Ehrenamtliche Paten helfen Flüchtlingen

„Hier in Burgdorf fühlen wir uns sicher.“

Das kurdische Paar lebte bis Anfang August 2014 mit seiner kleinen Tochter in der irakischen Provinz Ninawa. Als radikale Islamisten ihre Stadt überfielen und wahllos Menschen töteten, flohen sie zusammen mit tausenden weiteren Betroffenen ins Gebirge und schlugen sich zu Fuß bis in die Türkei durch. Nach einem Jahr in einem dortigen Flüchtlingslager konnten sie nach Deutschland weiterreisen und kamen nach einem Zwischenstopp in Friedland in Burgdorf an. „Hier in Burgdorf können wir uns erholen. Hier fühlen wir uns sicher.

Hier bekommen wir Unterstützung. Hier hoffen wir auf eine glücklichere Zukunft“, sagt Fakher Haji Ibrahim heute. Die Unterstützung für Menschen wie Nedjla und Fakher Haji Ibrahim steht im Kirchenkreis Burgdorf auf vielen Säulen: Mehr als zehn Kirchengemeinden und zahlreiche Aktive in allen fünf Regionen engagieren sich in der Arbeit mit geflohenen Menschen, bieten eine Vielzahl von Projekten und individuelle Begleitung an.

Der Kirchenkreisvorstand sieht die Aufgabe des Kirchenkreises insbesondere darin, die verschiedenen Initiativen miteinander zu vernetzen, ihnen finanzielle Förderung zugänglich zu machen und die zahlreichen Ehrenamtlichen zu begleiten. Um diese Aufgaben abgestimmt bewältigen zu können, wurde ein sogenannter Ad-hoc-Ausschuss gegründet, in dem die Regionen des Kirchenkreises, verschiedene Fachausschüsse und der Diakonieverband Hannover-Land vertreten sind.

Ein wichtiger Baustein in der Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises Burgdorf ist die Initiative „Lehrte hilft“, die von den Kirchengemeinden Markus und Matthäus in Lehrte, der St.-Petri- Kirchengemeinde in Steinwedel, dem DRK und dem Sportverein SV Yurdumspor getragen wird. Ausgangspunkt für den Kontakt zwischen Helferinnen und Helfern und Geflüchteten sind die offenen Treffpunkte „Montagscafé“ und „Stammtisch International“. „Hier lernen wir Ehrenamtlichen uns untereinander kennen und können den Flüchtlingen in unseren Gemeinden ganz niedrigschwellig Hilfe im Alltag anbieten“, sagt eine Helferin des Montagscafés. Trotz manches Sprachproblems ist die Stimmung während der Treffen meist fröhlich und sehr herzlich – das Gespräch über die Freuden und Nöte des Alltags schafft Verständnis und konkrete Anlässe für den weiteren Kontakt. Erfolgreich ist die Initiative „Lehrte hilft“ auch mit ihren regelmäßigen Kursangeboten, die an verschiedenen Orten stattfinden: Vor allem die Deutschkurse werden gut nachgefragt, großes Interesse gibt es aber auch am Computerkurs, bei den Kreativangeboten, den Schwimm-, Koch- und Nähkursen sowie am Fahrradkurs. Darüber hinaus bemühen sich Ehrenamtliche der Initiative darum, Flüchtlingen den Zugang zu örtlichen Sportvereinen zu vermitteln – dem Sport kommt als Integrationsfaktor große Bedeutung zu.

Aus der Nachfrage heraus sind zudem ein hilfreiches Transport- und Handwerkerteam und ein virtuelles Kaufhaus entstanden, auf dessen Internetplattform Sachspenden zielgerichtet vermittelt werden können. Ganz praktische Alltagshilfe bieten auch die Initiativen der Martins- Kirchengemeinde in Sievershausen und der Gemeinde zum Heiligen Kreuz in Arpke an: Deutschkurse, Hausaufgabenhilfe, Einkaufsfahrten, die Begleitung bei Arzt- und Behördenbesuchen, die Vermittlung von Rechtsberatung und Unterstützung bei Kontakten zu potenziellen Arbeitgebern sehen sie als ihre Aufgaben. Ehrenamtliche der Kirchengemeinde St. Paulus in Burgdorf haben neben mehreren Sprachkursen eine Gruppe für geflüchtete Mädchen eingerichtet und übernehmen in Patenschaften Verantwortung für Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern. Gemeinsam gekocht, gegessen, gespielt und musiziert wird im Rahmen von „meet & eat“, das von Flüchtlingen initiiert wurde.

Einem Runden Tisch Flüchtlingshilfe mit örtlichen Vereinen und Verbänden ist die Martins-Kirchengemeinde Ahlten beigetreten; die Gemeinde in Uetze-Katensen lädt zweimal jährlich Flüchtlinge, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, Kirchenvorstandsund Ratsmitglieder zu einem Fest der Kulturen ein. Darüber hinaus wird hier an jedem Freitag in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde in Hänigsen-Obershagen eine mehrsprachige Andacht gefeiert, zu der Geflüchtete herzlich eingeladen sind. Begegnungscafés gibt es monatlich auch in den Kirchengemeinden Sehnde und Ilten-Höver-Bilm. Eine wichtige Klammer für die Flüchtlingshilfe im Kirchenkreis Burgdorf bildet der Diakonieverband Hannover- Land: Die Migrationsberatung in Burgdorf berät Geflüchtete im Hinblick auf ihre Asylverfahren und bei Fragen zum Sozialrecht; in der Jugendwerkstatt Burgdorf werden geflohene Jugendliche und junge Erwachsene angeleitet und begleitet, um sie auf eine Berufstätigkeit vorzubereiten.

Die Mitarbeitenden der Tageswohnung in Burgdorf werden zunehmend auch von Flüchtlingen um Beratung rund um das Thema „Wohnen“ gebeten. Anfang des Jahres 2016 kam Samer Halawani in den Nachbarschaftstreff Ostlandring in Burgdorf, in dem die St.-Paulus-Kirchengemeinde engagiert mitarbeitet. Samer besuchte zu diesem Zeitpunkt einen Integrationskurs der Volkshochschule Ostkreis. Bereits 2011 war er mit seiner Familie aufgrund des Bürgerkrieges aus Syrien in den Libanon geflohen, wo insbesondere sein kleiner Sohn stark unter den schwierigen Lebensbedingungen litt und krank wurde.

Im Sommer 2014 konnte die Familie im Rahmen eines UN-Programms nach Deutschland ausreisen und fand in Burgdorf eine neue Heimat. Anfang 2016 schloss Samer Halawani einen Integrationskurs als Klassenbester mit dem Sprachniveau B1 ab; fleißig und energisch hatte er in den Monaten zuvor darum gekämpft, die deutsche Sprache zu erlernen. Im August möchte er nun eine Ausbildung zum Konditor absolvieren – in seinem Heimatland hat er diesen Beruf bereits erlernt – und ist aktiv auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Im Team der Flüchtlingssozialarbeit des Diakonieverbandes Hannover-Land in Burgdorf gibt er etwas von der erfahrenen Unterstützung zurück: Er arbeitet dort als ehrenamtlicher Übersetzer.

„Unsere Tochter feierte vor ein paar Tagen ihren zweiten Geburtstag – in Frieden“, erzählen Nedjla und Fakher Haji Ibrahim. „Das macht uns glücklich, aber ein bitterer Geschmack bleibt bei den Gedanken an ihren ersten Geburtstag auf der Flucht. Wie Splitter schießen diese Gedanken immer wieder in den Kopf.“