Margot Käßmann verlässt den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen

Pressemitteilung 04. September 2002

Dr. Margot Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, hat ihren Sitz als Delegierte im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zurückgegeben.
In einer persönlichen Erklärung (s.u.) begründet sie ihren Schritt mit den einschneidenden Änderungen, die am gestrigen Dienstag am Schluss der Sitzung des Zentralausschusses verabschiedet wurden.
Die Sonderkommission ‘zur orthoxen Mitarbeit im ÖRK’ hatte in der vergangenen Woche ihren Abschlussbericht vorgelegt, der von den Delegierten gestern gebilligt wurde.

Insbesondere der Verzicht auf ökumenische Gottesdienste - es können künftig nur noch konfessionelle oder interkonfessionelle Andachten gehalten werden - aber auch die grundlegenden Unterschiede im Amts- und Kirchenverständnis zwischen den Kirchen der Reformation und den orthodoxen Kirchen führten zu dem Schritt von Dr. Käßmann.
Margot Käßmann war knapp 20 Jahre Mitglied im Zentralausschuss des ÖRK. Bei ihrer ersten Wahl 1983 war sie 25 Jahre alt und damit die damals jüngste Delegierte. 1991 wurde sie als einzige Deutsche für sieben Jahre in den Exekutivausschuss gewählt.
Der ÖRK ist ein Zusammenschluss von 342 Kirchen in 100 Ländern auf allen Kontinenten. Er wurde 1948 in Amsterdam gegründet.
Er wird zur Zeit geleitet von Generalsekretär Dr. Konrad Raiser, dessen Amtszeit 2003 endet.


Wortlaut der Erklärung von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann:
"In seiner gestern zu Ende gegangenen Sitzung hat der Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen endgültig ein Dokument verabschiedet, in dem einschneidende Änderungen der Zusammenarbeit der 342 Mitgliedskirchen vorgesehen sind, die ich kritisch sehe. Insbesondere aber wird zukünftig darauf verzichtet, ökumenische Gottesdienste zu feiern, lediglich konfessionelle oder interkonfessionelle Gebete können abgehalten werden. Dieser Schritt soll Rücksicht nehmen auf Befürchtungen orthodoxer Mitgliedskirchen, der Begriff „Gottesdienst“ könne im Sinne gemeinsamer Abendmahlsfeiern, die für sie nicht möglich sind, missverstanden werden.
Für mich persönlich waren in den vergangenen 20 Jahren die ökumenischen Gottesdienste das Herzstück des Ökumenischen Rates. Hier wurde die Einheit in der Vielfalt erlebbar: in der Feier und im Fest, in Klage und Fürbitte, die im Gottesdienst gemeinsam vor Gott ge-bracht wurden. Daher kann ich diesen Schritt nicht mitvollziehen und habe gestern nach langem Überlegen gegenüber dem Generalsekretär des ÖRK und dem Auslandsbischof der EKD meinen Sitz als Delegierte im Zentralausschuss zurückgegeben. Mich persönlich schmerzt dieser Schritt sehr. Ich verdanke dem Ökumenischen Rat unendlich viel, wäre ohne die dort gewonnene theologische Bereicherung und Leitungserfahrung heute wohl kaum Bischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Für mich ist es aber eine Frage der eigenen Glaubwürdigkeit auch mit Blick auf das Amts- und Kirchenverständnis meiner Kirche, auch übrigens mit Blick auf die Frauenordination. Zwar kenne ich die Gründe, warum die Orthodoxie uns nicht als Kirche anerkennt. Wenn aber nicht einmal gemeinsamer Gottesdienst ohne Eucharistiefeier bzw. Abendmahl möglich ist, ja selbst die gegenseitige Anerkennung der Taufe in Frage steht, sehe ich nicht, wie die inhaltlichen Auseinandersetzungen getragen sein können.
Ich bedaure, dass dieser Schritt in einer Zeit erfolgt, in der der ÖRK mit so vielen, gerade auch finanziellen Problemen konfrontiert ist. Allerdings weiß ich, dass zahlreiche Menschen weiter darum ringen werden, sie zu lösen. Ihnen und dem Rat insgesamt wünsche ich von Herzen Geduld und Gottes Segen.
Als Christinnen und Christen brauchen wir einen starken ÖRK, der in einer Welt der Globalisierung die Stimme erhebt. Diese Außenwirkung wird durch die internen theologischen Spannungen zwischen der Orthodoxie und den Kirchen der Reformation sowie das mangelnde finanzielle Engagement vieler Mitgliedskirchen derzeit gelähmt. Ich hoffe sehr, dass diese Phase bald überwunden sein wird. Sollte das nicht möglich sein, halte ich für bedenkenswert, ob nicht die konfessionellen Traditionen der Orthodoxie und der Erben der Reformation sich – wie der römische Katholizismus – getrennt, aber dennoch im Dialog miteinander auf Weltebene organisieren."