Gottesdienst zur Bestattung von Hans-Georg Sundermann

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing am 4. Oktober 2016 in der Stadtkirche Celle

Geleitwort: „Du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen.“ (Psalm 116,8-9)

Liebe Gabriele, zusammen mit Sören, Jasper und Gerrit,
sehr geehrter Bruder Sundermann, sehr geehrte Frau Ahnert,
liebe Familien Sundermann und Ahnert, liebe Trauergemeinde,

da tun und machen wir am Morgen, sind unterwegs in Gesprächen, hinterher den Terminen, laufen und rennen. Bis zum Mittag dann hat die böse Nachricht ihre Runde gemacht. Wir kommen zum Stehen, sitzen still. Das Kolleg im Landeskirchenamt. Die Superintendentin im Ephoralbüro. Der Pastor, der mir sagt, er habe den ganzen Tag keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Die Mitarbeiterin in das Büro in der Wensestraße gekommen: „Ich möchte hier einfach fünf Minuten dasitzen“. Ein Redakteur ruft an: „Stimmt das?“

Die böse Nachricht hat uns getroffen. In der Kirche, in der Stadt, im Land. Wie kann das stimmen? Eben noch der fröhliche Geburtstag in Wienhausen und im Garten. Eben noch im Urlaub und am Montag mit dem Interview für den 3. Oktober zurück. Was anderes könnten wir, als zum Stehen kommen? Nur still werden. Und in dieser Stille haben wir mir Dir, Gabriele, und mit Ihnen in der Familie die Bilder vor Augen, die Dienstag in der Wensestraße schon die Nacht bestimmt haben: Die „Seele vom Tod“, das „Auge von den Tränen“, den „Fuß vom Gleiten“.

Seid Ihr’s müde? Seid Ihr es nicht leid? Ich bin es. Ich bin es leid. Ich bin es leid, die Herrnhuter Tageslosung des Dienstags für einen 60-Jährigen als Todesnachricht in die Tasten zu tippen – „Der Herr sprach: Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten.“ (2. Mose 33,14) Herr, ich will das nicht, was du willst. Du musst dir die Mühe nicht machen, und du musst uns diese Mühe an Trauer nicht machen! Wir wollen das nicht. Mensch, Gott, das hättest du lassen können.

Hans-Georg Sundermann, eben noch …, du weißt schon, und jetzt? Wie können wir jetzt diese Worte von einem deiner Psalmen-Frommen, wie können wir das alles jetzt mitbeten, was da geschrieben steht: „Du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.“ Was heißt denn hier erretten? Wie rettest du uns denn? Wie rettest du den, um den wir heute trauern? Ehemann und Vater. Sohn und Bruder, Schwiegersohn, Schwager und Patenonkel. Freund, Kollege. Bruder im Glauben. Pastor der Stadtkirche. Superintendent des Kirchenkreises. Was soll denn da Errettung sein, wenn er uns jetzt fehlt, wenn wir ihn vermissen?

„Hans-Georg war einer, der gern gelebt hat. Ein Mensch des Lebens.“ Das, liebe Gabriele, ist Dir in den letzten Tagen oft gesagt worden. Hans-Georg, der gern gelebt hat und dem nun noch einmal Leben versprochen und verheißen ist. „Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen“. Welche Kontinuität vom Leben zum Leben gibt es da? Was für eine Verbindung besteht vom Leben hier zum Leben dort „im Lande der Lebendigen“? Gibt es so etwas wie einen Faden, der dort gewebt ist und von dem wir hier schon etwas zu fassen kriegen? Finden wir vom Land der Lebendigen dort hier schon Konturen?

Was ich als erstes zu fassen bekomme, das ist das „Wandeln“. Martin Luther hat in seiner Bibelübersetzung diese ganz besondere menschliche Bewegungsart eines Wandelns in die Sprache unseres Glaubens gebracht. Im hebräischen Urtext steht da eigentlich nur „gehen“. Aber „wandeln“, das ist ein ganz bestimmtes Gehen, ein ganz bestimmtes Sich-Fortbewegen. Wenn ich als Pastor Kindergruppen in der Kirche geführt habe und die einen in ihrem Staunen stehen blieben und die anderen in ihrer Neugier von hier nach dort und von dort nach hier zu rennen begannen, dann habe ich sie mit dem Wandeln bekannt gemacht. Für die Kinder erst mal ein Fremdwort. Wandeln heißt: Gemessenen Schrittes zielstrebig gehen und dabei das Umfeld, die Kontexte, das Links und das Rechts aufmerksam wahrnehmen – wandeln.

Hans-Georg Sundermann war ein Kirchenführer, der wandeln konnte. Hier in der Stadtkirche zuerst. Dem damals neuen Landessuperintendenten – kalt war es, und ich war, ehrlich gesagt, eher zum Durchrennen geneigt – hat er „wandelnd“ dieses hier links und jenes dort rechts gezeigt und wahrnehmen lassen, zielstrebig, aber ganz gemessenen Schrittes. Über diesen Raum der Stadtkirche kirchlich hinausgedacht: Jenseits vom Stehen (kirchlich bekannt) und abseits vom Rennen (kirchlich gegenwärtig noch bekannter) war es dem Celler Superintendenten gegeben, Umfelder und Kontexte zielstrebig wahrzunehmen, Menschen in ihren Lebensräumen, den guten und den bösen, den helfenden und den an Hilfe bedürftigen.

In den Kindergärten wahrgenommen: Die Notwendigkeit für mehr religionspädagogische Bildung, in der ambulanten Pflege den großen Bedarf von „zuGabe“ an Zeit. Im Umfeld der Kirchengemeinden, Ihrer Pfarrämter und Mitarbeitenden: Aufmerksam wohlwollend wahrgenommen und von vornherein erst einmal davon ausgegangen, dass jede und jeder Einzelne eine gute Arbeit, einen guten Dienst macht – und sie dabei möglichst wenig stören. An vielen Stellen des Kirchenkreises ist das „Wandeln“ seines Superintendenten wahrnehmbar. Wie hier nicht gestanden und nicht gerannt wird, sondern im wachen Aufnehmen von Kontexten aufmerksam gehandelt – für Flüchtlingsbetreuung, gegen Rechtsextremismus oder in einem ganz anderem Umfeld: Für die Begehbarmachung der Schlosskapelle als kirchlichen Ort.

Gegen manches zu viel Rennen in unserer Kirche hat er angeredet, manchmal dann doch auch sein langgestrecktes „Jaaa …“ dazu gesagt, aber in diesem „Jaaa“ waren die Fragezeichen nicht zu überhören. Mit seiner Art gemessenen Schrittes zielstrebig zu gehen, hat Hans-Georg Sundermann sich seiner Kirche auch „gezeigt“. Und hat manchmal empfunden, dass er von seiner Kirche dabei nicht immer wirklich „gesehen“ worden ist. Wer rennt, fällt mehr auf. Da sind wir wie die Kinder. Das Wandeln ist uns eher ein Fremdwort.

Alles Reden über das Wandeln bliebe fremdes Wort, wenn es nicht auf die Menschen blickte, die Hans-Georg von rechts und von links in sein Lebensumfeld aufmerksam mithineinnehmen konnte. Gern mit an den gedeckten Tisch, oder besser noch vorher mit an die Herdplatte, oder am besten davor zusammen mit zum Einkaufen. Geplant und genauso gern spontan. In Celle und genauso gern in der Toscana. Und wenn die Bedarfsaufschiebung der Einkaufswünsche wieder mal nicht gelang – auch politisch ganz inkorrekt mit Mausklick. Sie in der Familie haben viele Erinnerungen an Variationen solchen genießerischen Wandelns. Und wenn Sie davon erzählen, dann sind das Blitzen in den Augen und das Schmunzeln um die Mundwinkel bei Ihnen viel kräftiger als das leichte Kopfschütteln darüber. Aber was wir zusammen mit dem „Mensch des Lebens“ verbinden, das hat hier seine besondere Anschauung.

Ob Sie, liebe Trauergemeinde, schon einmal wahrgenommen haben, in welchen Zusammenhängen in der Bibel vom Wandeln die Rede ist und nicht einfach vom Gehen gesprochen wird? Martin Luther lässt in seiner Übersetzung die Menschen und er lässt Jesus immer dann „wandeln“, wenn es ernst wird. Wenn der Lebenswandel angesprochen wird, wenn es darum geht in den Geboten zu leben - wandeln in der Wahrheit, in Finsternis oder im Licht. Jesus wandelt auf dem Wasser als es um Glauben und Zweifel geht. Und wenn Gott ins Spiel kommt - „vor seinem Angesicht“ -, dann „wandeln“ die Menschen, dann nehmen sie einen gemessenen Schritt an, achten auf ihr Umfeld rechts und links.

Für uns Pastoren wird es immer dann in besonderer Weise ernst, wenn es um die Seelsorge an Menschen und wenn es um das Predigen geht. Das ernste Reden mit einem Menschen genauso wie das ernsthafte Reden von Gott, beides ist besonders der Wahrheit verpflichtet, dem Grat zwischen Finsternis und Licht. Da einen gemessenen Schritt finden und nicht aus dem Auge zu verlieren das Umfeld, das Gute wie das Böse.

Als Prediger und als Seelsorger ist Superintendent Dr. Sundermann mit großen Ernst der Wahrheit der Heiligen Schrift und dem Achthaben auf die Lebenszusammenhänge eines Menschen „nachgewandelt“. In den Gesprächen daneben, sagte er klar und offen, was er dachte. Als Vater den Söhnen, als Freund den Freunden, als Bruder uns Dienstgeschwistern. Da war dann sicher auch mal ein ironisches Augenzwinkern dabei. Aber die kleine Ironie war dann vielleicht auch der Weg, um seine gelegentlich andere Meinung menschenfreundlicher, für mich erträglicher mir zu sagen. Auch das gehört zum „… wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen.“

Ob dem Theologen und Sprachliebhaber Sundermann die kleine Beobachtung gefallen hätte, dass im hebräischen Urtext der Bibel gar nicht von einem Land, sondern von „den Ländern“ die Rede ist – „… wandeln in den Ländern der Lebendigen.“ So steht es im Original. Das hat Hans-Georg doch original gefallen, in verschiedenen Landen zu sein, den Kontakt, die Begegnung in ganz unterschiedliche Länder zu suchen. Nicht nur im Urlaub und auf Studienreisen. Schon am Anfang zum Studium in Boston und Cambridge/USA, jetzt zuletzt in den Begegnungen mit Amtsgeschwistern aus Dänemark. Sie, sehr geehrter Propst Esben Anderson, zusammen mit Ihrer Frau teilen Sie heute unsere Trauer. Uns ist das eine große Ehre und zugleich ein kleiner lebendiger Beweis für die Länder-Gängigkeit unseres Verstorbenen.

Und diese Gängigkeit nicht nur im Großen. „Kirche trifft …“, das ist hier in Celle ein kleines, feines Format für die Begegnung ganz verschiedener gesellschaftlicher Landschaften und Landsleute mit der Kirche. Museums- und Theaterleute, solche aus Literatur- und Kinoland, andere aus Politikerland – mit ihnen ist Hans-Georg Sundermann gern ins Gespräch gegangen, hat die unterschiedlichsten Dialekte der Öffentlichkeit im kirchlichen Sprachraum zu Gehör und Verständnis gebracht.

Und wenn wir seinen Länder-Globus schon mal drehen: Da war Rotarisches Land – zuletzt als Präsident, Klosterland – Wienhausen und Wülfinghausen, das Land der Literatur – viel Arno-Schmidt-Land, und auf verschiedenen Ebenen immer wieder die Lande der Nächstenliebe, im Krankenhaus, in der Diakonie. Dort gern zu Gast und auf Zeit auch heimisch, aber das richtige Zuhause war für den Pastor, der er immer sein und bleiben wollte, sein Pfarrbezirk, die Gemeinde mit ihren Menschen. Und die Superintendentur ist, so gut es ging, immer auch ein Stück Pfarrhaus geblieben. Mitgenommen aus dem elterlichen Pfarrhaus in Rotenburg, von der ersten Pfarrstelle in Himbergen. Mit der gastoffenen Tür nach außen, mit den kurzen Wegen und der Ansprechbarkeit des Vaters für Sie als Kinder und der Familie drinnen, mit seiner Zugänglichkeit und der Nähe zu Ihnen. „Dann gehen wir doch gleich zusammen noch mal einkaufen …“ – aber davon wissen wir ja schon. Wissen von diesem „Mensch des Lebens“ und wissen, wie ein Stück Land unter uns lebendig werden kann, wenn man darin nicht steht und nicht nur geht, erst recht nicht nur rennt, sondern auf eine besondere Weise darin „wandelt“. „Vor dem Herrn“ – vor wem denn sonst?

Und wenn ich am Ende jetzt sagen soll „Was sollte das nun?“ und „Wozu war das gut?“, „Was hat uns hier das jetzt zu bedeuten?“, dann kann ich das nur als Glaubensbekenntnis tun. Keiner soll gezwungen sein, es mitzusprechen, aber:

Ich glaube, es hat der Schöpfer dieser Welt vor 60 Jahren einen Menschen durch seine Eltern für uns hier ins Leben gerufen.

Ich glaube, hier gerufen zuerst für Dich, Gabriele, zuerst für Sie als Geschwister und als Söhne, für die Familie.

Ich glaube, hier dann auch ins Leben gerufen für uns als Kirchenmenschen in der Begegnung und im Gespräch mit Öffentlichkeit und Gesellschaft.

Ich glaube, ins Leben gerufen, um auf jeden Fall hier in dieser Welt uns eine Vorstellung davon zu geben und es mit uns einzuüben, wie ein Wandeln aussehen kann – gemessenen Schrittes und zielstrebig und dabei das Umfeld im Blick. Und auf jeden Fall auch das andere: Wie das Land der Lebendigen hier auf dieser Erde schon ein Land aus vielen Landen ist und wie lebendig es werden kann, wenn diese verschiedenen Lande sich begegnen und in Kontakt kommen. Hans-Georg Sundermann hat uns von beidem eine sehr lebendige Anschauung gegeben. Wir sind seinem Schöpfer dankbar dafür. Denn wir werden ein Wandeln in dieser Lebendigkeit weiter brauchen.

Hier als Vorübung und als Vorgeschmack – für dort. Wir kommen ja nicht drum herum. Wir werden ja alle einmal „wandeln vor dem Herrn“ in jenem Lande der Lebendigen. Und bevor wir dort mit denen von links und von rechts an den Tisch kommen, ist es gut, hier schon einmal vorgeschmeckt zu haben. Wem sage ich das? Wir werden ja dann … Aber werden wir? Werden wir wirklich?

So ein „Ich werde“ wie in diesem Psalmwort hört sich ja sehr glaubensgewiss, zweifelsfrei und selbstsicher an. Es tönt so selbstbewusst wie ein „I did it my way“, wie wir es als großer Chor in Wienhausen zum Sechzigsten gesungen haben. Aber das ist, ehrlich gesagt, für Hans-Georg Sundermann eine Legende. Da war viel, viel mehr Zagen, viel mehr an Selbstzweifel und Selbstkritik als in dem Sinatra-Song. Zagen für den gemeinsamen Nenner in der Kirchenkreiskonferenz, Selbstkritik im Blick auf Entscheidungen der letzten Monate im Kirchenkreis, unsicher für manche Kommunikation, Selbstzweifel, ob „my way“ denn auch wirklich „his way“ sei. Für alles Weitere dazu darf der Seelsorger schweigen.

Jetzt reicht es. Genug geredet. Genug von uns geredet. Und vielleicht schon zu viel. Nichts, was aus unseren verzagten Herzen kommt, kann uns am Ende den Weg der Erlösten bereiten. Nichts, was wir mit unseren müden Händen tun, wird am Ende die Hütte Gottes bei den Menschen bauen. Nirgends, wohin die eigenen wankenden Knie uns hinführen, wird am Ende unsere Rettung sein.

Alles, was wir dann und dort erst noch werden, dürfen wir aber hier und jetzt aber schon glauben. Hans-Georg Sundermann hat das getan, geglaubt und gelebt. Gott sei Dank! Wir werden uns noch weiter darin üben, in diesem Glauben zu wandeln. Wir werden dabei der Stimme Jesu Christi folgen. In seinem Namen glauben wir: Du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen. Amen.