"Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker"

Predigt zum Abschluss des VI. Kurses Kirchenführerausbildung am 19. August 2017 in Hermannsburg, Peter und Paul-Kirche

Liebe Gemeinde, liebe Kirchenführerinnen, liebe Kirchenführer,

wie nachsichtig können Sie mit Jesus sein? Jesus hat unsere Nachsicht heute nötig. Sie haben’s im Evangelium gehört: „Jesus fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trüge.“ (Mk. 11,15f.)

Jesus hatte keine Kirchenführerausbildung. Er hat nicht – so wie Sie nach Ausbildungsplan heute Morgen – gelernt, mit „Störern“ umzugehen, Sie wissen schon: Besserwisser, Schnacker, Tuschler usw., und jetzt kämen noch hinzu: Geldwechsler und Taubenhändler. Sie, liebe Kirchenführerinnen und Kirchenführer, hätten das mit Ihrem Kirchenführer-Wissen wahrscheinlich eleganter hinbekommen damals im Tempel. Ohne furienhafte Gewalt. Jesus! So auf die Leute losgehen, Tische umstoßen, Einrichtung demolieren. Ich bitte Sie. Wir müssen nachsichtig mit ihm sein. Jesus hatte keine Kirchenführerausbildung.

Das ist aber nur das eine. Ein anderes ist die Begründung für sein rabiates Durchgreifen. Und da werden Sie mit Jesus ganz auf einer Linie sein. Jesus begründet seine „Tempelreinigung“ mit dem Satz „Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker.“ Bethaus sagen wir heute nicht mehr. Aber was das bedeutet, in einer Kirche, in einer Kapelle, in einem Kloster zu sein, welche Bedeutung und welchen geistlichen Wert die Dinge und Symbole, die Bilder und die Gegenstände in einem „Bethaus“ haben, das werden Sie mit ihrer Ausbildung, die Sie heute abschließen, in ganz vielen Variationen erklären und zum Ausdruck bringen können.

Und mit noch etwas sind Sie ganz auf der Linie Jesu. Man muss sich diese ganze Szene damals im Tempel ja mit großer Leidenschaft vorstellen. Jesus hatte ganze, große Leidenschaft für sein Bethaus. Wie er diese Leidenschaft damals dann ausgelebt hat, na ja … Heute hätte er andere Möglichkeiten. Heute kann man seine Leidenschaft für Bethäuser ja so ausleben, dass man eine Kirchenführerausbildung macht. Acht Wochenenden mit allem was davor und danach da noch dranhängt. Dazu muss man schon Leidenschaft mitbringen. Ich hoffe, bei Ihnen hat durch die Ausbildungszeit hindurch die Betonung nicht auf „Leiden“ gelegen.

Ich will noch einen Moment bei der Leidenschaft bleiben. Was hat dieser Leidenschaft Jesu damals ihren Grund gegeben? Wodurch war sie motiviert? Wenn man es kurz sagen will: Jesus wollte mit Leidenschaft eine Veräußerlichung des Glaubens und der Religion verhindern. Veräußerlichung hieß zu seiner Zeit: Wenn ich mit Geld im religiösen Bezirk etwas bei Gott erreichen will. Also: Ein paar Tauben kaufen, damit Gott ein Opfer bringen und ihn dann einen guten Mann sein lassen. Gegen solche äußerlichen Geschäfte mit Gott ist das gesagt: „Mein Haus soll ein Bethaus heißen ...“

Ich kenne aus eigenen Kirchenführungen eine heutige Art von Veräußerlichung: Menschen fragen: Wo hoch ist der Kirchturm? Wie teuer war das neue Kirchenfenster? Muss das mit dem leidenden Jesus am Kreuz denn sein? Die Fragen sind ja nicht falsch, aber sie sind ganz äußerlich, sie bleiben ganz an der Außenseite von dem, was es mit Kirche und Glauben auf sich hat. Und es fordert immer wieder unsere Leidenschaft heraus, das kirchliche Bauwerk, die Gegenstände seiner Ausstattung von „innen“ heraus, mit dem, was sie sagen und bedeuten wollen, zum Reden zu bringen. Wie wertvoll das ist! Und wie nur „ganz innerlich“ das meiste davon verstanden werden kann. Auch wenn, nein, besser: gerade weil es nicht in Zahlen, Summen und Beträgen zu messen ist. Und darin dann schließlich auch: Jesus selbst mit einem Wort, einem guten Gedanken zum Reden zu bringen. Ich wünsche Ihnen alle Leidenschaft dafür!

„Mein Haus soll ein Bethaus heißen ...“ Jesus weist mit diesem Satz auf das Entscheidende hin: Ein Sakralraum unterscheidet sich von anderen Räumen. Wer, wenn nicht Sie wissen das. Und es ist ganz entscheidend, dass dieser Raum einer ist, der erkennbar von anderen Räumen unterschieden bleibt. Jeder, der hier hereinkommt, merkt, dass er sich nicht in einer Sparkasse oder einem Supermarkt befindet. Das Kreuz, der Taufstein, der Altar machen diesen Raum kenntlich als das, was er ist, als ein Haus, in dem man Gott begegnen kann. Menschen sind beeindruckt von unseren Kirchen, weil die Faszination dieses Raumes ihnen imponiert – nicht nur als schönes Gebäude, sondern als Gotteshaus. Gottesbegegnung braucht Räume. Natürlich kann man auch im Kämmerlein daheim oder draußen in der Natur Gott begegnen, aber das ersetzt eben nicht den festen und festlichen Raum. Der „heilige Zorn“ Jesu ist ein ernster Hinweis darauf, dass wir unsere Gotteshäuser wertschätzen und dass wir sie nicht zur Konzerthalle, zum Multifunktionsraum oder zum Souvenirladen verkommen lassen.

„Mein Haus soll ein Bethaus heißen ...“ Man kann diesen Satz aber auch noch viel grundsätzlicher lesen. „Unterbrechungen“ - so hat der Theologe Friedrich Schleiermacher die christlichen Gottesdienste einmal genannt, „Unterbrechungen des übrigen Lebens“. Darunter verstand er Gelegenheiten, Zeit zu gewinnen, Gelegenheiten, uns zu vergessen, von uns selbst mal wegzukommen. Momente, in denen ich innehalte und einen neuen Eindruck an mich heran- und in mich hineinlasse. Momente, in denen ich das Selbstverständliche auf einmal gar nicht mehr als ganz so selbstverständlich ansehe, und ich dann, wenn es sich um etwas Gutes und Schönes handelt, dankbar werde dafür. Wenn es sich um etwas Schweres und Belastendes handelt, Abstand gewinne davon.

Unterbrechungen reißen uns heraus aus dem Alltag, aus dem vertrauten Normalen. „Unterbrechungen des übrigen Lebens“ sind ein wichtiges Elixier unseres Lebens, weil ich nur durch sie mal anhalten, mal neu überlegen, mich neu ausrichten kann. Man muss solche Unterbrechungen nicht so rabiat erzwingen, wie Jesus das tat. Manchmal bringt mich schon das leise Läuten einer Kirchenglocke irgendwo in der Ferne zum Innehalten. Manchmal reicht das Lachen oder das Weinen eines Kindes, damit ich merke, dass meine tagtäglichen Sorgen und Probleme möglicherweise gar nicht so furchtbar wichtig sind.

„Unterbrechungen des übrigen Leben“, das sind nicht allein Gottesdienste. Den Aufenthalt in Kirchen und Klöstern nehmen Menschen auch als „Unterbrechungen“ wahr. Kirchenführungen ebenso. Sie lassen Menschen innehalten, geben ihnen neue Eindrücke jenseits des Alltäglichen, lassen sie neue Gedanken fassen. Ich bin überzeugt: Nach einer Kirchenführung werden Menschen ganz sicher manches Selbstverständliche als gar nicht mehr so selbstverständlich ansehen.

Ein letzter Gedanke. Die Besucher unserer Kirchen und auch die Teilnehmenden an Kirchenführungen, die sind oft ja, wenn ich es mal so sagen darf, ein „bunter Haufen“, ein „gemischtes Volk“. Da kann der Theologieprofessor neben dem religiös ganz Unmusikalischen stehen. Der Geschichtslehrer neben dem, der bei „ökumenisch“ immer „ökonomisch“ hört. Und nicht nur das. Katholiken neben Evangelischen, Gläubige neben solchen, die nicht glauben können oder wollen – Atheisten? -, vielleicht sogar Gläubige anderer Religionen.

Jesus wird in der Tempelszene diese Buntheit noch nicht vor Augen gehabt haben, aber die letzten drei Worte seines Satzes will ich heute nicht überhören: „Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker.“ Für alle Völker! Jesus muss mehr als nur seine jüdischen Glaubensgenossen vor Augen gehabt haben, für die der Tempel ein Bethaus sein soll. Für alle Völker!

Es war der sogenannte „Vorhof der Heiden“, wo die Geldwechsler und Taubenhändler ihre Geschäfte machten. Jesus hat die Nicht- oder Andersgläubigen da wohl im Blick, schließt sie jedenfalls nicht aus. „Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker.“

Damit mag Jesus vor Augen gehabt haben, was wir erst (wieder) zu lernen beginnen: Dass es keine Konfession, keine Religion mehr geben sollte, die sich verschließt vor jenen, die nicht so glauben wie wir. Dass wir uns unter den Religionen nicht mehr als „Menschen anderen Glaubens“ ansehen, sondern als „andere Menschen des Glaubens“. Dass jeder Mensch Gott finden kann. Jedes Menschenkind seinen Vater.

In diesem Vertrauen mögen Sie in ihren „Bethäusern“ einen gesegneten Dienst tun, den Menschen zugetan und Gott zur Ehre. Amen.

Dieter Rathing,
Landessuperintendent im Sprengel Lüneburg