Rückblick auf die Sprengelbereisung 2014

Nachricht Lüneburg , 23. November 2014

Mit einem Gottesdienst zum Gedenktag der Entschlafenen am 23. November in Barendorf und einer anschließenden Gesprächsrunde ging die Sprengelbereisung von Dieter Rathing zu Ende. Zu insgesamt rund 25 Terminen war der Landessuperintendent seit dem 9.November unterwegs, um sich über die Bestattungs- und Erinnerungskultur zu informieren. Einige Peressemitteilungen und Bilder finden Sie auf dieser Seite.

Die Macht der Kerzen und Gebete

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Minister Till Backhaus und Landessuperintendent Dieter Rathing nach der Fierstunde in Konau aus Anlass "25 Jahre Grenzöffnung". Foto Merten 

Amt Neuhaus. In einer Feierstunde des Landkreises Lüneburg hat Landessuperintendent Dieter Rathing an den Anteil von Christen an der friedlichen Revolution 1989 erinnert. „Politisch gesehen ist die DDR ganz sicher aus vielen verschiedenen Gründen in sich zusammengefallen, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen. Am Ende aber ist sie gescheitert an den Kerzen der Demonstranten und den Gebeten in Leipzig und in anderen Orten“, sagte der Regionalbischof der hannoverschen Landeskirche für den Sprengel Lüneburg am 9.November in Konau (Amt Neuhaus).

Ohne Kerzen und Gebete hätten die Demonstranten in Leipzig kaum ihren Mut bewahren können und wären die oppositionellen Kräfte wohl nicht zusammen zu halten gewesen, meinte Rathing. Und: „Hätte man den vollkommeneren Gewaltverzicht durchgehalten ohne die Kerzen und ohne die Gebete?“ Die öffentlichen Friedensgebete hätten den Geist der friedlichen Revolution seit 1982 mehr und mehr geprägt „und das heißt eben auch den Geist und das Verhalten der Menschen“. Neben Mut, Zivilcourage und der menschlichen Größe von Einzelnen habe das starke Gottvertrauen zur Öffnung der Mauer beigetragen, betonte Rathing.

Zugleich warnte der Theologe davor, das Wirken Gottes in der Welt an dem Erfolg von Gebeten oder an bestimmten Geschichtsereignissen festzumachen. Gerade das geschichtsträchtige Datum des 9. November mahne diesbezüglich zur Zurückhaltung, sagte Rathing mit Blick auf 1938: „Die Pogromnacht vor 76 Jahren haben keine Gebete aufgehalten“. Nur mit Demut und Beschämung könne man heute an die damalige Gewalt gegen jüdische Gotteshäuser, jüdisches Eigentum und jüdische Menschen erinnern.

Mit gutem Grund hatte der Lüneburger Landrat Manfred Nahrstedt gerade Konau als Ort für die Gedenkfeier ausgewählt: Das Dorf am östlichen Elbufer gehörte zu DDR-Zeiten zum mecklenburg-vorpommerschen Landkreis Hagenow. 1993 wurde Amt Neuhaus nach Niedersachsen rückgegliedert. Bereits ein Jahr zuvor waren die Kirchengemeinden Neuhaus, Stapel und Tripkau Teil des Kirchenkreises Bleckede und damit der hannoverschen Landeskirche geworden.

Als Zeitzeuge sprach Till Backhaus vor geladenen Gästen in der „Kulturscheune Konau 25“. Der Landwirtschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern bekannte, dass die Wiedervereinigung Deutschlands zunächst nicht im Blick gewesen sei: „Wir haben 1989 über eine bessere DDR nachgedacht.“

Backhaus, der 1959 in Neuhaus geboren wurde, erinnerte auch an die Zwangsaussiedlungen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Insgesamt 10.000 Menschen hätten im Zusammenhang der „Aktion Ungeziefer“  1952 und der „Aktion Kornblume“ 1961 „alles verlassen“ müssen, unter ihnen allein rund 350 Neuhauser Bürger. Ziel der DDR-Führung sei die Entvölkerung des Grenzgebietes gewesen. Nach der Grenzöffnung sei der Landstrich indes zu einem „Symbol der grenzenlosen Freiheit“ geworden, so Backhaus.

Nur der Dialog schaffe Frieden und ermögliche Zusammenarbeit, mahnte der Politiker schließlich in seinem Resümee der Geschichte. Mit Michail Gorbatschow warnte er ausdrücklich vor einem neuen Kalten Krieg, Backhaus wörtlich: „Ohne Russland wird Europa keinen Frieden gestalten.“ (mer)

Trauergottesdienste trösten

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Pastor Thomas Delventhal (Meinerdingen) erläutert dem Landessuperintendenten die Vielfalt der Grabformen auf dem kirchlichen Friedhof. Foto Merten 

Lüneburg/Meinerdingen. „Bei allem Verständnis für die Fülle der Aufgaben sollten Sozialämter bei Sozialbestattungen die finanziellen Möglichkeiten von Angehörigen Verstorbener vorrangig prüfen und notfalls in Vorleistung gehen.“ Diesen Appell richtete Landessuperintendent Dieter Rathing in einer vorläufigen Bilanz seiner aktuellen Sprengelbereisung zur Erinnerungs- und Bestattungskultur an die Kommunen.

In Städten wie Lüneburg machen die so genannten Sozialbestattungen etwa zwölf Prozent aller Bestattungsfälle aus. Bestatter Friedrich-Wilhelm Oberheide (Winsen/Luhe) beklagte in dem Zusammenhang oft lange Bearbeitungszeiten der zuständigen Behörden. Sofern der Verstorbene selbst keine Vorsorge getroffen hat und Angehörige sich nicht in der Lage sehen, die Beerdigungskosten zu übernehmen, ermittele das Sozialamt die bestattungspflichtigen Angehörigen und prüfe deren finanzielle Möglichkeiten. „Und das kann dauern“, hat Oberheide erfahren. Zumal wenn Angehörige nicht zur Offenlegung ihrer Finanzen bereit seien.

In dieser Situation gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder der Bestatter erkläre sich zur Durchführung der Bestattung bereit mit dem Risiko, auf den Kosten sitzen zu bleiben. Oder der Verstorbene werde „auf Eis“ gelegt, bis die Finanzierung geklärt ist. „Für trauernde Angehörige ist das eine unerträgliche Situation“, weiß Oberheide. Zudem sei die lange Wartezeit rechtlich problematisch, das Bestattungsgesetz sieht eine Beisetzung bzw. Einäscherung binnen acht Tagen vor. „Die seelische Not der Menschen ist das eigentliche Problem“, sagt der Bestatter.

Ein weiterer Aspekt: Während es im ländlichen Raum noch selbstverständlich ist, Verstorbene auf ihrem letzten Weg zu begleiten, gibt es im städtischen Umfeld einen Trend zu immer mehr Beisetzungen „im engsten Familienkreis“. Wenn überhaupt eine Traueranzeige erscheint, dann häufiger im Nachhinein mit dem Hinweis, die Beerdigung habe „in aller Stille“ stattgefunden. „Wir halten daran fest, dass der Gottesdienst öffentlich ist, auch der Trauergottesdienst“, betonte Rathing. Um der Privatisierung zu wehren, könnten bevorstehende Trauerfeiern im Sonntagsgottesdienst bekannt gegeben werden. „Biblische Lesungen, Lieder und Gebete können wirklich trösten“, ist Rathing überzeugt.

Der Landessuperintendent konnte auf seiner achttägigen Reise mit insgesamt rund 25 Terminen auch ein vielfältiges Angebot von neuen Grabformen wahrnehmen. So gibt es etwa in Amelinghausen, Bispingen oder Müden (Örze) Urnenbeisetzungen unter Bäumen. Die Kirchengemeinde Meinerdingen (Walsrode) betreibt auf ihrem Friedhof einen eigenen „Friedpark“, zudem finden sich dort Urnengrabstätten in der „Ruhegemeinschaft“ und als Premium-Grabart das Wunschgrab „Kleiner Garten“. Hier lässt sich auch die Grabpflege flexibel regeln: Angehörige kümmern sich darum, solange sie es können und wollen. Anschließend wird das Grab vom Friedhofsträger versorgt.

Nach Angaben des Landeskirchenamtes verwalten Kirchengemeinden im Bereich der hannoverschen Landeskirche insgesamt rund 900 Friedhöfe. „Manche Gemeinden empfinden ihre Friedhöfe als Last, andere betrachten sie als Reichtum und Verpflichtung“, hat Landessuperintendent Rathing erfahren. „In Meinerdingen treffen sich Woche für Woche mehr als 20 Freiwillige, um ihren Friedhof zu pflegen“, zeigte sich Rathing vom Friedhofsteam der Gemeinde beeindruckt. So gelinge es dem Kirchenvorstand, die Kosten im Rahmen zu halten. „Den Männern und Frauen bereitet die gemeinsame Arbeit offensichtlich Freude, sie leisten damit einen Beitrag zur Bestattungskultur und manchen von ihnen hilft sie auch in ihrer eigenen Trauer.“

Bei seinen Besuchen erinnerte der Regionalbischof immer wieder an die Anfangszeit des Christentums. Einer Notiz des römischen Kaisers Julian (4. Jahrhundert) zufolge fanden die Christen unter anderem durch ihre Fürsorge für die Bestattung der Toten Anerkennung. (mer)

Rathing würdigt Arbeit an Gartower Kriegsgräberstätt

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Landessuperintendent Dieter Rathing begleitete die Aufstellung des neuen Kreuzes an der Kriegsgräber- und Gedenkstätte Alter Friedhof in Gartow mit einer Andacht. Foto Merten 

Gartow. Landessuperintendent Dieter Rathing hat die Arbeitsweise und Ergebnisse einer Kommission zur Gestaltung der „Kriegsgräber- und Gedenkstätte Alter Friedhof“ in Gartow gewürdigt. „Dass das Thema von verschiedenen Seiten betrachtet und konstruktiv diskutiert werden konnte, hat die Lösung ermöglicht“, sagte der Regionalbischof mit Blick auf die unter anderem mit Vertretern von Parteien, Vereinen, Kriegsgräberfürsorge und Kirche besetzte Arbeitsgruppe. Rathing war am 13. November im Rahmen einer Sprengelbereisung zum Thema Erinnerungs- und Bestattungskultur nach Gartow gekommen.

Vor dem Treffen im Gartower Rathaus hatte der Regionalbischof anlässlich der Aufstellung eines neuen Kreuzes an der Gedenkstätte eine Andacht gehalten. Das schlichte Holzkreuz ersetzt ein Kreuz mit nationalsozialistisch geprägter Inschrift, das von Unbekannten mehrfach beschädigt und schließlich abgesägt worden war.

Zur Geschichte des Kreuzsymbols gehöre „ganz sicher auch die beschämende Erinnerung, dass dieses Zeichen in seiner christlichen Geschichte immer wieder auch missbraucht worden ist“, gestand Rathing ein. Dennoch bleibe es das gute Zeichen des Christentums, gerade weil es auch Gedanken von Scham und Trauer, von Demut und Selbstkritik herausfordere. So möge auch das neue Kreuz an der Gedenkstätte „Gedächtnis an Leidende, Solidarität mit menschlicher Not, Trost für Opfer und Mahnung gegen Gewalt“ sein, so der Regionalbischof.

Die Umbettung von ausländischen Kriegsopfern an die bis dato ausschließlich mit gefallenen Wehrmachtsoldaten belegte Kriegsgräberstätte im Jahr 2012 hatte an der Elbe für hitzige Diskussionen gesorgt. Dass das alte Kreuz zerstört wurde, obwohl die Kommission bereits „auf einem guten Wege war“, war für die Mitglieder besonders bitter.

Zu den Beratungsergebnissen, die inzwischen vom Gemeinderat beschlossen wurden, gehören die Umbenennung des ehemaligen „Ehrenhains“, Informationsschilder sowie eine Dokumentation zur Geschichte der Gedenkstätte. Das zerstörte Kreuz soll als Zeitdokument erhalten und dem Museumsverbund Lüchow-Dannenberg als Dauerleihgabe überlassen werden.

„In Gartow hilft Nachdenken eben doch“, resümierte der Landessuperintendent in Abwandlung eines gegenteiligen Zeitungszitats. (mer)

Der Abschied hat sich verändert

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Auf dem Friedhof in Hittfeld werden auch Sargbestattungen unter Bäumen angeboten, eine von rund 20 Begräbnisarten. Foto Merten 

Immer mehr Trauerfeiern finden nur noch im engsten Familienkreis statt. Nachbarn, Freunde und die Öffentlichkeit sind oft nicht dabei. Zudem wächst der Wunsch nach pflegeleichten Grabanlagen in der Natur. Trauer, Abschied und Beerdigungen haben sich verändert. Auf seiner Reise durch den Sprengel Lüneburg informierte sich Landessuperintendent Dieter Rathing am Mittwoch über Veränderungen in der Bestattungskultur, die die Kirchengemeinden im Kirchenkreis Hittfeld wahrnehmen. Rathing ist der leitende Geistliche des Sprengels Lüneburg, zu dem elf Kirchenkreise zählen, darunter der Kirchenkreis Hittfeld.

„Die Beerdigung in aller Stille scheint mir ein städtischer Trend zu sein. Wie erklärt sich diese Zunahme, wollen Angehörige ihre Trauer nicht mehr teilen“, fragte Dieter Rathing: „Angehörige wohnen oft nicht mehr am Ort des Verstorbenen und haben keinen Bezug zu Nachbarn und der Ortsgemeinschaft“, sagte Pastorin Dorothea Blaffert aus Klecken. „Und sie nehmen sich die Freiheit, die Trauerfeier nach ihren Wünschen zu gestalten. Sie machen ihre Trauer nicht sichtbar, wollen keine Beileidsbekundungen am Grab und manchmal sollen schwierige Familienkonstellationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen“, ergänzte Pastorin Imke Schwarz aus Hittfeld.  

Superintendent Dirk Jäger wies auf die wichtige Zusammenarbeit mit den Bestattern hin: „Wir sind mit ihnen im Gespräch und haben uns im Mai auf einer Kirchenkreiskonferenz über unser gemeinsames Arbeitsfeld ausgetauscht und über den von uns wahrgenommenen Wandel in der Bestattungskultur diskutiert.“ Pastoren machen die Erfahrung, dass viele Menschen nicht mehr wissen, welch umfangreiche kirchliche Begleitung im Trauerfall möglich ist: „Wir begleiten Trauernde während und auch nach der Trauerfeier, das ist ein wichtiger Aspekt in der Trauerbewältigung. Zudem sind es gerade kirchliche Rituale, die den Trauernden Halt geben“, erklärte Imke Schwarz.  

Dem Wunsch nach pflegeleichten und naturnahen Grabanlagen hat der Hittfelder Friedhof auf vielfältige Weise entsprochen: „Auch auf unserem kirchlichen Friedhof bieten wir Urnen- und Sargbestattungen unter Bäumen an. Lediglich anonym beerdigen wir nicht, der Name jedes Verstorbenen bleibt sichtbar“, sagte Hannelore Meyer, Vorsitzende des Friedhofsausschusses. Axel Hankotius zeigte Dieter Rathing die neuen Grabanlagen: „Im nächsten Jahr eröffnen wir dafür noch ein weiteres Areal, den Park der Hoffnung, auch für Urnen- und Sargbestattungen“, sagte Hankotius. „Diese Variation von traditionellen und neuen, pflegeleichten Grabanlagen habe ich so noch nicht im Sprengel gesehen“, sagte Dieter Rathing.

Im Anschluss an die Diskussionsrunde besichtigte Rathing den neuen Urnenwald am Waldfriedhof in Buchholz: „Der Urnenwald wird sehr gut angenommen, seit Eröffnung im Juli sind 21 Urnenbestattungen erfolgt und 54 Stellen verkauft worden, davon zwei komplette Bäume mit je sechs Stellen“, erklärte Heike Brinker, Leiterin der Friedhofsverwaltung. „Menschen finden hier eine letzte Ruhestätte in einem Wald, der später für ihre Angehörigen mit dem Stadtbus erreichbar und öffentlich zugänglich ist“, sagte der Buchholzer Pastor Andreas Kern. „Naturbelassen und pflegeleicht“ - ein Wunsch vieler Angehöriger, der im Urnenwald gegeben ist.

„Der Erfolg spricht für sich, die Wünsche der Menschen nach einer naturnahen Bestattung werden hier ortsnah umgesetzt. Wir sprechen als Christen bei jeder Trauerfeier von der Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Und wir spüren, dass Angehörige diesen Trost an einem Ort wie diesem in besonderer Weise erfahren“, sagte Superintendent Dirk Jäger. Rathing betonte: „Es ist wichtig, dass wir mit solchen Beispielen für eine würdige Bestattungs- und Erinnerungskultur eintreten.“ (Carolin Wöhling)

Größere Distanz zwischen Lebenden und Toten

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Zum zweiten Mal wurde jetzt in Celle eine Andacht für unbedacht Verstorbene gehalten. Landessuperintendent Dieter Rathing hielt die Ansprache in der Kapelle des Stadtfriedhofs. Foto Merten 

Celle. Die Soziologin Doris Riemann (Winsen/Aller) hat einen „epochalen Erfahrungsverlust bei der Begleitung in das Reich der Toten“ konstatiert. So werde heute anders als vor etwa 100 Jahren vom „Verstorbenen“ statt vom „Leichnam“ gesprochen, ob Tote „Sache oder Person“ sind, sei juristisch unklar. Auch die religiöse Haltung habe sich verändert: Während zu früheren Zeiten auch das Waschen des Leichnams zu den Aufgaben des Priesters gehörte, beschränke sich die Kirche heute auf die geistliche Begleitung. Riemann nahm neben dem Bestatter Peter Katanic (Wathlingen), dem Mediziner Dr. Manfred Lux (Celle) und Landessuperintendent Dieter Rathing (Lüneburg) an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Leben und Sterben zu Beginn  des 21. Jahrhunderts“ teil. Die Moderation der Veranstaltung im Café des Stadtfriedhofes lag bei der ehemaligen Sozialdezernentin der Stadt Celle, Sigrid Maier-Knapp-Herbst.

„Die Distanz zwischen den Lebenden und gerade Verstorbenen ist groß geworden“, sagte Doris Riemann, die 2007 eine Studie zu dem Thema veröffentlicht hat. Der Titel lautet: „Wo die Lebenden den Toten begegnen“. An die Stelle des Trauerhauses sei demnach die Friedhofskapelle getreten, das Auto habe die Kutsche ersetzt, die Fahrt zum Friedhof den Leichenzug. Gab es beispielsweise mit der Leichenfrau, dem Tischler, Fuhrunternehmen und Pfarrer im Sterbefall früher ein ganzes Geflecht von Beziehungen, würden die Aufgaben heute an einen einzigen Dienstleister delegiert. „Die Bestatterin wird zur Expertin für alles“, beschrieb Riemann die Situation. „Wie kann man sich das Wissen vom Umgang mit Toten wieder aneignen“, fragte die Gesellschaftswissenschaftlerin.

Bestatter Peter Katanic berichtete in dem Zusammenhang von Konfirmandengruppen, die sich in seinem Haus über das Thema Tod informierten. „Es geht darum zu lernen, dass das Sterben zum Leben gehört“, sagte Katanic, der auch für ein bewusstes Abschiednehmen im Trauerhaus, etwa mit Hilfe des Rituals der kirchlich angebotenen Aussegnung plädierte. Manfred Lux erinnerte an das, was seit dem Mittelalter „Sache des Arztes“ gewesen sei: „Heilen – manchmal, lindern – öfter, trösten – immer.“

Für den Begründer des Onkologischen Forums Celle beginnt die Trauerarbeit bereits in der letzten Lebensphase. „Mit der Palliativmedizin muss jetzt eine große Befragung des Medizinbetriebes kommen“, kritisierte Lux. Auch Landessuperintendent Dieter Rathing erinnerte an die Geschichte: Die ersten Christen habe man unter anderem daran erkannt, wie sie mit ihren Toten umgingen. „Ich möchte Mut machen, über das Thema Sterben und Tod zu reden, auch mit Kindern“, sagte Rathing.

Kurz vor der Podiumsdiskussion hatte der Regionalbischof in der Kapelle des Celler Stadtfriedhofs eine „Andacht für unbedacht Verstorbene“ gehalten. „Gott führt uns zu diesen Menschen zurück, damit sie einen Platz hätten, den sie unter uns Lebenden nicht hatten“, sagte der Regionalbischof. Laut Sigrid Maier-Knapp-Herbst verstarben 2014 in Celle elf Menschen ohne Angehörige. Die frühere Klosterkammer-Präsidentin gehört wie Pastor Uwe Schmidt-Seffers zu einem Kreis von Celler Bürgern, die den Rückgang der Begräbniskultur mit Sorge betrachten. Mit der öffentlichen Gedenkstunde am Freitag vor dem Totensonntag möchten sie das Thema Trauerkultur auf der öffentlichen Tagesordnung halten. Die Idee des Celler Arztes Dr. Jörg Schwarz wurde erstmals im vergangenen Jahr umgesetzt. (mer)