Hoffnung und Vertrauen

Bürgerkanzel mit Rolf Sauer, Geschäftsführer der Gesundheitsholding Lüneburg, am 15. Mai 2011 in St. Nicolai, Lüneburg

Rolf Sauer
 Rolf Sauer ist Geschäftsführer der Gesundheitsholding Lüneburg.

Liebe Frau Superintendentin Schmid, vielen Dank, hier auf der Bürgerkanzel in St. Nikolai sprechen zu dürfen, vielen Dank aber auch für die freundliche Vorstellung. Sie haben mich richtiger Weise als katholischen Christen benannt, der aber auch immer zur evangelischen Kirche einen Zugang gefunden hat. Ich bin katholisch getauft und war viele Jahre Messdiener und habe damals in der Schola gesungen, wenn auch eher in der zweiten oder dritten Reihe. Ich glaube Pfarrer Herig, mein evangelischer Schulpfarrer, der mich im Abitur über die verschiedenen Gottesbeweise prüfte, würde sich freuen, mich hier zu sehen.

In meiner Familie sind beide Konfessionen vertreten. Meine Frau (evangelisch) und ich sind katholisch getraut worden, mit der Botschaft, die Kinder im christlichen Glauben zu erziehen. Beide Kinder sind evangelisch getauft und konfirmiert. Man kann christliche Inhalte von verschiedenen Seiten betrachten, ich denke aber, es ist möglich zwischen diesen Seiten tragfähige Brücken zu bauen. Es geht nicht um Toleranz, also das Hinnehmen von Unterschieden.

Es geht um Akzeptanz. Dies gilt für den religiösen Bereich, dies gilt für viele gesellschaftliche Bereiche. Dies gilt auch für die Akzeptanz von Menschen mit psychischen Störungen.

Auch Ihnen, liebe Gemeinde, gilt mein Dank, heute Ihr Gast sein zu dürfen. Sie geben mir die Gelegenheit einige meiner Gedanken zu dem vorhin gehörten Text aus dem Johannesevangelium vortragen zu dürfen. In meiner Rolle als Geschäftsführer in der Gesundheitsholdung, insbesondere aber als Geschäftsführer der Psychiatrischen Klinik, habe ich in diesem Text eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten zu meiner täglichen Arbeit gefunden. Diese Verbindung rührt sowohl aus meiner Rolle und meiner Verantwortung gegenüber den mittlerweile mehr als 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch und insbesondere aus dem Auftrag gegenüber unseren Patientinnen und Patienten.

Wir hörten diesen Satz aus dem Johannesevangelium, von der nur noch kleinen Weile, die die Jünger mit Jesus zusammen sein werden und dass er nach einer weiteren kurzen Zeit wieder da sein werde. Und er spricht von einer sehr schweren Zeit, die auf die Gruppe der Jünger zukommen wird, er spricht sogar von Verfolgung. Ich stelle mir die Frage, was mutet Jesus seinen Gefolgsleuten eigentlich in diesem Augenblick zu? Gerade wenn es kritisch wird, lässt er sie alleine. Er hatte sie doch zusammengeführt, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, sie wollten ein Reich errichten, in dem Frieden und eine Welt in der die Nächstenliebe zuhause ist. Nun steckt die Bewegung in der Krise.

Wie sind sie darauf vorbereitet? Tritt Petrus aus der Gruppe heraus und sagt: „Meister, auch diese Situation werden wir überstehen“? Nein! Sie tuscheln verunsichert miteinander. Und Jesus schiebt ein Gleichnis hinterher, dass die Situation nicht wirklich klärt. Vielleicht liegt es ja auch einfach an dieser Gruppe. Wenn Jesus vor der Berufung der Jünger ein Assessmentverfahren, also ein strukturiertes Personalauswahlverfahren, durchgeführt hätte, wären alle ausgewählt worden? Vermutlich nicht!

Und Jesus weiß auch, einer wird ihn verraten, ein anderer ihn verleugnen und ein Dritter glaubt nur das, was er sieht. Also, alles schlecht gelaufen.
Doch im Evangelium nimmt die Geschichte eine andere Wendung: Eure Trauer soll in Freude verkehrt werden. Diese blumige Beschreibung im Johannesevangelium kann man bei Matthäus viel konkreter nachlesen. Dort kündigt er dreimal Vorfolgung, Marter und Tod an. Aber immer verknüpft er dies mit der Ankündigung der Rückkehr, mit der Ankündigung der Auferstehung. Hoffnung wird damit zum Leitprinzip. Hoffnung und Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Ich bin davon überzeugt, dass hierin auch wichtige Erkenntnisse für das Miteinander, für den Umgang zwischen Leitung und Mitarbeitern zu finden sind. Die Auswahl seines engsten Kreises fand nicht auf der Grundlage eines ausgefeilten Anforderungsprofils statt und die Bewertung der Mitarbeiter nicht nach einem Punkte- und Bewertungssystem, das jedem Arbeitsgerichtsprozess standhaltenden kann. Jesus suchte sich sein Team. Er gab einzelnen die Chance, durch eine Krise zur Stärke zu gelangen. Petrus, von dem erwusste, dass er ihn dreimal verleugnen wird, hat er als Fels gesehen, auf dem er seine Kirche bauen wird. Und ich bin froh, heute in einer so schönen Kirche sein zu können. Nach der bedrohlichen Ankündigung war die Gruppe zwar sehr irritiert, aber sie sind letztlich nicht auseinander gelaufen, sie haben die Ankündigungen, dass auf die Trauer die Freude folgen wird, gehört und sie haben vertraut.

Und das ist ein weiterer zentraler Punkt. Was müssen wir tun, damit Mitarbeiter an die ehrlichen Absichten glauben können und den Ankündigungen von Leitungen vertrauen? Denn eins ist klar, je größer die Glaubwürdigkeit, um so eher wird es möglich sein, Mitarbeiter auch in schwierigen Situationen für notwendige Entscheidungen aufzuschließen, sie einzubinden und damit zu gewinnen.

Nachdem die Hansestadt das ehemalige Landeskrankenhaus erworben hat, bin ich aus dem Rathaus zur Psychiatrie und zur Gesundheitsholding gewechselt. Ich wusste nicht genau, was mich dort erwartet, ich wusste nur, dass wir mehr als 20 Mio. € an Kaufpreis aufbringen mussten und die Refinanzierung aus dem Krankenhaus sicherzustellen war. Und ich hatte das Gefühl, dass nicht wenige im Hause mich als Konsolidierer wahrgenommen haben.

In dieser Situation ging es darum, um Vertrauen zu werben, damit die Skepsis weicht und Hoffnung auf eine gute, gemeinsame Zukunft wächst und zu einer gemeinsamen Vision wird.

Ich bin dankbar dafür, dass der Gesellschafter, also die Hansestadt Lüneburg, die Aussage mitträgt, dass die Einnahmen, die in Lüneburg in die Krankenhäuser fließen, auch für die Patientinnen und Patienten – und nicht für Gewinnausschüttungen- eingesetzt werden. Und damit verliert die Betriebswirtschaftlich ihre Zielfunktion zur Gewinnerhöhung und wird zum Instrument, um die Betreuung der Patientinnen und Patenten nachhaltig zu sichern. Und diese Grundeinstellung galt es zu vermitteln und glaubhaft zu leben. Jedes Krankenhaus muss heute vor den Grenzen wirtschaftlicher Zwänge seine Aufgaben erfüllen. Aber es geht darum, den Mitarbeitern ein Umfeld zu sichern, in dem die Betreuung und Behandlung und nicht nur die Versorgung der Patienten im Mittelpunkt stehen kann.

Liebe Gemeinde, Hoffnung und Vertrauen sind auch zwei wesentliche Begriffe, wenn es um unsere Patientinnen und Patienten geht. Viele kommen und hoffen, viele aber müssen die Hoffnung erst wiederfinden. Und ich meine an dieser Stelle nicht oder nicht nur die Hoffnung auf Genesung. Hoffen ist etwas Reales. Und gerade als Geschäftsführer einer psychiatrischen Klinik ist mir bewusst, dass sich Hoffnung oft nur darauf bezieht, den nächsten Tag einigermaßen zu überstehen.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer erfahrenen Psychiaterin. Ich fragte sie, was in ihrem Berufsleben für sie eine der beeindruckensten oder auch freudigsten Situationen gewesen sei. Meine Erwartung war, dass sie von der erfolgreichen Behandlung eines schwer kranken Patienten berichten würde, den sie in der Fußgängerzone getroffen hat, der ihr seine Frau und die wohlgeratenen Kinder vorstellt und von seiner bevorstehenden Beförderung berichtet.

Meine Erwartung wurde enttäuscht. Stattdessen sprach sie über eine Patientin, die von ihr vor über 20 Jahren behandelt wurde. Es war keine Begegnung in der Fußgängerzone, es war ein Zusammentreffen in einem psychiatrischen Krankenhaus. Die Patientin berichtete, wie sie trotz ihrer Krankheit, mit und gegen ihre Krankheit jeden Abend in der Hoffnung einschläft, den nächsten Morgen beginnen zu können. Aber für viele psychisch Kranke ist der Abend nicht die Freude auf den nächsten Tag. Für sie ist der Morgen der Beginn der nächsten Not. Und daher ist Hoffnung, die Suche nach der Kraft, sich auf den nächsten Tag freuen zu können. Und es gibt die Angehörigen psychisch Kranker, die natürlich hoffen, dass der Ehepartner, der Sohn, die Tochter zu sich finden. Die Angehörigen, die auf die Glaubwürdigkeit der Therapieangebote setzen, die darauf vertrauen, auch am nächsten Tag die Kraft zu finden, den Angehörigen zu stützen.

Und an dieser Stelle spielt die Krankenhausseelsorge eine wichtige Rolle. Sie kann, frei von der familiären Bindung und unabhängig vom Behandlungsauftrag der Klinik, dem Patienten Anker im Alltag der Krankheit sein. Vielleicht ist es als Christ auch leichter zu hoffen, zu vertrauen, zu glauben. Nach meiner Auffassung liegt das weniger daran, dass mit der Leidensankündigung auch die Auferstehung verheißen wurde. Wenn darin nämlich der Grund läge, dann könnte auch alles schief gehen, macht nichts, es gibt immer noch ein Leben nach dem Tod. Diese Auffassung reduzierte aber unser Leben als den Weg durch das Jammertal.

Es sind viel mehr Textstellen in der Bibel, die helfen, unsere Situationen zu bewerten. Es sind die Stellen, die durch kleine oder große Gesten Mut machen, die helfen realistische Erwartungen zu setzen. Glück zu empfinden, obwohl man das persönliche Ziel nicht erreicht, in dieser Situation, die Perspektive zu wechseln. Moses hat das gelobte Land nicht betreten, aber er stand auf dem Gipfel das Berges und hat das Land geschaut. Und so können Angehörige und Behandler den Erkrankten möglicherweise nicht heilen, sie dürfen deshalb aber nicht enttäuscht sein, sie können linder und begleiten. Und der Patient erfährt das Gefühl des Aufgehoben seins, er erhält das Gefühl, ernst genommen zu werden. Und in diesem Sinne gilt es immer wieder, die Hoffnung zu suchen.

Lassen sie mich daher schließen mit einem Satz aus dem Paulusbrief an die Epheser: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.