Weihnachten im Herzen bewegen

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing in der Christnacht, 24.12.2016, um 23 Uhr in der Lüneburger St. Johanniskirche.

Liebe Gemeinde der Christnacht, wann ist bei Ihnen heute Ruhe eingekehrt? Nach dem Besorgen der letzten Kleinigkeiten? Mit dem Essen? Als die Kerzen brannten? Die Kinder im Bett? Es ist ja an einem Heiligen Abend erst einmal immer viel Bewegung. Den Tag über bis in den Abend hinein. Oder erkennen Sie sich nach aller Betriebsamkeit jetzt im Moment wieder in den Hirten? Von denen heißt es aus der Weihnachtsnacht: „Sie kamen eilend …“ Also, etwas außer Atem. – Aber jetzt bist du da. Hier in deinem Bethlehem. Hier an der Krippe. Jetzt kann Ruhe einkehren.

Wann wohl ist in der Weihnachtsnacht bei Maria und Josef Ruhe eingekehrt? Auch da erst einmal viel Bewegung. Den ganzen Tag über unterwegs von Nazareth nach Bethlehem. Die Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Die Engel vom Himmel. Die Hirten weg von ihren Feldern. Viel Betriebsamkeit. Und dann kehrt Ruhe ein. In einem Satz gegen Ende der Weihnachtsgeschichte finde ich das schön festgehalten. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Das wird erst in der Nacht gewesen sein. Dann kehrt Ruhe ein.

Dann ist Zeit, um „im Herzen“ zu bewegen. Worte und Menschen. Das was uns die Tage über umgetrieben hat und bewegt, es begleitet uns bis in die Nächte. So ist das auch in dieser Heiligen Nacht, wenn Ruhe einkehrt. Mit dem Herzen bewegen wir dann Worte und Menschen. Gedanken und Gefühle. Ereignisse und Bilder.

Das Fröhliche und Persönliche vielleicht vornan. „Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ An den Kindern erleben wir diese Freude zuerst. Jedes von ihnen hat ja eine ganz eigene Aura um sich: Es ist das wunderbare Versprechen, dass das Leben Zukunft hat. Ein großes Versprechen auf Menschsein, auf mehr Menschlichkeit. Das verbinden wir mit unseren Kindern, und das verbinden wir auch mit dem Kind aus der Krippe. Vielleicht bewegt Maria das schon jetzt in ihrem Herzen: Wie ihr Menschenkind selber einmal ganz mit dem Herzen sehen wird. In jedem Menschen Gottes Geschöpf. In allen Friedfertigen eine große Verheißung. Die Traurigen kann es schon sehen als Getröstete. Und über der Stirn eines jeden etwas vom Lichtschimmer der Ewigkeit.

Oder bewegt Maria in ihrem Herzen doch eher mehr unmittelbar Irdisches? Gedanken an überwundene Schmerzen, Zweifel über das, was mit diesem Kind werden wird. Stöhnen über die Last und Schwierigkeit der nächsten Tage. Trotz aller Freude, besser: wegen aller Freude an Weihnachten, bewegt unsereinen dieses ja auch: Was werden wird und was werden soll aus diesem oder jenem Menschenkind. Was werden wird und was werden soll mit einer Last der nächsten Tage.

„Fürchtet euch nicht.“ Wie mag Maria diese Worte der Engel in ihrem Herzen bewegt haben? Zur einen Seite hin? Wo ihr alles um sie herum sagt und bedeutet: Ja, du hast keinen Grund zur Furcht. Sieh dich um. Du hast ein Dach über dem Kopf. Joseph an deiner Seite. In der Nachbarschaft die Hirten. Und in allem Dunkel des Himmels Gottes gütiger Stern. Oder die Bewegung des Herzens zur anderen Seite hin? Wo kommen morgen die Windeln her? Etwa von den unbarmherzigen Menschen in Bethlehem, die keinen Platz für sie hatten? Wie können wir uns vor den Nachstellungen des Herrschers Herodes schützen? Kommen wir als Flüchtlinge nach Ägypten durch? Wie sollte ich da ohne Furcht sein können?

Liebe Gemeinde, wenn wir in dieser Nacht im Herzen bewegen, was uns in den äußeren Dingen unseres Lebens umtreibt, dann mögen wir auch solche zwei Seiten in uns tragen. Auf der einen: Eine große Dankbarkeit für einen äußeren Frieden, für umgängliche Nachbarschaften, für weitgehend gute Arbeit und wirtschaftlichen Erfolg, für verlässliches Funktionieren der Banken und Behörden. So selbstverständlich ist das alles nicht. Selbst der Lüneburger Post trauen wir zu, dass es mit der zuverlässigen Zustellung zukünftig noch einmal etwas werden könnte. Fürchtet euch nicht!

Und zur anderen Seite hin: Unser Arbeiten und Wirtschaften hängt so sehr am gebannten Blick auf die kleinsten Schwankungen an der Börse. Auf einem harmlosen Weihnachtsmarkt finden Menschen den Tod. Eben noch umgängliche Nachbarn geben unbarmherzige Parolen aus. In unserem Land haben Menschen Angst vor Flüchtlingen. Und im selben Land, in unserem Land, müssen Flüchtlinge Angst vor Deutschen haben. Wer sollte da ganz ohne Furcht sein können?

Wir mögen merken: Das Bewegen der Dinge, das Bewegen von Worten und Menschen im Herzen ist keine harmlose Angelegenheit. Auf der einen Seite kommen schöne und fürsorgliche Gedanken zum Klingen. Wir erinnern zärtliche Worte und liebevolle Berührungen. Aus dem vergehenden Jahr, aus den zurückliegenden Stunden. Und auf der anderen Seite werden wir der Unebenheiten unseres Lebens und seiner Verletzlichkeit gewahr. Aus dem vergehenden Jahr, aus den zurückliegenden Stunden.

Unsere Herzen sind hochempfindliche Bewegungsmelder. Mit dem Herzen sind wir in allen Dingen hoch sensibel, äußerst empfindsam. Berührbar durch das Glück. Verletzlich durch Erschütterungen. Aufgewühlt durch Angriffe. Wenn wir „im Herzen bewegen“, dann ist das so wie barfuß gehen. Den warmen Stein im Sommer, das federnde Moos, einen weichen Sandstrand, das haben wir gern barfuß auf der Haut. Wir spüren alles intensiv und schön. Aber genauso spüren wir schmerzlich. Eine Diestel, den spitzen Stein, heißen Asphalt. Im Herzen gehen wir barfuß mit unseren Gefühlen. Mit den guten wie mit den bösen.

„Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Die Jesusgeburt ist Herzenssache. Weihnachten ist Herzenssache. Gott sei Dank! Stellen Sie sich mal vor, Maria wäre an die Worte der Heiligen Nacht, wäre an ihr Neugeborenes herangegangen allein mit dem Kopf und nur mit klugem Verstand. Mir, Maria, - unverheiratet, unbedeutend, unbehaust, unmündig – mir soll der Heiland der Welt geboren sein? Ziemlich unmöglich. Im Gefolge dieses Kindes werden Menschen, gepflegt, geheilt, Kinder getauft, Oratorien geschrieben, Kirchen geweiht, Sterbende gesegnet? Das ist doch wenig wahrscheinlich. Ihm zur Ehre kommen am 24. Dezember 2016 in Lüneburg einige tausend Menschen zusammen zu Gebet und zu Gesang, zum Bewegen seiner Geburt in ihren Herzen? Unvorstellbar.

Liebe Gemeinde, mit Kopf und Verstand hätte Maria das doch gar nicht fassen können. Und stellen wir uns mal vor, Sie und ich würden an unsere Menschenkinder und an die Dinge, die uns zusammen bewegen, herangehen nur mit dem Kopf und allein mit unserem Verstand? Was käme da wohl heraus? Ganz bestimmt wohl wenig Verstehen und wenig Verständnis füreinander. Ganz bestimmt wohl wenig Liebe für die Nächsten und wenig menschliche Verbundenheit zu den Fernen. Aus unserem Kopf und Verstand kommen ganz sicher kein Heiliger Abend und kein Weihnachten heraus. Die Jesusgeburt ist Herzenssache. Weihnachten ist Herzenssache.

Mit schönem Stolz und vielleicht auch mit manchem Staunen blicken Viele von uns auf allerhand in diesem Jahr zurück, was sie wirklich mit Kopf und Verstand ausgezeichnet planen und hervorragend leisten, gut ausdenken und zum Nutzen von Menschen umsetzen konnten. Unser Leben erfüllt sich auch durch eigenes Planen und Gestalten. Ich will das überhaupt nicht kleinreden.

Aber ebenso sehr erfüllt sich ein Leben – Ihr Leben, mein Leben – durch das, was wir annehmen, was uns gegeben und aufgegeben ist. Vielleicht wissen zusammen mit Maria die Frauen und Mütter unter uns mehr davon als wir Männer und Väter. Wir leben erfüllt nicht nur durch Selbstausgedachtes, sondern ebenso durch Zugedachtes. Wir leben erfüllt auch vom Annehmen dessen, was uns aufgetragen und manchmal auferlegt ist – ungeplant und unvorhergesehen. Und Vieles davon bewegt unsere Herzen noch einmal mehr in dieser Nacht.

Weihnachten ist Herzenssache. Wir gehen barfuß. Auch wenn wir durch’s Jahr hindurch vielleicht oft anders gestapft sind – mehr festes Schuhwerk und robust. Und wir haben uns gesagt: Du kannst dein Herz doch nicht für alles öffnen, was auf dich eindringt. Was verstehe ich schon von Aleppo und Palmyra? Und wir haben uns gedacht: Du musst doch sortieren, wessen Geschichte du an dich heranlässt und wessen nicht. Da kann doch nicht jeder kommen.

Und dann wird vielleicht erst in dieser Nacht dein Herz wieder davon bewegt: Wir kommen ja doch alle barfuß auf die Welt. Jeder will doch im Herzen eines anderen seinen Platz finden. Und jeder will doch und jeder darf doch wollen dürfen, dass sein Gesicht gesehen und seine Geschichte gehört wird. Jedes Menschenkind ist doch eines Bewegens wert.

Möchte es sein? Eines deiner dir zugedachten Menschenkinder sitzt jetzt hier in der Bank neben dir? Und du magst mit deinem Herzen heute noch barfuß mit ihm gehen?

Möchte es sein? Ihr zusammen mögt morgen das Gesicht eines Menschen sehen? Ihr gemeinsam mögt die Geschichte dieses Menschen hören? Vielleicht noch einmal wieder sehen und wieder hören? Vielleicht noch einmal wieder neu sehen und neu hören?

Damit fängt Weihnachten ja an. Wenn Ruhe eingekehrt ist. Wenn wir beginnen im Herzen zu bewegen. Die Worte, die uns umtreiben. Und die Menschen. Vor allem die. Amen.