Das Hohelied der Liebe

Predigt von Landessuperintendent Dieter Rathing über 1. Korinther 13 am 7. Februar 2016 in St. Johannis, Lüneburg

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Als nüchterne Lüneburger, liebe Gemeinde, sehen wir das Ganze zumeist ja nur aus der Ferne. Aber es ist so, in diesen Karnevalstagen ziehen sich viele Menschen andere Kleider an. Mit bunten Textilien spielen sie den Clown, die Hexe, den Narren oder eine Prinzessin. Man probiert mal, was zu einem so passt. Kleidet mich das Vornehme, oder markiere ich den Wilden? Traue ich mich zu dem etwas Verruchten? Oder spiele ich die kindliche Unschuld? So viele Jecken – so viele Kostüme.

Auch biblische Texte können so etwas wie Textilien sein. Sie werden uns vorgehalten, vorgeführt, und wir stellen uns mit ihnen vor den Spiegel. Passt dieser Satz zu mir? Ist er wie ein Schmuck für mich, oder kommt er mir wie ein alter Lumpen vor? Sind diese oder jene Worte zu groß, so dass ich ganz darin verschwinde? Oder engen sie mich ein, dass ich kaum noch Luft kriege? So viele Texte – so viele Lebensmuster.

Mögen Sie mal die Anziehprobe machen? Es geht um ein ganz schönes Gewand, ja, etwas beinahe Hochzeitliches, um ein Liebesgewebe. Sie haben es schon vorgeführt bekommen, schlüpfen Sie mal rein: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 1. Kor. 13,4- 7

Würden Sie sagen: Ja, das passt zu mir? Da passe ich genau rein, darin finde ich mich gut wieder? Möchten Sie damit auf die Straße gehen?

Aber wir können ja noch einen Moment in der Kirche bleiben. Kirchlich sind diese und andere großen Worte über die Liebe oft sehr eng zugeschnitten worden. So eng, dass oft eine Zwangsjacke draus geworden ist. Streng reglementierte Musterbögen: Welche Liebe ist erlaubt und welche nicht. Wann darf geliebt werden und wann nicht. Körperliche Liebe in kirchlichem Zuschnitt: Meistens eher ein Tabu. Selbstlos, vor allem selbstlos und eigentlich nur selbstlos durfte Liebe sein. Kaum ein Gedanke daran, dass Liebe auch mit Lebensfreude und mit Lust, mit Feuer und mit Flamme verbunden sein könnte. Enggeschürte Liebestexte machen Sündenböcke, Opferlämmer, Prügelknaben und Magengeschwüre.

Aber auch ein anderes kirchliches Kleid kann man der Liebe geben. Dann ist es auf einmal fünf Nummern zu groß. So groß, so weit, dass man darin nur ins Stolpern kommen kann. Zu einem Riesengewand wird die Liebe, wenn daraus ein „Seid umschlungen Millionen“ wird. Ein gigantisches Weltverbesserungsideal. Erinnern Sie den Minister für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke? Als er zu den Abgeordneten der im Vergehen begriffenen Volkskammer sagte: „Ich liebe euch, ich liebe euch doch alle“? Die Liebe als eine Beschwörungsformel ohne einen Boden unter den Füßen. So kann die Liebe in Kirchensprache auch sein, ohne Halt an der Wirklichkeit, ohne Anhalt an irgendeinem Menschen.

Halt an der Wirklichkeit und Anhalt an Menschen bekommt die Liebe vielleicht wirklich erst dann, wenn wir mit ihr tatsächlich vor die Kirchentür gehen und mal versuchen, ein paar Schritte in ihrem Gewand zu laufen.

„Die Liebe ist langmütig“ - einem anderen Menschen Zeit geben … - mit ihm einen langen Atem haben … - auf ihn warten können bis er so weit ist … - in seiner Einsicht, in seiner Entwicklung … Was heißt solche Liebe meiner Frau, meinen Kindern, meinen Kollegen gegenüber?

„Die Liebe rechnet das Böse nicht an.“ - Liebe macht keine Rechnungen auf: Wie viele Unverschämtheiten habe ich noch gut, weil ich die Unverschämtheiten des anderen zähle. Oder, ich rufe erst wieder an, wenn du angerufen hast. Ich komme erst dann mit meinem Kuss, wenn du mich geküsst hast. Solche Rechnungen sind „Liebestöter“.

Und dann diese Spitzenworte: „Die Liebe glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“. „Alles glauben.“ Das heißt nicht, lammfromm und dumm sein. „Alles glauben“ heißt alles für möglich halten, auch das, was derzeit unmöglich ist. Wenn wir nicht einen Rest oder einen Anfang von diesem „alles glauben“ in uns tragen, dann würde immer das, was heute ist, gewinnen und nie das morgen. Dann würde immer das, was da ist, oben auf sein, und nie, das was noch kommen kann.

Und „alles hoffen“ genauso:  Bei mir und bei anderen Menschen etwas entdecken, was noch keiner entdeckt hat. Noch etwas rauskitzeln aus dieser Welt an Möglichkeiten, noch etwas rauskitzeln aus einem Menschen … - Kitzeln Sie mal einen Menschen, wenn er gerade etwas träge und stumpf ist, und wenn er sich dann wehrt, dann spüren Sie, und dann spürt er selbst, was für eine Kraft in ihm steckt. „Alles hoffen“, das hat etwas davon. Kräfte entdecken.

Und dann soll die Liebe noch „alles dulden“. Und damit ist ja nicht die Engelsgeduld gemeint, die alles mit sich machen lässt, die zu allem und jedem „Ja und Amen“ sagt. Wie könnte das Liebe sein, wenn nur der eine machen kann, was er will, und der andere nur hinnehmen und einstecken, wie es kommt. Es gibt auch ein „NEIN“ neben dem „JA“ in der Liebe. Es gibt auch ein Widersprechen in der Liebe. Aber das gehört dann vielleicht schon zu dem Schwersten, was Liebe kennt, ein Aushalten dieses Widerspruchs: Dass ich einen anderen Menschen liebe und zugleich zu ihm ein „Nein“ sagen muss. Dass ich geliebt werde und trotzdem von diesem Menschen, der mich liebt, ein „Nein“ zu hören bekomme. Und dann mit diesem „Ja“ und dem „Nein“, mit diesem Widerspruch fertig zu werden.

Liebe Gemeinde, jetzt ist es mit einem Mal ernst geworden, das, was mit einer lockeren Anziehprobe und ein paar Versuchsschritten im Gewand der Liebe begonnen hat. Aber von dem Dunklen und dem Rätselhaften spricht das biblische Lied im 1. Korintherbrief über die Liebe ja auch. Davon, dass unsere Liebe immer nur Stückwerk bleibt und wir sie immer nur wie im Spiegel haben können und nie in voller Gestalt.

Da können Marlon und Marlene von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt sein, und sie landen doch im Hotel der zerbrochenen Herzen. Paul und Paula finden nicht immer zusammen. Und der Witwer, der mir sagt, er lebe eigentlich nur noch wegen seines Hundes weiter, hat am Ende nur noch ein Fädchen von der Liebe in seiner Hand. Die tragischen Varianten der Liebe sind es im Grunde, deretwegen wir von der Liebe als von einem Geschenk sprechen.

Wenn wir zu zweit auf Wolke sieben sitzen, wissen wir, dass wir uns allein da nicht hoch gebracht haben. Blumen, mit denen jemand zu mir kommt, duften anders als die, die man sich selbst kaufen muss. Ein Kuss, mit dem ich geküsst werde, schmeckt besser als einer, dem ich hinterher gerannt bin. So erfahren wir Liebe als ein Geschenk. Ich kann sie mir nicht selber machen, sie funktioniert nicht auf Befehl, und ich kann sie auch nicht kaufen. Von Anfang bis Ende: Liebe ist Geschenk. Geliebt werden und selber lieben können.

Es ist ja nicht selbstverständlich, Vaterliebe, Mutterliebe bekommen zu haben. Schon das nicht! Und auch nicht selbstverständlich: Wenn wir sagen können, dass andere Menschen uns begleitet, angenommen, gefördert haben. Und schon gar nicht selbstverständlich ist es, dass eigene Sehnsucht nach Liebe sich erfüllt. Aber wenn wir auch nur ein Stückwerk davon erleben, dann ist es: Wie ein feines und kostbares Tuch, das mir jemand umhängt, und ich darf drin laufen, darf frei mich darin bewegen, darf gut darin sein. Denn das macht die Liebe ja immer mit uns, dass wir uns frei und gut, dass wir uns besser fühlen. Geliebt zu werden heißt immer auch, sich selbst besser leiden zu können.

Der Schriftsteller Martin Walser hat einmal gesagt: „Der Mund des Gastes macht den Wein gut.“ Der Mund des Gastes macht den Wein gut. So kann man sagen: Der Kuss eines anderen Menschen macht mich gut. Dein Lieben macht mich mir lieb. So wie der Wein den Gast als Gegenüber braucht, um gut zu sein (sonst sagt’s ihm ja keiner …), so brauchen wir uns liebendes Gegenüber, damit wir uns lieb gewinnen (sonst sagt’s uns ja keiner).

Viele Ausleger der Bibel meinen, man können überall da, wo in 1. Korinther 13 das Wort „Liebe“ steht, auch „Jesus Christus“ einsetzen, und dann wäre es gerade recht. Jesus Christus ist langmütig und freundlich … Die Liebe sucht nicht das Ihre …, so wie Jesus nichts für sich selbst gesucht hat. Die Liebe rechnet das Böse nicht zu ... – so wie Jesus Menschen nicht zuerst das Böse vorgehalten hat. Sondern er hat sie gut sein lassen vor Gott, gut und besser vielleicht sogar als sie es verdienten.

So hält Gott uns diese schön gewebten Worte aus dem 1. Korintherbrief über die Liebe hin. Ein feines und kostbares Tuch, in dem wir laufen dürfen, uns frei darin bewegen. In der Kirche und außerhalb. Und keiner muss fragen: Hab ich überhaupt die richtige Größe für dieses gute Stück? Passe ich denn da rein? Oder sind meine Beine vielleicht zu dünn oder zu kurz? Kann ich es mir überhaupt leisten?

Nein, eigentlich leisten kannst du dir diese Liebe nicht. Sie ist ja im Himmel gewebt. Du kannst sie dir nur schenken lassen. Gott selber steckt in ihr drin. Aber wann immer du seine Liebe an dir trägst, wird er dich anschauen und sagen: Schön siehst du darin aus. Diese Liebe kleidet dich. Kleider machen Leute. Amen.