JVA-Leiterin: "Gefängnis ist Teil des Gemeinwesens"

Kanzelrede von Sabine Hamann am 20. März 2016 in der Gottesdienstreihe "Bürgerkanzel in St. Nicolai". Sabine Hamann ist Psychologin. Als Leitende Psychologiedirektorin leitet sie die JVA Uelzen, zu der auch die Untersuchungshaftanstalt und der Offene Vollzug in Lünbeurg gehören. 

Wer bin ich?

Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? 

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? 

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg? 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! 

(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)

Wir haben gerade das bewegende Gedicht von Dietrich Bonhoeffer gehört. Wer bin ich. Er hat es im ersten Jahr seiner Haft geschrieben. Es ist eine kompromisslose Auseinandersetzung mit sich selbst.

Und wer bin ich?  Darauf antworte ich erst einmal, wie die meisten Menschen es tun würden nicht zu persönlich. Ich bin Psychologin und leite die Justizvollzugsanstalt in Uelzen.  Die beiden Abteilungen hier in Lüneburg, die Untersuchungshaft Am Markt und der offenen Vollzug im Brockwinckler Weg gehören dazu. Etwas persönlicher ist schon: Mit mehr als einem  viertel Jahrhundert Berufserfahrung bin ich länger hinter Gittern als die Gefangenen in meiner Anstalt. Angefangen habe ich als Anstaltspsychologin und Therapeutin.

Damals war es meine Aufgabe, nach den Gründen für Straftaten zu suchen und gemeinsam mit den Inhaftierten Möglichkeiten zu entwickeln, nach der Entlassung straffrei zu leben. Was der Verlust an Freiheit mit einem Menschen macht, das beschäftigt mich heute noch. Wissen kann es aber letztlich nur derjenige,  der es erlebt. Kennen Sie jemanden, der in Haft ist oder der es war? Können Sie sich vorstellen, wie das ist, gefangen zu sein? Wer bin ich?

Als Dietrich Bonhoeffer sein Gedicht schreibt, ist er politischer Gefangener der Nationalsozialisten. Er ist unschuldig und er wird das Gefängnis nicht überleben. Von außen gesehen erträgt er seine Situation mit Stolz und Würde. Aber seine Gefühle sind anders. Die Kränkungen und die Willkür regen ihn auf. Er stammt aus einer wohlhabenden und gebildeten Familie,  seine Mitgefangenen und Bewacher gehören meist der Unterschicht an. Ihr Verhalten und ihre Werte missfallen ihm, er schaut sogar ein wenig auf sie herab. Das aber passt nicht zu seinem Anspruch an sich als Christ. Und er überprüft ehrlich und streng die eigene Haltung. Er geht mit sich selbst ins Gericht. Beides macht ihm zu schaffen, die Haft und dieser innere Kampf. Das zeigt diese Frage – wer bin ich wirklich? Bin ich so, wie andere mich sehen oder so, wie ich mich fühle?

In Haft zu kommen bedeutet immer eine Erschütterung. Besonders wenn Menschen das erste Mal Gefangene sind, quälen Fragen: Wer hält noch zu mir? Was bin ich noch wert? Dann sind sie besonders offen und zugänglich. Aber wenn sie sich in die Knast-Hierarchie einordnen – und die gibt es in jeder Anstalt -  wird  dieses Verunsicherte, das Weiche  als Schwäche ausgelegt.

Also ist es besser, das Selbstbild schnell wieder zu flicken. Einmal um  die Haft gut zu überstehen. Aber auch, um besser auszuhalten, was in der Anklageschrift und im Urteil über einen selbst steht. Die schlimme Kindheit, die Schuld der Gesellschaft, die Strafe ist zu hoch, der Alkohol ist schuld – nur einige beliebte Entschuldigungen vor sich selbst und vor anderen.

Dem steht das Gedicht von Bonhoeffer entgegen: Obwohl er allen Grund gehabt hätte, mit sich im Reinen zu sein, stellt er sich infrage. Er stellt sich seinen persönlichen Schatten. Die späteren Briefe und Gedichte  zeigen -  dieser Kampf führt ihn zu einem  größeren Verständnis für andere und zu einer Vertiefung seines Glaubens. Ein Sprichwort frei nach Goethe sagt: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Weg von Dietrich Bonhoeffer zeigt in besonderer Weise: sich den  eigenen dunklen Seiten, den Schatten zu stellen lässt einen Menschen wachsen.

Nun haben wir überwiegend mit Gefangenen zu tun, die den realistischen oder gar kritischen Blick auf sich selbst kaum zulassen können. Trotzdem hat der Justizvollzug viele Möglichkeiten,  an den Ursachen der Straffälligkeit zu arbeiten. So gibt es Bewerbungstraining,  Schule und Ausbildung, Schuldenregulierung und Drogenberatung - und vieles andere mehr. Das ist Beratung und Training. Für ein therapeutisches Arbeiten aber ist mehr erforderlich - wir nennen es die „Tateinsicht“. Das Bekenntnis, ja – diese Straftat habe ich begangen, ich habe den Fehler gemacht.

Ich erzähle Ihnen dazu eine kleine Geschichte - von – nennen wir ihn Herrn Schulze. Es ist eine ganz typische Geschichte, für die aber mehrere Pate standen. Herr Schulze ist als junger Mann durch seine Leidenschaft für das Glücksspiel auf die schiefe Bahn geraten. Aus seiner Schuldenmisere soll ihn ein Überfall auf ein Geschäft befreien, der aber endet in einer Katastrophe. Die Frau an der Kasse ruft nach Hilfe, der Kumpan und Mittäter verliert die Nerven, schießt und verletzt sie schwer. Erst durch eine Notoperation wird ihr Leben in letzter Sekunde gerettet. Herr Schulze trägt auch eine Waffe, hat sie aber nicht benutzt.

Er wird wie sein Mittäter zu einer langjährigen Strafe verurteilt. Auch Jahre später ist Herr Schulze überzeugt, dass seinen Ex-Kumpel die Hauptschuld trifft. Er sagt „Ich hätte nie geschossen, ich bin noch nie gewalttätig geworden. Seinetwegen sitze ich jetzt so lange, zu lange.“

Bei uns in der Justizvollzugsanstalt wird ihm empfohlen, am NAIKAN teilzunehmen. Naikan ist japanisch und bedeutet „Innenschau“. Seit mehr als 20 Jahren setzen wir diese Meditationsmethode erfolgreich in einigen Gefängnissen Niedersachsens ein, auch in Uelzen. In sieben Tagen sollen Menschen lernen, sich selbst und ihr Leben zu betrachten. Ohne jede Ablenkung  durch Radio oder Fernsehen stellen sie sich drei Fragen: -        

  • Was hat ein wichtiger Mensch für mich getan – das sind in der Regel die Eltern oder Ersatzeltern und die Geschwister? -  
  • Was habe ich für diesen Menschen getan? -   
  • Welche Schwierigkeiten habe ich ihr oder ihm bereitet?

Fällt Ihnen bei den Fragen etwas auf? Es fehlen die Schuld-Fragen: Zum Beispiel: Was hat meine Mutter mir angetan? Worin hat mich mein Vater behindert? Was gaben sie mir alles nicht?

Viele Gefangene berichten glaubhaft, dass sie in ihrer Kindheit vernachlässigt oder geschlagen worden sind. Das wird nicht in Frage gestellt. Naikan bietet aber die Chance, sich mit den guten, den stärkenden Erfahrungen zu verbinden und daraus Kraft zu schöpfen. Auch wenn es vielleicht nur wenige sind. Kraft zu schöpfen, um die Deutungshoheit über seine eigene Geschichte zurückzuholen, alte Denkmuster aufzugeben.   Eine Woche ganz allein mit sich selbst kann man der Frage gar nicht ausweichen: Wer bin ich eigentlich?

Zurück zu Herrn Schulze. Die Naikan-Woche durchzuhalten ist  schwer für ihn. Er kann nicht gut ohne Ablenkung sein, er braucht Action. Einige Male möchte er aufgeben. Der Durchbruch kommt am 4. Tag der Schweigewoche. Es ist die Erkenntnis: „Ich wurde geliebt von meinen Eltern. Und ich kann auch lieben. Es ist gut, dass es mich gibt.“ Diese innere Wahrheit gibt Kraft für die dritte Frage, die nach den Schwierigkeiten, die er anderen bereitet hat.

Dazu fällt ihm viel ein. Früh fing es an, mit Lügen, Schule schwänzen, mit Alkohol und Diebstählen. Immer mehr entzog er sich dem Einfluss seiner Eltern. Die Straftat, bei der ein Mensch beinahe das Leben verliert, ist der Höhepunkt dieses Weges. Das Ergebnis seiner vielen Entscheidungen zuvor, für die er allein die Verantwortung trägt. Das erschüttert ihn. Aber ein Monster, wie insgeheim befürchtet  ist er nicht. Er erkennt - seine Geschichte besteht aus viel Schatten, aber auch aus Licht. Ich habe auch einmal Naikan gemacht, eine Woche lang. Zugegeben, ich habe mich erst ein wenig geziert. Aber dann kamen die Erinnerungen an die Schwierigkeiten, die ich meiner Familie gemacht habe.

Was für eine kleine Primadonna und hysterische Pubertierende - ich hatte einiges drauf, meine Eltern zu beschäftigen! Bei der Erinnerung an meine Naikan-Woche  spüre ich heute noch die Freude über meine verrückten, aber  höchst vitalen Schatten. Das hat mein Bild von mir selbst erweitert, und es hilft mir sogar in meinem Job als Knast-Chefin. Und was ist seit der Naikan-Erfahrung aus Herrn Schulze geworden? 

In der Therapie muss er sich seiner Schuld stellen. Er geht noch einmal zur Schule, der Abschluss stärkt sein Selbstbewusstsein. Mit Hilfe der Seelsorger im Gefängnis findet er einen Zugang zu Gott. Er wird Anstaltsküster und gestaltet die Gottesdienste über Jahre mit. Dass auch seine Kreativität, die Malerei und die Musik langsam wieder erwachen, wird durch die Anstalt gefördert. Er spürt, das bereichert ihn und andere Menschen gleichermaßen.

Die vielen Jahre der Haft haben auch Spuren hinterlassen. So schätzt er seine  Möglichkeiten ganz unrealistisch ein, draußen Geld zu verdienen.  Oder was zu einer Partnerschaft mit  gegenseitiger Verantwortung gehört, hat er nicht gelernt. Zu lange hat er im Schutz der Mauern gelebt. Es ist also noch viel nachzuholen, um nach der Entlassung bestehen zu können. Und das geschieht im langsamen Übergang nach draußen. Im Kleinen scheitert Herr Schulze manchmal, im Großen hat er sein Ziel fest im Blick und geht immer weiter.

Wenn es Menschen gelingt, hinter den eigenen Schatten aus Schuld und Schwäche das Licht zu entdecken, können sie wachsen. Aber auch, wenn sie hinter ihrem Licht, der eigenen Stärke die Schatten betrachten. So, wie es Bonhoeffer wagte. Licht und Schatten gehören beide zu uns Menschen. Es kommt darauf an, auch beide mit in unser Leben zu nehmen. Und das Gefängnis ist eben nicht eine Schattenwelt in  unserer Gesellschaft, die man weit weg schieben kann, sondern es ist ein Teil unseres Gemeinwesens. Menschen kommen hinein und verlassen es. Sie leben dann wieder unter uns. Und was es vor den Mauern gibt, gibt es dahinter auch. Fussballmanager, Drogenabhängige,  Flüchtlinge  und Konzernlenker.

Licht und Schatten, wie deutlich wird das gerade bei prominenten Gefangenen.   Bonhoeffer findet am Ende eine versöhnliche, eine tröstende  Antwort. „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ So endet das Gedicht. Und Herr Schulze könnte als Gefangener und Christ fortführen: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, mit den hellen und dunklen Seiten in mir. Denn Dein ist  alles Licht und aller Schatten in der Welt.“ Amen.