwurf sei nun nicht schlecht gemacht. Jeder von uns hat ganz gewiss ein Stück davon. Und im Grunde sind wir alle heilfroh, wenn wir einigermaßen ungestreift durchkommen. Wir können das einander redlich eingestehen. Aber wenn ich mit mir selbst gerecht sein will, dann muss ich mir ebenso redlich eingestehen, dass das eben nicht ganz stimmt mit diesem Entwurf. Haben unsere Tage schon ihr Recht darin, dass sie glatt über die Bühne gehen? 

Dieser Tage war in Zeitungen zu lesen, dass ein Ablassbrief aus dem Augustinerkloster in Erfurt aus dem Jahr 1508 wiederaufgetaucht ist – neun Jahre vor 1517. Es handelt sich um einen Gemeinschaftsablass, den die Klosterbrüder zusammen gekauft haben. Einer dieser Mönche ist Martin Luther. Und nun kommst du! Und nun kann Martin nur ins Stottern kommen und auch so etwas sagen wie: „Na ja, ich hab’s recht zu machen versucht, hab meine Sache gelernt, bin meinen Eltern gefolgt …“ und so weiter. 

Aber je weiter Martin Luther nach 1508 in seiner Sache kommt, umso mehr verzweifelt er. Er kommt zu der Einsicht „Ich kann es nicht recht machen.“ Den Menschen vielleicht. Meinen Eltern, den Brüdern in den Klosterzellen nebenan, den Kirchenoberen, denen vielleicht. Vor Gott aber scheitere ich. Immer wieder. Vor dem kann ich machen was ich will, machen und machen und machen was ich will. Aber wenn ich in all diesem Machen gerecht mit mir bin, dann muss ich sagen: Ich kann es ihm nicht recht machen. 

Liebe Gemeinde, im Alten Gefängnis in Wittenberg gab es über diesen Reformationssommer hinweg eine Ausstellung von verschiedenen zeitgenössischen Künstlern. In den alten Gefängniszellen haben sie ihre Sicht auf Martin Luther und auf die Reformation ins Bild gesetzt. Die für mich eindrücklichste Arbeit stammt 
von einer Bildhauerin. In ihrer Zelle liegt eine lebensgroße, männliche Marionette aus Lindenholz, das Gesicht auf dem Boden, die Hände wie hilflos neben dem Kopf. 

Wer liegt da? Martin Luther? In seiner Klosterzelle? Verzweifelt, weil darin gescheitert, es Gott recht zu machen? Liege ich da? Gefangen in dem Glauben, meine Lebenssache immer besser machen zu können, immer geschickter, immer frömmer, immer erfolgreicher? Oder sind wir da alle zusammen in das Bild tiefster reformatorischer Einsicht gesetzt? Diese Einsicht heißt: Wenn ich mit mir selbst gerecht bin, dann finde ich mich immer wieder am Boden und mit hilflosen Händen, weil mein Machen und Machen ja nie genügt. Wenn du mit dir gerecht bist, dann findest du dich immer wieder hilflos darin, es mit deinem Leben recht zu machen. Denn vergleich dich doch nur mal: 

Immer ist einer behender als du
Du kriechst
Er geht
Du gehst
Er läuft
Du läufst
Er fliegt:
Einer ist immer noch behender. 
 
Immer einer begabter als du
Du liest
Er lernt
Du lernst
Er forscht
Du forschst
Er findet:
Einer immer noch begabter. 
 
Immer einer berühmter als du
Du stehst in der Zeitung
Er steht im Lexikon
Du stehst im Lexikon
Er steht in den Annalen
Du stehst in den Annalen
Er steht auf dem Sockel:
Einer immer noch berühmter.  …

Einer immer beliebter als du
Du wirst gelobt
Er wird geliebt
Du wirst geehrt
ER wird verehrt
Dir liegt man zu Füßen
Ihn trägt man auf Händen:
Immer einer noch beliebter. …    (Robert Gernhardt) 

Liebe Gemeinde, ich gestehe, jetzt habe ich Sünde begangen. Jetzt habe ich die Sünde mit Worten begangen, die unser alltägliches Tun oft so gnadenlos bestimmt. Es ist ein Zusammenzählen von Dingen, ein Vergleichen von Taten, ein Mehr-sein-wollen. Dahinter scheint so etwas wie ein Lebensgesetz zu stehen. Als Ritter auf Stelzen laufen wir herum, und jeder zählt mit Gewalt seine Dinge zusammen. Und es ist wohl keine Pastoreneinbildung, wenn man sagt: Dahinter steht – unausgesprochen, unbewusst – im letzten der Wunsch, es Gott recht zu machen. Einem Gott, den es, wie man oft hört, gar nicht mehr geben soll. 

Der Mensch, der es mit aller Gewalt recht machen, Gott recht machen will, der liegt da in Wittenberg am Boden. In der Zelle des Alten Gefängnisses. Und nun kommst du! Ich nehme das mit dem Du-sagen hier noch einmal auf, denn wie will man in der so misslichen Örtlichkeit eines Gefängnisses anders zueinander reden? Sozialpsychologen sagen, dass man sich umso eher duzt, je offenkundiger die Gemeinsamkeit entweder im Versagen oder in einer anderen Mangelerfahrung ist. Im Gefängnis duzt man sich sofort. Die dort Versammelten gleichen sich darin, dass sie es nicht recht machen konnten. 

Martin Luther, der es Gott einfach so wenig recht machen konnte, ist aus seiner Zelle herausgekommen. Später sagt er darüber: „… wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein“. Was für ein Wechsel! Aus der Gefängniszelle ins Paradies! Da möchte man wohl hinterher! 

Aber jetzt sage doch niemand, er kenne diesen Weg nicht. Denke niemand, er verstünde von diesem Paradies wenig oder er wisse nicht, wo es liegt. Wir wissen es alle. Jeder weiß den Weg dorthin. Du weißt, welche Tore sich öffnen, wenn ihr Zwei mal alles Zusammenzählen hinter euch lassen könnt. Du weißt etwas von der Wärme dort, wo du recht bist, ohne gleich alles recht machen zu müssen. Du weißt, es gibt ein Gut- sein-lassen trotz allem, was nicht gut ist. Lass gut sein! Lass dich gut sein! 

Du weißt, ein erlösendes Wort, das kannst du dir nicht selber sagen. Darum trau dich, dein Herz über die Brücke zu tragen. Trau dich, dem zu vertrauen, der es dir sagt. Lass gut sein! Lass dich gut sein! So will ich es dir heute sagen. Darin steckt alles Gotteswort der Reformation. Sei dir recht! Gott bist du recht! 

Und aus dem eigenen Recht-sein heraus kannst du dann auch dem Nächsten zu seinem Recht kommen lassen, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Da beginnt dann alles „Mehr an Gerechtigkeit“, von dem in den Thesengesprächen vorhin die Rede war. Und ganz schön reformatorisch haben Sie, liebe Gesprächspartner, zum Ausdruck gebracht: Alles, was mit einem „Mehr an Gerechtigkeit“ zu tun hat, das ist nicht an Zahlen und ist nicht am Zählen von Dingen orientiert, nicht an Vorschriften oder Gesetzen. Sondern immer an Menschen! Gerechtigkeit ist immer an Menschen orientiert, an den Nächsten – so entfernt sie als Nächste uns manchmal auch sein mögen. Jedes „Mehr an Gerechtigkeit“ bemisst sich immer daran, um wieviel näher wir uns als Menschen kommen, um wieviel mehr wir einander zu Nächsten werden.  

Und das kannst du doch, anderen zum Nächsten werden. Du bist ja Gott recht. Amen.