Gerechtigkeit und Friede und Freude

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing über Römer 14,17-19 am 25. September 2016 in St. Johannis Lüneburg

Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Röm. 14,17-19

Liebe Gemeinde, manchmal spürt man der Bibel wirklich ihr Alter ab. Nicht immer ist das so. Es gibt ja durchaus solche Worte und Sätze, solche Erzählungen und Geschichten, die hört man und sofort ist klar: Darum geht’s. Das ist gemeint. Da kommt’s jetzt und hier und heute auch noch und immer noch drauf an. Worte und Gedanken, 2000 Jahre und älter, und sie kommen auch heute noch frisch und klar daher und jeder weiß, was gemeint ist, wie er oder sie damit gemeint ist, wie wir damit angesprochen sind.

Und dann gibt’s die anderen. Dunkel und abgründig, leicht verschroben oder ziemlich abgedreht. Und du kriegst den Gedanken, der sich damit mal verbunden hat, heute nicht mehr richtig oder überhaupt gar nicht zu fassen. Und eine Predigt darüber hilft einem dann manchmal auch nicht viel weiter. Das ist so.

Dann gibt es noch Sorte drei. Da wird uns ganz Selbstverständliches gesagt. Und man fragt sich: Ist das, soll das der Rede wert sein, und einer Predigt zumal? Was ist denn da dran? Das gibt doch nichts her. Das weiß doch jeder. Ein Bespiel? Sie haben’s vielleicht noch im Ohr von vorhin: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken.“

Wenn wir, liebe Gemeinde, heute diese Worte hören, dann ahnen wir kaum, auf was für eine Frage sie sich einmal bezogen haben. Unter den römischen Christen gab es Streit. Streit zwischen den – ich sage es mal in unserer Sprache – Vegetariern auf der einen und den Fleischessern auf der anderen Seite. „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken.“ Paulus wollte damit den Streit runterkochen. Es ist seine Ermahnung an beide Gruppen, die Speisegewohnheiten der jeweils anderen zu akzeptieren.

Jetzt wäre es nur ein vordergründiger Kochtopfstreit, jetzt wäre es natürlich nicht des apostolischen Briefeschreibens und auch heute nicht mehr des Predigens wert, wenn unter der christlichen Herdplatte nicht noch etwas ganz anderes gebrodelt hätte. Im Kern brannte der Streit um die Frage „Wie muss die Kirche beschaffen sein, damit wir mit unserem Glauben darin aufgehoben sind? Wie muss die christliche Gemeinde sein, damit ich mit meinem Glauben darin Heimat finden kann? Und da halten die einen hoch: Es muss bestimmte Reinheitsgesetze geben, kein Fleisch, kein Alkohol, bestimmte Feiertage, „heilige Zeiten“ müssen beachtet und eingehalten werden, es muss eine verbindliche Lebenspraxis geben, da müssen diese und jene Rituale und Regeln vorkommen und eingehalten werden, sonst finde ich mich in unserer Christengemeinde nicht wieder, sonst kann ich da nicht zu Hause sein.

Und die anderen halten dagegen: Gesetze binden nicht, Vorschriften zwingen nicht. Frei steht der Christ seinem Gott gegenüber. Wenn ihr Eure Reinheitsregeln und komplizierten Speisegesetze einführt, wenn ihr euer christliches Regelwerk so hoch hängt, dass da nur Platz haben, die die Vorschriften alle einhalten, dann habe ich da keinen Platz mehr, dann hat mein Glaube in dieser Gemeinde kein Zuhause mehr.

Nun, der alte Streit um den Christenkochtopf herum ist entschieden, aus heutiger Sicht wohl in unserem Sinne entschieden. Wir halten uns zugute, dass mit den Worten des II. Friedrichs von Preußen jeder nach seiner Facon selig werden kann, was ursprünglich einmal katholisch oder evangelisch meinte und inzwischen schlechthin die vielfältige Glaubenspraxis, Lebenspraxis von Christen akzeptiert. Wir gucken nicht mehr auf die Zutaten mit denen der andere seinen Glauben kocht.

Und es brodelt doch. Immer noch! Und immer noch ist es der alte Streit um das eigene Heimatrecht in der Kirche. Das Heimatrecht des eigenen Glaubens. Ich fühl mich da nicht mehr zu Hause, klagen Ältere. Sie haben ihre Erfahrung gemacht mit einer bestimmten Gestalt des Gottesdienstes, eine alte Geste hat sie getröstet in einer Lebenszeit, wo es schwer war, ein auswendig gelerntes Lied hat sie immer wieder ermutigt, und jetzt finden sie es nicht mehr, es ist ausgetauscht gegen ein Neues.

Ich fühl mich da nicht zu Hause, klagen Jüngere. Da werden Lieder gesungen, die sie nicht verstehen und an die sie mit ihrer Lebenserfahrung nicht heranreichen. Da wird der Glaube in der Sprache der Großeltern ausgedrückt, und das Althergebrachte gilt im Zweifel immer als das Richtigere. Nehmen Sie statt der Jungen und der Alten meinethalben auch andere Gruppen, Richtungen, Meinungsparteien in der Kirche: Diejenigen, die die Kirchentüren offener machen wollen und die anderen, die sagen, wir müssen mehr die kleine Gruppe suchen. Diejenigen, die das politische Wort erwarten und die anderen, die sagen „Kirche mischt sich zu viel ein“. Kirche muss entschieden und eindeutiger sagen, was geht und was nicht, und die Gegenmeinung: In der Kirche ist zu viel vorgeschrieben. Die einen kritisieren: Kirche ist nur ein Sozialverein, und die anderen beanstanden: Christen fällt nicht mehr ein als zu beten.

Problematisch wird es immer dann, wenn die verschiedenen Gruppen nur sich selbst einklagen. Wenn hinter der Kritik steht: Zu Hause kann ich in der Kirche nur sein, wenn da meine Lieder gesungen, meine Sprache gesprochen, meine Lieblingssätze zitiert werden, wenn es da zugeht, wie es mir am besten gefällt. Zu Hause bin ich nur bei mir selbst. Ist das nicht ein ziemlich langweiliges Zuhause? Eine Heimat, die nur aus meinen Liedern, meinen Gedanken aufgebaut ist. Eine Umgebung, in der ich mir selber genug bin, ist das auf Dauer nicht außerordentlich langweilig, so langweilig ich eben mit mir selbst und mit mir allein bin?

Ich bin mir selber nicht genug. Vielleicht lernen wir das sehr langsam im Leben. Dass ich reich bin, reich werde durch die anderen, durch das, was mir erst auch einmal mal fremd ist. Ich will das deutlich machen noch mal am Beispiel zwischen Jung und Alt. Wenn ich als Pastor im Konfirmandenunterricht mit Jugendlichen über das Abendmahl gesprochen habe, dann kam ihnen alles, was für mich damit an Gedanken und Bedeutung verbunden ist, sehr fremd vor. Ich konnte viel reden, aber die Hoffnung, dass meine Erklärungen sie locken könnten, für sich den Wert von Brot und Wein zu entdecken, war oft sehr klein.

Und dann gehe ich mit ihnen in die Sakristei und zeige ihnen einen Abendmahlskelch von 1545. Und dann rechnen wir nach wie viele Ur-, Ur-, Urgroßelterngenerationen aus diesem Kelch schon getrunken haben. Und auf einmal leuchtet ihnen etwas sehr Altes und Fremdes, etwas, das sie sich selber nie ausdenken würden, das so alt und fremd ist wie das Abendmahl, auf einmal leuchtet ihnen das sehr ein, dass es einen Sinn haben könnte sich selber da einzureihen, da selber mit weiterzumachen. Dass da so etwas wie ein Reichtum ist, den ihnen nur die „Alten“ geben können. Und mir kam es manchmal so vor, als würden die Jungen, wofür sie keine Sprache, keine Gedanken, keine Glauben mehr haben, sich von diesem alten Kelch erzählen lassen. Das Alte macht die Jungen reich.

Andersherum ist bei manchen Älteren die Hoffnung auf das, was die Jungen einmal aus der Kirche und dem Glauben machen werden, sehr gedämpft. Viele sehen da nichts Gutes wachsen. Und wenn die Jungen dann einmal von ihrem Glauben sprechen, in der Kirche von sich etwas zeigen? Vielleicht darf ich sagen, dass ich manchmal enttäuscht bin darüber, wie stirnrunzelnd manche Ältere darauf gucken. Von anderen, die dann dabei waren, höre ich danach aber auch, wie ihnen gerade das Hoffnung auf die Zukunft der Kirche gegeben hat, auch wenn nicht die vertrauten Choräle gesungen wurden. Vielleicht gerade weil andere Lieder gesungen, andere Ausdrücke des Glaubens gesucht wurden, man spüren konnte, dass auch künftige Generation sich in diesem Glaubenshaus eine Heimat einrichtet. Das Fremde und Neue kann die Älteren reich machen.

Mag sein, dass wir uns zwischendurch immer mal wieder dazu auffordern lassen müssen. Auffordern, nicht nur uns selber, sondern auch die anderen mit ihrer Art zu denken, zu singen, zu beten, von Gott zu reden ein Heimatrecht in der Kirche zu geben und durch die Anderen, durch das Fremde, Ungewohnte auch selber reicher zu werden. Und dennoch: Die Aufforderungen, die guten Beispiele und Erfahrungen, letztlich hat das, was wir uns sagen, wozu wir uns erinnern und auffordern lassen können nur begrenzte Kraft. Ich kann auch sagen: So ein großes Dach, dass alle darunter ihren Platz finden, können wir uns nicht selber bauen. Auch der Apostel Paulus konnte das nicht. Und redet er nicht nur vom Essen und Trinken. Er redet auch vom „Reich Gottes“ und von Christus, dem wir mit unserem Verhalten dienen. Paulus sieht über unserem Essen und Trinken etwas Größeres, ein größeres gemeinsames Dach, wenn Sie so wollen.

Wenn ihr euch in der Kirche einrichtet, eure Heimat sucht, wenn ihr mit Euren unterschiedlichen Meinungen und Erwartungen, mit Euren verschiedenen Glaubensliedern und Lebensweisen rangelt und auch streitet, dann macht euch klar, dass euch immer schon etwas vorausgegangen ist. Dass euch einer vorausgegangen ist, der Euch ein gemeinsames Dach geschaffen, schon gebaut hat. Kann sein, dass der Vegetarier hier sitzt und die Fleischesser sich dort zusammenfinden, aber euer Platzrecht gewinnt ihr nicht mit Fleisch oder durchs Gemüse, sondern das habt ihr unter dem einem großen Gewölbe, das über euch beiden ist. Und dieses Gewölbe trägst du nicht mit deinem Glaubensrezept und du nicht mit deinem nur eigenen Glaubensmenu, Kirche ist immer über euch beide hinaus. Und: Kirche ist immer noch mehr als ihr beide zusammen, Kirche ist und Kirche kann überhaupt nur sein, weil das Reich Gottes eben nicht nur Essen und Trinken ist.

Das ist wichtig, dass wir das zuerst sehen: Wir sind nicht welche, die sich zusammenrotten und dann nach Gott suchen und gucken, wie wir ein gemeinsames Loblied hinkriegen. Sondern bevor wir in der Kirche zusammenkommen sind wir schon von einem anderen „Zusammengerufene“, „Angesprochene“, „Angenommene“, welche, die schon ein Platzrecht, schon ein Dach über dem Kopf haben. Daraufhin singen wir unser Lied, daraufhin loben wir Gott. Und dann, dann müssen wir nur zusehen, dass wir einander unter dem gemeinsamen Dach nicht den Stuhl wegziehen. Wir haben ihn uns selbst ja nicht hingestellt!

Liebe Gemeinde, wenn ich diesen Gedanken ernst nehme, dann kann das sehr fremd anmutende Folgen haben. Was das gemeinsame Essen anbetrifft zum Beispiel. Da brodelt ja zwischen unseren beiden großen Konfessionen auch etwas. Dass wir es ja ganz offenbar nicht hinkriegen, als Evangelische und Katholische gemeinsam Abendmahl zu feiern. Klar, wir sind dazu auf dem Weg. Kommissionen treffen sich, formulieren gemeinsame Erklärungen, die den alten Streit zwischen den Kirchen aufarbeiten. Wir meinen, dass wir erst mal mit der Theologie die Voraussetzungen schaffen, in unseren Köpfen die Wahrheit finden müssen. Versöhnung um den Tisch des Herrn, so denken wir, ist nur möglich wenn wir sie uns selbst schaffen, um dann einmal mit der gemeinsamen Feier Gott loben zu können. Und unser Vorbild scheint immer noch der Mensch, der aus eigener Glaubensüberzeugung im Kreis seiner Konfession bleibt und sagt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

Vielleicht kann ja nur andersherum ein Schuh draus werden. Dass, bevor wir einander in den Konfessionen annehmen können, wir uns erst einmal selbst als „Angenommene“ entdecken. Dass, bevor wir die Versöhnung in gemeinsamen Erklärungen finden, wir selber erst einmal als Versöhnte leben müssen. Dass, bevor wir uns in der Abendmahlsfrage einigen, wir erst einmal gemeinsam Abendmahl feiern müssen. Dass wir uns in der Feier einen Vorgriff auf die Versöhnung erlauben und sie dann nachher besser und richtiger formulieren und aussprechen können.

Die Frage: Müssen wir das Brot erst selbst backen, von dem wir dann leben wollen, für das wir Gott loben können? Müssen wir wirklich erst alles mit unseren eigenen Händen geknetet haben, bevor wir es in den Mund nehmen? Oder liegt es nicht schon mundgerecht da? Und wir, wir hungern uns gewissermaßen selbst aus, weil wir nicht zugreifen? „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ Amen.