Das Seufzen der Schöpfung

Liebe Gemeinde, in dem Evangelium (Mt. 25,31-46), das wir eben gehört haben, stellt Jesus uns leidende, in Not geratende Menschen vor Augen. Menschen, die Grund zum Klagen und zum Seufzen haben als Hungernde, als Fremde, als Kranke oder Gefangene. In der Lesung davor aus dem Römerbrief (Röm 8,18-23) geht der Apostel Paulus noch einen Schritt weiter. Er sieht nicht nur das Klagen und Seufzen von Menschen, sondern er hört das ängstliche Stöhnen der ganzen Schöpfung. „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“

Geht das überhaupt, das Seufzen der Schöpfung zu hören? Vielleicht müssen wir erst ganz still werden hier in der Kapelle: Kinder, die jeden Tag sterben vor Hunger - ihr Seufzen. Frauen und Männer, Familien auf der Flucht vor Verfolgung und Krieg - ihr Seufzen. Schweine und Hühner, in den Aufzuchtfabriken gehalten - ihr Seufzen. Die mit Gewalt hochgezüchteten Pflanzen - ihr Seufzen. Regenwälder, die gnadenlos abgeholzt werden - ihr Seufzen. Fische im ausgeplünderten Meer - ihr Seufzen. Boden bei uns, planiert und versiegelt, dass ihm die Luft ausgeht - Seufzen. In der Regel ertragen wir das gar nicht und empfinden es eher als Zumutung, alle diese Orte und Menschen vorgeführt, genannt und erinnert zu bekommen. Heute am Volkstrauertag wird aber genau das uns in unseren Gottesdiensten zugemutet. In der Schöpfung finden wir alle Orte des Seufzens wieder.

Zuerst das, was in der Natur selber an Leiden angelegt ist. In diesen Herbstwochen steht uns das von der Jahreszeit her vor Augen. Vergehen und Vergänglichkeit, absterben und hinfällig werden. Und wir haben noch die vermeintlich heilen und schönen, die grünen und fröhlichen Tage der Natur vor Augen. Wir sind ja alle zusammen unverbesserliche Naturschwärmer, und wir vernehmen gern den Atem des Schöpfers in Wald und Flur. Welche Leidensgeschichte können aber Pflanzen und Tiere, Wald und Wiese, Feld und Flur auch erzählen! Von Krieg um Nahrung und Beute, vom Kampf um die sonnigen Plätze im Wachsen und im Ausbreiten. Wie das eine das andere zu Boden drückt. Der Anblick eines sterbenden Tieres reicht aus, um die sehr andere Seite der „schönen“ Schöpfung auch zur Kenntnis zu nehmen. Da ist in der Schöpfung selbst nichts vom Seufzen ausgenommen.

Das Zweite: Wir lernen es über die vergangenen Jahrzehnte, wie sehr die nichtmenschliche Kreatur mit uns Menschen zusammengehört. Wir lernen mühsam und auch unter Schmerzen und allerlei Stöhnen, wie sehr es sich rächt, wenn wir Menschen alle anderen Kreaturen zu einem bloßen Material herabwürdigen, das man willkürlich gebrauchen oder bearbeiten kann.

Und schließlich hat das Seufzen der Schöpfung seine tiefe menschliche Seite. Volkstrauertag: Die Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewalt, Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Soldaten und Zivilisten, die in den Weltkriegen starben, Menschen, die als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Menschen, die ums Leben kamen, weil sie an ihrer Überzeugung oder ihrem Glauben festhielten. Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung damals und heute.

Der Philosoph Gabriel Marcel hat einmal gesagt „Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn“. Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn. Das ist ein starker Satz. Stellen wir uns einmal vor, wir hörten nicht nur das Seufzen der lebendigen Kreatur, sondern auch das der Toten. Die Toten der Kriege und Verbrechen würden nicht schweigen, sondern seufzen, reden, klagen, jammern. Wenn die Toten nicht schweigen würden, dann würden sie uns sicherlich ununterbrochen ins Gewissen reden, sie würden uns warnen, uns anflehen: Hört auf mit den Kriegen! Hört auf, Menschen Leid zuzufügen! Wenn die Toten nicht schweigen und wir ihr Seufzen hören, dann würde es wohl keiner mehr wagen, Minen, Granaten, Bomben, Kriegsgerät überhaupt nur zu bauen, geschweige denn damit zu handeln und das alles auch einzusetzen.

„Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn.“ Das ist ein sehr pessimistischer Satz. Er klingt so, als gäbe es keinen Ausweg aus dem Verhängnis, als könnten wir nichts daraus lernen, dass in der Geschichte der Menschheit schon so viele Millionen Menschen sinnlos gestorben sind. Der Volkstrauertag ist für mich vor allem mit dem Gedanken verbunden, dass die Toten nicht schweigen, sondern dass wir ihr Seufzen hören, dass wir ihrem Seufzen unsere Stimmen geben, dass wir so gut es geht und so leise das auch sein mag, das Seufzen der Toten zu unserem Seufzen machen.

Dieses Seufzen ist mit einer großen Hoffnung verbunden. Paulus spricht von dieser Hoffnung: „Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ Dass die Kinder Gottes offenbar werden. Zum einen blickt das auf das Ende unseres Lebens, auf das Ende unserer Zeit und das Ende dieser Welt. Dass es da wirklich einmal ein Ende gibt. Dass nicht alles immer wieder von vorn beginnt.

Als „Kinder Gottes“ spricht Paulus uns an und nicht als Kinder eines dauernd laufenden Hamsterrades aus Schuld und Verzweiflung, einer nicht aufzuhaltenden Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. „Kinder Gottes“, das sind welche, die nicht allein gelassen sind, von Anfang bis Ende nicht allein gelassen. „Kinder Gottes“, das sind welche, die am Ende ein Zuhause haben, die nicht weglaufen müssen, wo es ernst wird, die nicht haltlos sind, wenn etwas ins Wanken kommt. „Kinder Gottes“, das sind wir Erwachsenen. Wir Erwachsene, die aber auf’s Ganze des Lebens gesehen aber eben auch so sind, wie wir unsere kleinen Menschenkinder kennen: Die rennen und toben durch den Tag, die schreien und streiten sich durchs Leben. Die sind laut und wissen mal auch nicht, was sie wirklich wollen. Die haben Hunger und Durst und wollen immer noch was mehr haben. Die strecken sich danach, noch mehr und noch mehr zu erleben und sind ganz schnell dabei und stolpern und fangen sich wieder. Und dann fallen sie doch hin. Und am Ende mit Tränen in den Augen kommen sie angelaufen, und da ist einer, der ihnen seine Arme entgegen hält, und dann ist alles nur noch ein Fallen-lassen, ein Gut-sein-lassen, ein Ende-haben, ein Los-werden. Und dann ist gar nicht mehr wichtig, was eben noch so wichtig war.

Paulus sagt: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Und dann liegt alles Seufzen und Klagen irgendwo dahinten, und alle Hoffnung ist gestillt für sie, die Kinder Gottes, die wir sind. „Dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ Das heißt für mich, die Hoffnung darauf und der Glaube daran: Irgendwann wird all unser Seufzen und Klagen wirklich einmal „dahinten liegen“. „Dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ Das heißt für mich aber auch: Nun zeigt euch als Gotteskinder und legt etwas von dieser Hoffnung, von diesem Glauben, legt davon etwas in diese Welt hinein. Hört das Seufzen der Schöpfung und nehmt euch ihrer Nöte an! Gedenkt der Toten und gebt denen, die schweigen, eure Stimmen! Haltet euch die Gesichter der Menschen vor Augen, die von ihrer Überzeugung und ihrem Glauben nicht losgelassen haben! Zeigt selber euer Gesicht für eure Überzeugung und auch für euren Glauben!

„Dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ Dieser Gedanke führt mich auch zu einer Frage an den Volkstrauertag. Wie werden wir diesen Tag in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiterhin begehen? Je weiter voraus gedacht, desto weniger wird es reichen, alte Schreckensbilder aufzurufen oder neue Anteilnahme einzuklagen. Wie aber verbinden wir diesen Tag mit unseren Kindern, mit den immer wieder neuen jungen Menschen der Gegenwart? Ich weiß, dass welche sagen, die Nachgeborenen wollten von der Vergangenheit wenig wissen. Ich kenne die Meinung, die Jungen sollten doch nicht mit einem Leid der Alten belastet werden. Ich höre auch, man solle die Vergangenheit doch ruhen lassen.

Ich weiß aber auch anderes. In der vergangenen Woche habe ich Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse erlebt, die sich in der Vorbereitung auf einen Besuch der Gedenkstätte in Bergen-Belsen ganz intensiv und konkret mit den Schicksalen von gleichaltrigen jüdischen Jugendlichen vor 80 Jahren beschäftigt haben. In der nächsten Woche begegne ich jungen Leuten, die sich als zivile „Friedensfachkräfte“ ausbilden lassen und sich auf einen Einsatz im Ausland vorbereiten. Sie werden in Konfliktstaaten gehen, wo die Generation ihrer Eltern und Großeltern mit Kriegen viel Hass und viel Unfrieden hinterlassen hat. Woanders pflegen junge Menschen im Ausland Kriegsgräber, oder sie verbringen dort ein soziales Jahr. Schulen pflegen Partnerschaften mit Ländern, die einmal Kriegsgegner waren. Junge Leute studieren alte Dokumente, um mehr über die Schicksale von Angehörigen aus den zwei Weltkriegen zu erfahren. Und an ganz vielen Orten schließlich beschäftigen sich Menschen mit dem Leid und der Not, die heute in unseren Tagen Menschen auf die Flucht treiben, oder die in ihren Heimatländern unter Krieg und Verfolgung seufzen und leiden.

Es ist unsere Aufgabe, und es wird unsere Aufgabe immer mehr sein, die Einsichten der Jungen, die Erfahrungen der Gegenwart und die Stimmen unserer Zeit in diesen Volkstrauertag mit hineinzunehmen. „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“ Bis zu diesem Augenblick! Das heißt ja nichts anderes, als die Gegenwart, unsere Gegenwart mit in alles Seufzen und in alle Angst mit hinein zu nehmen.

Als Kinder Gottes wollen wir in alledem der Verheißung trauen, dass nicht eine ewige Spirale von Gewalt und Gegengewalt, von Leid und abermals Leid uns zugesagt ist, nicht das Immer-wieder-von-vorn, nicht das Alles-noch-einmal, sondern die Erlösung, die Freiheit davon. Auf dass am Ende alle Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Amen.