"Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht"

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing am 13. August 2017 in St. Johannis, Lüneburg - Gottesdienst mit Aufführung der Kantate von Johann Sebastian Bach: „Herr, gehe nichts ins Gericht mit deinem Knecht“ (BWV 105), Evangelium: „Vom ungerechten Verwalter“ (Lukas 16,1-8)

 

ICH, liebe Gemeinde, so haben wir mal in der Schule gelernt, ICH darf nicht am Anfang eines Briefes stehen. So wichtig sollen wir selbst uns nicht nehmen. Parallel dazu gibt es auch eine überkommene Lehre von der Predigt, in der das ICH des Predigers ebenfalls keine Rolle spielen soll, spielen darf. Auf der Kanzel soll niemand sich selbst so wichtig nehmen. Predigtmäßig bin Ich – unter den Augen dieser Predigtlehre – heute also schon mal untendurch. Sei’s drum.

Johann Sebastian Bach war für seine Musik von solchen „Lehren“ noch unberührt. Er schreibt sein ICH, er schreibt sich mit seinem Namen, vielleicht überhörbar, aber kaum übersehbar, in diese Kantate hinein. Johann Sebastian Bach, er sieht sich selbst als diesen „Knecht“, mit dem der Herr „nicht ins Gericht“ gehen möge. Bach sieht sich selbst als den, der in Demut bittet „Mein Gott, verwirf mich nicht“. Johann Sebastian Bach möchte sich als derjenige identifizieren lassen, der weiß, „wie groß dein Zorn und mein Verbrechen ist“. Bach stellt sich selbst als einen dar, der erfahren hat, „wie zittern und wanken der Sünder Gedanken, indem sie sich untereinander verklagen und wiederum sich zu entschuldigen wagen“. Johann Sebastian Bach als der Gläubige, der dann auch „seinen Bürgen weiß, der alle Schuld ersetzet“ und der am Ende weiß und gewiss ist: „… du wirst mir stillen mein Gewissen, das mich plagt.“

Liebe Gemeinde, Ihre Frage wird nun sein: Woher weiß ich das? Woher können wir wissen, wie sehr Johann Sebastian Bach sich selbst mit diesem bittenden Knecht über die Musik identifiziert und uns – so wage ich es auszuziehen – und uns auffordert, nun auch selbst ICH zu sagen mit der Stimme dieses Kantaten-Knechts?

Zuerst zu Bach, dann zu uns. Davor vielleicht noch mal kurz zurück in die Schule. Ich weiß nicht, ob Sie damals auch – unter der Schulbank, versteht sich – eine Nähe zu Geheimschriften hatten. Das Verschlüsseln von Worten konnte im Kontakt zum anderen Geschlecht ganz dienlich sein. Bei mir war dieser alternative Verständigungsweg eher ganz jungengemäß auf den nächsten Pausenstreich hin orientiert.

Die schlichteste Variante von Sprachverschlüsselung ist die: Der Buchstabe A wird durch die Zahl 1 ersetzt, B durch 2, C gleich 3 und so weiter. Der Name Bach ist dann übersetzt: 2 – 1 – 3 – 8. Zusammengezählt: 14. Rechnet man die Buchstaben von „Johann Sebastian Bach“ in Zahlen übersetzt zusammen, kommt man auf 158. (Sie müssen nicht nachrechnen, ich habe zuweilen auch oberhalb der Schulbank …)

Jetzt ahnt die Oboensolistin, warum sie in der Arie des 5. Satzes genau 158 Töne gespielt hat. Jetzt ahnen die Chorsänger, warum sie im 2. Teil des Chorals 158 Töne gesungen haben. Oder im ersten Chorsatz 1580 - das Zehnfache von Bachs Namen. (Für alle Choristen, die in der Versuchung sind nachzuzählen. Vorsicht, das ist „höhere Mathematik“, wiederholte Noten müssen subtrahiert werden!).

Liebe Gemeinde, liebe Musiker, ich weiß, man kann das als geistige Spielerei abtun, und ob man das tun sollte, darüber ist schon viel diskutiert worden. Dass aber Zahlen in Bachs Kompositionen immer wieder eine besondere Rolle spielen, ist unbestritten. Er hat gelegentlich selbst darauf hingewiesen. „Die Zahl schreibt mit“, so hat sein Zeitgenosse, der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibnitz die Bedeutung von Zahlen in Kompositionen bewertet. Die Zahl schreibt mit.

Bach schreibt die Zahl seines Namens mit, weil er die geistliche Aussage dieser Kantate mit seinem Namen, mit seinem ICH unterschreibt. Und wir, wir sollen möglichst beim Hören gegenzeichnen, mitunterschreiben.

Gegenzeichnen – „die Fehler meiner Seelen“, wie die - in Glaubensdingen immer vorbildliche - Altstimme es uns im zweiten Satz vorgesungen hat.

Mitunterscheiben – „wie zittern und wanken unsere Gedanken“. Niemand wird in der Sopranarie das Zittern der Violinen und das Seufzen der Oboe überhört haben. Und der Sopran muss ganz ohne Continuo auskommen, das „geängstigt Gewissen“ hat im wahrsten Sinne des Wortes keinen Boden unter den Füßen.

Gegenzeichnen dann auch: Das in der Bassstimme zum Ausdruck gebrachte tiefe Wohlsein dessen, „der seinen Bürgen weiß, der alle Schuld ersetzet“.

Und Mitunterschreiben erst recht: Die fröhliche Liedstimmung des Tenors, der „Jesum“ sich „zum Freunde machen“ will. Da setzt man dann gern sein ICH und seinen Namen darunter. So, wie unter den Schlusschoral „Keiner soll verloren werden“. Da gehe ich gern mit, mit diesem ganz gelösten und zur Ruhe gekommenen Glaubensgewissen. Und ich wünsche jedem, der diesen Choral am Ende des Gottesdienstes dann noch einmal gehört hat, dass er damit – „keiner soll verloren werden“ – ruhigen Gewissens hier hinausgehen kann. Aber da mache ich mir keine großen Sorgen. Sie als Musiker kriegen das am Ende schon hin mit uns.

Ein kleine Sorge mache ich mir – und darum rede ich jetzt auch nach dem in Aussicht gestellten guten Ende noch weiter – eine kleine Sorge mache ich mir, ob wir uns dahin kriegen lassen, auch für den Anfang, ICH zu sagen. Gewiss, da spricht die Musik auch ihre Sprache – mit oder ohne Verschlüsselung in Zahlen. Aber als „Knechte“, mit denen Gott „ins Gericht“ gehen müsse? Als „Seelen“, die ihre „Fehler .. leugnen“ und „verhehlen“? Mit Sünder-Gedanken, die „zittern und wanken“? Wer mag da schon sein ICH darunter setzen?

Auf der Linie des Evangeliums, aus dem wir von einem unehrlichen Verwalter gehört haben, kann ich auch fragen: Wer möchte sich wiedererkennen unter dem Vorwurf „Lieber Mann, liebe Frau, so wie du dein Leben verwaltest, so verschleuderst du, was Gott dir anvertraut hat?

Sind wir das? Bin ich das? Ein schlechter Verwalter meines Lebens? Stehen wir zu Recht unter der Forderung, Rechenschaft zu geben wie der unehrliche Verwalter im Gleichnis?

Liebe Gemeinde, jeder und jede von uns kann hoffentlich glauben, dass er und sie es im Großen und Ganzen mit seinem Leben gut gemeint hat. Ich möchte das jedenfalls für mich in Anspruch nehmen. Aber das ist nicht alles! Ich weiß auch, wo mein Herz müde gewesen ist, mein Geist schwach, mein Körper ohne guten Willen. Ich weiß von Zeiten, zu denen ich hätte reden sollen und geschwiegen habe. Und von solchen, wo schweigen besser gewesen wäre als reden. Und immer wieder unheimlich ist mir der Gedanke: Von welchen solchen Zeiten weiß ich eigentlich gar nichts? Wo mein Tun besser gewesen wäre als mein Lassen. Oder andersherum, wo ich besser gelassen hätte als etwas zu tun. Aber ich habe es gar nicht gemerkt. Ich weiß das gar nicht, wann oder wo das war. Ich kann gar keine Rechenschaft darüber abgeben, weil mir, wenn Sie so wollen, eine „höhere Einsicht“ in mein Leben gar nicht gegeben ist.

Für das, was ich aus meinem Leben weiß, aber noch sehr viel mehr für das, was ich selbst eben gar nicht weiß, für das alles kann ich andere Menschen, kann ich letztlich Gott nur bitten, mit mir „nicht ins Gericht“ zu gehen. Ich weiß, ich käme da nicht heil raus, aus einem Gericht über mich.

Was tun? Ich muss „Jesum mir zum Freunde machen“! Aber mach das mal. Das ist nicht so leicht. Jesus ist anspruchsvoll. Jesus hat den Anspruch, Schuld zu vergeben. Im Vaterunser ist das die anspruchsvollste Bitte „… vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wie wir vergeben unseren Schuldigern! Sich Jesus zum Freunde machen heißt: Unseren Schuldigern vergeben.

Haben Sie Schuldiger, liebe Gemeinde? Sie haben doch Ihre Lieben vor Augen. Und die gar nicht so Lieben erst recht. Jeder steht doch bei jedem in der Kreide. Und dabei geht‘s nicht um Öl oder Weizen. Hol sie her! Oder geh hin zu ihnen! Und wo 100 auf ihren Schuldscheinen steht, schreib 80, nein, schreib besser 50! Macht halbe-halbe mit eurer Schuld. Teilt sie durch zwei oder teilt durch drei. Setzt einander die Schuldenlast herab. Bis ihr wieder anfangt, damit zu existieren, miteinander zu leben.

Kein Mensch kann doch wirklich abbezahlen die Forderungen der anderen. Menschlich gesehen kriegt doch keiner von uns hin die Balance von Soll und Haben. Die Hypotheken untereinander sind immer zu hoch. Von einer Schuldverschreibung zur nächsten Schuldverschreibung …, so kommen wir doch nicht weiter.

Wir alle kommen nicht aus ohne Ermäßigung. Vergebung, die ich gebe. Vergebung, die mir gegeben wird. Güte, mit der ich gut sein lasse. Güte, mit der du mich gut sein lässt. Anders kommen wir hier nicht heil raus. Gott bewahre! Gott bewahre uns den Glauben, “dass auf dieser weiten Erden keiner soll verloren werden.“ Amen.