Gottes Geist befreit

Pfingstpredigt von Landessuperintendent Dieter Rathing am 4. Juni 2017 in Celle

 

Liebe ökumenische Pfingstgemeinde in Celle, Gottes Geist befreit! Da ist was dran. Gerade zu Pfingsten. Wieviel da wirklich dran ist, werden am Schluss dieses Gottesdienstes ein gutes Dutzend Tauben am eigenen Leib erfahren. Noch im kleinen Käfig, dann daraus heraus mit kräftigem Flügelschlag. Gottes Geist befreit!

Gottes Geist befreit! Da ist auch für uns was dran. Gerade heute zu Pfingsten sind Sie als evangelische und katholische Christen, als Reformierte und Baptisten, als Selbstständig-Evangelisch-lutherische Kirche und als Concordia Gemeinde aus ihren Kirchenräumen ausgeflogen. Und das hat ja nichts damit zu tun, dass es bei Ihnen zu Hause zu beengt wäre wie im Käfig. Nein, wenn wir Gottesdienst im Freien feiern, dann zeigen wir damit eine wichtige Seite unseres Glaubens: Gott ist nicht einzusperren in die Mauern einer Kirche. Gott ist nicht festzulegen auf Dome und Kathedralen, Kirchen und Gemeindehäuser. Er ist Gott des Himmels und der Erden. Und er ist Gott ganz nah deinem Herzen. Gott in dem einen Jesus Christus. Und Gott in den Herzen der vielen Menschen. Gott in der Blume, im Zwitschern der Vögel, im Rauschen des Wassers. So verschieden dürfen wir von ihm denken, in solcher Vielfalt dürfen wir ihn feiern. Gottes Geist befreit uns dazu.

Aber wieviel können wir wirklich damit anfangen? Gott in verschiedenen Formen und Farben? Kirche an verschiedenen Orten und Plätzen? In verschiedenen Formaten? Und wir sind ja doch auch so verschiedene Menschen. Ach, die Verschiedenheit! Auf den ersten Blick sind wir wohl geneigt, das Beschwerliche an jeder Form von Verschiedenheit zu sehen. Und darüber zu klagen. Ist das mit Vielfalt und Verschiedenheit unter uns nicht wirklich eine Strafe? Das fängt schon in der Schule an. Beim Vokabellernen. Warum muss es denn überhaupt so etwas wie geben wie english speaking, parler francais, lingua latina? Verschiedene Sprachen. Das ist doch lästig und macht Arbeit. Und das ist erst der Anfang. Später fragen wir uns „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ oder „Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen“. Das ist nicht meine Meinung! Das sind zwei Buchtitel.

Und dann geht’s in den Generationen zwischen den Jungen und den Alten mit den Missverständnissen und Unverständnissen ja noch weiter. Dass die einen was sagen, was die anderen nicht verstehen. Und jene hören, was diese gar nicht gesagt haben. Und dann diese Verschiedenheit unter uns Christen! Die Evangelischen gibt’s lutherisch und reformiert, von den freien Gemeinden und den Freikirchlichen gar nicht zu reden. Die Katholischen sind „römisch“ oder „orthodox“ und dann noch einmal wieder „griechisch-“ und „russisch-orthodox“. Auf die verschiedenen Religionen, die in der Welt sind, will ich gar nicht eingehen. Muss das denn sein? Alles wäre viel leichter, wenn wir nicht so verschieden wären. Könnte in den Ehen und in den Familien nicht alles noch viel besser laufen, wenn Frauen und Männer in gleicher Sprache sprechen und die Kinder in der Denke ihrer Eltern denken würden?

Aber irgendwie muss Gott im Himmel etwas anderes mit uns vorhaben, als dass Sie so sind oder so werden wie ich. Offensichtlich ist er der Meinung, dass es noch etwas Besseres gibt als Uniformität, dass es noch etwas Größeres gibt als dass alle gleich sind. Ihm scheint es zu wenig zu sein, wenn wir - jeder für sich - nur die Form eines Lebens leben! Ihm ist es zu einfältig, wenn nur ich möglichst viel von mir und von Meinem in diesem Leben unterbringe? Ein Mensch ist ihm zu wenig, ein Glaube ist nicht groß genug, um alles zu singen und um alles zu sagen, was von Gott zu singen und zu sagen ist.

Kann es sein, dass Gott uns mit den verschiedenen Weisen zu leben und zu glauben einen Reichtum zeigen will, den wir immer erst noch wieder aufdecken müssen? Und die Freude darüber auch? Die vielen Vokabeln der verschiedenen Sprachen sind nur das eine. Das andere ist es, darüber zu staunen und darüber froh zu sein: Die Franzosen können eindrücklicher über die Liebe sprechen können als wir. Die Engländer bringen uns in ihrer Sprache etwas über den Himmel bei, sie sagen „Sky“ zu dem Himmel, aus dem es regnet, sie sagen „heaven“, wenn sie das Ewige meinen. Und es ist ein Geschenk der alten Lateiner, wenn sie mit ihrer Sprache eine Sache einfach präziser auf den Punkt zu bringen.

 

Und die Verschiedenheiten zwischen Frauen und Männern? Ich will da jetzt keine Vorurteile pflegen. Aber was für ein wunderbarer Reichtum! Die einen haben für die ganze Welt der Gefühle und der Sinnlichkeit die besseren Empfangsantennen. Ich als grober Klotz habe ein Riesenglück. Meine Frau hat für die feinen Stimmungen und Atmosphären zwischen uns und in der Familie die besseren Worte! Und der eine kann schon aussprechen, was der andere noch gar nicht sieht! Und was das Schuhekaufen angeht: Was bin ich allein im Geschäft für ein armer Tropf. Der liebe Gott hat mir ein Gefallen an Farben vorenthalten. Ich kann immer nur in schwarz oder braun denken.

Wir verstehen Vielfalt und Verschiedenheit unter uns zumeist im Sinne eines unglücklichen Schicksals, mit dem wir mühsam fertig werden müssen. Gottes Geist will uns davon befreien! Wie die Tauben nachher aus dem Käfig sollen auch wir ausfliegen und einen ganz weiten Glaubenshorizont sehen. Ich in meiner Heimatkirche kann bei mir und für mich allein gar nicht alles feiern, was von Gott gefeiert werden soll. Eine Form des Gottesdienstes hat viel zu wenig Worte, um all das zum Himmel zu reden, was dort gehört werden will. Die Farben einer Gemeinde und eines Glaubens und einer Kirche bringen gar nicht all das zum Leuchten, was es an Glaubensglanz auf dieser Erde gibt.

In unseren Bibeln haben wir ein schönes Zeichen für den Schatz der Vielfalt. Vier Evangelien finden wir im Neuen Testament. Niemand empfindet das als unangenehm. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie sind so unterschiedlich wie Konfessionen und so verschieden wie unsere Gemeinden. Sie stehen nebeneinander, sie drängen sich nicht beiseite, sie neiden einander nichts. Vier Evangelien! Hätte nicht auch eins gereicht? Nein, es hätte eins wirklich nicht gereicht, um die Fülle und den Reichtum des Glaubens zum Leuchten zu bringen.

Eine Hautfarbe der Menschen hat Gott für seine Schöpfung auch nicht gereicht. Und nur die Schnelldenker und Schnellsprecher, die wollte er auch nicht haben. Die Nachdenklichen unter uns sind deshalb kein Fehler in der Schöpfung und die mit einem Handicap auch nicht. Gott will welche haben, die im Sauseschritt unterwegs sind und genauso solche, die vom Stolpern und von Schlaglöchern im Leben etwas wissen. Die mit den flinken Händen und die mit den zwei linken Händen. Die Überflieger und die Rundendreher. Sie alle haben unter diesem großen Himmel Gottes, und sie haben hier in der Stadt ihren Platz. Das steckt in unserem christlichen Glauben ganz tief drin: Vielfalt und Verschiedenheit sind Gottesgaben! Und deshalb müssen wir streiten mit denen die meinen, es darf nur eine Hautfarbe hier im Land geben. Die sagen, es darf hier nur die Deutschen geben, nur Schnelldenker, oder nur die Gesunden. Liebe Gemeinde, und das ist keine Geschmacksfrage wie bei den Schuhen! Das ist eine Frage, die an Gott und an unseren Glauben rührt! Vielfalt ist eine Gottesgabe!

Jetzt habe ich viel von unserer Verschiedenheit gesprochen. Ich hätte es auch tun können, indem ich von der Verschiedenheit der Parther und Meder, der Phrygier und Pamphylier erzählen, von denen wir vorhin hier gehört haben. Die waren auch Verschiedene, und sie sind Verschiedene geblieben. Aber als Verschiedene hat Gottes Geist sie befreit, befreit zum gegenseitigen Verstehen, befreit zum Verständnis füreinander.

Und was können wir bei uns dazu tun? Zum gegenseitigen Verstehen und für mehr Verständnis füreinander? Die meisten von haben ja so ein christliches Betriebssystem in sich drin, das einem sagt: Jetzt musst du aber auch was dafür tun, du musst schaffen und scharren, dass nun auch was daraus wird. Ehrlich gesagt, liebe Gemeinde, ich glaube, wir können gar nicht viel dafür tun. Ich glaube, wir können auf jeden Fall erst einmal nichts Besseres tun als das, was wir heute getan haben: Aus unseren verschiedenen Kirchen einmal herausgehen und unter dem einen Himmel zusammenkommen. Das Verschiedene in unseren Gemeinden einmal schön verschieden sein lassen und gemeinsam Gottesdienst feiern. Neben allem, was die einen so und die anderen ganz anders machen, einmal das eine auszusprechen, was uns gemeinsam ist und was uns in aller Verschiedenheit eint: Jesus Christus, unser Herr, im Leben und im Sterben, und nichts und niemand sonst. Das reicht erst mal.

Und wem das erst mal reicht, dem stellt sich dann nicht mehr die große Frage, wie viel Gemeinsamkeit er machen muss. Dann fragt es sich nur noch: Wie viel Eins-Sein trauen wir uns zuzulassen? Und wie viel christliche Verschiedenheit ertragen wir? Ich spreche von „trauen“ und von „ertragen“, denn wir sind ja alle, woher wir auch kommen, christliche Gewohnheitstiere. Und was wir uns trauen, was wir ertragen, das hängt oft mehr mit den kleinen, von Kindheit an eingeübten Gewohnheiten zusammen als mit den vermeintlich großen christlichen Wahrheiten.

Kann ich es ertragen, dass nicht mein Glaube, den ich im Herzen trage, das Wichtigste ist, sondern unser gemeinsamer Versuch Christus nachzuleben? Kann ich es ertragen, dass „meine Gemeinde“ etwas Zweites ist gegenüber den Worten und Taten Jesu, die uns zusammen bringen? Kann ich es ertragen, einen Zipfel Glaubenswahrheit in der Hand zu haben, ohne dem Anderen seinen Glaubenszipfel aus der Hand zu reißen? Kann ich es ertragen, dem anderen erst mal Seins sein und Seins sagen zu lassen? Wie schwer allein ist schon das?

Versuchen Sie mal, nur zwei, drei Sätze von einem anderen so aufzunehmen, wie er sie wirklich sagen will. Und ich antworte erst dann, wenn ich sicher bin, es stimmt zu dem, was der andere meint. Das allein bewirkt schon Wunder. Sei es zwischen den Generationen, sei es beim Einparken oder vorm Schaufenster des Schuhgeschäfts. Ganz sicher aber zu Pfingsten, wenn wir hier und heute als Christen das eine tun, was wir aus verschiedenen Gemeinden für das Eins-Sein in Gottes Kirche tun können. Den zu feiern, der uns mit seinem Geist befreit als Verschiedene eins zu sein. Amen.