Mitschöpfer Mensch. Arbeit neu entdecken

Predigt im Ökumenischen Gottesdienst auf dem Europäischen Stationenweg zum Reformationsjubiläum in Wolfsburg am 5. Dezember 2016, Christuskirche

Na, liebe Gemeinde, alle Arbeit gut geschafft heute? Jetzt kommen Sie mir nicht damit, dass heute Montag ist oder mit dem „Montagsstück“ – in Wolfsburg: „Montagsauto“. Entschuldigungswort dafür, dass es noch nicht ganz rund läuft am ersten Arbeitstag.

Aber als Christen sind wir ja schon weiter. Montag ist für uns der zweite Tag der Woche. Zweiter Schöpfungstag. Sie wissen, was der Schöpfer da gemacht hat. Gott „schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste“. Mal ohne Luther auf Deutsch gesagt: Gott trennt Wasser und Land, damit der Mensch ein Bein auf die Erde kriegt. Damit unsereiner ohne nasse Socken zum anderen kommen kann. Damit wir einen guten Grund vorfinden zum Häuserbauen und Autofahren. Fundament unter den Füßen: Den Kleinen zum Laufenlernen, den Bauern, um eine grade Furche zu pflügen, den Postboten zum Laufen mit den Paketen. Für uns alle einmal: Damit wir ein Grab auf dieser Erde finden. Dazu müssen Wasser und Erde getrennt werden, das Fließende vom Festen.

Wie haben Sie heute mit Fließendem und Festem zu tun gehabt? Vielleicht einem Menschenkind feucht hinterhergewischt? Jemandem geholfen, damit er sein Bein auf die Erde kriegt? Das Wasser von den Kartoffeln abgegossen? Windeln gewechselt? Die Wäsche in den Trockner getan? Viele Variationen an einem Montag, Flüssiges und Festes auseinander zu bringen. Oder konnten Sie schon darauf aufbauen, dass andere schon vorher für Sie den Grund trockengelegt haben? Und dann war darauf gut weiter zu arbeiten: In Haus und Hof, für Brot und Brötchen, analog oder digital.

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das klingt nach Arbeit. Das ist Arbeit. Von Anfang an hat Gottes Schöpfung Arbeit gemacht. Gott natürlich zuerst. Schöpfungsarbeit von einem Schöpfungsarbeiter. „Und Gott sah, dass es gut war.“ Und Gottes gute Schöpfung macht weiterhin Arbeit. So bist du, Mensch, sein Mitschöpfer. Du schaffst und schöpfst Gott hinterher. Mitschöpfer Mensch. Und das nicht nur montags. Aber das sprichwörtliche Montagsauto – gibt es in Wirklichkeit aus Wolfsburg gar nicht! – weist darauf hin: Arbeit kann auch schiefgehen. Und wir können schiefliegen mit unserer Art zu arbeiten. Arbeit kann glücklich machen. Und sie kann zur Maloche verkommen. Deshalb: Arbeit neu entdecken. Wo könnte man das besser als in Wolfsburg? Wann könnte man das besser als im Jahr des Reformationsjubiläums?

Der Reformator Martin Luther war einer, der Arbeit neu entdeckt hat. Und wie! Luther hebt Arbeit in den Adelsstand. Als erster versteht er die Arbeit ausdrücklich als einen Gottesdienst. Luther denkt nicht mehr wie die Mönche im Kloster: „Ora et labora“ – bete und arbeite. Beten die eine Welt und daneben Arbeit als eine andere Welt. Sondern Luther denkt das zusammen, getreu einem alten Sprichwort: „Wer treu arbeitet, der betet zweifach.“ Arbeit als Gottesdienst. Er sagt:

„Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, ein jeglicher hat seines Handwerkes Amt und Werk und doch sind sie alle gleich geweihte Priester und Bischöfe und ein jeglicher soll mit seinem Amt und Werk den anderen nützlich und dienlich sein, … Leib und Seele zu fördern.“[1]

Arbeit ist Gottesdienst, und Arbeit ist Nächstendienst. Jeder Christenmensch hat zwei Berufe, zwei Berufungen. Die eine Berufung zum Glauben an Gott. Und jeder hat eine zweite Berufung: Zum Dienst am Nächsten. Zwischen beiden gibt es keinen Rangunterschied, kein höher oder tiefer, kein besser oder schlechter. Die geistige Arbeit ist nicht mehr wert als eine körperliche. So dachte man das noch in der Antike. Die Arbeit der Politiker und Philosophen war dort höher geachtet als die der Fischer und Holzfäller. Auch ein geistlicher Dienst ist Gott nicht wohlgefälliger als das Zupacken der Hände. So dachte man das noch im Mittelalter. Die Lebensform der Mönche und Pastoren war dort höher geschätzt als die der Ackerleute. Martin Luther entdeckt die Arbeit neu: „Da könnt alsdann ein armes Dienstmägdlein … sagen: Ich koche jetzt, ich mache das Bett, ich kehre das Haus … und dass Gott ein Gefallen daran hat. Wie kann ich denn seliger sein? Ist es doch ebenso viel, als wenn ich Gott im Himmel sollte kochen.“[2]

Ein Haufen Christenleute hier jetzt in der Christus-Kirche und, ob Sie’s glauben oder nicht, jeder von Ihnen hat am heutigen Montag mit seiner Arbeit „Gott im Himmel“ bekocht! Wenn das keine Entdeckung ist: Du hast Gott heute bekocht. Lieber Gott, wohl bekomms! Was für eine neue Entdeckung der Arbeit! Keine Rang- und keine Wertunterschiede! Auch nicht welche zwischen Männer- und Frauenarbeit. Gott „schuf sie als Mann und Frau“. Gottes Mitschöpfer Mensch muss den gleichen Rang der Arbeit von Männern und Frauen erst noch wiederentdecken. Laut dem statistischen Bundesamt liegt die Lohnlücke im Vergleich zwischen den Geschlechtern zurzeit bei 21 Prozent.[3] Was ein guter Statistiker ist, der mag das noch auf 7 Prozent herunterrechnen. Aber „gleich“ sieht dann immer noch anders aus. Ein Lohngleichheitsgesetz wird diskutiert. Wenn der Mitschöpfer seinen Schöpfer ernst nimmt, muss das ausgekocht werden. Butter bei die Fische!

Martin Luther staunt schon zu seiner Zeit über den Wertunterschied menschlicher Arbeit: „Wie sollt das immer mögen göttlich und recht zugehen, dass ein Mann in so kurzer Zeit so reich werde, dass er Könige und Kaiser aufkaufen möchte?“[4] Die Vorstände der an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen verdienen heute durchschnittlich 57-mal so viel wie ihre Mitarbeiter.[5] Was gibt es da „schöpferisch“ noch zu entdecken? Die Schweizer haben das vor drei Jahren mit einem Referendum probiert. Der Vorschlag war ein Lohnabstand von 12:1. Das Referendum scheiterte. Aber ist der Gedanke einer Annäherung der Gehälter deswegen falsch?

Auch wenn es finanzielle Leistungsanreize geben muss, auch wenn wir um unterschiedliche Ausbildungen und Verantwortungen wissen: Einer Pflegekraft im Krankenhaus, einer Erzieherin im Kindergarten ist nicht zu erklären, warum ihr Dienst am Nächsten 57-mal weniger wert sein soll als eine Arbeit mit Aktien oder die Power für Produkte. Wer es dennoch erklären will, der sehe zu, dass er damit nicht Gott in den Kochtopf spuckt.

Arbeit verkommt immer dann zum Götzendienst, wenn wir in ihr keinen Nächstendienst mehr erkennen. Das ist bei den einen der Fall, denen ihre Arbeit ihr ein und alles ist. Ihre Arbeit ist ihr Leben. Denen muss man sagen: Sei nicht nur deiner Arbeit gut, sondern auch dir selbst. Du bist Gott nicht nur lieb, wenn du arbeitest. Neben deiner Arbeit darfst du dir selbst auch mal der Nächste sein. Nach einer Arbeitswoche musste selbst Gott sich am Ende mal selbst der Nächste sein – er „ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte“. Die Ruhe gehört zur Arbeit, der Sonntag gehört zur Schöpfung. Der Schöpfer wusste das. Sein Mitschöpfer Mensch muss sich das immer wieder erst noch sagen lassen. Sei dir auch über aller Arbeit selbst der Nächste.

Und dann gibt es die anderen. Die leben nicht um zu arbeiten, sie arbeiten um zu leben. Für sie beginnt das „eigentliche“ Leben erst nach Arbeitsende. Arbeit ist für sie lästige Begleiterscheinung, notwendiges Übel. Denen muss man sagen: Wenn du fragst, warum Gott das Leben mit Arbeit verbunden hat, dann heißt die Antwort nicht: „Weil er uns damit ärgern wollte“. Sondern: Gott hat die Arbeit in seine Schöpfung eingebaut, damit einer dem anderen mit seinen Kräften und Begabungen dienen und helfen soll. Arbeit ist Nächstendienst.

Kennen Sie, liebe Gemeinde, solche Nächstendienst-Arbeiter? Ich kenne Sie. Und vielleicht haben wir ja denselben Bäcker. Sie wissen schon, der misst seinen Erfolg nicht daran, wie viele Brötchen er verkauft, sondern ob sie uns schmecken. Und der Händler, den haben Sie doch auch schon gehabt. Der ist nicht zuerst stolz auf seinen Umsatz, sondern dem geht es dann gut, wenn er mir genau das angeboten hat, was ich brauche. Und kennen Sie nicht auch diesen Arzt, der am Abend nicht die Zahl der abgerechneten Rezepte zählt, sondern die seiner Patienten, denen er ihre Schmerzen lindern oder heilen konnte? Arbeit ist Nächstendienst.

Darf ich das in Wolfsburg so sagen? Wo es natürlich auch Bäcker, Händler und Ärzte gibt, aber eben noch mehr Arbeitsplätze, an denen viele bei der Arbeit im Werk nicht zuerst unmittelbar einen Nächsten vor Augen haben, sondern viel öfter ein Montageband, den Fertigungsroboter, einen Computerbildschirm mit Designprogramm oder Logistikplänen. Und von einem Nächsten, dem seine Arbeit dienen soll, ist drinnen wenig zu sehen. Erst draußen dann wieder. Und wenn draußen bei den Nächsten mein Auto ankommt, dann kann ich drinnen wohl auch den Schweiß ertragen. Wenn draußen die Nächsten ihre Freude dran haben, dann kann ich drinnen wohl auch malochen. Wenn draußen die Marke stimmt, dann kann es drinnen wohl auch mal mühselig sein. Auch im letzten und im verborgendsten Winkel des Werkes soll die Arbeit, die dort getan wird, im besten Sinne Nächstendienst sein. Soll es wieder sein. Soll es wieder werden. Wird es wieder werden. Die Verheißung steht: „Wer treu arbeitet, betet zweifach.“ Die Forstsetzung heißt: „Wer untreu arbeitet, flucht doppelt.“

Liebe Gemeinde, war Ihnen das jetzt zu viel? Zuviel über Arbeit? Und jemand meint: So viel will ich gar nicht über Arbeit nachdenken. Ein anderer weiß von sich: Ich kann ja gar nicht so richtig arbeiten. Vieles ist mir zu schwer. Und noch ein anderer: Ich komme mit meiner Arbeit gerade gar nicht zurecht.

Bevor Sie sich nun damit quälen, lassen Sie uns zusammen nahe sein dem jüdischen Rabbi Susja von Hannipol. Dieser Rabbi Susja: Nächtelang ging er auf und ab in seiner Kammer und quälte sich mit der Frage: „Herr der Welt, sieh, ich liebe dich, aber was vermag ich zu tun, ich kann ja nichts!?“ Ich kann ja nichts. Das ließ ihm keine Ruhe, solange, bis in der mitternächtlichen Stunde der Verzweiflung plötzlich eine Erkenntnis zum Durchbruch kam: „Ich kann ja nichts? Hei, aber ich kann ja pfeifen, da will ich dir, lieber Gott, was vorpfeifen.“ Und als er dann den ersten Pfiff getan hatte, so wird erzählt, da sei das ganze Haus zum Leben erwacht.

Ich kann ja pfeifen. Darin steckt das tiefe Wissen, dass wir Gott mit unseren vielleicht kleinen Gaben und vielleicht mit den geringsten Talenten hoch erfreuen können. Der Schöpfer selbst hat sie in uns Mitschöpfer ja hineingelegt.

Und nun? Ahnen Sie was? Wollen wir Gott mal mit einer seiner kleinsten Schöpfergaben hoch erfreuen? „Hei, wir können ja pfeifen, da wollen wir Gott doch mal was vorpfeifen.“

(Die Gemeinde mag mit dem Wolfsburger Kammerchor zusammen pfeifen die Melodie von EG 352 “Alles ist an Gottes Segen“)

 

[1] An den christlichen Adel deutscher Nation

[2] Predigt über Matthäus 6,24, 1544

[3] FAZ vom 7.10.2016

[4] zit. nach: Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive, Eine Denkschrift des Rates der EKD, Hrsg. Gütersloher Verlagshaus, 2008, S. 90

[5] FAZ vom 7.10.2016

 

Landessuperintendent Dieter Rathing