Die Reformation geht weiter...

Nachricht Lüneburg/ Uelzen, 01. November 2017

Kirchenkreise Lüneburg und Uelzen richten Blick nach vorn

Am Höhepunkt des großen Reformationsjubiläumsjahres haben Gemeinden und Kirchenkreise des Sprengels den Blick nach vorn gerichtet: „500+“ hieß es beim Reformationsfest in Uelzen. Der Festgottesdienst in der Lüneburger St. Johanniskirche fragte nach „mehr Gerechtigkeit“, er stand unter dem Motto: „95 Thesen. Jetzt.“ Hier wie dort waren die Kirchen überfüllt.

Der Kirchenkreis Lüneburg hatte zum Jubiläumsjahr 42 Holztüren bauen lassen, darauf konnten Menschen im Sommer  ihre Thesen äußern. Die Reformationsbeauftragte Silke Ideker stellte Beispiele der wohl mehrere Tausend Beiträge vor. Die Kirche dürfe nicht zu einem Wirtschaftsbetrieb werden, lautete etwa eine Mahnung. Andere Voten forderten eine verständlichere Sprache im Gottesdienst, betonten den Wert der Stille oder fragten nach der Trennung von Kirche und Staat.

Um diese Themen ging es dann auch bei einem Thesengespräch mit Gästen aus Stadt und Gesellschaft. Lüneburgs OB Ulrich Mädge sah indes viele Schnittmengen zwischen Kommune und Kirche, sprach beispielsweise von einer gemeinsamen  Kulturverpflichtung. Dazu gehören für das Stadtoberhaupt auch das Bekenntnis zur Solidarität mit den Schwachen und der Widerstand gegen Populismus. Für ihn  bedeute „mehr Gerechtigkeit, wenn Kinder in der Welt nicht mehr hungern müssen“.

Moderator Olaf Ideker-Harr gab die Frage weiter. „Für mich ist mehr Gerechtigkeit, wenn Werkzeuge allen Menschen zur Verfügung stehen“, sagte Carl Friedrich von Schack, Leiter der Jugendwerkstatt von „job.sozial“. VHS-Chef Gerhard Cassens wünschte sich ein Bildungssystem, in dem jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten gefördert wird. Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg, Michael Zeinert, warb um „freien Zugang zu Bildung, Gesundheit und Arbeit“. Mehr Toleranz forderte Museumsdirektorin Heike Düselder: „Um den anderen zu verstehen, muss man mehr von ihm wissen“. Theater-Intendant Hajo Fouquet wünschte sich, „dass wir es schaffen, Egoismen aus unseren Herzen zu verbannen“.

Landessuperintendent Dieter Rathing nahm die Frage in seiner Predigt auf und ließ Martin Luther sagen:  „Mehr Gerechtigkeit wäre für mich, wenn … - wenn Du mit Dir selbst gerecht sein könntest.“ Darin stecke „alles Gotteswort der Reformation: Sei dir recht, Gott bist du recht“, sagte Rathing. Aus dem eigenen Rechtsein heraus könne der Mensch auch den Mitmenschen zu seinem Recht kommen lassen.

Alles, was mit einem Mehr an Gerechtigkeit zu tun habe, sei nicht an Zahlen und am Zählen von Dingen orientiert, nicht an Vorschriften und Gesetzen, betonte der Regionalbischof für die evangelisch-lutherische Kirche im nordöstlichen Niedersachsen. „Sondern immer an Menschen, an den Nächsten, soweit sie als Nächste manchmal auch von uns entfernt sein mögen.“

Zum Reformationsfest „500 plus“ hatte der Kirchenkreis Uelzen eingeladen. Nach dem Festgottesdienst in der zentralen St. Marien-Kirche feierten Gemeinden und Einrichtungen mit Tausenden Menschen zwischen Kirche und Herzogenplatz ein Straßenfest. Jongleure zeigten ihre Kunst, Petri-Gemeindemitglieder verteilten 500 Äpfel, diakonische Einrichtungen stellten ihre Angebote vor, Chöre musizierten, Kinder erinnerten in einem Anspiel an Martin Luther, Gäste aus dem südafrikanischen Partnerkirchenkreis Ondini überbrachten Grüße - der Kirchenkreis Uelzen präsentierte sich fröhlich und weltoffen.

Besonderen Grund zur Freude hatte Jörg Hagen. Uelzens Propst hatte im Vorfeld der Veranstaltung gewettet, dass mindestens 500 Menschen als Zeitgenossen Martin Luthers verkleidet auf dem Herzogenplatz erscheinen würden. Er selbst schlüpfte in das Gewand des Herzogs Ernst I. „Ernst der Bekenner“ hatte die Einführung der Reformation im Land maßgeblich gefördert. Pünktlich um 15.17 Uhr hieß es: Wette gewonnen. Nach 500 Jahren ist die Reformation nicht am Ende – noch lange nicht“, zeigte man sich in Uelzen überzeugt. „Die Reformation geht weiter…“

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Landessuperintendent Dieter Rathing