sorgenkopf

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Den Tod begreifen

Engel mit grünem Krank und Namensschild einer Verstorbenen
Trauer um eine verstorbene Tochter Bild: Kay Oppermann

Die Tatsache des Todes überhaupt zu realisieren ist die erste Aufgabe Trauernder und die Voraussetzung für alle weiteren Schritte der Verlustbewältigung. Sie kann am besten dann und dort gelingen, wo begreifen im Wortsinn und ganz körperlich möglich ist: am Totenbett, wo man die Veränderungen am leblosen Körper mit allen Sinnen erfassen kann, und wo Gelegenheit ist für letzte Worte oder Gesten. Auch das schlichte und unverbrämte Aussprechen der Tatsachen hilft, den Tod zu begreifen – nicht: „Er ist eingeschlafen“, sondern: „Er ist tot“ oder „sie ist gestorben“.

Reaktionen Raum geben Je früher Trauerreaktionen ausgelöst werden, desto besser ! Trauernde brauchen Raum, Zeit und Erlaubnis, ihre Trauer auszudrücken: reden oder schweigen, weinen, lachen, schreien, sich – ohne Furcht vor sozialer Kontrolle – so verhalten, wie ihnen zumute ist. Wenn Trauernde sich äußern, können Menschen, die sie begleiten, Verstandenes wiederholen, Mitgefühl und Akzeptanz signalisieren, die Trauernden zum Weitersprechen ermutigen. Aber Vorsicht, die Faustregel heißt: Den Ausdruck von Gefühlen fördern, nicht fordern ! Man sollte Trauernde nicht zu Äußerungen drängen, nicht bohren, nicht dramatisieren, ihnen keine Gefühle zuschreiben: „Sie müssen doch jetzt unendlich traurig und verzweifelt sein !“ und schon gar nicht kritisieren, wenn nicht „genügend“ Gefühle geäußert werden.


Der Verlust, den Trauernde erlitten haben, verlangt nach Anerkennung. Die radikale Veränderung ihrer Lebensverhältnisse, ihr Schmerz, ihre Wut und andere Gefühle wollen gewürdigt werden – Beschwichtigung, Beschönigung oder Verharmlosung trösten nicht. Je weniger ein erlittener Verlust sozial wahrgenommen, anerkannt und begleitet wird, desto wichtiger wird es, dass jemand ihn bekräftigt. Christen und Christinnen tun dies im Namen Gottes, von dem es in der Bibel heißt: „Ich habe dein Elend angesehen; ich verlasse dich nicht und lasse dich nicht zuschanden werden, ich halte dich bei deiner rechten Hand …“ Übergänge meistern Trauernde müssen sich in zwei Richtungen bewegen: auf den Tod zu und dann wieder ins Leben hinein. Dabei sind nicht nur die letzten Wege zu den Toten schwer: Herantreten ans Totenbett oder ans offene Grab, Eintreten in die verlassenen Wohnräume der Toten. Schwierig sind auch die Wege zurück ins Leben: Sich umdrehen und abwenden vom dem Toten, ihn endgültig zurücklassen und weggehen. Alles, was man zum ersten Mal ohne die Verstorbenen vollzieht, kann Hürde oder Meilenstein werden: das erste Wochenende, das erste Weihnachtsfest, der erste Geburtstag, die erste Einladung ohne sie, ohne ihn. Gerade in solchen Schwellensituationen sind Übergangshilfen wohltuend: Rituale wie Kerzen anzünden, die Uhr anhalten, Trauerkleidung anlegen, die Bestattung, das Totengedenken am Ewigkeitssonntag.


Jemand, der begleitet und stützt, der die schwersten Wege mitgeht. Jemand, der an Feiertagen schreibt, anruft, vorbeikommt, vielleicht mit zum Friedhof geht. Jemand, der hilft, den Nachlass der Verstorbenen zu ordnen, das Zimmer auszuräumen und neu einzurichten, den Haushalt aufzulösen. Erinnern und Erzählen „Das hast du uns doch schon tausendmal erzählt !“, sagen Dritte manchmal zu den immer wiederkehrenden Erinnerungen Trauernder an ihre Toten. Aber Erinnern und Erzählen sind unverzichtbare Bestandteile der Verarbeitung eines Verlustes. Darum ist es gut, Geschichten über die Verstorbenen immer wieder zu erzählen und anzuhören. Kleine Veränderungen in Stimmung, Perspektive und Details der Erzählung zeigen Bewegung in der Trauer.


Die Rückschau auf die Lebensgeschichte der Verstorbenen und auf die Beziehungsgeschichte der Hinterbliebenen mit ihnen gewinnt für evangelische Christen und Christinnen durch den Rechtfertigungsglauben einen besonderen Horizont: Es wird möglich, die jeweilige Geschichte ganz realistisch mit ihren Sonnen- und Schattenseiten, mit ihren Ambivalenzen zu sehen, ohne dass sie entwertet oder verurteilt werden muss. Wenn man Bilanz zieht, was zwischen Hinterbliebenen und ihren Verstorbenen gewesen und nicht gewesen ist, gelebt wurde und ungelebt blieb, glückte oder scheiterte, kann man der Wahrheit die Ehre geben. Man kann diese Wahrheit zugleich ertragen, wenn man im evangelischen Sinn über das Wahrgenommene urteilt: nämlich, indem man das Gute, Gegebene und Gelungene gelten lässt und sich mit dem Ungelungenen, Versäumten und Schuldig-Gebliebenen versöhnt. Ressourcen nutzen, Risiken einschätzen Trauer ist eine Lebenskrise.


Sie birgt Gefahren und Chancen. Sie kann zerstörerisch verlaufen oder als Reifungs- und Wachstumsprozess. Wenn die Trauer besonders erschwert ist, etwa durch traumatische Todesumstände, eine sehr komplizierte Beziehung zum verstorbenen Menschen, unbewältigte Krisen, Krankheiten der Hinterbliebenen, kann eine dauerhafte Trauerbegleitung angezeigt sein. Im Normalfall können Trauernde am besten selbst ins Auge fassen, welche Schritte und Schwierigkeiten sie als Nächste bewältigen werden und wer und was sie dabei unterstützen soll. Sie werden damit von Opfern zu Gestaltenden ihrer Trauer. Dazu sollten Begleiterinnen und Begleiter anregen; Hilfe zur Selbsthilfe ist oft sinnvoller als zu viel „Hilfe“.

Pastor Edzard Stiegler: Vom christlichen Umgang mit Sterben und Tod, Matthäus Kurier No. 144