Tschernobylhilfe

Nicht müde, zu helfen...

Deutsch-russischer Gottesdienst in der Kirche in Schneeren (Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf)

Denn rund zwei Drittel der radioaktiven Stoffe gingen auf dem Gebiet von Weißrussland nieder, fast ein Viertel des Landes wurde langfristig radioaktiv verseucht. Ein immerwährender, ewiger „Supergau“. Seit 25 Jahren kommen rund 1.000 Kinder jährlich aus der Region in die hannoversche Landeskirche und verleben den Sommer in deutschen Gastfamilien. Seit 1991 waren es etwa 28.000 weißrussische Gäste allein durch die Ferienaktion. Inzwischen sind ehemalige Gastkinder als Dolmetscherinnen dabei oder kommen als Mütter mit ihrem eigenen Kind. Die Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobylkinder“ macht es möglich. Es ist ein Projekt, das von zahlreichen Kirchengemeinden der hannoverschen Landeskirche unterstützt wird. Denn auch 30 Jahre nach dem Reaktorunglück ist weiter Hilfe nötig, meint Diplom-Sozialwirt Lars-Torsten Nolte, der als Referent für die Kinderhilfe Tschernobyl arbeitet.

Interview mit Lars-Torsten Nolte

Wie ist die Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ aufgebaut worden?

Lars-Torsten Nolte: Die Arbeitsgemeinschaft gibt es seit 1994. Sie ist zu einem Zeitpunkt gegründet worden, als klar war, dass es mehr als eine einmalige Aktion sein wird. Mit der Gründung trug man der Tatsache Rechnung, dass die Tschernobyl-Hilfe in vielen Gemeinden ein fester Bestandteil der gemeindlichen Arbeit geworden ist. Die Arbeitsgemeinschaft ist ein rechtlich unselbständiger Zusammenschluss der Kirchenkreise und Gemeinden, die sich an der Tschernobyl-Aktion der Landeskirche beteiligen. Alle Mitgliedskirchenkreise entsenden eine Delegierte und einen Delegierten in die Mitgliederversammlung, aus deren Mitte der ehrenamtliche Vorstand gewählt wird.

Was zeichnet die Initiative besonders aus?

Nolte: Zum einen, dass es inzwischen eine auf allen Ebenen (Gasteltern, Organisation, Programmgestaltung, Leitungskreis, Vorstand) fast ausschließlich ehrenamtlich durchgeführte Aktion ist, und zum anderen, dass es so viele Vernetzungen und Verbindungen in die örtliche und regionale Gemeinschaft gibt: Vereine, Feuerwehren, Kinder- und Jugendverbände und kirchliche Gruppen beteiligen sich am Aufenthaltsprogramm der Kinder, Einzelhändler stiften Schuhe, vor Ort wird das Geld gesammelt, um den Gästen ein umfangreiches und interessantes Programm zu ermöglichen.

Was waren für Sie die wichtigsten und beeindruckendsten Ziele, die die Arbeitsgemeinschaft erreicht hat?

Nolte: Seit 1991 haben wir rund 28.000 weißrussische Gäste zu uns eingeladen und ihnen auf diese Weise gesundheitlich geholfen. Es haben sich eine Vielzahl von Kontakten und Beziehungen zwischen Niedersachsen und Weißrussland entwickelt und unsere Hilfe hat auch dazu geführt, dass die Wunden des Zweiten Weltkriegs, unter dem Weißrussland besonders gelitten hat, langsam verblassten und Versöhnung zwischen unseren Völkern wachsen konnte.

Was sind heute die prägendsten Probleme und worin sehen Sie die Hauptaufgabe der Tschernobyl- Hilfe in den nächsten Jahren?

Nolte: 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl müssen wir gegen das Vergessen ankämpfen und immer wieder deutlich machen, dass die Menschen in den verstrahlten Regionen noch immer unter den Folgen des Reaktorunglücks leiden müssen. Denn die meisten der bei der Explosion freigesetzten Radionuklide wirken aufgrund ihrer langen Halbwertzeit noch immer auf die Menschen ein und führen weiter zu Erkrankungen. Dies ist sicher auch weiterhin die Hauptaufgabe der Tschernobyl-Aktion, gesundheitlich und medizinisch zu helfen, vor allem den Kindern, die besonders unter diesen Bedingungen leiden müssen.

Inzwischen ist es 30 Jahre her. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor im Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl. Eine atomare Wolke breitete sich über weite Teile Europas aus. Bei uns durften Kinder für einige Tage nicht im Sandkasten spielen oder bei Regen rausgehen. Salat und Gemüse aus unseren Gärten wurden untergepflügt, Milch wurde weggeschüttet. Das alles war bald wieder vergessen. Doch in Weißrussland ist das anders ... – dort ist nichts vergessen.