Liebe im Taschentuch-Format

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing zur Eröffnung der Früjahrssynode am 25. Mai 2016 in der Mutterhaus-Kirche der Henriettenstiftung in Hannover

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Joh. 4,16b-21)

„Hast du ein Taschentuch?“ fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging. Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet. Die Frage „Hast du ein Taschentuch?“ war eine indirekte Zärtlichkeit. Die Liebe hat sich als Frage verkleidet. Jeden Morgen war ich ein Mal ohne Taschentuch am Tor und ein zweites Mal mit einem Taschentuch. Erst dann ging ich auf die Straße, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei.

Liebe Schwestern und Brüder, die Liebe im Format der Frage nach einem Taschentuch. So klein hat Herta Müller mit einer biografischen Notiz in ihrer Rede zum Empfang des Nobelpreises für Literatur, so klein hat sie über die Liebe gesprochen. „Hast du ein Taschentuch?“

Vor aller großen Rede über die Liebe und vor allen noch größeren Worten über den Gott, der die Liebe ist, will ich festhalten: Am größten ist die Liebe nicht da, wo über sie geredet, am größten ist die Liebe da, wo sie getan wird. Da ich hier über sie rede, wird sie woanders getan - auch im ganz kleinen Format. Hast du ein Taschentuch? Die blutende Nase putzen. Eine Träne wegwischen. Das aufgeschürfte Knie verbinden. Feucht einem Menschen auf die Stirn legen, gegen das Fieber. Schweiß von den Wangen tupfen. Hast du ein Taschentuch? Gegen die sengende Sonne mit den vier Knoten an den Ecken. Liebe im kleinen Taschentuch-Format: Mitgegeben zum Draufbeißen, wenn’s weh tut, zum Anfassen, wenn’s heiß ist, zum Abschiedswinken, wenn’s vorbei ist. Um das Kinn herum gebunden dem gerade Verstorbenen? (Gibt es das noch?)

Wo die Liebe getan wird, ist sie am Größten. An einem von solchen Orten, wo die Liebe getan wird, sind wir hier. Die Hannoversche Landessynode hat die Ehre, sich an einem Ort (Henriettenstift Hannover) zu versammeln, wo um sie herum die Liebe am Größten ist. Jedes unserer Worte bleibt demgegenüber klein.

Was könnten wir für die Liebe auch mit Worten ausrichten? Sie erklären? Sie verständlich machen? Liebende müssen ihre Liebe nicht verstehen. Sie können sie auch nicht erklären. Sie flüstert: „Ich liebe dich.“ Und er antwortet: „Lass uns aber doch erst mal klären, was wir unter Liebe verstehen.“ Nein, so nicht. Die Liebe ist nicht zu erklären. Die romantische nicht und die diakonische Liebe auch nicht. Wenn wir Diakonie als „Wesens- und Lebensäußerung der Kirche“ verstehen, dann heißt das: Wir können nicht anders. Kirche kann nicht anders. Wir als Kirche können nicht anders als Liebe zu tun.

„… und als er ihn sah, jammerte er ihn.“ (Lk. 10,33b) Zu erklären ist dieses Jammern nicht. Wirklich zu erklären ist auch nicht, warum „die geistlich arm sind“, „die da Leid tragen“ und „die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“, warum die alle „selig“ sein sollen. Sie sind es, weil sie es sind. Und wenn wir versuchen, es zu erklären, dann kommen wir nicht weit. Dann kommen wir gerade mal bis zu den ersten Worten, die wir in der Epistel gehört haben: „Gott ist die Liebe.“ Gott ist die Liebe – dafür gibt’s keine Erklärung. Diese Liebe ist grundlos. Die Liebe unter uns Menschen ist es auch.

Und vielleicht ist das ein Grund, warum uns Gottesliebe und Menschenliebe so oft wie ein Knäul erscheinen, die eine von der anderen Liebe schwer zu unterscheiden, gar nicht richtig auseinander zu kriegen, zum Verwechseln ähnlich und in ihrer Ähnlichkeit zu verwechseln. So soll es romantische Zeiten gegeben haben – und vielleicht gibt es sie immer noch – da redet die liebende Frau den geliebten Mann mit „Du Unendlicher“ an. Und dieser wiederum will in der Geliebten nicht weniger als das ganze Universum umarmen. „Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an“ – ein schöner Gedanke, besonders wenn er in Mozarts Vertonung zu hören ist. Aber wie lange wird es dauern bis zur unausbleiblichen Erfahrung, dass der eben noch Angebetete alles andere als anbetungswürdig und die Angehimmelte, sehr, sehr irdisch ist. Und an die Stelle gegenseitiger Anbetung wird, wenn es gut geht, gegenseitiges Erbarmen und Verzeihen treten. „Hast du ein Taschentuch?“

Dieses Knäul von Gottesliebe und Menschenliebe ist kein ungefährliches. Wenn wir zu viel daran herumrechnen, zu tief darin eindringen wollen, dann kann aus diesem Knäul sogar ein Fallstrick, ein geistliches Fallstrick werden. Dann nämlich, wenn ich den Satz „Gott ist die Liebe“ – formal logisch – kurzerhand mal umstricke: „Gott ist die Liebe?“ Muss dann nicht logischerweise die Liebe auch Gott sein? Zur Antwort auf diese Frage sind jetzt die alle im Vorteil, die in Religion besser waren als in Mathematik. Zwar gilt es: Gleich und gleich gesellt sich gern – Gott und die Liebe gesellen sich auch gern – aber sie sind nicht gleich, sie sind nicht dasselbe.

Auch wieder ein schöner Gedanke: „Die Liebe ist Gott“. Überall, wo Liebe in dieser Welt geschieht, da ist Gott. Kann das nicht die Lösung sein? Wenn du die Orte, die Bilder, die Not, das Leid von Menschen, die schlimmen Katastrophen auf dieser Erde vor Augen hast. Wenn du in Verlegenheit bist und nicht mehr weißt, wie du noch von Gottes Liebe reden, Gott mit seiner Liebe darin unterbringen sollst, dann einfach die Umkehrgleichung aufmachen und sagen: „Da, wo Leute Gutes tun, da, wo welche, sich für andere einsetzen, wo Liebe getan, wo gerettet, geholfen, getröstet und beigestanden wird: Das ist Gott. Die Liebe ist Gott.

Gottes- und Menschenliebe sind da im Knäul, ja. Aber wirst du sie auseinanderkriegen? Können wir Gott denn machen mit unseren Händen? Ist das noch, wäre das noch Gott, wenn wir ihn so „machen“ könnten? Könnten wir zu diesem selbst gemachten Gott aufblicken, ihn verehren, zu ihm beten, das Herz an ihn hängen? Die Bibel hat einen sehr anderen Namen als „Gott“ für das, was aus Menschenhand kommt und angebetet wird. Und nicht nur ich kenne wohl den bösen Ausgang von manchen Glaubensgeschichten, wo jemand sein ganzes Herz an Menschentrost und –liebe, an Menschenhilfe und –hände gehängt hat. „Und dann habe ich meinen „Glauben“ verloren …“ Gott ist die Liebe – es kann den Glauben ganz gefährlich aufschürfen, wenn man’s zur Umkehrgleichung und die Liebe zum Gott macht. „Hast du ein Taschentuch?“

Dem Gott, der die Liebe ist, ihm komme ich nicht näher, wenn ich liebevolle Menschenhände göttlich mache. Ich komme ihm nicht näher, wenn ich irdische Liebestaten in den Himmel hebe. Gott, der die Liebe ist, ihm komme ich nur näher, wenn ich ganz auf der Erde bleibe. Wenn ich auf dieser Erde dahin sehe und dahin gehe, wo genau diese Erde ziemlich dreckig sein kann. Wo die Windeln schon lange nicht mehr weiß werden, wo Tränen mehr Rotz als Wasser sind, wo der Jammer einfach nicht wegzujagen ist.

Gott ist die Liebe: Das ist kein Spruch, sich über’s Sofa zu hängen. Keine ewige Wahrheit, böse Erfahrungen einfach zuzudecken. Kein billiger Trost, Augen und Hirn zu verkleistern. Gott ist die Liebe. Dieser Satz erzählt eine Geschichte, Und nur mit dieser Geschichte zusammen ist er wahr.

Gott, so geht diese Geschichte, erblickt eines Tages das Licht dieser Welt. In Aleppo, in Berg-Karabach oder Bethlehem – das spielt keine Rolle.

Kaum hat er den ersten Schrei von sich gegeben, sind sie schon hinter ihm her, ihn zu fangen. In Armenien, in Eritrea oder im Nahen Osten – das spielt keine Rolle.

Die Eltern packen ihre Sachen, das Gotteskind obendrauf, und gehen auf die Flucht. Nach Griechenland, Italien oder Ägypten – das spielt keine Rolle.

Später dann, so ist zu lesen, zieht er durchs Land. Durch Indien, Deutschland oder Palästina – das spielt keine Rolle. Zieht durchs Land und treibt die Furcht aus, aus der der Hass wächst. Besiegt den Hass, der den Tod bringt. Kämpft gegen den Tod mit seiner Liebe. Bis ans Kreuz. Und darüber hinaus – mit seiner Liebe.

Gott ist die Liebe. Diese Worte beschreiben keinen Zustand. Sie erzählen vielmehr von einem Ringen. Sie erzählen von einem, der darum ringt, dass die Welt, seine Welt, nicht in Gewalt und Leid und Tod versinkt. Ihm ist nicht egal, was aus den Menschen, seinen Menschen, was aus uns wird. Der sieht hin und geht hin.

Gott ist die Liebe. Wenn wir diesen Worten glauben, dann können wir nicht anders als ebenfalls hinzusehen und hinzugehen. Dann geht es nicht anders als an diesem Ringen teilzunehmen. Dann ist es nicht egal, was aus der Welt, was aus Menschen wird. Wie vollkommen oder wie unvollkommen wir das auch immer hinkriegen. Fürchten müssen wir uns davor nicht. Denn: „Furcht ist nicht in der Liebe.“

Wenn aber Furcht nicht in der Liebe ist, warum spricht dann die Epistel des 1. Johannesbriefs auch von Strafe und vom Zorn des Gerichts? Warum muss dann aus der Hölle und ihren Qualen erzählt werden – reicher Mann und armer Lazarus? (Lk. 16, 19-31)

Das, liebe Gemeinde, ist ein anderer schwer zu entwirrender Faden in diesem Knäul aus Gottesliebe und Menschenliebe: Liebe und Zorn schließen einander nicht aus.

Liebe Gemeinde, warum sind die, die ich liebe, mir niemals gleichgültig? Warum kann ich über jene, an denen mir liegt, so ärgerlich werden? Warum werde ich zornig, wenn der, den ich mag, etwas Böses tut? Und warum geht es Gott genauso?

Warum, liebe Gemeinde, kann das Bedürfnis nach Gerechtigkeit einen dahin treiben zu sagen, man könnte den Ungerechten das Elend, das sie produzieren, ihnen selbst an den Hals wünschen? Wie lange werden wir brauchen, bis wir ohne Drohen, ohne Strafen, ohne Gerichtszorn begreifen, dass Ungerechtigkeit sich selbst bestraft? Und wie lange wird Gott brauchen, liebe Gemeinde?

Liebe Gemeinde, ich musste jetzt einmal öfter als üblich „liebe Gemeinde“ sagen. Denn wenn ich von Strafe und von Gottes Zorn und Gericht spreche, dann müssen Sie dieses „liebe Gemeinde“ ganz laut im Ohr haben. Denn: „liebe Gemeinde“ - das ist mehr als eine freundliche Floskel. „Liebe Gemeinde“ - das sagt auch nicht zuerst, dass Sie lieb wären. Entschuldigung! „Liebe Gemeinde“ - das sagt ebenfalls nichts über mein Wohlwollen Ihnen gegenüber. Sie können trotzdem davon ausgehen.

„Liebe Gemeinde“ - damit ist zuerst und vor allem und eigentlich allein gemeint: die von Gott geliebte Gemeinde. Und das sind Sie: Von Gott Geliebte. Denn: Gott ist die Liebe. Liebe Gemeinde. Amen.